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US Midterm Elections: Halbzeit für Biden

17. Februar 2022

Lesezeit: 2 Minuten

von Tina Haldner, LGT

US Midterm Elections

Die US Midterm Elections sind für die Regierungspartei traditionell ein schwieriger Meilenstein in der US-Präsidentschaft, mit Auswirkungen auf den Finanzmarkt.

Erst seit gut einem Jahr ist US-Präsident Joe Biden im Amt, doch die Zeit wird bereits knapp für die Regierung des Demokraten. Im Herbst stehen in den Vereinigten Staaten Zwischenwahlen an – sie dürften für neue Machtverhältnisse in Washington sorgen. Das sind trübe Aussichten für die Democrats. Die Partei des Präsidenten hält derzeit noch eine knappe Mehrheit im US-Kongress. Die Vergangenheit lehrt aber, dass das Weisse Haus die US Midterm Elections – oder kurz «Midterms» – normalerweise verliert. Wenig hilfreich ist dabei, dass Biden gemäss Onlinezeitung FiveThirtyEight zu den unbeliebtesten Präsidenten in der US-Geschichte zählt. Doch auch an den Börsen könnte die politische Unsicherheit für zusätzliche Turbulenzen sorgen.

Ausgangslage: knappe Mehrheit im US-Kongress

Seit 2021 kontrollieren die Democrats beide Kammern im Kongress und halten in Senat und Repräsentantenhaus die Mehrheit. Ihre Machtposition ist aber äusserst wackelig. Im hundertköpfigen Senat kommen die Democrats auf 50 Stimmen, davon entfallen zwei auf unabhängige Senatoren. Da der Stichentscheid bei Vizepräsidentin Kamala Harris liegt, kann sich die Regierungspartei in einer Pattsituation haarscharf durchsetzen. Nicht viel komfortabler ist die Lage im Repräsentantenhaus, wo 222 demokratische Abgeordnete 212 Republikanern gegenübersitzen. Die Mehrheit liegt bei 218 Stimmen.

Joe Biden
Bidens Prestigeprojekt "Bild Back Better" steht vor dem Aus. © KEYSTONE/LEIGH VOGEL

Die Konstellation lässt schon heute keinen Raum für Abweichler aus den eigenen Reihen, wie die Democrats bereits schmerzlich erfahren haben. So steht Bidens Prestigeprojekt «Build Back Better» in der vorliegenden Form vor dem Aus. Der demokratische Senator Joe Manchin hatte verkündet, zusammen mit den Republikanern gegen das Paket zu stimmen. Es sieht Ausgaben für Sozialprogramme und Klimaschutzmassnahmen im Umfang von 1.75 Billionen US-Dollar vor.

Noch schwieriger könnte es für Biden nach den Zwischenwahlen am 8. November werden, seine Politik durchzusetzen. Zur Wahl stehen dann sämtliche Sitze im Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze im Senat. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Democrats die Mehrheit in beiden Kammern verlieren, ist beträchtlich.

US Midterm Elections 2022: schlechte Karten für die Regierungspartei

Kaum eine US-Regierung ist gegen die Schlappe in der Halbzeit gefeit: 2006 verlor die «Grand Old Party» unter George W. Bush die Mehrheit in beiden Kammern. 2010 mussten die Democrats unter Barack Obama herbe Verluste einstecken und 2018 erlebten die Republicans unter Donald Trump eine blaue Welle. Eine Analyse der Zwischenwahlen seit der Nachkriegszeit zeigt, dass die regierende Partei lediglich zweimal Sitze im Repräsentantenhaus dazugewonnen hat, nämlich 1998 unter Bill Clinton und 2002 unter George W. Bush. Im Senat schlägt sich die Partei des Präsidenten üblicherweise etwas besser, doch auch hier überwiegen schlussendlich die Sitzverluste. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zwischenwahlen diesen Herbst die berühmte Ausnahme von der Regel sein werden, ist gering. Im Gegenteil: Die Vorzeichen sprechen derzeit dafür, dass die Siegeschancen der Republicans besonders gut stehen.

