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Japanischer Whisky: Geniessen oder investieren?

1. April 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Frederik Balfour, Gastautor

Japanischer Whisky

Japan hat weniger als zehn aktive Destillerien. Dennoch sind kultige japanische Single Malts der letzte Schrei – für Liebhaber, Sammler und Investoren.

Aaron Chan weiss, wie das Spiel läuft.

Im November verkaufte er eine seltene Flasche japanischen Whisky bei Bonhams Hongkong für 550,000 Hongkong-Dollar, umgerechnet 71,650 US-Dollar. Das war mehr als das Neunzigfache dessen, was er 2012 dafür bezahlt hatte. 

Die Flasche mit dem Pik-Ass auf dem Etikett war Teil einer 54-Flaschen-Kollektion, die als Teil der "Full Card Series" (ein komplettes Deck mit 52 Spielkarten und zwei Jokern) der Ichiro Hanyu Destillerie berühmt wurde. Chan versteigerte sie an einer Auktion. Jede Flasche wurde einzeln verkauft und erbrachte insgesamt 1,52 Millionen US-Dollar. Das war mehr als das Zehnfache dessen, was er für den Aufbau der Sammlung ausgegeben hatte.

Aaron Chan
Eine Flasche dunklen Goldes: Aaron Chan verkaufte eine Flasche japanischen Whiskeys für das über Neunzigfache seines Kaufpreises. © Aaron Chan

"Ich brachte es einfach nicht über mich, eine Flasche zu öffnen, die für 100,000 Hongkong-Dollar verkauft werden konnte", sagte Chan, der in Hongkong die Whisky-Bar Club Qing betreibt. Das war eine Untertreibung: Die teuerste Flasche im Set, die Pik-10, wurde für das Siebenfache verkauft.

Mach Platz, Macallan. Aus dem Weg, Speyside. Ikonische japanische Single Malts sind der letzte Schrei. Ausserhalb der Sammlergemeinde kaum bekannt, schossen japanische Whiskys 2013 aus der relativen Unbekanntheit zu Weltruhm, als der Yamazaki Single Malt Sherry Cask zum Leidwesen der ehrwürdigen schottischen Hersteller in Jim Murray's Whiskey Bible 2015 zum besten Whisky der Welt gekürt wurde. In kürzester Zeit waren japanische Whiskys wie Hibiki, Yoichi und Chichibu in Bars und Spezialitätenläden von Manhattan bis München ausverkauft. 

Japanische Whiskys: Mehr als Trophäen

Nirgendwo hat die Popularität japanischer Whiskys schneller zugenommen als in China. Vor einem Jahrzehnt liessen Chinas Neureiche die Nachfrage nach erstklassigen Bordeaux und Spitzen-Burgundern in die Höhe schnellen. Jetzt haben sie den japanischen Whisky entdeckt – als ultimatives Symbol für Status und Kultiviertheit. 

"Die Chinesen sind verrückt danach", sagt Sherry Woo, Shop-Managerin bei Liquid Gold, einem Whisky-Shop in Hongkong. "Mit dem Whisky sagen sie: "Schau, wie reich ich bin, aber auch wie schlau, diese seltene Flasche zu besitzen." Es ist ihnen egal, wie viel sie dafür ausgeben."

Karuizawa Whiskey
Der Karuizawa 1960 wird von vielen als der heilige Gral der japanischen Whiskys angesehen. Dieser Karuizawa ist nur 35 Jahre alt. © Christie's Images Ltd

Während Westler einen seltenen Single Malt länger als ein Jahr lagern können, indem sie ein oder zwei Schlückchen auf einmal trinken, ähnelt das Trinken von japanischem Whisky in China eher einem Wettkampfsport. Gastgeber schenken bei Banketten und Geschäftsessen Flaschen aus, die Zehntausende von Dollar wert sind, und ihre Gäste nehmen an endlosen Runden Trinksprüche teil, bis der letzte Tropfen getrunken ist.

In letzter Zeit haben auch die Covid-19-Lockdowns den Reiz des Whiskykaufs erhöht. Das bezeugt Steven Hao, ein 27-Jähriger aus Hongkong, der vor der Pandemie noch nie eine Flasche japanischen Whisky gekauft hatte. Aber das hielt ihn nicht davon ab, im November bei Christie's 47,500 Hongkong-Dollar – oder 6,105 US-Dollar – für einen 30 Jahre alten 1985er Karuizawa hinzublättern. "Ich werde diese Flasche über die Feiertage mit Freunden teilen, da wir nicht ausgehen können", sagte er nach dem Verkauf. "Und ich mag das Samurai-Etikett auf der Flasche sehr. Das kann ich nach dem Kauf ausstellen."

