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"Don't fight the Fed"

22. April 2021

Lesezeit: 5 Minuten

von David Wolf, Head Research Content & Publications, LGT

Trotz anziehender Inflation will die Federal Reserve ihre Geldpolitik bis Ende 2023 beibehalten. Was bedeutet die Rückkehr der Teuerung für Anleger?

Nationalbanken verfügen über mächtige Werkzeuge zur Ausübung der Geldpolitik. Dabei sind die Währungshüter zur Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit stets bemüht, dass diese Instrumente auch Wirkung zeigen und sie in ihrer Politik durchsetzungsfähig bleiben.

Obschon niemand ernsthaft an der Macht der Trickkiste dieser Institutionen zweifelt, haben die Minuszinsen und Experimente mit anderen exotischen geldpolitischen Massnahmen in den vergangenen Jahren am Vertrauen der Anleger gekratzt. Hatten und haben die Zentralbanken tatsächlich noch die Zügel in der Hand? Haben sie aus der aktuellen Tiefzinsposition überhaupt die Möglichkeit, adäquat auf einen Prämissenwandel oder Taktwechsel an den Zinsmärkten zu reagieren?

Wenn Google skeptisch wird

Dieses Misstrauen ist nicht zuletzt schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit geschuldet. So vermeldete der Suchdienst Google in den Suchabfragen jeweils eine auffallende Häufung der Suche nach "Hyperinflation", sobald die Federal Reserve ein neues Programm zur Geldmengenausweitung startete.

Die grosse Geldentwertung blieb in jüngster Vergangenheit aus. Dennoch hält sich die Angst vor der Rückkehr des Inflationsgespenstes hartnäckig. So ist auch kaum verwunderlich, dass mit der letztjährigen Reaktion der Federal Reserve (Fed) auf den Ausbruch der Corona-Pandemie die altbekannten Unkenrufe inflationär gestiegen sind.

Informationen und Insights

Als Head Research Content & Publications beobachtet David Wolf von Zürich aus die globalen Märkte. Weitere Insights zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen finden Sie unter:

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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Seither ist die Diskussion über die neuerliche Geldschwemme allgegenwärtig und hat sich mittlerweile auch in den Inflationserwartungen niedergeschlagen. Die Geldmenge M2 hat in den USA 2020 schlagartig zugenommen, d.h. das Geld ist wirklich in Umlauf gekommen. Das steht im Gegensatz zu früheren geld- und fiskalpolitischen Lockerungen, die zum Beispiel eher dazu dienten, die Kapitalpuffer von Finanzinstituten aufzupumpen, als tatsächlich den Wirtschaftskreislauf mit Geldnoten bzw. Liquidität anzuregen.

Die Geldmenge M2 hat in den USA in 2020 schlagartig zugenommen

Die US-Notenbank hält derweil die Füsse still und sieht dem Inflationsanstieg gelassen entgegen. Sie erachtet die aktuelle Entwicklung als temporär und sieht sich somit nicht unter Druck, in den kommenden zwei Jahren von ihrer expansiven Geldpolitik abzukommen und die Zinsen zu erhöhen.

Der Fed-Chef will die Wirtschaft von der Leine lassen

US-Notenbankchef Jerome Powell.
US-Notenbankchef Jerome Powell (© Keystone/AP Photo/Manuel Balce Ceneta).

Notenbankchef Jerome Powell hat erst kürzlich erklärt, dass der Anstieg der langen Zinsen von zehn bis 30 Jahren auf die solide Wirtschaftserholung zurückzuführen ist. Hinzu kommt, dass die Fed bereits im letzten Jahr angekündigt hat, kurzfristig Inflationsraten von über 2% zu tolerieren und das Inflationsziel von 2% als Mittelwert über einen ganzen Wirtschaftszyklus betrachtet. Mit anderen Worten: Es besteht die Bereitschaft, die Wirtschaft vorübergehend von der Leine zu lassen.

Blicken wir einer neuen Ära höherer Inflation und einer zurückhaltenden US-Notenbank entgegen? Oder haben wir es nur mit einem wagemutigen Bluff zu tun? Falls die Fed an ihrer angekündigten Strategie festhält, wird dies für Aktien und Anleihen nicht ohne Folgen bleiben.

