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Investieren für mehr Gleichheit

19. April 2021

Lesezeit: 6 Minuten

von Tim Cooper, Gastautor

Gendergerechtes Anlegen

Sogenanntes "Diversity Investing" oder "Gender Lens Investing" hat sich zu einem globalen Megatrend entwickelt. Anleger erkennen nämlich zunehmend die Vorteile der Chancengleichheit für alle – ungeachtet persönlicher Eigenschaften wie Geschlecht oder Ethnizität.

Immer mehr Investoren interessieren sich für "Diversity Investing". Sie möchten damit zu mehr Gerechtigkeit beitragen und die Lebensqualität von Frauen und Minderheiten verbessern. Verschiedene Studien zeigen, dass diese in der Gesellschaft immer noch unterrepräsentiert sind und ungleich behandelt werden.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass sich Diversität – beispielsweise eine kulturell, sozial und ethnisch vielfältige Belegschaft im Unternehmen – auch finanziell lohnt. So kommt eine Studie der Europäischen Investitionsbank aus dem Jahr 2020 zum Schluss, dass eine bessere Geschlechtergleichstellung in der Wirtschaft und Finanzwelt die globale jährliche Wertschöpfung um 26 Prozent steigern könnte. Eine weitere Studie von McKinsey aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Unternehmen mit einem hohen Mass an ethnischer Vielfalt um 36 Prozent profitabler sind als weniger diverse Unternehmen.

Bezüglich Investitionen zeigt ein aktueller Bericht der Weltbank, dass divers zusammengesetzte Führungsteams eine um 20 Prozent höhere interne Rendite (IRR) erzielen. Und der Indexanbieter MSCI fand heraus, dass die im Weltindex enthaltenen Unternehmen mit einem hohen Anteil weiblicher Führungskräfte eine Aktienrendite von 10,1 Prozent pro Jahr erzielten, im Vergleich zu 7,4 Prozent bei anderen Unternehmen. Allerdings ist die Beweislage nicht eindeutig: Eine Meta-Analyse von über 100 Studien der Wharton University ergab, dass Unternehmen mit Frauen in den Vorständen weder besser noch schlechter abschneiden. Trotzdem stellte die Studie einen geringen positiven Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil und der langfristigen finanziellen Wertschöpfung fest.

Gemäss Zahid Torres-Rahman, Gründer und CEO von Business Fights Poverty, trägt die Gleichstellung der Geschlechter dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, das Humankapital und das Talentmanagement zu verbessern und Produktinnovationen voranzutreiben, um neue Marktsegmente zu erschliessen. Dies ermöglicht Investoren, Chancen auf höheres Wachstum und mehr Kreativität zu nutzen. Ähnlich äussert sich Ute Stephan, Professorin für Entrepreneurship am King's College London: "Es zeigt sich zunehmend, dass Vielfalt Unternehmen langfristig widerstandsfähiger macht. Menschen mit ähnlichen Hintergründen und gleichen Ansichten sind sich mancher Risiken gar nicht bewusst. Unternehmen mit vielfältig zusammengesetzten Managementteams treffen deshalb bessere Entscheidungen. Sie haben tendenziell stabilere Wachstumskurven mit weniger Risiken."

Mit ESG-Fonds gendergerecht investieren
Mit ESG-Fonds gendergerecht investieren

Zunehmende Investitionen

Investoren reagieren auf diesen Trend, indem sie auf Fonds setzen, die speziell auf Diversität abzielen, oder dann die breiter gefassten ESG-Kriterien (Umwelt-, Sozial- und Governance) berücksichtigen. Sogenanntes "Gender Lens Investing", das sich mit Themen wie der Geschlechtervielfalt in Vorständen und Belegschaften befasst, ist auch auf den Private-Equity-Märkten beliebt. Der Bericht der Weltbank zeigt, dass in diesem Bereich im Jahr 2019 4,8 Milliarden Dollar (rund 3,9 Milliarden Euro) mit einer "Gender-Linse" investiert wurden.

Die sogenannte 2X Challenge hat hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie wurde auf dem G7-Gipfel 2018 als gemeinsame Verpflichtung der sieben grössten westlichen Volkswirtschaften zur Förderung des GLI gestartet. Die Initiative übertraf ihr Zwei-Jahres-Ziel, 3 Mrd. USD zu sammeln, und mobilisierte 4,5 Mrd. USD an Investitionen des Privatsektors, die Frauen zugutekommen. Jessica Espinoza, Vorsitzende der 2X Challenge, sagt: "GLI ist zu einer Priorität für Investoren geworden, die eine soziale Wirkung erzielen wollen. Aber auch Mainstream-Investoren erkennen zunehmend, dass Ungleichheit ein systemisches Risiko ist und mehr Gleichheit Chancen eröffnet. Anleger sind von GLI überzeugt, weil es hierfür sowohl einen starken Impact Case, als auch einen starken Business Case gibt."