Japans "Schottische Highlands"

Whisky braucht Jahre, um zu reifen, und die japanischen Produzenten haben Mühe, mit der steigenden weltweiten Nachfrage Schritt zu halten. Das Land hat weniger als zehn aktive Destillerien, verglichen mit mehr als 130 in Schottland. Ihre relative Knappheit hat zu atemberaubenden Renditen auf dem Sekundärmarkt geführt. Laut dem in Edinburgh ansässigen Unternehmen Whisky 101, das den Markt für seltene Whiskys beobachtet, hat sich der Japanese 100 Index in den drei Jahren bis zum 30. November mehr als verdoppelt. Im Vergleich dazu ist der vergleichbare Index für seltene schottische Whiskys nur um 11 Prozent gestiegen.

Masataka Taketsuru
Die Eltern des japanischen Whiskys: Masataka Taketsuru und die Schottin Jessie Roberta, genannt "Rita".

Dabei ist die Geschichte der japanischen Whiskyherstellung kaum ein Jahrhundert alt. Sie begann 1920, als Masataka Taketsuru, der Sohn einer prominenten Sake-Brauerfamilie, nach Japan zurückkehrte – nach drei Jahren in Schottland, wo er die Kunst der Single-Malt-Destillation studiert und eine Schottin geheiratet hatte. 1923 tat sich Taketsuru in einer Stadt ausserhalb Kyotos, die für ihr hervorragendes Wasser bekannt ist, mit dem japanischen Geschäftsmann Shinjiro Torii zusammen und eröffnete die Yamazaki Distillery, den ersten Whiskyhersteller des Landes. Er befindet sich heute im Besitz des japanischen Getränkeriesen Suntory. Eine andere berühmte Suntory-Marke, der 17 Jahre alte Blended Whisky Hibiki, hatte seinen Auftritt in dem Hollywood-Film "Lost in Translation" mit Bill Murray.

Aber 1934 beschloss Taketsuru, seine eigene Brennerei zu gründen – an einem Ort, wo die Bedingungen für die Whiskyherstellung besser waren. Er und seine Frau Rita zogen in den Norden in die idyllische Stadt Yoichi auf der Insel Hokkaido, und zwar wegen ihres Klimas und ihrer Topographie, die den Schottischen Highlands ähnelte. Sie gründeten Nikka Whisky, und brachten 1940 ihre erste Flasche auf den Markt.  

Japanischer Whiskey: Schützen Sie sich vor Fälschungen

Die hohe Popularität und der Preisanstieg für japanischen Whisky haben unweigerlich zu einer gestiegenen Zahl an Fälschungen geführt. Wer sich vor dem Kauf einer Fälschung schützen will, so Chan vom Club Qing, sollte sich an einen vertrauenswürdigen Verkäufer halten. Seriöse Auktionshäuser mit hauseigenen Whisky-Experten, können die Herkunft und Echtheit jeder Flasche verifizieren. Wer online kauft, sollte sich an Websites halten, die nachweisbar Whiskeys erfolgreich verkauft haben und von Personen betrieben werden, die in der Branche bekannt sind.

Nikka Whiskey Factory
Die Insel Hokkaido wurde als Standort der Nikka Whiskey Factory wegen ihres Klimas gewählt, das den Schottischen Highlands ähnelt.

Doch die Kriegsjahre waren eine Herausforderung für die Taketsurus. Rita wurde als Ausländerin mit Argwohn betrachtet, aber ihre schottischen Wurzeln arbeiteten auch zu ihren Gunsten. Als Ausländerin konnte sie Matasaka bei der Führung des Geschäfts helfen, was einer traditionellen japanischen Ehefrau niemals erlaubt worden wäre.

Allerdings kam der Whiskykonsum in Japan erst mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit so richtig in Schwung. Selbst dann war der Grossteil der Produktion den Blended Whiskys gewidmet, die weniger Reifung benötigen und in grossen Mengen produziert werden können, während die Single Malt Destillation zwar profitabel, aber doch ein Nischengeschäft war. Die langanhaltende japanische Rezession der 1990er Jahre zwang einige kleinere Brennereien, die Produktion einzustellen.

Tausende von Fässern mit Inventar wurden von diesen "stillen Brennereien" zurückgelassen, darunter die beiden bekanntesten Opfer, Hanyu und Karuizawa, die verkauft wurden und mehrmals den Besitzer wechselten. Heute bringen die Besitzer der verbliebenen Fässer der bernsteinfarbenen Flüssigkeit weiterhin Flaschen in limitierter Auflage heraus, die dank ihres Geschmacks und ihrer Seltenheit enorme Aufpreise erzielen.

Wie sollte Whiskey gelagert werden?

