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Sapeurs: Die Gentlemen aus dem Slum

3. Juni 2021

Lesezeit: 8 Minuten

von Bettina Rühl, Gastautor

Sapeurs

In schicken Anzügen machen vier junge Männer das kenianische Kibera zu ihrer Bühne. Dass sie damit die Tradition der «Sapeurs» aus Zentralafrika weiterführen, war ihnen anfangs gar nicht bewusst. 

Als Moses Osore um die Ecke biegt, halten einige Frauen in ihrer Arbeit inne und gucken von den Köpfen ihrer Kundinnen auf, deren Haare sie gerade in Zöpfe flechten. Osore trägt einen langen, dunkelblauen Mantel über einer fein grau-weiss gestreiften Hose und einem ebensolchen Hemd. Dazu graue Socken, schwarze Lederschuhe, eine lederne Aktentasche, ein blaues Halstuch und Rastalocken. Die Frauen tragen Träger-Shirts, Röcke und Flipflops. Vermutlich würde der 22-jährige Osore auch in der Innenstadt von Nairobi die Blicke auf sich ziehen, erst recht aber hier in Kibera, einem der grössten Slums der kenianischen Hauptstadt. 

Der rote Lehmboden des Platzes, auf dem die Frauen ihren Ad-hoc-Friseurladen an einem niedrigen Holztisch aufgebaut haben, ist nach den heftigen Regenfällen der vergangenen Tage schlammig. Rundherum stehen einige einfache Verkaufsstände aus Wellblech oder Holz. Dort werden Tomaten, Zwiebeln und Maggi-Brühwürfel angeboten, das Fladenbrot Chapati und hart gekochte Eier. Gegen ein paar Shilling kann man sein Handy aufladen lassen, weil hier viele Menschen zu Hause keinen Strom haben. 

 «Die anderen kommen auch gleich», sagt Osore und plaudert ein bisschen mit den Friseurinnen, die seine Nachbarinnen sind: Er wohnt in der Hüttenreihe gleich hinter dem Platz. Obwohl Osore hier also gut bekannt ist, zieht er immer wieder die Blicke auf sich. Ebenso wie seine drei Freunde, die jetzt auftauchen: Sylvester Ochieng im Jackett, dazu Hut und Krawatte. Dennis Juma mit Schiebermütze und Jackett. Allan Omondi trägt ein buntes, gross gemustertes Hemd, zwei unterschiedlich farbige Socken und Sneakers zum Jackett. Zusammen bilden die vier seit gut fünf Monaten das «Vintage Empire». 

Osore geht voraus, um in seiner Hütte zu erzählen, was es mit ihrem Vintage-Stil auf sich hat. Der schmale und abschüssige Pfad ist voller Müll, dazwischen bahnt sich Abwasser seinen Weg. Dass geputzte Schuhe auch nach ein paar Minuten noch sauber sind, setzt einiges Geschick voraus. Die vier Freunde haben das, jeder Schritt sitzt. «Wir sind ja auch hier aufgewachsen», erinnert Osore. Nur für die besonders heftige Regenzeit habe er Gummischuhe. «Sie sehen aber nicht nach Gummi aus.»

Sapeurs: Extravagant und flamboyant

Osore stösst die Tür zu seiner kleinen Wellblechhütte auf und bittet herein. Drinnen lässt das Bett gerade noch Platz für eine Metallkiste mit Osores Kleidung und zwei Stühle. Einer davon dient als Ablage für einige Bücher, eine Flasche mit Desinfektionsmittel, ein Glas und eine Zahnbürste. Ausserdem gibt es einen winzigen Abstellraum, in einem Regal stapeln sich zerlesene Bücher, ein paar Aluminiumteller und -töpfe sowie etliche Paar Schuhe. Durch die dünnen Wände dringt die Musik mehrerer Nachbarn. 