Was steckt drin?

An Geschlechtervielfalt interessierte Anlegen können in die wenigen entsprechend ausgerichteten Fonds in Europa oder in den USA investieren. Allerdings sind diese Fonds relativ neu, unerprobt und ihre Auswahl an Aktien ist begrenzt. Kritisiert wird auch, dass einige dieser Fonds einfach auf den Zug der Social Media Trends wie "Me Too" und "Black Lives Matter" aufspringen.

Alternativen sind die oben erwähnten ESG-Fonds oder andere nachhaltig orientierte Fonds. Viele dieser Fonds orientieren sich beispielsweise an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs), zu denen auch die Verbesserung der Gleichstellung der Geschlechter und die Verringerung der Ungleichheit im Allgemeinen gehören, die aber auch Themen wie Klimaschutz, gute Bildung und Armutsbekämpfung adressieren. Viele dieser breiter aufgestellten ESG-Fonds existieren schon länger und sie haben daher mehr Erfahrung darin, sich mit Unternehmen über ethische Themen auszutauschen oder die Wirkung ihrer Anlagen zu ermitteln.

Anleger sollten sich ihre Ziele und Prioritäten genau überlegen, bevor sie investieren. "Sogenannt "gender-smart" sein zu wollen, hat seine Tücken", sagt Torres-Rahman. "Die Ungleichheit der Geschlechter reflektiert tiefgreifende gesellschaftliche Ursachen und erfordert ehrgeizige, sektorübergreifende Partnerschaften, um den Wandel voranzutreiben – zwischen Regierungen, der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft." Die Datenlage ist jedoch lückenhaft und es ist nicht immer einfach, geschlechterdifferenzierte Informationen zu erhalten. Baiyun Chen, Spezialistin für nachhaltiges Investieren bei der LGT, stimmt dem zu: "Eine grosse Herausforderung bei Diversity-Investitionen ist der Mangel an Daten zu sozialen Faktoren wie dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle oder den Beziehungen zum Gemeinwesen. Um ein Diversity-Investment zu finden, das einen Unterschied macht, muss man über die Vielfalt in der Vorstandsetage hinaus auch auf Details achten, beispielsweise ob ein Unternehmen flexible Arbeitsmöglichkeiten anbietet oder ob es Vielfalt entlang der Lieferkette einfordert."

Einsatz der "Gender-Linse"

Für Fondsmanager ist gendergerechtes Investieren ein Prozess. Zu Beginn können sie etwa ihre Portfoliounternehmen ermutigen, die Geschlechterfrage zu berücksichtigen oder sie können über die Geschlechterzusammensetzung ihres eigenen Teams nachdenken. Wenn sie höhere Ambitionen haben, werden sie vielleicht bei allen Investitionsentscheidungen "gender sensibel" werden – also eine "Gender-Linse" anwenden.

Mit der Gender-Linse Ungleichheiten entdecken
Mit der Gender-Linse Ungleichheiten entdecken

Gemäss Espinoza ist die Gleichstellung der Geschlechter eine Voraussetzung für das Erreichen aller anderen nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. "Eine "Gender-Linse" enthüllt die Muster, die systemische Ungleichheiten aufrechterhalten", sagt sie. "Ungleichheiten umfassend zu betrachten bedeutet also, auch andere Themen wie Rassismus zu beachten und zu analysieren, wie Machtdynamiken die Art und Weise prägen, wie wir Geschäfte tätigen und wie Vorurteile und Privilegien Entscheidungen beeinflussen oder Risiken und Chancen verschleiern." Und sie ergänzt: "Gendergerechte Investitionen schaffen Werte für Frauen und ihre Familien und Gemeinschaften und sind mit wichtigen Welleneffekten auf der Mikro- und Makroebene verbunden. Mit anderen Worten: Renditen aus der Gleichstellung der Geschlechter steigern sowohl die ESG-Performance als auch die finanzielle Rendite."

Für viele Anleger zählt letztlich, dass sie mit "Diversity Investing" die Macht der Kapitalmärkte nutzen können, um die Ursachen der Ungleichheit zu bekämpfen und dazu beizutragen, dass die Wirtschaft gerechter, stärker und widerstandsfähiger wird.

Copyrights: alle Bilder Shutterstock

Nachhaltigkeit ist Teil der LGT

Die LGT hat sich dem Thema Nachhaltigkeit bereits früh verschrieben. Langfristiges und nachhaltiges Denken und Handeln gehören seit jeher zu den wichtigsten Kernelementen des Unternehmens. Bereits seit vielen Jahren arbeitet die LGT deshalb daran, ihr nachhaltiges Engagement sowohl im Betrieb als auch im Kerngeschäft, dem Private Banking und Asset Management, noch zu verstärken. Der LGT ist wichtig, dass ihre Geschäftstätigkeit einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft liefert. Wie sie das konkret erreicht, erfahren Sie hier.

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