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Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist

3. Februar 2021

Lesezeit: 5 Minuten

von Johannes Oehri, Senior Economit, LGT Capital Partners

Börsenturbulenzen meistern

In turbulenten Börsenphasen einen kühlen Kopf zu bewahren, fällt oft schwer – ist für den langfristigen Anlageerfolg aber entscheidend. Wer sich in ruhigen Zeiten vorbereitet, kann auch in der Hitze des Gefechts Chancen und Risiken gleichwertig abwägen oder gar kalkulierte Zukäufe tätige. 

Die neue Dekade hat mit einem Paukenschlag begonnen. 2020 war ein Jahr, das die meisten wohl nicht so schnell vergessen werden – das gilt auch für Anleger. Es war das Jahr der Extreme und der Gegensätze in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten: der stärkste und schnellste globale Wirtschaftseinbruch aller Zeiten, aber auch die vermutlich kürzeste Rezession. Der rasanteste Bärenmarkt der Geschichte, aber auch die zügigste Erholung. Langfristig orientierten Investoren bietet ein solches Umfeld attraktive Anlagechancen – leider nutzen sie meist nur wenige.

Anlegen mit langfristiger Perspektive

Dabei charakterisieren sich Investoren im Grunde dadurch, dass sie ihren finanziellen Erfolg über einen längeren Zeitraum messen, als dies monatlich oder gar täglich kalkulierende Spekulanten tun. Ihr primäres Risiko ist daher nicht Volatilität, sondern der permanente Verlust von Kapital und die damit verbundene Gefährdung der langfristigen Anlageziele. Genau darin liegt aber auch ihr Vorteil: Sie haben schlicht den längeren Atem und können temporäre Preisverluste besser verkraften. Damit müssten sie nicht nur weniger Gefahr laufen, während des Höhepunkts der allgemeinen Panik die Orientierung zu verlieren und langfristige Wertanlagen ohne Zwang zu veräussern. Im Gegenteil könnten sie aus ihrem Vorteil buchstäblich Kapital schlagen, indem sie in starken Marktverwerfungen langfristig wertvermehrende Anlagen günstig zukaufen. Denn es sind genau diese wenigen Börsenturbulenzen, die den langfristig erfolgreichen Investor vom durchschnittlichen unterscheiden. Napoléon Bonaparte wird nachgesagt, ein militärisches Genie als «derjenige, der das Durchschnittliche tun kann, wenn alle um ihn den Verstand verlieren» definiert zu haben. Das gilt auch für erfolgreiches Investieren: Ein Grossteil des langfristigen Erfolges ergibt sich daraus, dass man während der wenigen panikartigen Marktphasen einen kühlen Kopf bewahrt.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan: Allzu gerne verfallen wir den Schlagzeilen der Medien, die mit Schreckensmeldungen um unsere Aufmerksamkeit buhlen und uns die langfristig positiven Perspektiven vergessen lassen. Denn wir Menschen bevorzugen grundsätzlich Sicherheit und haben eine irrationale Aversion gegenüber Verlusten. So belegten Daniel Kahneman und Amos Tversky, die Gründerväter der Behavioral Finance, in Experimenten, dass wir uns über einen finanziellen Verlust rund doppelt so viel ärgern, wie wir uns über einen gleich hohen Gewinn freuen – die psychologische Wirkung von Gewinnen und Verlusten ist also ungleich. Diese kognitive Verzerrung lässt uns irrationale Entscheidungen treffen. Weil wir Chancen ein kleineres Gewicht beimessen als Risiken, laufen wir Gefahr, langfristig aussichtsreiche Wertanlagen nach starken Korrekturen aus Verunsicherung und Angst vor weiteren Preisverlusten zu verkaufen. Doch der anschliessende Wiedereinstig gestaltet sich oft schwierig: Zunächst bleibt das Umfeld ungewiss und man möchte abwarten, bis sich der Nebel lichtet – doch sobald sich der Dunst der Ungewissheit verzieht, haben die Börsenkurse die Besserung bereits eskomptiert. Dann aber möchte man den steigenden Kursen auf keinen Fall hinterherrennen und lieber wieder auf eine günstigere Kaufgelegenheit warten. So mag die Risikoreduktion zwar kurzfristige emotionale Erleichterung gebracht haben, kann aber langfristig schmerzhaft sein – denn der Zinseszinseffekt verstärkt über die Jahre auch kleinere verpasste Bullenphasen in grössere finanzielle Renditeeinbussen.

