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«Man sollte an seiner Anlagestrategie grundsätzlich festhalten»

3. Dezember 2020

Lesezeit: 5 Minuten

von Sidi Staub, Redaktion Magnet

Thomas Wille

Der Anlagestratege Thomas Wille über die Corona-Krise und die mittelfristigen Folgen für Anleger.

Thomas Wille, wie würden Sie die Geschehnisse an den Finanzmärkten seit Beginn der Corona-Krise einordnen?
Im Rückblick kann man drei Phasen unterscheiden: In einer ersten Phase, also vor dem 20. Februar, wurde Corona in der Öffentlichkeit zu einem zunehmend wichtigen Thema, ohne dass die Börsen Notiz davon nahmen. In Phase zwei – ganz plötzlich, aber nicht unerwartet – kam es zum weltweiten Crash an den Aktienmärkten mit Verlusten von teilweise über 30 Prozent. Der Einbruch betraf aber nicht nur die Aktien-, sondern – und das ist ungewöhnlich – auch die Anleihenmärkte. Es kam kurzfristig zu einem klassischen Liquiditätsengpass aufgrund des enormen Leverage im System, sprich die Anleger mussten ihre Bestände liquidieren. In der dritten Phase erholten sich dann die Märkte beinahe ebenso schnell, und einige Indizes erreichten teilweise sogar neue Höchststände.

Also ist eigentlich gar nichts passiert?
Im Gegenteil, es ist sehr viel passiert. Wir haben eine weltweite, beispiellose Geldschwemme erlebt. Diesmal waren es nicht nur die Notenbanken, die nach zehn Jahren expansiver Geldpolitik nochmals in kurzer Zeit massiv Liquidität schufen, welche in der Höhe, aber auch in der Intensität die quantitativen Geldlockerungsprogramme während der Finanzkrise und der Eurokrise in den Schatten stellt. Es waren zusätzlich die Regierungen mit einer sehr expansiven Fiskalpolitik, welche in diesem Ausmass das letzte Mal vor 80 Jahren während des Zweiten Weltkriegs zu beobachten war. Diese Liquidität hat die Finanzmärkte zunächst gestützt und das Nervenkostüm der Anleger beruhigt. Dies ist leider mittel- bis langfristig nicht unbedingt positiv zu werten, weil dadurch das Ungleichgewicht zwischen Real- und Finanzwirtschaft noch grösser wurde. Die hohe Liquidität bedeutet zudem, dass eine Zinswende für längere Zeit nicht in Sicht ist und dass aufgrund der hohen liquiden Manövriermasse die Schwankungen an den Märkten in beide Richtungen weiter zunehmen dürften. Auslöser für Kurseinbrüche können beispielsweise die noch lange nicht bezwungene Pandemiegefahr oder der immer noch schwelende Handelskrieg zwischen den USA und China sein.

Und was heisst das für Anleger?
Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Anleger verstärkt auf Qualität und robuste Geschäftsmodelle setzen sollten. Die Staatsgelder sind nämlich ziemlich undifferenziert geflossen, das heisst auch an Unternehmen und Branchen, die schon vor Corona strukturelle Schwächen aufwiesen und wo es aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eigentlich wenig Sinn macht, diese zu unterstützen. Die notwendige Strukturbereinigung wurde damit verzögert. Mittelfristig werden einige dieser Unternehmen grosse Schwierigkeiten bekommen und Anlegern Verluste bescheren.

Die wichtigste Erkenntnis ist aber wohl diejenige, dass man an einer einmal definierten Anlagestrategie grundsätzlich festhalten sollte, gerade auch in solch turbulenten Zeiten. Wer während des Crashs alles verkaufte und während der Erholung wieder auf den fahrenden Zug aufsprang, hat im schlechtesten Fall nicht nur hohe Transaktionskosten bezahlt, sondern zusätzlich grosse Kursverluste erlitten. Wer hingegen die Nerven behielt und allenfalls bei fallenden Kursen sogar zukaufte, um beispielsweise im Portfolio die von der Anlagestrategie vorgegebene Aktienquote wieder zu erreichen, konnte von der Volatilität sogar profitieren. Ein solches Vorgehen setzt allerdings Systematik und strikte Disziplin voraus.

Ein permanent hoher Cashanteil im Portfolio macht wenig Sinn.

