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Earth Overshoot Day: Jetzt in Kreislaufwirtschaft investieren?

28. Juli 2022

Lesezeit: 6 Minuten

von Tilmann Schaal, LGT

Earth Overshoot Day: Jetzt in Kreislaufwirtschaft investieren?

Der Earth Overshoot Day zeigt es jedes Jahr: Wir leben auf Kosten der Umwelt. Lohnen sich Investments in die Kreislaufwirtschaft für Anleger und Umwelt? 

Der Gedanke der Circular Economy, oder Kreislaufwirtschaft, gewinnt vor dem Hintergrund von Rohstoffknappheit, wachsenden Müllbergen und Plastikmüll in den Ozeanen immer mehr an Bedeutung. Im Gespräch zeigt Thomas Hassl, Senior Equity Analyst bei LGT Private Banking Europe, wie das Modell der Kreislaufwirtschaft diesen Herausforderungen begegnet und welche Chancen sich für Anlegerinnen und Anleger bieten.

Viele Experten sehen den Wechsel hin zur Kreislaufwirtschaft als Schlüssel für die nachhaltige Entwicklung unseres Planeten. Warum ist das so?

Thomas Hassl: Der gegenwärtige Hunger der Menschen nach natürlichen Ressourcen stösst an seine «planetaren Grenzen». Wir wirtschaften derzeit ineffizient und gefährden damit die Stabilität des Klimas und der Ökosysteme. So hat sich der globale Verbrauch natürlicher Ressourcen seit 1970 mehr als verdreifacht. Und er nimmt stetig weiter zu. Der damit verbundene Abbau der Rohstoffe sowie deren Verarbeitung sind für mehr als 90 Prozent der Verluste der biologischen Vielfalt verantwortlich, machen etwa die Hälfte der anthropogenen Treibhausgasemissionen aus und führen zu weitreichender Wasserknappheit.

Zudem fallen weltweit jährlich 242 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an, von denen jedes Jahr schätzungsweise 13 Millionen Tonnen in die Ozeane gelangen. Darüber hinaus wird Jahr für Jahr etwa ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion (1'308 Millionen Tonnen) verschwendet, während jede Sekunde das Äquivalent eines Müllwagens voller Kleidung (92 Millionen Tonnen) auf Mülldeponien landet.

Was bedeutet Circular Economy oder Kreislaufwirtschaft?

Das derzeit vorherrschende lineare Wirtschaftsmodell stellt Produkte her, die dann genutzt und schliesslich weggeworfen werden. Da die Ressourcen auf unserem Planeten begrenzt sind, ist diese Art des Wirtschaftens nicht im Sinne der Nachhaltigkeit.

Die Kreislaufwirtschaft rückt demgegenüber die Wiederverwendung und das Recyceln in den Mittelpunkt. Die Menschen sollten die Erde als ein Raumschiff begreifen, auf dem die verfügbaren Ressourcen begrenzt sind und in einem Kreislauf möglichst immer wieder aufs Neue verwendet werden. 

Angesichts dieser dramatischen Zahlen, welche Rolle kann da die Kreislaufwirtschaft spielen?

Thomas Hassl: Das Kreislaufkonzept kann uns helfen, wichtige ökologische Probleme wie die Ressourcenknappheit, den Klimawandel, den Verlust der biologischen Vielfalt und die Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen. Schätzungen zufolge könnte eine kreislauforientierte Wirtschaft die Treibhausgasemissionen um rund 40 Prozent reduzieren und den Bedarf an Primärrohstoffen um fast 28 Prozent senken. Die Kreislaufwirtschaft könnte damit ein Schlüssel für das zwölfte Entwicklungsziel der Vereinten Nationen (SDG) sein, nämlich weltweit verantwortungsvoll zu konsumieren und zu produzieren. 

Wie können Anlegerinnen und Anleger das Konzept der Kreislaufwirtschaft unterstützen?

Thomas Hassl: In diesem Thema steckt für Investoren grosses Potential: Derzeit ist die Weltwirtschaft nur zu 8.6 Prozent kreislauforientiert – das eröffnet erhebliches Wachstumspotential für Unternehmen, die Produkte und Dienstleistungen auf diesem Gebiet anbieten. Wir haben mögliche Anlagechancen in drei Schlüsselbereichen der Kreislaufwirtschaft identifiziert:

  1. zirkuläre Versorgung,
  2. funktionale Wirtschaft, 
  3. Ressourcenrückgewinnung.