Ablesen lässt sich das etwa an den Popularitätswerten von Biden. Zwar steht er im November nicht zur Wahl, doch die Historie zeigt, dass die Sitzverluste der Regierungspartei tendenziell umso grösser sind, je unbeliebter der Präsident ist. Tatsächlich hat der 79-jährige Demokrat seit seinem Amtsantritt im Januar 2021 stetig an Zustimmung eingebüsst. Das zeigen Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Gallup. Diese Entzauberung haben nach einer anfänglichen «Honeymoon»-Phase zahlreiche Präsidenten erlebt, doch Ende Januar fanden nur noch rund 42% der Amerikaner, dass Biden einen guten Job macht – lediglich Trump war nach einem Jahr im Amt noch unbeliebter, wie Umfragewerte der vergangenen vier Jahrzehnte verdeutlichen.

Steigende Preise schüren Unzufriedenheit

Zur Hypothek wird für Biden unter anderem die Inflation. Sie steigt derzeit so schnell wie zuletzt in den Achtzigerjahren. Marktbeobachter und Ökonomen stritten sich in den vergangenen Monaten darüber, ob es sich dabei lediglich um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Die Amerikaner machen sich hingegen zunehmend Sorgen um die steigenden Lebenshaltungskosten. Für das Weisse Haus erweist es sich als besonders problematisch, dass sich die Teuerung an den Zapfsäulen bemerkbar macht. Der Grund: Studien legen nahe, dass die Beliebtheit des Präsidenten mit steigenden Benzinpreisen sinkt. Doch nicht nur die Inflation macht Biden zu schaffen. Auch im Umgang mit der Corona-Krise, in der Aussenpolitik und beim Thema Zuwanderung nimmt die Unzufriedenheit der Wähler kontinuierlich zu.

Erste Stimmungstests an der Urne signalisieren denn auch, dass die Demokraten mit eisigem Gegenwind rechnen müssen. So haben sie bei den Gouverneurswahlen in Virginia und New Jersey im vergangenen November massiv an Rückhalt eingebüsst. Den Sitz in Virginia eroberte schliesslich der republikanische Herausforderer, und in New Jersey setzte sich der amtierende demokratische Gouverneur nur knapp durch. In beiden Bundesstaaten hatte Biden bei den Präsidentschaftswahlen 2020 noch mit deutlichem Vorsprung gewonnen.

Die US-Zwischenwahlen und die Finanzmärkte

Was sich in der Politik abspielt, wird auch an den Finanzmärkten genau verfolgt. Die Midterm Elections spielen an der Wall Street bislang keine grosse Rolle: Anleger beschäftigen sich derzeit vor allem mit dem geldpolitischen Kurswechsel der amerikanischen Notenbank. Der hatte zu Beginn des Jahres zu teils heftigen Verwerfungen an den Börsen geführt. Ein Blick auf die Wahlzyklen der Vergangenheit zeigt aber, dass sich die US-Aktienmärkte in einem Zwischenwahljahr tatsächlich anders verhalten haben als in den übrigen Jahren.

Gut möglich ist daher, dass die Kongresswahlen die bereits steigende Volatilität an den Börsen noch einmal befeuern werden. So lag die Schwankungsbreite des S&P 500 Index in einem Zwischenwahljahr im Schnitt bei 16% (basierend auf Daten seit 1970) und war damit höher als in anderen Jahren (13%). Zudem kam der Blue-Chip-Index in den Monaten vor den «Midterms» kaum vom Fleck. Erst wenige Wochen vor dem Urnengang, wenn also die Unsicherheit über das Wahlresultat abnimmt, ging es für den S&P 500 Index aufwärts.

Interessant wird es nach den Zwischenwahlen: In der Vergangenheit setzten amerikanische Aktien ihre Aufholjagd nach den Midterm Elections fort und schalteten in eine Rally, die auch im Folgejahr noch andauerte. Seit 1950 hat der S&P 500 Index in den zwölf Monaten nach den Wahlen im Mittel um +15% zugelegt. Das ist mehr als doppelt so viel, wie in allen übrigen Jahren (7.1%).

Bis im November kann noch viel Unerwartetes passieren. Neun Monate sind in der Politik, aber auch am Finanzmarkt, eine halbe Ewigkeit. Sicher ist aber, dass die Zwischenwahlen in einem ohnehin volatilen Marktumfeld ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind. Zudem wird nach Auswertung der Halbzeitbilanz kaum Ruhe einkehren in der amerikanischen Politik: Die «Midterms» gelten als inoffizieller Startschuss für die nächsten Präsidentschaftswahlen.

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