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«Am Schluss gibt es nur Verlierer»

5. November 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Redaktion MAG/NET

Tobias Straumann

Die Welt im Krisenmodus: Hilft uns die Geschichte, besser zu erkennen wie tiefgreifend die Folgen der Pandemie für Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte sein könnten? Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann im Gespräch mit MAG/NET.

Professor Straumann, die Welt, wie wir sie noch im Februar für «normal» gehalten haben, geht unter in einem Krach, wie es in der Geschichte noch keinen gegeben hat. Viele, die Rang und Namen haben, Macht und Kapital, konstatieren jetzt radikale Veränderung, einen Epochenbruch, den Beginn einer neuen Welt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein. Der Umbruch wird stark überschätzt. Die meisten Menschen, Unternehmen und Banken wollen zurück zur alten Welt. Deshalb ist die erste Phase der wirtschaftlichen Erholung - wie zu erwarten war - sehr schnell vonstatten gegangen. Die oft gehörte Prognose, dass die Leute weniger Lust am Konsum hätten, hat sich überhaupt nicht erfüllt. Im Gegenteil, zum Teil lag der Konsum über dem Niveau des Vorjahres.

Das heisst, der Krisenmodus trübt das menschliche Urteilsvermögen ein? Was lehrt die Geschichte dazu, wie gut Menschen in der Krise fähig sind zu erkennen, welch radikale Veränderungen diese in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik auslöst?
Ja. Die Definition einer Krise ist, dass die Sicht auf die Zukunft dramatisch schrumpft. Es gibt nur noch Gegenwart. In einem solchen Umfeld fallen Theorien, die einen Epochenbruch diagnostizieren, auf fruchtbaren Boden. Die Erwartung, dass alles anders werde, gehört zum Kern einer Krise. Als 1973 die Erdölkrise ausbrach, dachten viele, das Erdölzeitalter sei vorüber. Genau das Gegenteil geschah: Der Verbrauch nahm stetig zu.

Regierungen und Notenbanken reicher Länder werfen mit Billionen um sich, um unmittelbare Folgen der Krise zu dämpfen, um die Masse unverschuldet Arbeitsloser abzusichern und um Unternehmen am Leben zu erhalten. Nimmt der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft dauerhaft zu?
Er hat schon vor Covid-19 stark zugenommen, und zwar wegen der grossen Finanzkrise, die 2008 ausbrach. Die Idee, dass die Marktkräfte automatisch für eine optimale Disziplinierung des Bankensektors sorgen, hat sich damals als Illusion herausgestellt. Es braucht offenbar eine stärkere Regulierung, die darauf zielt, das Eigenkapital und die Liquiditätsreserven der Banken zu erhöhen. Dies hat man durch neue Gesetze erreicht, so dass das Finanzsystem heute robuster ist als unmittelbar vor der Finanzkrise.

Investoren fokussieren auf die Konjunktur, den Business Cycle. Sie nehmen an, dass die politische Infrastruktur und die Wirtschaftsordnung so bleiben wird, wie sie ist. Werden die Anleger Überraschungen erleben, werden sich «Gewissheiten» als vermeintliche herausstellen?
Überraschungen wird es immer geben, das gehört zu unserem Leben. Wichtig ist, dass ein Anleger so aufgestellt ist, dass er oder sie mit Überraschungen umgehen kann.

Überraschungen lassen sich nicht genau vorhersehen, aber vielleicht Risiken abschätzen? Wo sehen Sie Gefahren, welche Entwicklungen sollten auf dem Radarschirm der Anleger sein?
Es kann immer wieder politische Überraschungen geben wie den Brexit oder die Wahl von Donald Trump 2016. Italien zum Beispiel ist nach wie vor unberechenbar. Dann ist durchaus wieder ein Krieg in Osteuropa oder dem Nahen Osten möglich, in dem europäische Länder direkt oder indirekt involviert sein könnten. Die Energieversorgung könnte plötzlich stocken, weil die Lieferungen unterbrochen werden, oder weil wir im Winter zu wenig Strom haben. Und dann gibt es die Überraschungen, die zwar auf der Liste waren, aber nie ernst genommen wurden.

Es kann immer wieder politische Überraschungen wie den Brexit geben.

Zum Beispiel?
Covid-19 ist ein Paradebeispiel.

Die Preisbildung an den Kapitalmärkten ist ausser Kraft gesetzt: Zentralbanken halten über den ultraexpansiven geldpolitischen Kurs und beispiellose Anleihenkaufprogramme die Zinsen künstlich sehr tief, um die Finanzierung der hochschnellenden Staatsschulden zu erleichtern. Ökonomen verwenden den Begriff der finanziellen Repression. Was sind die längerfristigen Folgen davon?
Die längerfristigen Folgen sind, dass die privaten und öffentlichen Schulden laufend ansteigen und dass die Zentralbanken in Zukunft kaum mehr die Zinsen erhöhen können, weil sofort eine grosse Konkurswelle drohen würde.