Ein weiterer Anreiz, der für eine Investition in Whisky spricht – auch wenn sie ihn später trinken wollen – liegt in seiner einfachen Lagerung. Im Gegensatz zu edlem Wein, der auf der Seite liegend bei 11 bis 14 Grad Celsius gelagert werden muss (idealerweise in einem Weinkeller oder Weinkühler), kann Whisky aufrecht bei Raumtemperatur, geschützt vor direkter Sonneneinstrahlung, sicher gelagert werden. Extreme Temperaturschwankungen sollten vermieden werden. Daher ist es ohne weiteres möglich, eine schöne Flasche Whiskey in einem Regal zu präsentieren.

In japanischen Whisky investieren

Viele bezeichnen ihn als Heiligen Gral der japanischen Whiskys: der Karuizawa 1960. 52 Jahre lang gereift und 2013 und damit 23 Jahre nach der Schliessung der Brennerei abgefüllt, trägt jede der 41 Flaschen ein einzigartiges japanisches netsuke um den Hals – eine kleine, geschnitzte japanische Figur. Die erste, die zur Auktion erschien, wurde im August 2015 bei Bonhams für 118,000 US-Dollar verkauft. Im Mai 2020 verkaufte Sotheby's London eine weitere für 363,000 Britische Pfund oder 483,000 US-Dollar.

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Aaron Chan besitzt 54 Flaschen aus der Hanyu Player Card Serie. © Aaron Chan

Für Investoren ist Whisky eine attraktive Alternative zu Wein. Während Spitzen-Rotweine aus Bordeaux wie Mouton-Rothschild etwa 19 bis 22 Monate in Fässern reifen und ihren Höhepunkt erst ein oder zwei Jahrzehnte nach der Abfüllung erreichen, kann Whisky zeitlich unbegrenzt im Fass bleiben. Das gibt den Produzenten völlige Flexibilität bei der Wahl des Zeitpunkts und der Menge der Abfüllung. Während Wein bei optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit gelagert werden muss und innerhalb weniger Stunden nach dem Ziehen des Korkens getrunken werden sollte, kann Whisky bei Raumtemperatur unbegrenzt in der Flasche bleiben. Selbst nach dem Öffnen bleibt das Getränk bis zu einem Jahr geniessbar.

Da Whisky verdunstet, während er im Fass reift, geht jedes Jahr ein kleiner Teil verloren. Dieser Prozentsatz ist als "Angels' Share" bekannt – ein 50 Jahre altes Fass kann bis zu 60 Prozent seines Inhalts verlieren. Das erklärt, warum ältere Abfüllungen das Hundertfache eines zehnjährigen Standardprodukts der gleichen Brennerei kosten können, ganz zu schweigen von den geschmacklichen Verbesserungen, die mit dem Alter einhergehen.

Hüten Sie sich vor Spekulanten

Um den Unterschied zu erkennen, muss man seine Hausaufgaben machen, sagt Adam Bilbey, Leiter von Sotheby's Wine in Hongkong. "Ich wäre vorsichtig bei Neuerscheinungen, die zu sehr hohen Preisen angeboten werden. Vor einem Kauf muss man gut recherchieren und seine Due Diligence erfüllen. Nur weil der Whisky alt ist, heisst es nicht, dass er eine grossartige Abfüllung ist." Er schätzt, dass bis zu 30 Prozent der Käufer Spekulanten sind, und die anderen 70 Prozent suchen nach Trophäenflaschen. Die gute Nachricht ist, dass es einfach ist, die Preise zu verfolgen und online Whiskys zu kaufen – zum Beispiel über die grossen Auktionshäuser und Websites wie der Whiskey Exchange.

Aaron Chan
In seinem Club Qing stellt Aaron Chan 54 seiner Flaschen von dem Hanyu Spielkartenset aus. © Aaron Chan

Inzwischen steigen auf dem Sekundärmarkt die Preise für seltene Whiskys weiter an. Im Juni 2020 bot Yamazaki nur 100 Flaschen seines 55 Jahre alten Single Malt an – in einer Lotterie für 3 Millionen Yen oder 29,000 US-Dollar pro Stück, die ausschliesslich japanischen Bürgern offenstand. Zwei Monate später erzielte eine dieser Flaschen bei Bonhams in Hongkong 6,200,000 Hongkong-Dollar oder 799,700 US-Dollar. Sie stellte damit einen neuen Auktionsrekord für einen japanischen Single Malt auf.

Die Schaumschlägerei auf dem Markt macht Daniel Lam, Whisky-Spezialist bei Bonhams Hongkong, ein wenig unruhig. "Immer mehr Leute, die keinen Whisky trinken, betrachten ihn als reine Investition. Als Whisky-Liebhaber beunruhigt mich das. Der Markt wird immer spekulativer."

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