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Vom Herdentrieb profitieren

12. April 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Tim Cooper (Gastautor)

Bull or bear?

Kluge Investoren können das Fehlverhalten anderer Anleger ausnutzen – sofern sie diszipliniert vorgehen. 

Der Begriff Herdentrieb beschreibt eine gemeinsame Überreaktion von Anlegern. Ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch ist nach Ansicht von Beobachtern die Reaktion auf den Ausbruch von COVID-19: Von Panik erfasst, verkauften sie ihre Aktien, deren Kurse viel stärker abstürzten, als dies durch Fundamentaldaten gerechtfertigt gewesen wäre. Viele dieser Investoren dürften Verluste gemacht haben, weil sie sich zu sehr von ihren Emotionen leiten liessen.

Die von der Verhaltenswissenschaft inspirierte Forschungsrichtung des Behavioral Finance zeigt auf, wie sich Anleger von emotionsbedingten Fehl- und Vorurteilen leiten lassen. Zwei der gefährlichsten Emotionen sind Angst und Gier. Diese führen oft zu einem irrationalen Herdenverhalten: Wertpapiere werden zu teuer gekauft oder zu billig verkauft.

Disziplinierte Anleger können von diesem Herdentrieb gezielt profitieren, indem sie sogenannte Contrarian- oder Trendfolge-Strategien einsetzen. Beide Strategien erfordern aber gute Kenntnisse der Märkte und der Anlegerpsychologie. Die Herde liegt nämlich nicht immer falsch, weshalb die zwei Strategien auch nicht automatisch zum Erfolg führen.

In der Herde leidet es sich leichter

Herdenverhalten bedeutet, dass Anleger das Verhalten anderer Investoren nachahmen, statt auf eigene, möglicherweise rationalere Entscheide zu setzen. Gemäss Manfred Hofer, der bei LGT Capital Partners für die Behavioral-Finance-Analyse verantwortlich ist, sei die Erkenntnis keineswegs neu, dass Menschen selten rational handeln. Allerdings wisse man heute über die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte viel besser Bescheid, als noch vor einigen Jahren. „Viele Anleger handeln irrational und rennen der Herde nach – statt schöner Gewinne erzielen sie dann oft herbe Verluste.“

Viele Anleger handeln irrational und rennen der Herde nach – statt schöner Gewinne erzielen sie dann oft herbe Verluste.

Manfred Hofer, LGT Capital Partners

In seinem Buch „Beyond greed and fear“ (Jenseits von Gier und Angst) geht Hersh Shefrin, Professor of Finance an der Santa Clara University in Kalifornien, diesen Mechanismen auf den Grund: Menschen liessen sich gern vom Verhalten anderer Menschen leiten, auch wenn sie davon überzeugt seien, dass Konformität zu Fehlentscheiden führten. „Teil der Herde zu sein, verleiht einen gewissen Schutz“, sagt Shefrin, "Steht man mit einer Fehlentscheidung alleine da, kann das doppelt unangenehm sein. Macht die ganze Gruppe den gleichen Fehler, kann man das eher verschmerzen."

Das Ergebnis dieses Verhaltens sind Blasen wie die Dotcom-Blase der Jahrtausendwende oder Markteinbrüche wie in der Finanzkrise 2008/09 oder der aktuellen Corona-Krise. Dabei entkoppeln sich die Aktienkurse völlig von den fundamentalen Unternehmensdaten und reflektieren primär die psychische Verfassung der Investoren. Eine Blase entsteht, wenn die Anleger unrealistisch optimistisch oder einfach nur noch geldgierig sind. Ein Börsencrash ist das Ergebnis panikartiger Verkäufe zu jedem Preis.

Gerade in derartigen Marktphasen sind die Erkenntnisse der Behavioral Finance für Anleger wertvoll, weiss LGT-Experte Hofer. „Sie können dazu beitragen, dass nicht zu viele Anleger wie Lemminge über die Klippe springen.“

Vom Herdentrieb profitieren

Einige Anleger sind überzeugt, dass sie von solchen irrationalen Übertreibungen profitieren können, indem sie falsch bewertete Wertpapiere identifizieren.

Im Rahmen einer so genannten Contrarian-Strategie kaufen Anleger beispielsweise in fallenden Märkten gezielt günstig bewertete Titel auf, die von ängstlichen Anlegern abgestossen werden. Greift die breite Masse in einer Hausse dagegen blind vor Gier zu, findet man die Contrarians sogleich auf der Verkäuferseite wieder.

Für den Erfolg derartiger Strategien ist es wichtig, Emotionen zu elimieren. Das geschieht durch ein konsistentes Regelwerk, das dann strikt befolgt werden muss. Eine solche Regel könnte beispielsweise festlegen, dass der Verkaufsentscheid für eine Aktie allein aufgrund der Fundamentaldaten und ihrem aktuellen Kurs getroffen wird und man auch in einer Hausse auf potenzielle weitere Kursgewinne verzichtet.

Die Problematik von Contrarian-Strategien liegt darin, dass es viel Disziplin braucht, um durchzuhalten, wenn man während irrationaler Marktphasen zunächst einmal Verluste erleidet. 

Den Schwung der Masse nutzen

Eine weitere Möglichkeit, das Herdenverhalten auszunutzen, sind Momentum-Strategien.