Droht ein Kollaps?
Das Spiel, das wir jetzt betreiben, kann noch längere Zeit fortgesetzt werden, aber es gibt am Schluss nur Verlierer.

Wie schützen sich Anleger?
Anleger müssen auch Realwerte kaufen, am besten Aktien von gut diversifizierten und global aufgestellten Unternehmen.

"Die Bank of England finanziert zusätzliche Ausgaben der Regierung direkt", titelte die Financial Times am 9. April 2020. Damit griff Grossbritannien als erstes Land zum Instrument des Monetary Financing, um zumindest vorübergehend den massiven zusätzlichen staatlichen Geldbedarf direkt über die Notenpresse zu decken. Der Schritt erinnert an kriegswirtschaftlichen Massnahmen. Ist die Lage derart ernst, dass dies gerechtfertigt ist?
Nein. Grossbritannien hätte sich ohne Weiteres auf dem Kapitalmarkt verschulden können. Es ist bedenklich, wenn die Notenbanken dazu übergehen, den Staatshaushalt direkt zu finanzieren. Solche Operationen hat man tatsächlich nur in Kriegszeiten durchgeführt, und es hat immer zu Inflation geführt, weil die Rücknahme des Monetary Financing zu spät erfolgt ist. Ich hoffe, die Bank of England hat diese Lektion nicht vergessen.  

Beschleunigen Krisen die Geschichte? Das heisst, beschleunigen sie Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, die vor Ausbruch bereits an Schwung gewannen? Wenn ja, was hiesse dies für die Klimafrage, eine der grossen Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen?
Ja, Krisen beschleunigen die Geschichte, aber nicht durchgehend. Es tauchen auch neue Problemstellungen auf, die vorher nicht auf dem Radar waren.

Tobias Straumann: eine ökonomische Perspektive auf die Geschichte
Tobias Straumann: eine ökonomische Perspektive auf die Geschichte

Zum Beispiel …
… Wir müssen unsere medizinische Katastrophenhilfe grundlegend überdenken. Was die Klimafrage angeht, so glaube ich nicht, dass Covid-19 entscheidend ist. Wir diskutieren seit dreissig Jahren über die negativen Folgen des Treibhauseffekts. Das ist ein Thema, das uns langfristig beschäftigen wird.

Was geht in der Diskussion unter?
Mir fehlt eine ernsthafte Diskussion über die staatliche Verschuldung. Ich bin dafür, dass wir in der Krise mit einer expansiven Finanzpolitik verhindern, dass es zu einem tiefen Wirtschaftseinbruch kommt. Aber in der Aufschwungsphase braucht es Überschüsse. In den USA und den Euro-Ländern wird dieses Thema zu wenig ernst genommen. Die Schweiz steht zum Glück sehr gut da, aber sie ist direkt davon betroffen, wenn die grossen Staaten ihre Hausaufgaben nicht machen.

Die Covid-19-Pandemie und die wirtschaftspolitischen Antworten stellen den Kapitalismus in Frage: Sollen Steuerzahler Firmen retten, die ihren Aktionären zuvor hohe Dividenden ausbezahlt haben, während sie kaum Steuern zahlten? Und: Wer soll die Last der beispiellosen staatlichen Verschuldung tragen?
Ja, die Steuerzahler sollen diese Firmen retten, sofern sie systemrelevant sind, und sie sollen strenge Auflagen erlassen, damit die eingesetzten Steuergelder wieder zurückfliessen. Bei der UBS-Stabilisierung hat dies sehr gut funktioniert. Der Staat hat sogar einen Gewinn erzielt.

Bilder: Porträtbild: CH Media, Alex Spichale; Vor Wandtafel: Ruedi Keller, Zürich

Der Wirtschafthistoriker

Er ist einer der führenden Analytiker seiner Generation: Tobias Straumann, Schweizer Wirtschaftshistoriker mit besonderem Interesse an Finanzthemen. Professor Straumann lehrt an der Universität Zürich und ist bekannt für seine disziplinübergreifenden Analysen.

Tobias Straumanns Werk findet auch international grosse Beachtung: «Die Analyse über das Ende der Weimarer Republik sollte zur Pflichtlektüre für alle politischen Entscheidungsträger erklärt werden», schreibt der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in der Financial Times über Straumanns jüngstes Buch,  «1931 - Die Finanzkrise und Hitlers Aufstieg».

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