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Hohe Inflation und Zinsen belasten die Anleger – aber keine Panik

9. August 2022

Lesezeit: 6 Minuten

von Tim Cooper, Gastautor

Anleger und Zentralbanken: Hohe Inflation und Zinsen belasten die Anleger – aber keine Panik

Die galoppierende Inflation ist ein Test für die Zentralbanken und trifft die Anleger. Sie können negative Auswirkungen aber minimieren.

Die schlechten Nachrichten über Inflation, hohe Zinssätze und eine unwirksame Zentralbankpolitik beunruhigen verständlicherweise viele Anleger. Tatsächlich beeinflussen die Zentralbanken beim Kampf gegen die Inflation auch Ihre persönliche Finanzplanung.

Eine anhaltend hohe Inflation kann zum Beispiel Ihre Ersparnisse aufzehren und die Aktienkurse in Ihrem Portfolio beeinflussen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, die langfristigen Auswirkungen auf Ihr Vermögen zu minimieren. Ihr Anlageberater kann Ihnen dabei helfen, sich gut aufzustellen, um auch diesen Sturm an den Finanzmärkten zu überstehen. 

Wie sich die Massnahmen der Zentralbanken auf Sie auswirken können

Um ein gesundes Wachstum aufrechtzuerhalten, benötigen die Volkswirtschaften ein niedriges Inflationsniveau – etwa 2 Prozent. Die Inflation in Europa liegt jedoch derzeit bei 8.8 Prozent. Dieses höhere Niveau bedroht die wirtschaftliche Entwicklung. Entwickelt sich die Inflation weiter so unkontrolliert, wird das die Kaufkraft der Sparer schmälern: Die Zinsen auf Bargeldbestände können nicht mit den steigenden Preisen mithalten, folglich sparen viele Menschen weniger und ihre finanzielle Sicherheit ist gefährdet.

Die höhere Inflation beschneidet ausserdem die Kaufkraft der Löhne. Dies kann zu einer gefährlichen Spirale führen, wenn die Arbeitgeber auf höhere Lohnforderungen eingehen, die Produzenten jedoch auf ihre höheren Kosten mit Preiserhöhungen reagieren. In dieser Situation haben die Zentralbanken eine wichtige Aufgabe. Sie bekämpfen die hohe Inflation, indem sie die Zinssätze erhöhen und den Geldfluss in die Märkte kontrollieren.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Photo © Keystone EPA/Shawn Thew.

In den letzten 14 Jahren haben die verantwortlichen Akteure weltweit eine lockere Geldpolitik mit ultraniedrigen oder negativen Zinssätzen verfolgt. Damit floss viel Geld in die Märkte, und das Wachstum wurde unterstützt. Der Inflationsdruck durch die Pandemie und den Ukraine-Krieg hat die Zentralbanken jedoch gezwungen, die Politik wieder zu straffen. Sie haben die Zinsen angehoben und den Geldfluss verlangsamt.

Die höheren Zinssätze wirken sich auf Sie als privaten Anleger direkt aus, da Hypotheken wie auch andere Schulden teurer werden. Es bleibt weniger Geld für den eigenen Konsum. Und da Unternehmen wiederum höhere Zinszahlungen für ihre Schulden leisten müssen, was sich auf deren Gewinne und Cashflows auswirkt, werden auch deren Aktienkurse beeinflusst - und das spüren Sie gegebenenfalls auch in Ihrem Portfolio. Gerät die Situation ausser Kontrolle, wird es für Unternehmen schwieriger, die Preise zu planen und nachhaltige Gewinne zu erzielen. Das kann zu einer Rezession und zu einem länger anhaltenden Marktabschwung führen.

Direkte Auswirkungen auf die Finanzplanung

Ein erster Schritt, sich als privater Anleger auf die höheren Zinssätze einzustellen, besteht darin, über die Refinanzierung von Schulden nachzudenken. Ein Grossteil der jüngeren Anleger kennt es nicht, dass Schulden hohe Kosten verursachen können. Diese Zinslast kann aber schnell unangenehm werden. Darum ist eine gewisse Selbstreflexion wichtig – im Umgang mit unnötigen Schulden oder Fremdkapital.

Die Zinssätze für Bareinlagen können die Inflation bestenfalls etwas ausgleichen. In diesem Umfeld zahlt es sich deshalb aus, Schulden zu minimieren. Nach Ansicht von David Wolf, Head of Research and Content Publications, sollte man aber Bargeld nicht für tot erklären: "Auch wenn die derzeit gebotenen Einlagenzinsen die Inflation nicht ausgleichen, so bleibt es auch in Zeiten der Inflation wichtig, eine gewisse Bargeldquote im Gesamtvermögen zu halten. Denn unabhängig von Ihrem Anlagehorizont brauchen Sie immer einen gewissen Bargeldpuffer: Wir alle kennen die zögerlichen Zinserhöhungen der Geschäftsbanken. Man sollte sich deswegen aber nicht davon abhalten lassen, dem Anlageprinzip der Diversifizierung zu folgen und eine Liquiditätsreserve für den Notfall vorzuhalten."

