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Preisfindung am Finanzmarkt: Das Öl und der Schweinezyklus

8. März 2021

Lesezeit: 5 Minuten

von Michael Hillbrink, Senior Investment Advisor, LGT Bank (Schweiz)

Die Aufzucht und Haltung von Schweinen, die Gewinnung von Energierohstoffen und die Förderung von Erzen haben eine wichtige Eigenschaft gemein.

Schweinezucht, Gewinnung von Energierohstoffen, Förderung von Erzen – alle orientieren sich am Schweinezyklus, einem zentralen Modell zur Preisbildung.

Ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum was wann wieviel kostet, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, in einem Markt erfolgreich zu agieren. Das in seiner Dissertation „Die Prognose der Schweinepreise“ beschriebene Modell versucht dies zu beantworten und ist damit eine wichtige Grundlage in der Wirtschaftswissenschaft. 

Agrarwissenschaftler Arthur Hanau als Vater des Schweinezyklus.
Beschrieb das Phänomen des Schweinezyklus 1927 erstmals: Agrarwissenschaftler Arthur Hanau.

Der Agrarwissenschaftler Arthur Hanau untersuchte 1927 erstmals die Preisfindung in einem Markt, in dem Angebot und Nachfrage bei einem bestimmten Markt ausgeglichen sind. Als Beispiel diente ihm der Markt für Schweinefleisch. Wird dieser Markt aus dem Gleichgewicht gebracht, beispielsweise indem eine wohlhabendere Bevölkerung eine stark steigende Nachfrage nach Schweinefleisch verursacht, sprechen Ökonomen von einem Nachfrageschock. Da Schweine eine gewisse Zeit brauchen, bis sie schlachtreif sind, kann das Angebot nur langsam an die gestiegene Nachfrage angepasst werden. Die Folge sind steigende Preisen bei einem zunächst konstanten Angebot.

Da auf diese Weise der Gewinn der Anbieter steigt, investieren diese in den Ausbau ihres Viehbestands, was zu einem höheren Angebot und fallenden Preisen führt. Das Problem besteht darin, dass die Anbieter im Vorhinein nicht genau wissen können, wie hoch der neue Gleichgewichtspreis sein wird, so dass sie leicht dazu neigen, den neuen Preis zu optimistisch zu prognostizieren. Entsprechend werden sie zu viel Kapazitäten aufbauen, so dass die neuen, vorerst wieder feststehende Angebotsmenge nur zu einem sehr niedrigen Preis verkauft werden kann. Die Anbieter erleiden Verluste und werden ihr Angebot verknappen. Auch diese Verknappung wird jedoch nur mit einer Zeitverzögerung wirksam werden und kann zu stark ausfallen. Entsprechend wird der Preis wieder steigen – und der Schweinezyklus beginnt von Neuem.

Betrachtet man die Preisentwicklung der meisten Industriemetalle, Agrarrohstoffe und Energieträger seit Anfang dieses Jahrtausends, zeigt sich, dass die relativ lange Zeitspanne zwischen einem Anziehen der Nachfrage und der wirksamen Ausweitung der Produktionskapazitäten für praktisch alle Rohstoffkategorien Gültigkeit besitzt und zunächst zu stark steigenden Preisen führt. Am Zusammenspiel zwischen Ölpreis und Alter des zur Förderung und Verarbeitung eingesetzten Kapitalstocks lässt sich beispielsweise ablesen, dass ein steigender Ölpreis zu einer Zunahme an Investitionen und folglich zu einem tieferen durchschnittlichen Alter der Ausrüstung führt. Umgekehrt führt ein fallender Ölpreis zu einem Rückgang der Investitionen und folglich zu einem steigenden Alter des eingesetzten Materials.

Vorbild: Der Markt für Schweinefleisch.
Vorbild: Der Markt für Schweinefleisch.

Insbesondere das chinesische Wirtschaftswachstum war in der Vergangenheit das Zugpferd für einen Nachfrageschock auf den Rohstoffmärkten, was zunächst zu einem starken Anstieg der Preise und in einem weiteren Schritt zu einer Ausweitung der Investitionen führte. Von der Tiefsee bis zu Permafrostgebieten, überall wurde die Ausbeutung von Erdölvorkommen in Angriff genommen.