Gerüstet für starke Korrekturen
Gerüstet für starke Korrekturen

In ruhigen Zeiten auf Hektik vorbereiten

Was können wir Investoren dagegen unternehmen? Uns vorbereiten! Denn selbst wenn die Börsen auf lange Sicht steigen, werden auch künftig unausweichlich scharfe Korrekturen folgen. Und weil wir heute alle elektronische Geräte mit uns herumtragen, die uns jederzeit und überall Zugang zu den weltweiten Negativschlagzeilen bieten, die sich daher schneller verbreiten als ein Virus, werden kurzfristige Überreaktionen künftig wohl eher noch häufiger auftreten. Wer sich darauf einstellt, kann im entscheidenden Moment die Psychologie umkehren und, statt sich auf die Risiken zu fokussieren, die Wahrnehmung der sich bietenden Chancen verbessern.

Als langfristiger Investor hat sich auch die LGT Capital Partners entsprechend vorbereitet. So beziehen wir die Erkenntnisse der Behavioral Finance schon viele Jahre explizit in unsere Anlageprozesse mit ein. In der strategischen Vermögensallokation setzen wir uns mithilfe des Szenarioansatzes systematisch auch mit negativen Zukunftspfaden und deren Einfluss auf die Vermögenspreise auseinander. Und um für starke Korrekturen wie letzten März gerüstet zu sein und von den sich bietenden Opportunitäten profitieren zu können, haben wir den Anlageprozess für das von uns verwaltete Fürstliche Vermögen (Fürstliche Strategie) seit 2012 um eine antizyklische Komponente erweitert. Dabei werden in ruhigen Zeiten, ohne Hektik und mit der erforderlichen Sorgfalt für verschiedene Anlageklassen Bedingungen festgelegt – etwa Bewertungsniveaus oder Anlegerstimmung –, zu denen wir während einer starken Korrektur strategische Zukäufe als opportun erachten. Dabei orientieren wir uns beispielsweise an folgenden Fragestellungen:  Bei welchen Kreditaufschlägen preisen Hochzinsanleihen einen historisch einmalig grossen Ausfallzyklus ein? Oder: Ab welcher Höhe sind Abschläge für Listed Private Equity Anlagen selbst in einer Rezession nicht mehr fundamental gerechtfertigt?

Der Ansatz reduziert also in hektischen Zeiten Komplexität und gibt Halt. Die entsprechenden Bedingungen sind durchwegs vorsichtig definiert und haben das Ziel, über ein bis zwei Jahre zu deutlichen Wertzugewinnen der entsprechenden Anlagen zu führen. Natürlich werden derartige Zukäufe nie «automatisch» ausgeführt, sondern unterliegen stets dem kritischen Veto des erfahrenen Investmentkomitees der Fürstlichen Strategie, das Chancen und Risiken gleichermassen berücksichtigt. Veräussert werden die Zukäufe jeweils, sobald sich die Marktbedingungen und die betrachteten Bewertungsmasse wieder normalisiert haben. Und tatsächlich erfolgten aus dem regelmässigen Monitoring designierter Opportunitäten bereits eine Reihe von antizyklischen Investments, die ausnahmslos bereits nach weniger als einem Jahr wieder mit einem zweistelligen Profit veräussert werden konnten. Der Zufall begünstigt eben nur den vorbereiteten Geist! Tun Sie es uns gleich und nutzen Sie ruhige Finanzmärkte, um gerüstet zu sein für die unausweichlichen schlechteren Börsenphasen.

Dieser Artikel wurde erstmals auf dem Finanzblog der LGT veröffentlicht, der im ersten Quartal 2021 eingestellt wird.

Bilder: Shutterstock

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