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«Likes» für gute Renditen

24. November 2020

Lesezeit: 5 Minuten

von Stephan Lehmann-Maldonado, Gastautor

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Auf Social-Trading-Plattformen kann jeder sehen, welche Wertschriften andere Anleger kaufen. Anlagestrategien lassen sich per Mausklick kopieren – mit allen Chancen und Risiken.

Sexy für Selfies zu posieren ist nichts für Fabian Marco Gerspacher. Lieber verfolgt er Aktienkurse und analysiert Devisenmärkte – neben seinem Job als Chemiker am Fraunhofer Institut. Dennoch ist der Dreissigjährige eine Art Influencer geworden. Genauer gesagt ein «Popular Investor», wie es bei eToro heisst.

eToro, 2006 in Tel Aviv gegründet, ist die führende Social-Trading-Plattform. Sie steht in Konkurrenz mit der österreichischen Wikifolio, der US-amerikanischen Zulutrade, der britischen Darwinex und Naga mit Sitz in Zypern. Gerspacher zählt zu den Aushängeschildern von eToro.

Social Trading überträgt die Grundidee von Social Media auf die Finanzmärkte. Statt Ferien-, Food- und Familienbildern teilt man Anlagestrategien mit der Community. Anleger stellen ihre Titelwahl zur Schau und begründen sie – mit unterschiedlichem Erfolg. Wie auf Facebook etablieren sich einige als Taktgeber, sprich als Influencer, während andere Nachahmer, respektive Follower bleiben.

Anlegen wie ein Anlageguru

Wer Follower gewinnen will, braucht vor allem eines: gute Anlageresultate über eine bestimmte Zeitspanne hinweg. Überdurchschnittliche Renditen machen es für andere Investoren interessant, die Bewegungen im Depot zu beobachten und nachzuvollziehen.

Je nach Plattform erfolgt das «Copy & Paste» an der Börse unterschiedlich. Bei eToro reicht ein Klick und man setzt jede Transaktion eines «Popular Investors» automatisch eins zu eins mit dem eigenen Geld um. Dabei ist es möglich, die Strategien mehrerer Anleger zu kopieren und zu kombinieren.

Anders als bei eToro erfolgt die «Copy»-Funktion bei Wikifolio nur indirekt. Ein Follower investiert nicht effektiv in dieselben Wertschriften wie sein Vorbild, sondern lediglich in ein Zertifikat. Dieses bildet die Entwicklung des Musterportfolios genau ab, ist aber eine Schuldverschreibung von Wikifolio. Solche Zertifikate ermöglichen es sogar, mit Strategien zu handeln. Doch nebst dem Risiko der Strategie haftet ihnen zusätzlich das Ausfallrisiko an. Würde die Plattform Pleite gehen, müssten Anleger ihre Ansprüche schlimmstenfalls abschreiben

Social Media auch für Anleger
Social Media auch für Anleger

Zu hohe Risikobereitschaft

Social Trading-Plattformen haben es geschafft, dem Anlegen ein hippes Image zu verpassen. Ausserdem, so argumentieren die Promotoren, verbessere der Austausch das Know-how der Anleger.

Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass sich soziale Anleger durch die Renditen von Vorzeigeanlegern blenden lassen und deren Strategie unreflektiert kopieren. Die Wirtschaftsprofessoren José Apesteguia, Universität Pompeu Fabra, Jörg Öchssler, Universität Heidelberg, und Simon Weidenholzer, Universität Essex, führten 2018 mit Studierenden hierzu ein Social-Trading-Experiment durch. Ihr Fazit: Copy-Paste-Plattformen können in der Tat zu einer übermässigen Risikobereitschaft führen. Social Trader machen nicht nur ihre Vermögensentwicklung vom Know-how eines anderen Investors abhängig, der meist selbst ein Laie ist. Sie übernehmen auch dessen Risikoprofil, das allenfalls stark von ihrem eigenen Risikoprofil abweicht.

Gerspacher hat das Börsenjahr 2019 im Minus abgeschlossen, dürfte aber trotzdem gut verdient haben. eToro belohnt Influencer nämlich mit einer jährlichen Managementgebühr von 2 Prozent. Wenn beispielsweise 1000 Follower je 10 000 Euro investieren, um ein Portfolio zu kopieren, kassiert der Influencer 200 000 Euro .

Damit ist eines klar: Auch beim Social Trading verdienen Influencer mehr als Follower.

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