Sprechen wir zunächst über den letzten Punkt, die Ressourcenrückgewinnung - ist damit in erster Linie Recycling gemeint? Welche Rolle spielt das? 

Thomas Hassl: Aus Sicht der ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit ist es klüger, sich in erster Linie um die Ressourceneffizienz und die Möglichkeiten funktionalen Wirtschaftens zu kümmern. Erst dann sollte man sich mit Strategien zur Ressourcenrückgewinnung und damit auch mit Recycling auseinandersetzen.

Trotzdem: es wird immer Müll geben. Dafür muss man Strategien entwickeln die ermöglichen, einen hohen Restwert aus eben diesen unerwünschten oder defekten Produkten herauszuholen. Dafür braucht es eine effiziente Infrastruktur zur Rückgewinnung von Wertstoffen und zur Minimierung der Deponieabfälle. Für den privaten Sektor ergeben sich daraus Chancen in den Bereichen Abfallmanagement und Recyclinginfrastruktur. Führende Unternehmen in diesen Branchen setzen innovative Technologien ein, um Abfälle nachhaltig zu entsorgen, bzw. diese in wertvolle Produkte umzuwandeln, die wieder in den Wirtschaftskreislauf eingespeist werden können. 

Wir alle kennen die Logos auf Produkten und Verpackungen, die für deren Wiederverwertbarkeit im Sinne des Recyclings stehen. Das hat geholfen, den Gedanken der Wiederverwertbarkeit zu popularisieren. Demgegenüber scheint mir das Modell der zirkulären Versorgung weit weniger bekannt zu sein. Was hat es damit auf sich?  

Thomas Hassl: Zirkuläre Versorgungsmodelle sind im wirtschaftlichen Umfeld quasi die erste Verteidigungslinie, um die drohende Erschöpfung von natürlichen Ressourcen, den Verlust der biologischen Vielfalt sowie die Verschmutzung von Boden, Luft und Wasser zu verringern. Dabei geht es konkret um die Erforschung und Einführung alternativer Materialien und um Massnahmen, die helfen, die zur Verfügung stehenden  Ressourcen effizienter zu nutzen.

Fridays for Future sagen: There is no planet B.
Fridays for Future: There is no planet B. Photo: © Niklas Grapatin/laif.

Mehr Nachhaltigkeit bei der Materialwahl und mehr Effizienz in den Prozessen, könnte man allgemein zusammenfassen. Doch wie kann ich ganz konkret mein Geld investieren, damit wir hier tatsächlich einen Schritt nach vorne kommen? Können Sie mir das an einem Beispiel verdeutlichen? 

Thomas Hassl: Gerne! Nehmen wir die Sportartikelindustrie, die bekanntermassen grosse Mengen an Kunstfasern und Kunststoff verbraucht. Es gibt aber Hersteller, die mittlerweile einen vergleichsweise hohen Anteil an alternativen Materialien verwenden. Solche biobasierten, erneuerbaren oder wiederverwerteten Materialien schonen die Umwelt. Deren Verwendung rechnet sich aber auch für Unternehmen: Gemäss Schätzungen könnten diese Alternativen den Materialverbrauch um bis zu 90 Prozent reduzieren und den Bruttogewinn um 50 Prozent steigern.

Abseits eines Engagements bei diesem innovativen Sportartikelhersteller können sich Anleger zum Beispiel auch umschauen, wer diese innovativen Rohwaren liefert. Da gibt es zum Beispiel einen Chemiekonzern in Europa; der liefert der Bekleidungsindustrie und anderen Branchen Textilfasern und Zellstoff aus nachhaltig gewonnenem Naturholz. Zudem produziert er Fasern, die durch «Upcycling» gewonnen werden. Das bedeutet, aus nutzlosen Produkten oder aus Abfall wird wieder ein neuwertiges Produkt gemacht. Der Chemiekonzern hat es geschafft, auf Basis von Abfällen der Textilproduktion und aus Altkleidern eine neue, hochwertige Faser zu gewinnen, die sich vielfältig einsetzen lässt – damit wird ein wesentlicher Beitrag zur Lösung des Müllproblems in der Textilindustrie geleistet.

Das klingt nach Chancen auf mögliche Renditen bei den alternativen Materialien. Wie sieht es aber beim effizienteren Umgang mit unseren Ressourcen aus - mit weniger mehr verdienen klingt ja durchaus anspruchsvoll. 

