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Japan - Musterschüler in Sachen Inflation?

23. Dezember 2022

Lesezeit: 4 Minuten

von Ivan Goh (LGT)

Japan - Musterschüler in Sachen Inflation?

Die Zentralbanken haben die Ära des billigen Geldes beendet. Die Weltwirtschaft befindet sich im Würgegriff der Inflation. Warum ist Japan eine Ausnahme?

Inflation: Kaum ein anderes Thema beschäftigt Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten derzeit so sehr wie dieses. LGT Experte Ivan Goh erläutert in einer neuen Ausgabe unserer Reihe "3 Fragen an ..." einen bemerkenswerten Sonderfall in der Weltwirtschaft: Japan.

Im Vergleich zu den USA und vielen europäischen Ländern verharrt die Inflation dort auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Goh, Chief Investment Strategist bei der LGT Bank in Hongkong, erklärt, warum das so ist.

Die weltweite Inflation liegt bei über sieben Prozent. Wie kommt es, dass Japan lediglich eine Inflation von drei Prozent ausweist?

Im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern, die nach der Pandemie mit stark steigenden Preisen zu kämpfen haben,  wirken in Japan seit 30 Jahren starke deflationäre Kräfte. Ein wichtiger Faktor ist die alternde Gesellschaft. Japans Bevölkerung schrumpft seit etwa 2010. Das hat dazu geführt, dass die japanische Wirtschaft ihr Potential selbst unter normalen Bedingungen nicht voll ausschöpft.

Eine weitere Folge von Japans besonderer Demografie sind extrem niedrige Inflationserwartungen und geringe Lohnzuwächse. Letzteres beruht auf der einzigartigen Unternehmenskultur im Land: Mitarbeitenden ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes und eine lebenslange Unternehmenszugehörigkeit weit wichtiger als Karrierechancen und Lohnsteigerungen. Das bremst das Lohnwachstum.

"Japan hat sich noch nicht so richtig erholt," meint LGT Experte Ivan Goh. © iStock/TommL.

Ausserdem hat Japan die Wirtschaft während der Corona-Pandemie in erheblichem Umfang steuerlich unterstützt. Aber nur ein kleiner Teil kam den Privathaushalten zugute. Deren Kaufkraft stieg deshalb nicht in demselben Masse an wie etwa in den USA oder Europa.

Im Gegensatz zu vielen westlichen Ländern hat sich die Wirtschaft in Japan, wie in anderen Teilen Asiens auch, noch nicht so richtig erholt. Die japanische Regierung hat die wichtigsten Pandemiepräventivmassnahmen in den Präfekturen erst im März 2022 aufgehoben. Und erst im Oktober 2022 öffnete sich das Land wieder für Touristen.

Diese langsame Wiederbelebung der Wirtschaft hat zwar den Binnenkonsum angekurbelt, aber die Entwicklung bleibt insgesamt schwächer. Alles in allem begrenzen nicht ausgelasteten Kapazitäten in der Wirtschaft bis auf weiteres den Preisdruck.

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Was sind die Kosten für Japans Wirtschaft und Bevölkerung?  

Obwohl Japan die höchste Inflationsrate seit mehr als 40 Jahren erlebt, sind die Auswirkungen auf den Durchschnittsbürger bisher begrenzt. Die Situation lässt sich nicht mit der im Westen und insbesondere in Europa vergleichen. Denn im Gegensatz zu den westlichen Industrieländern lässt sich die Inflation in Japan auf steigende Preise für importierte Energierohstoffe und Lebensmittel zurückführen und nicht auf einen Anstieg der Gesamtnachfrage. Diese verharrt in Japan weiterhin auf niedrigem Niveau.

Gegen die importierte Inflation kann die Zentralbank nur wenig unternehmen. Zudem dürfte sich der Anstieg bei den Löhnen weiter beschleunigen, nachdem diese im Vergleich zum Durchschnitt der letzten drei Jahre vor der Pandemie jüngst stärker gestiegen sind. Dies liegt grösstenteils an einem strukturellen Arbeitskräftemangel, was die japanische Wirtschaft bereits vor der Pandemie beschäftigt hatte.

Ivan Goh (LGT) zur Kaufkraft in Japan:
"Gemäss einer Umfrage glauben die meisten Ökonomen, dass das Lohnwachstum in diesem Jahr nicht mit der Inflation Schritt halten wird," so Ivan Goh (LGT) zur Kaufkraft in Japan. © Polaris/laif.

Gemäss einer Reuters-Umfrage vom August glauben die meisten Ökonomen, dass das Lohnwachstum in diesem Jahr nicht mit der Inflation Schritt halten wird. Die reale Kaufkraft wird dadurch wahrscheinlich sinken. Ebenso erscheint unwahrscheinlich, dass sich die Bank of Japan (BoJ) aufgrund des anziehenden Lohnwachstums eine Straffung ihrer expansiven Geldpolitik erlauben könnte.

Bisher hielt Japan aufgrund der vergleichsweise niedrigen Inflation an seiner expansiven Geldpolitik fest. Mit den steigenden Zinsen in den USA hat der US-Dollar auf Kosten des Yen an Wert gewonnen. Das belastet die Kaufkraft in Japan und mindert damit den Spielraum der BoJ.

Was bedeutet dies für das Potenzial Japans, ausländische Investitionen anzuziehen?

Für das Land bedeutet das insbesondere, dass es im Wettbewerb um ausländische Arbeitskräfte eine weitere schlechtere Position hat. Das gilt insbesondere im Vergleich zu einkommensschwachen Nachbarländern wie Vietnam und den Philippinen, deren Volkswirtschaften schnell wachsen.

Laut Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind Arbeitskräfte ab einem Pro-Kopf-BIP von mehr als 7'000 USD tendenziell weniger bereit, ins Ausland zu gehen, da im eigenen Land gut bezahlte Arbeitsplätze verfügbar werden.

China hat diese Schwelle im Jahr 2013 überschritten. In der Folge hat Vietnam 2019 China als grösste Gruppe ausländischer Arbeitskräfte in Japan überholt. Wenn ausländische Investitionen mit einem hohen Mass manueller Arbeit verbunden sind, könnte sich der Arbeitskräftemangel negativ auswirken.

Header Visual © iStock/ongyuan.

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