Hier geht der Anleger davon aus, dass Markttrends über längere Zeiträume anhalten können und er versucht, solche Trends möglichst lange auszureizen.

Einige Momentum-Anleger glauben sogar, dass es möglich sei, einen Trend bis zum Ende auszureizen, egal wie lange dieser andauert. So haben beispielsweise Momentum-Anleger, die 2009 in den US-Aktienmarkt investierten während einer ganzen Dekade von steigenden Kursen profitieren können.

Steigen die Kurse in einem Markt generell an, positionieren sich diese Anleger „long“ wie wenn sie an einen lang andauernden Aufschwung glauben würden. Agieren sie hingegen in einem allgemein von sinkenden Kursen gezeichneten Markt, gehen sie „short“: Sie sind sozusagen auf der Verkäuferseite und handeln in Erwartung weiter fallender Kurse. Um Trends zu erkennen, verwenden sie verschiedene Indikatoren. Ausserdem arbeiten sie mit strikten Regeln, um die Ein- und Ausstiegszeitpunkte festzulegen.

Bei Momentum-Strategien besteht das grösste Risiko darin, dass man eine rasch kommende Trendwende nicht rechtzeitig erkennt. Die Regeln für solche Anlagestrategien basieren vor allem auf der historischen Analyse des Börsengeschehens. Allerdings wiederholen sich geschichtliche Ereignisse nur selten in identischer Form. Momentum-Anleger vertrauen also darauf, dass die Analyse der Vergangenheit ihnen mehrheitlich die richtigen Anhaltspunkte für die Früherkennung künftiger Trendwenden an den Kapitalmärkten liefert.

Die Umsetzung zählt

Ob Contrarian oder Momentum: Um mit diesen Strategien Erfolge zu erzielen, muss ein  Anleger über überdurchschnittliche Fähigkeiten verfügen und sehr gut informiert sein. Gemäss Finanzwissenschaftler Shefrin bleibe es auch dann ein Härtetest für das Investoren-Ego, den Markt schlagen zu wollen. „Die meisten Anleger sind zu anfällig für psychologische Fallstricke, um Über- oder Unterbewertungen erfolgreich ausnutzen zu können“ resümiert er in seinem Buch. Sie sollten sich deshalb lieber mit marktüblichen Renditen begnügen, die sich durch den Einsatz von Indexprodukten im Rahmen einer Buy and Hold-Strategie erzielen lassen. "Es wird aber immer einige wenige besonders fähige Anleger geben, denen es gelingt, die Übertreibungen der Märkte zu ihrem Vorteil auszunutzen."

Der Herdentrieb wirkt sich jedoch beim Anlegen nicht immer nur nachteilig aus. Meir Statman, wie Sheffrin Professor an der Santa Clara University, zieht einen anschaulichen Vergleich zu Restaurantbesuchern: "Wenn in einem Lokal nur zwei Tische besetzt sind und in einem anderen Restaurant kein einziger Platz mehr frei ist, könnte die Herde Recht haben. Es könnte zwar eine Ansammlung von Ignoranten sein, aber sehr wahrscheinlich sind auch einige Feinschmecker dabei. Wer in diesem Fall der Herde folgt, liegt also nicht unbedingt falsch."

Problematisch werde es, wenn solche Informationen tendenziös seien, meint Statman. In Chatrooms beispielsweise tauschten sich Anleger gern über ihre Gewinne aus, würden jedoch ihre Verluste verschweigen. Das schaffe eine generell zu positive Grundstimmung. Trotzdem sei nicht auszuschliessen, dass die Chat-Teilnehmer über gute Informationen verfügen. Als Anleger braucht man dann gute Gründe, um sich der scheinbar einhelligen Stimmung zu entziehen.

Auch für Contrarian-Anleger gebe es ein grosses Risiko: Dass sie ihre Fähigkeiten überschätzten. Sie können dieser Gefahr aber begegnen, indem sie sich umfassend informieren und sich strikt an ihre Anlageregeln halten. Manfred Hofer ist ebenfalls der Ansicht, dass solche Strategien funktionieren können: „Unsere langjährige Erfahrung mit Behavioral Finance-Konzepten zeigt, dass man sowohl mit antizyklischen Strategien als auch mit dem Momentum-Ansatz erfolgreich sein kann." Es komme jedoch auch auf die jeweilige Marktphase an. Der Schlüssel zum Erfolg sei ein umfassendes Behavioral Finance-Gesamtkonzept, mit dem die Märkte analysiert werden.

Die LGT und Behavioral Finance

Im Investmentprozess der LGT Capital Partners spielen die Erkenntnisse der Behavioral Finance eine zentrale Rolle. Ihr Einfluss geht deutlich über die oben geschilderten Aspekte hinaus.

Grundsätze in Kürze:

  • Ungewissheit führt zu Meinungsvielfalt und Kommunikation
  • Kommunikation beeinflusst Meinungen
  • Ein Trend ist die schrittweise Akzeptanz einer neuen Vision
  • Eine Gleichschaltung der Meinungen führt zu Fehlbewertungen
  • Fehlbewertungen führen zu Trendwenden

Grundregeln:

  • Kaufe Trends, solange sie umstritten sind
  • Verkaufe Trends, sobald sie Konsens sind

Für weitere Informationen besuchen Sie auch unsere Seiten zum Thema Anlagekompetenz.

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