Vor ein paar Monaten hätten sie wieder mal zusammengesessen und über alles Mögliche geredet, erzählt Osore, den seine Freunde «Maestro» nennen, weil er beim Fussball der Spielmacher ist. «Uns fiel auf, dass die meisten aus unserer Generation ständig versuchen, mit der neuesten Mode zu gehen.» Sie hätten die Idee gehabt, das Gegenteil zu machen, «uns also in einer Weise zu kleiden, die andere für altbacken halten»: in Anzügen und mit Krawatten, Hüten und Lederschuhen. «Wir wollen Aufmerksamkeit erregen und einzigartig sein.» Osore öffnet die blaue Metallkiste und breitet seine Vintage-Schätze aus: Nadelstreifenhemden, Buntfalten- und Anzughosen, einen Pullunder. Seine Fussballkleidung lagert er gesondert, in einem grossen Beutel. 

Dass es für ihr Interesse am eigenen Outfit auf dem afrikanischen Kontinent Vorbilder gibt, erfuhren sie erst, nachdem sie ihren Stil schon gefunden hatten: die «Sapeurs» in den beiden Kongos. Diese zentralafrikanischen Dandys lieben Eleganz und Individualität, feiern den grossen Auftritt auf der Strasse. Sie investieren viel Zeit und Geld in eine Garderobe, die ihre finanziellen Verhältnisse bei Weitem übersteigt: Ihr Stil ist einer gehobenen Gesellschaftsschicht entliehen, dabei betont extravagant und flamboyant. 

Was sind Sapeurs?

Sapeurs sind auffällig chic gekleidete Personen v.a. in Subsahara-Afrika, deren aufwendiges Äusseres eigentlich nicht ihren wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht. Der Begriff Sapeurs ist abgeleitet von «sape», dem französischen Wort für «Klamotten». Später wurde er als Backronym erklärt für «Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes», etwa: «Gesellschaft der Unterhalter und eleganten Personen.» Die Bewegung geht auf die frühen Jahre der Kolonialzeit zurück. Die Franzosen verstanden es als ihre «Mission», die afrikanische Bevölkerung zu «zivilisieren». Dazu gehörte in ihrem Verständnis, dass sie europäische Kleidung tragen sollten, die sie von den Kolonialherren bereits gebraucht mitgebracht bekamen. Heute greifen die «Sapeurs» und «Sapeuses» in der Republik Kongo und in der Demokratischen Republik Kongo in einer Mischung aus Selbstironie, Selbstbewusstsein und poltisch-sozialem Statement auf die ausgefallene und extravagante europäische Kleidung zurück. 

Das Flamboyante ist für die vier Kenianer eher nebensächlich, auch wenn sie originell sein und auffallen möchten. Jeder der vier hat seine etwas eigenen Gründe dafür, dass ihn das Spiel mit der «altbackenen» Kleidung fasziniert. Für Osore ist es vor allem die Freude an Andersartigkeit. Ausserdem liebt er die Performance – genauso wie seine Freunde. Die Gassen von Kibera sind ihre Bühne, die Sonnenstrahlen ihre Scheinwerfer. Die Nachbarn schauen ihnen gerne zu, lassen sich von den ausgefallenen Ideen des «Vintage Empire» unterhalten. Niemand nimmt Anstoss, niemand macht sich lustig. «Wenn jemand in Kibera eine gute Idee hat und originell ist, bekommt er Applaus», sagt Osore. 

Deshalb sei es auch nicht wichtig, besonders teure Kleidung zu tragen, die kann sich sowieso keiner der vier Freunde leisten. Schon gar nicht jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie. Die Massnahmen zum Schutz vor der Verbreitung des Virus haben auch in Kenia eine Wirtschaftskrise ausgelöst. Sie trifft die Bewohner von informellen Siedlungen wie Kibera besonders hart. Die meisten haben weder feste Arbeitsstellen noch soziale Absicherung, sie verdienen ihr Geld als Tagelöhner oder im sogenannten informellen Sektor. In der momentanen Krise haben viele ihren Broterwerb verloren. Das gilt auch für das «Vintage Empire». 

Bis zum Beginn der Corona-Krise lebte Osore von dem, was ausländische Touristen für einen Rundgang durch Kibera zahlten. Sparsamkeit hat er gelernt, Geld war für ihn immer schon ein heikles Thema: Seine Mutter brachte ihn und seine acht Geschwister mit Gelegenheitsjobs durch. Sie verdiente genug zum Überleben und um ihre Kinder in die Schule schicken zu können, aber für deren Ausbildung reichte es nicht. Osore musste das College abbrechen, er wäre gerne Webdesigner geworden. 

