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KGV: Von Kursen und Gewinnen

5. August 2021

Lesezeit: 5 Minuten

von Sidi Staub, Redaktion MAG/NET

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Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), auf Englisch Price-Earnings-Ratio, ist eine einfache Kennzahl zur Beurteilung einer Aktie. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie möchten auf dem Wochenmarkt in Ihrer Stadt ein Kilo Pflaumen kaufen. Sie haben Glück: Die Auswahl ist gross, weil gleich mehrere Marktstände Ihre Lieblingssorte anbieten. Wie wählen Sie aus? Ziemlich sicher wird das Preisschild eine wichtige Rolle spielen, genauer der Preis pro Kilo, der die verschiedenen Anbieter vergleichbar macht.

Mit dem KGV Aktienkurse vergleichen

Wer in Aktien investiert, steht vor einer ähnlichen Frage: Welche Aktien sind preislich attraktiv und welche sind überteuert? Glücklicherweise gibt es auch bei Aktien eine Art Preisschild, das die Börsenkurse verschiedener Unternehmen miteinander vergleichbar macht. Es handelt sich um das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), besser bekannt auf Englisch als Price-Earnings-Ratio, kurz P/E-Ratio. Das KGV ist für viele Anleger eine der wichtigsten Kennzahlen, um die Preiswürdigkeit einer Aktie zu beurteilen und zu entscheiden, ob sie diese kaufen, halten oder verkaufen sollen.

Zur Berechnung wird in der Regel der aktuelle Börsenkurs durch den künftig erwarteten Gewinn pro Aktie geteilt. Vereinfacht ausgedrückt ist dann von zwei Unternehmen dasjenige mit dem tieferen KGV für den Käufer attraktiver. Hierzu ein Beispiel: Die zwei Unternehmen A und B haben den gleichen Aktienkurs von 20 Euro. Der erwartete jährliche Gewinn beträgt 2 Euro pro Aktie beim Unternehmen A, woraus ein KGV von 10 resultiert. Für Unternehmen B wird ein Jahresgewinn von 2.50 Euro erwartet, was einem KGV von 8 entspricht. Anders ausgedrückt: Bei gleichem Börsenkurs kostet die Aktie A 10 Jahresgewinne, die Aktie B lediglich 8 Jahresgewinne. Zumindest auf den ersten Blick scheint B attraktiver.

Wie aussagekräftig ist das KGV?

Ist es tatsächlich so einfach? Nein, leider nicht. Ein Unternehmen kann seinen ausgewiesenen Gewinn und damit auch das KGV relativ einfach buchhalterisch beeinflussen. Im obigen Beispiel ist die Differenz bei den Gewinnen vielleicht lediglich unterschiedlichen Buchhaltungsgrundsätzen, insbesondere bezüglich der Abschreibungen, zuzuschreiben. Um ein besseres Bild zu bekommen, können Anleger deshalb den Aktienkurs auch ins Verhältnis zum aussagekräftigeren Cash-Flow setzen, also den Gewinn plus Abschreibungen. Auch dann geht es aber immer um die zukünftigen Gewinne und Cash-Flows. Um diese zu ermitteln, müssen zahlreiche Annahmen getroffen werden, von denen sich jede einzelne als falsch erweisen kann. Die Berechnung des korrekten KGV ist also gar nicht so einfach, wie man zunächst meinen könnte.