Warum man nicht gegen die US-Notenbank wetten sollte

Egal welchen Ansatz die Fed verfolgt, Investoren sind stets gut beraten, nicht gegen ihre Politik zu wetten. "Don’t fight the Fed" ist ein Anlagegrundsatz, der rät, das Portefeuille nach der aktuellen Geldpolitik des US-amerikanischen Federal Reserve Systems auszurichten und nicht gegen sie anzukämpfen.

Denn wenn die Notenbank ihre Politik mit quasi unbegrenzten Mitteln verfolgt, werden sich die Preise der Anlagen unweigerlich verschieben. Und als kleiner Anleger sollte man sich dieser Dampfwalze nicht in den Weg stellen. Dies heisst im Allgemeinen, bei niedrigen respektive sinkenden Zinsen mehr Risiko auf der Aktienseite einzugehen, und bei hohen oder steigenden Zinsen konservativer zu sein. Derzeit haben wir tiefe Zinsen, daher stellt sich vor allem die Frage, wie lange die Fed tiefenentspannt einem anziehenden Konsumentenpreisindex zusehen kann.

Willkommen Inflation

Mit der lockeren Geldpolitik, der Ausweitung der Notenbankbilanz und den direkten Geldgeschenken an die amerikanischen Privathaushalte ist sowohl die monetäre als auch die fiskale Geldschleuse sperrangelweit offen. Damit wurde ein Geldmengenwachstum der Spareinlagen losgetreten. Das war zum Beispiel bei der grossen Finanzkrise anders, wo die Politik noch einen Sparkurs fuhr.

Gemäss Fed sei es einfacher, hohe Inflation zu bekämpfen, als eine durch verfrühte Straffung ausgelöste dauerhafte Deflation.

David Wolf, Head Research Content & Publications

Obschon diese Tatsache den spürbaren Anstieg der Inflation erklären kann, deutet nichts auf einen Kontrollverlust der Federal Reserve hin. Die derzeitige Zinsstrukturkurve scheint die Aktienmärkte zu stützen und die Anleger rechnen mit einer Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung. Gemäss der Fed sei es einfacher, hohe Inflation zu bekämpfen, als eine durch verfrühte Straffung ausgelöste dauerhafte Deflation.

Das passt zum angekündigten passiven Kurs bis Ende 2023. Die bekannte Punktwolke des US-Offenmarktausschusses der Fed ("Dot Plot"), der die Zinserwartungen der Währungshüter festhält, deckt sich mit den verbalen Communiqués des Fed-Gremiums. Im Kontrast dazu erwartet der Markt den nächsten Zinsschritt bereits Ende 2022 und damit signifikant früher. Glücklicherweise ist der Markt so bereits auf einen potenziellen Rhetorikwechsel der Fed vorbereitet.

Unsere Erwartung: Die Fed hält in naher Zukunft an ihrem Kurs fest

Natürlich ist die Federal Reserve als Nationalbank mit ihren Aktionen nur einer von vielen Marktakteuren, den man als Anleger im Auge haben sollte. Doch ist die US-Notenbank das Alphatier im Rudel der Währungshüter und hat durch ihre Bilanz Gewicht für die internationalen Finanzmärkte.

Dennoch scheint es derzeit unwahrscheinlich, dass die Fed einzig aufgrund der notorisch volatilen Inflationsindikatoren ihre Geldpolitik straffen wird. Sie geht davon aus, dass die US-Wirtschaft an einem Wendepunkt steht und sich am Beginn einer Wachstumsbeschleunigung und einer Erholung des Arbeitsmarktes befindet.

Ein Handeln wird erst wahrscheinlich, sobald die Konjunkturdaten auf eine Überhitzung deuten, und dort befinden wir uns noch eine Weile nicht. Sowohl das Finanzministerium als auch die Notenbank wünschen sich einen Anstieg der Inflation – das sollten Anleger ernst nehmen und sich entsprechend positionieren.

In diesem Marktumfeld würden die Aktienmärkte und risikobehafteten Anlagen profitieren und wir sehen weiterhin eine relative Attraktivität von Aktien gegenüber Obligationen. Doch die günstigen Refinanzierungsmöglichkeiten der letzten Zeit haben Spuren hinterlassen. Es gibt einige hochbewertete, unprofitable Unternehmen am Markt, die sich dank billiger Kredite eine sensationelle Wild-West-Fassade aufbauen konnten. Deshalb ist jetzt der Moment, das Portefeuille zu durchkämmen und gehypte Positionen zu überdenken. Sobald die Fed die Zinsschraube anzieht, ist es dafür zu spät.

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