Dass der Schweinezyklus jedoch nicht nur aus einer Boomphase besteht und das Preispendel in Richtung fallende Preise genauso stark ausschlagen kann wie zuvor in Richtung steigende, erleben wir seit mittlerweile rund zwei Jahren. Wieder spielt China eine zentrale Rolle, das mit seiner nicht mehr wachsenden Nachfrage eine der Ursachen für das entstandene Erdöl-Überangebot darstellt.

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Eine neue Ordnung

Hier kommt jedoch ein wesentlicher Faktor hinzu, dessen Tragweite mit dem Begriff „New Oil Order“ – in Anspielung auf die amerikazentrische „New World Order“, die der amerikanische Präsident Woodrow Wilson nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ausrief – durchaus treffend beschrieben wird. Denn mit der Erschliessung der US-Schieferölvorkommen hat sich der Ölmarkt grundlegend gewandelt: Die USA, vormals der grösste Nachfrager nach Rohöl auf dem Weltmarkt, haben sich zum Selbstversorger entwickelt. Seit dazu ausreichend Pipelines bestehen, um die US-Ölfelder im Landesinneren mit den Raffinerien an der Küste zu verbinden, exportieren die USA sogar verarbeitete Ölprodukte.

Erschliessung der US-Schieferölvorkommen hat sich der Ölmarkt grundlegend gewandelt
Ölschiefer: "Mit der Erschliessung der US-Schieferölvorkommen hat sich der Ölmarkt grundlegend gewandelt".

Neben den geopolitischen Auswirkungen hat dies handfeste Konsequenzen für den Ölmarkt. Aus den ehemaligen Geschäftspartnern im Nahen Osten sind Wettbewerber auf dem Ölmarkt geworden. Entsprechend versucht insbesondere Saudi-Arabien, die neue Konkurrenz aus dem Markt zu drängen, indem es das Angebot auf dem Markt hochhält, obwohl der Preis mittlerweile auf einen Sechsjahrestief angekommen ist.

Dass die Taktik der Saudis aufgehen wird, ist alles andere als sicher. Denn das Schieferöl zeichnet sich im Unterschied zu den übrigen Ölvorkommen dadurch aus, dass die getätigten Investitionen die Vorkommen bereits kurze Zeit später sprudeln lassen. Technisch anspruchsvolle Bohrungen sind nicht mehr nötig. Sinkt der Preis unter die Produktionskosten, kann die Förderung recht schnell gestoppt werden. So verkürzt sich der Schweinezyklus rapide und sinkt das unternehmerische Risiko.

Wer auf der Strecke bleibt

Gleichzeitig bringt der Verdrängungswettbewerb jene Länder in existentielle Schwierigkeiten, die zuvor ihre Ineffizienzen mit einem hohen Ölpreis kaschieren konnten: Venezuela zum Beispiel bewegt sich am Rande der Zahlungsunfähigkeit, Brasilien rutscht immer tiefer in die Rezession und auch in Nigeria haben die innenpolitischen Probleme mit dem fallenden Ölpreis an Schärfe zugelegt.

Selbst in den Nachfrageländern verursacht der niedrige Ölpreis mitunter Sorgenfalten, erschwert er doch die Bemühungen der dortigen Zentralbanken, die Inflation wieder auf ein messbares Niveau anzuheben. Zumindest hier bringt die Zeit von allein Abhilfe. Denn der Basiseffekt, der auf dem Vergleich mit dem Vorjahr beruht, wird gegen Ende dieses Jahres abnehmen, und mit ihm auch der deflationäre Einfluss des gesunkenen Ölpreises. In Venezuela wäre man froh, wenn sich alle Probleme so einfach lösen liessen.

Leselink zum Schweinezyklus:

Gerald Braunberger analysiert im Fazit-Blog den Zusammenhang zwischen Ölpreis und Staatsverschuldung (09.02.2015): Hohe Schulden drücken den Ölpreis.

Dieser Artikel wurde erstmals auf dem Finanzblog der LGT veröffentlicht.

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