Hinzu kommt, dass das KGV immer in einem grösseren Zusammenhang betrachtet werden sollte. So gelten gemäss einer Faustregel Aktien mit einem KGV unter 12 als preiswert, solche mit einem KGV über 20 als teuer. Sich blind auf diese Faustregel zu verlassen ist aber gefährlich, weil das KGV mit anderen Faktoren in Beziehung steht. Drei dieser Faktoren werden nachstehend erläutert:

Der Einfluss der Branche

Unternehmen verschiedener Branchen haben in der Regel ein unterschiedliches KGV. Der Grund hierfür sind beispielsweise branchenbedingte Unterschiede im Gewinnwachstum. Für stark wachsende Gewinne sind Anleger eher bereit, einen höheren Aktienkurs bzw. ein höheres KGV zu akzeptieren. Das Umgekehrte gilt fürs Risiko: Je riskanter ein Unternehmen und dessen Gewinne eingeschätzt werden, desto tiefer werden in der Regel der Aktienkurs und damit das KGV liegen. Es macht deshalb wenig Sinn, das hohe KGV einer rasant wachsenden Technologiefirma mit dem viel tieferen KGV einer etablierten, konservativen Versicherungsgesellschaft zu vergleichen und daraus zu schliessen, dass die Versicherungsgesellschaft die bessere Anlage ist. Sinnvoller ist es, mit Hilfe des KGV Unternehmen der gleichen Branche, beispielsweise verschiedene Versicherungsgesellschaften miteinander zu vergleichen.

Der Einfluss der Zinsen

Das KGV: Anleger sollten genau hinschauen
Das KGV: Anleger sollten genau hinschauen

Aktien stehen in Konkurrenz zu anderen Anlagemöglichkeiten, insbesondere zu Anleihen. Wenn die Anleihezinsen steigen, beispielsweise weil die Zentralbanken die Leitzinsen erhöhen, verlieren Aktien relativ betrachtet an Attraktivität. Anleger werden zunehmend ihre Aktien abstossen und Anleihen kaufen. Als Folge werden die Aktienkurse sowie das KGV tendenziell sinken. Da Zinsen aus Unternehmenssicht meist Kosten darstellen und deshalb auf die Gewinne drücken können, verstärkt sich der Zinseffekt zusätzlich. Aber vor allem bedeuten höhere Zinsen, dass die künftigen Gewinne mit dem höheren Zinssatz abdiskontiert werden, zum heutigen Zeitpunkt also weniger wert sind. Bei der Beurteilung, ob ein Unternehmen gemessen am KGV attraktiv ist, müssen also immer auch die aktuelle Zinshöhe und erwartete Zinsentwicklung berücksichtigt werden.

Der Einfluss der Inflation

Steigt die Inflation, dann fallen in der Regel die Aktienkurse und damit das KGV. Inflation führt nämlich meist zu höheren Nominalzinsen. Hinzu kommt, dass die Gewinnmargen in vielen Branchen bei Inflation zumindest kurzfristig sinken, weil ihre Ausgaben, beispielsweise für Löhne, Rohstoffe oder Energie ansteigen und sie die höheren Kosten meist nur mit einer gewissen Verzögerung auf die Konsumenten abwälzen können. Aber auch Deflation ist schlecht für die Gewinne der Unternehmen, weil ihre Kunden auf noch tiefere Preise spekulieren und geplante Käufe hinausschieben. Zudem sinken die Verkaufspreise ihrer Produkte laufend, während sie noch ihre teuer eingekauften Rohstoffe verarbeiten. Eine höhere Inflation und Deflation führen aufgrund dieser Effekte auch dazu, dass die Schätzungen künftiger Gewinne mit einer höheren Unsicherheit behaftet sind, was durch einen entsprechenden Risikoabschlag auf die Aktienkurse und damit das KGV drückt.

Fazit: Genau hinschauen

Das KGV ist eine der weitverbreitetsten Kennzahlen, nicht zuletzt, weil sie eine einfache, einleuchtende und leicht verständliche Beurteilung von Aktienkursen erlaubt. Genau wie bei den Pflaumen am Markt gilt aber auch hier: Schauen Sie genauer hin, riechen Sie an den Früchten, ertasten Sie die Reife und vergleichen Sie das Angebot der verschiedenen Marktstände, bevor das vermeintliche Schnäppchen sich als Flopp erweist.

Bilder - Marktstand: istock; KGV: Shutterstock

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