Der Stil der Sapeurs: Elegant, aber günstig

Für seine Vintage-Garderobe investiert Osore mehr Zeit als Geld. Bis zum Beginn der Corona-Krise verabredeten sich die vier Freunde einmal pro Woche zum gemeinsamen Besuch auf einem der vielen Altkleidermärkte von Nairobi, den sogenannten Mitumba-Märkten. Der Name wird aus dem Pluralwort für Bündel auf Kisuaheli gebildet, da die Altkleidung aus Europa bündelweise angeliefert wird. 

Dort stöberten sie stundenlang nach Kleidungsstücken, die zu ihrem Stil passten. «Ich verliess den Markt immer als Letzter», erzählt Osore und lacht, weil er so viel Zeit und Gedanken auf seine Kleidung verwendet. Auf jeder dieser Touren gab er rund fünf US-Dollar aus, insgesamt also 20 Dollar im Monat – mehr als die meisten anderen Slumbewohner, wie er glaubt. 

Den vier Freunden geht es aber nicht darum, mit ihrer Kleidung Wohlstand vorzugaukeln oder gar Neid zu erregen. «Die meisten Menschen hier wissen, dass wir möglichst billig einkaufen», sagt Osore. Nur manchmal sei der Preis ihrer Kleidung trotzdem ein Thema. «Hin und wieder spricht uns jemand an und sagt zum Beispiel: Dieser Mantel war doch bestimmt sehr teuer, was hat der gekostet – 20 Dollar?» Aber so viel Geld geben die vier nie für ein Kleidungsstück aus, auch der Mantel hat nur fünf Dollar gekostet, ein Schnäppchen. 

Für Sapeurs sind Kleider ein politisches Statement

Dann geht es weiter, zur Hütte von Dennis Juma. In den engen Gassen hängt überall Wäsche, auch vor seinem Eingang. Er bückt sich, um darunter durch zu schlüpfen. Im Inneren der Hütte lassen drei Betten kaum noch Platz, Juma lebt mit zweien seiner sieben Geschwister zusammen. 

Hinter der Tür steht das Wägelchen, mit dem er sein Geld verdient: Der 23-Jährige verkauft als fliegender Händler heisse Würstchen und hart gekochte Eier als Snacks. An guten Tagen verdient er damit zwei US-Dollar, aber seit dem Beginn der Corona-Krise sind auch für ihn die Tage nicht mehr gut. Er wäre gerne Jurist geworden, hatte auch angefangen zu studieren, musste aber abbrechen. «Du kannst noch so gut sein, aber wenn du abends nach Hause nach Kibera kommst, warten ein Haufen Probleme auf dich», sagt er. «Die Geschwister gucken dich an, wollen Geld, wollen Essen – die Familie braucht einfach deine Hilfe.» 

Seitdem träumt er davon, doch noch einen anderen Lebensunterhalt zu finden als den Verkauf von hart gekochten Eiern. Zum Beispiel irgendetwas mit Kunst. Dass er etwas von seiner Kreativität nun immerhin in seiner Garderobe ausleben kann, ist ihm ein kleiner Trost. 

Auch Juma verwahrt seine Kleidung in Metallkisten, er öffnet die erste und holt Hose nach Hose heraus. Für ihn ist der Vintage-Stil nicht zuletzt ein politisches und gesellschaftliches Statement, eine Erinnerung an die Zeit von Nelson Mandela und anderen afrikanischen Freiheitshelden. «Sie haben der Realität ins Auge gesehen und versucht, Probleme wirklich zu lösen.» Damals habe die Korruption noch nicht das jetzige Ausmass erreicht. «Heute geht es in der Politik mehr um den Schein, nicht mehr darum, Verhältnisse wirklich zu verbessern.» Juma freut sich, wenn ihn die Menschen auf seine auffällige Kleidung ansprechen, weil er dann mit ihnen über Politik und die Situation in Kenia diskutieren kann. 

Inzwischen steht die Nachmittagssonne tief, in Kibera leuchten die Farben, und ehe die Nacht hereinbricht, zieht das «Vintage Empire» für einen letzten Auftritt auf seiner Freilichtbühne los. 

Fotos: Brian Otieno

Dieser Beitrag ist erstmals im LGT Kundenmagazin CREDO erschienen.

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