Ebenso kann Anleger der Blick auf die Aktienmärkte nervös machen, doch zumindest haben diese Anlagen eine Chance auf Werterhalt. Aktien stellen einen realen Wert dar und wachsen in der Regel nominal. Belassen Sie Ihr Vermögen demgegenüber in Bargeld, verlieren Sie bei den derzeitigen Inflationsraten und Einlagenzinsen mit hoher Wahrscheinlichkeit real etwa 5 Prozent oder mehr pro Jahr.

Legen Sie also nur das Nötigste als Bargeld zurück und investieren Sie den Rest Ihres Geldes in Sachwerte wie Aktien, Edelmetalle und schuldenfreie Immobilien. Aktien haben langfristig die besten Renditechancen. "Bei Aktien gilt wie immer die Regel, über eine Reihe von Vermögenswerten, Sektoren, Regionen und Anlagestile zu diversifizieren, um das Risiko zu streuen," so Wolf. "Über einen längeren Zeitraum hinweg führt diese Strategie im Allgemeinen zu den stabilsten Renditen. Dies gilt auch in einem Umfeld sich entwertender Währungen".

Auswirkungen von Zentralbankmassnahmen auf Anlageklassen

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Beispiel Gold: nominaler Preis vs. realer Wert. Photo © Keystone/Picture Alliance/Alexander Heini.

Wenn Sie mit Ihrem Anlageberater sprechen, hilft Ihnen ein grundsätzliches Verständnis dafür, wie sich Inflation und steigende Zinsen auf verschiedene Anlageklassen auswirken. Dazu eine beispielhafte Momentaufnahme: Der nominale Preis von Edelmetallen wie zum Beispiel Gold steigt in einem inflationären Umfeld tendenziell mit der Zeit an, der reale Wert bleibt aber in etwa gleich. Demgegenüber sinkt im selben Zeitraum der Realwert einer festverzinslichen Anlage wie einer Anleihe, denn deren Rendite müsste mindestens beides ausgleichen - das Risiko und die Inflation.

Banken und Emotionen: Marktangst und Aktien

Geldscheine: Die Sucht nach dem billigen Geld.
Die Sucht nach dem billigen Geld. Photo © Belloni/Hollandse/laif.

Niedrige Zinssätze haben bisher die Aktienmärkte gestützt, indem sie den Unternehmen billiges Geld zur Verfügung stellten und deren Expansion ankurbelten. Höhere Zinssätze dämpfen diesen Effekt - obwohl viele argumentieren, dass die Preise in der Folge einfach realistischer geworden sind. Allerdings sind die Aktienkurse für Neueinsteiger und langjährige Anleger bestimmt günstiger geworden.

Ein wichtiger Kurstreiber der Aktien ist auch die Stimmung an den Märkten. Diese reagiert auf Ereignisse wie die Massnahmen der Zentralbanken. Nach Joe Nellis, Professor für Weltwirtschaft an der Cranfield School of Management, nehmen die Anleger ein höheres Risiko war, sobald dem Markt das Vertrauen fehle, dass die Zentralbanken die Inflation kontrollieren können: "Die Nervosität der Anleger ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Zentralbanken nur langsam auf den Inflationsdruck reagieren. Aber selbst wenn sie früher reagiert hätten, hätten sie nicht viel tun können. Den Zentralbanken fällt dies schwer, weil es ein schmaler Grat zwischen Inflationsdruck und Rezession ist."

An den Märkten gibt es Befürchtungen, dass ein Grossteil der bisherigen Inflation durch vorübergehende Faktoren verursacht wurde; insbesondere die durch die Pandemie und den Ukraine-Krieg unterbrochenen Lieferketten spielen eine Rolle, so Nellis. Aber es bahne sich eine Lohn-Preis-Spirale an. Wenn sich diese Spirale etabliere, könnte sie sich in der Wirtschaft immer stärker verankern und schwerer zu stoppen sein.

"Ein weiteres Problem ist, dass es den Zentralbanken schwerfallen wird, die lockere Geldpolitik zu beenden; denn alle Wirtschaftsakteure sind süchtig nach billigem Geld geworden, wie eine Droge," so Nellis. Einige Menschen werden in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wenn ihre niedrigen Festzinshypotheken auslaufen. Kreditausfälle sind unvermeidlich, so seine Einschätzung.

Ein Tipp für die Finanzplanung

Die extrem niedrigen und negativen Zinssätze, so Wolf, hätten die Märkte jahrelang betäubt. Mit der Entwicklung weg vom billigen Geld würde diese Betäubung langsam nachlassen. "Die galoppierende Inflation ist eine schwierige Situation, aber verlieren Sie nicht den Kopf. Irrationale Anleger neigen dazu, schlechter abzuschneiden als der Markt. Eine durchdachte, langfristige Strategie mit einem stabilen, gut diversifizierten Portfolio sollte die Auswirkungen der Zentralbankpolitik aber mildern. Das ist die Essenz der Anlagestrategie für unsere Privatkunden. Ich empfehle deswegen, das Gespräch mit dem Kundenbetreuer zu suchen, um sich zu vergewissern, dass Sie gut aufgestellt sind, um Ihr Vermögen auch in stürmischen Zeiten zu bewahren."

Header Visual © Martin Leiss/laif.

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