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Keine Ersatzteile? Wie das Coronavirus die Industrie auf Trab hält

19. August 2021

Lesezeit: 3 Minuten

von David Wolf, LGT

Ersatzteilmangel bremst Industrie

Fabriken und Frachtschiffe standen still. Produktion und Logistik lassen sich nicht beliebig herauffahren. Die Industrie stösst an unerwartete Grenzen.

Normalerweise befasst sich der Konsument im Alltag wenig mit den Schwankungen von Angebot und Nachfrage. Hin und wieder bemerkt man in der Lebensmittelabteilung den Preisanstieg einzelner Artikel, wie zum Beispiel bei Vanilleschoten, da aufgrund von Missernten in den Anbaugebieten das Angebot spürbar zurückgegangen ist. Solche Effekte sind auf einzelne Branchen, Regionen oder Zeiträume begrenzt.

Was wir derzeit beobachten, ist jedoch grundverschieden: Leere Regale beim Discounter, unverschämt hohe Holzpreise, ungewohnte Wartezeiten bei Neuwagen und Wucherpreise bei PC-Grafikkarten. Die Ursache lässt sich einfach zusammenfassen: Die ehemals gut geschmierten Zahnräder der globalen Handelsströme wurden durch den weltweiten Stillstand wegen des Coronavirus jäh ausgebremst. Das bestehende Produktions- und Logistikangebot vermag die in der Erholung der Wirtschaft rasant gestiegene Nachfrage nicht zu decken. Das führte bereits zu Engpässen. Seit dem Frühjahr hat sich die Situation noch weiter verschärft.

Durchgetaktete Logistik als Achillesverse der Wirtschaft

Der US-amerikanische Industrielle Henry Ford, welcher die Automobilindustrie im letzten Jahrhundert revolutionierte, machte teure und aufwändige Lagerhaltung durch die "Just-in-Time"-Produktion überflüssig. Die benötigten Materialien wurden immer nur in den erforderlichen Mengen zum Zeitpunkt des Gebrauchs angeliefert. Dieses Konzept hatte bekanntlich durchschlagenden Erfolg. Doch wer sich die Lagerhaltung spart, wird dadurch abhängiger von Zulieferern und einem funktionierenden Wirtschaftskreislauf.

Containerstau in Chinesischem Hafen.
Sorgt für Verzögerungen bei der Produktion: Containerstau in Chinesischem Hafen (© Adobe Stock/Weiming).

Bisher waren eher rohstoffnahe Industrien für Lieferengpässe bekannt, nun sehen wir aber auch Schwierigkeiten bei Bauteilen und Vorleistungen. Laut neusten Umfragen berichten rund die Hälfte der europäischen Unternehmen von Lieferengpässen bei ihren Vorprodukten. Bei Elektronik- und Automobilherstellern sind es 80%, welche mittlerweile Probleme haben, an die benötigten Chips zu kommen. Im Maschinenbau fehlen selbst einfachste Metallbauteile. Je nach Ware kann entweder nicht alles geliefert werden oder die Preise sind angestiegen. Das Ausmass dieser Problematik offenbart sich erst langsam.

Normalisierung lässt auf sich warten

Die beeinträchtigten Lieferketten werden beim Containerverkehr gut sichtbar. Verzögerte Abfahrten führen zu verspäteter Ankunft, was wiederum zu neuen Verspätungen führt. Namhafte Reedereien gehen erst im Jahr 2022 von einer Entspannung der Lage im Containerverkehr aus. Ein weiteres Problem ist die Zurückhaltung der Reedereien bei der Beschaffung neuer Grosscontainerschiffe, da in den kommenden Monaten eben nicht mit einer Entspannung der Marktlage gerechnet wird. Gleichzeitig boomt die Nachfrage nach Schiffskapazitäten. 

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So explodieren derweil die Containerpreise auf wichtigen Routen aufgrund von Staus in asiatischen Häfen. Der durchschnittliche Frachtpreis von Standardcontainern ist um rund 50 Prozent gestiegen und die Kapazitätsgrenzen sind erreicht. Die entstehenden Ineffizienzen bei der Versorgung der Industrie werden sich alle auf das Preisniveau im Verbrauchermarkt auswirken. Wochenlanges Warten auf die bestellte Ware wird zum Normalfall. Die neusten Informationen erneuter Pandemie-bedingter Schliessung chinesischer Häfen stellt sogar eine Normalisierung im Jahr 2022 in Frage.

Lokaler Handel und Entflechtung als Lösung?

Die angespannten Lieferketten und Warenströme stellen eine gewaltige Belastung für die Konjunktur dar. Fehlende Bauteile können für bereits durch die Coronakrise gebeutelte Unternehmen zur existenziellen Belastung werden. Was bleibt, sind für jeden spürbar steigende Erzeuger- und Verbraucherpreise. Eine schnelle Lösung für die aktuellen Engpässe gibt es nicht. Das Abwarten der Normalisierung beseitigt die Symptome, aber nicht die Kernprobleme, wie etwa die Abhängigkeit von Fernost. Bleibt diese bestehen, kann so eine Krise jederzeit wieder auftreten.

Das Wunschbild einer diversifizierten, lokalen Wertschöpfung ist oft nur planwirtschaftliche Fantasterei.

David Wolf

Entflechtung hört sich gut an, ist aber nicht so einfach. Obwohl das Wort "Deglobalisierung" in den Medien gerne mal fällt, spricht man dabei immer von einer gesamtvolkswirtschaftlichen Betrachtung und nicht über einzelne Wirtschaftsakteure. Dem einzelnen Unternehmer sind Rahmenbedingungen gesetzt, innerhalb welcher er seine betriebswirtschaftlichen Entscheidungen trifft. Eine Entkoppelung von Zulieferern ist meist gar nicht möglich.

Eine Option ist eine breitere Aufstellung der Lieferkette, welche die Abhängigkeit von einzelnen Regionen und Zulieferern reduziert, jedoch oft teurer sein kann – was auch der Grund ist, weshalb diese Abhängigkeiten überhaupt erst entstanden sind. Neueste Firmenumfragen bestätigen dies auch in ernüchternder Klarheit: Trotz offensichtlicher Krisenanfälligkeit werden die Wertschöpfungsketten nicht plötzlich auf den Kopf gestellt. Deshalb ist das Wunschbild einer diversifizierten, lokalen Wertschöpfung oft nur planwirtschaftliche Fantasterei. Die Abhängigkeit von Containern aus Fernost ist hingegen harte Realität. Die Zeche zahlt schlussendlich der Konsument.

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