Um zukaufen zu können, benötigt man Liquidität. Empfehlen Sie angesichts der weiterhin hohen Volatilität an den Finanzmärkten einen entsprechend hohen Cashanteil im Portfolio?
Jein. Natürlich macht es Sinn, eine flexible Liquiditätsreserve zu halten. Die Betonung liegt dabei auf «flexibel». Wenn das Portfolio nämlich permanent einen hohen Bargeldanteil aufweist, einfach deshalb, weil man glaubt, darauf keine Verluste einstecken zu müssen, macht das wenig Sinn. Erstens, weil auch Privatanleger auf ihren Cashbeständen zunehmend Negativzinsen und Gebühren bezahlen. Zweitens – und das ist der wirklich entscheidende Punkt –, weil die langfristigen Opportunitätskosten durch den Verzicht auf die Beteiligung an steigenden Finanzmärkten einfach zu hoch sind. Mit anderen Worten: Liquiditätsreserven machen dann Sinn, wenn man sie flexibel einsetzt, um bei Kaufgelegenheiten, beispielsweise einem Börseneinbruch, zuzugreifen. Ebenso sollte man dann auch Verkaufsgelegenheiten nutzen und so wieder Liquidität im Portfolio schaffen.

Es gibt Anleger, die angesichts der hohen Volatiliät ganz bewusst versuchen, von sogenannten Black-Swan-Ereignissen, also massiven, unvorhersehbaren Börseneinbrüchen, zu profitieren. Was halten Sie davon?
Wenig, und zwar aus dem gleichen Grund, weshalb ich gegen eine permanent hohe Liquiditätsquote im Portfolio bin: Die Opportunitätskosten sind einfach zu hoch. Die entsprechenden Anlagestrategien setzen in der Regel das ganze Portfolio auf solche Extremereignisse. Während der letzten 30 Jahre haben wir vielleicht fünf oder sechs Börseneinbrüche erlebt, wo eine solche Strategie wirklich Geld verdient hätte. Zwischenzeitlich hätte man aber den grössten Börsenaufschwung der Geschichte verpasst. Hinzu kommt, dass solche Strategien meist auf derivativen Instrumenten beruhen, die permanent Prämien kosten sowie wenig transparent sind.

Thomas Wille: Anleger müssen sich auf realen Kapitalerhalt fokussieren
Thomas Wille: Anleger müssen sich auf realen Kapitalerhalt fokussieren

Diversifikation wird oft als beste Massnahme betrachtet, um grosse Kursschwankungen an den Finanzmärkten aufzufangen. Trifft das immer noch zu?
Das kommt darauf an, welche Stufe man betrachtet. Innerhalb der Anlageklassen, also beispielsweise beim Aktienanteil, kann eine zu breite Diversifikation dazu führen, dass man einfach mit der Masse mitschwimmt und im besten Fall eine durchschnittliche Rendite erzielt. Wer in diesem Sinn «den Markt kauft», kann genauso gut passiv in einen Index investieren. Ich bin aber überzeugt, dass man auf dieser Stufe durch aktives Management, also durch gezielte Auswahl von Titeln, in vielen Märkten eine Überrendite erzielen kann. Anders sieht dies bei der internationalen Diversifikation, aber vor allem der Diversifikation zwischen verschiedenen Anlageklassen aus. Bei der prozentualen Aufteilung des Portfolios zwischen Aktien, Anleihen, Immobilien, Private Equity, Edelmetallen, Cash und anderen Anlageformen kann eine intelligente Diversifikation dazu beitragen, das Verhältnis zwischen erwartetem Ertrag und Risiko eines Portfolios zu optimieren. Intelligent bedeutet, nicht einfach mechanisch vorzugehen, sondern gezielt die unterschiedlichen Rendite- und Risikoquellen dieser Anlageklassen zu kombinieren.

Hoch bewertete Aktien- und Immobilienmärkte, kaum Erträge auf Anleihen sowie Negativzinsen auf Cash: Worauf müssen sich Anleger mittelfristig einstellen?
Wir befinden uns in einer ungewöhnlich langen Aufschwungphase an den Aktien- und Anleihemärkten. Solange die massive Überliquidität von den Zentralbanken nicht abgeschöpft wird, sind trotzdem keine dauerhaften Bärenmärkte zu erwarten. Wohl aber müssen Anleger künftig mit kleineren und auch grösseren Kurseinbrüchen, also einer hohen Volatilität, leben lernen. Tief- oder sogar Negativzinsen dürften uns noch längere Zeit erhalten bleiben. Die jahrelange Hausse an den Aktienmärkten hat uns mit hohen Renditen verwöhnt. Solche Renditen dürften der Vergangenheit angehören, das heisst, ähnliche Renditen können nur noch mit wesentlich höheren Risiken erzielt werden. Künftig werden sich Anleger vermehrt auf den realen Kapitalerhalt fokussieren müssen.

Bilder: Nadia Schärli

Anlagestratege

Thomas Wille hat einen Masterabschluss der Universität St. Gallen in Finance und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Fondsmanager und Anlagestratege. Als Head Research and Strategy ist er seit 2016 für die Anlagestrategie und den House View der LGT Privatbanken in Europa zuständig.

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