Thomas Hassl: Für Unternehmen gibt es zwei Möglichkeiten, an ihrer Ressourceneffizienz zu arbeiten. Einerseits können sie Produktionsprozesse verbessern, andererseits können sie die Produkteffizienz steigern. Anleger können zum Beispiel gezielt Unternehmen identifizieren, die Produkte und Dienstleistungen anbieten die es ihren Kunden erlauben efffizienter zu wirtschaften.  Oft geht es dabei um Automatisierung und Digitalisierung von Arbeitsabläufen oder um die Opimierung von Prozessen. All das steigert die Produktivität, Flexibilität und Zuverlässigkeit von Produkten nachhaltig.  

Earth Overshoot Day von 1971 bis heute

Als weiteren Schlüsselbereich haben Sie gerade auch die "funktionale Wirtschaft" aufgeführt. Was kann man sich darunter vorstellen?  

Thomas Hassl: Das Hauptziel der funktionalen Wirtschaft ist der Übergang von einem produktorientierten zu einem kundenorientierten Geschäftsmodell. Konkret bedeutet das: Unternehmen generieren mit ihren Produkten und Dienstleistungen für ihre Kunden einen möglichst hohen Nutzen für eine möglichst lange Zeit. Dabei werden so wenig materielle Ressourcen und so wenig Energie wie möglich verbraucht. Produkte müssen also einerseits länger funktionieren und andererseits länger verwendet werden, statt nutzlos herumzuliegen. Das schafft man zum Beispiel mit Modellen zur Verlängerung der Produktlebensdauer, Produkt-Service-Systemen oder Sharing-Modellen.

Bei der Verlängerung der Produktlebensdauer spielt wohl die Qualität der Produkte eine gewichtige Rolle? 

Thomas Hassl: Auch, aber nicht nur. Ebenso geht es um die Förderung der Wiederverwendung, Reparatur und Wiederaufarbeitung von Produkten. Wenn die Qualität eines Produktes stimmt, dann kann es auch eher auf Secondhand-Plattformen angeboten werden, sobald es der ursprüngliche Nutzer nicht mehr braucht.

Eine zweite Möglichkeit, die Produktlebensdauer zu verlängern, ist es, aus dem Produkt einen Service zu machen. Das habe ich vorhin schon angedeutet, als ich von Produkt-Service-Systemen gesprochen habe. Wenn jemand zum Beispiel eine Lampe kauft, dann braucht er letztlich das Licht, das die Lampe erzeugt. Im Sinne des neuen Modells wird nicht mehr die Lampe verkauft sondern deren Nutzung.

Ein Leuchtenhersteller hat zum Beispiel angefangen, den Einsatz seiner Produkte zu verwalten und die Geräte zum Recycling zurückzunehmen. Das gesamte Konzept ist kreislauforientiert. Die Leuchten kommen aus dem 3D-Drucker und sind grundlegend so konzipiert dass sie möglichst einfach und vollständig wiederverwertet werden können. Der Kunde abonniert dann diesen Service oder zahlt je Benutzung eine Pauschale. Das gibt es auch in der IT zum Beispiel bei Druckern, in der Luftfahrt bei Flugzeugtriebwerken und bei medizinischen Geräten. 

Diese Produkt-Service-Systeme zahlen sich oft aus und haben auch  einen ökologischen Impact: Die Wartungskosten konnten bei dem oben genannten Leuchtenhersteller um bis zu 60 Prozent gesenkt werden und Abfälle, die auf Mülldeponien enden, wurden drastisch reduziert. Sein Bekenntnis zum Kreislaufmodell hat das Unternehmen schliesslich durch das ehrgeizige Ziel untermauert, den Umsatz mit kreislauffähigen Produkten und Dienstleistungen bis 2025 auf 32 Prozent zu verdoppeln.

Insofern verbinden Investition in Unternehmen, die im Bereich Kreislaufwirtschaft Best-in-Class sind, Impact und Rendite-Chancen?

Thomas Hassl: Absolut. Deshalb haben wir dem Thema im Rahmen unserer Reihe "Nachhaltige Anlageidee" auch eine eigene Publikation gewidmet. Interessierte Kundinnen und Kunden erhalten damit vertiefte Informationen und konkrete Anlagevorschläge. Wir empfehlen, bei Interesse diese Broschüre bei einem Kundenberater anzufordern um dann in einem zweiten Schritt zu diskutieren, welche konkreten Investments zu ihrer Anlagestrategie und ihren persönlichen Zielen passen. Wer weiss – vielleicht helfen diese Investoren dann mit, dass der Earth Overshoot Day im kommenden Jahr etwas später ist als in diesem!

Header Visual: © Adobe Stock.

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