Skip navigation Scroll to top
Scroll to top

Schwebende Fürstin

30. November 2020

Lesezeit: 4 Minuten

von Wibke von Bonin

Blue travel

Im Porträt der Karoline von Liechtenstein wagt Vigée-Lebrun, Malerin der Königin Marie-Antoinette, ein radikales Experiment und lässt die Fürstin – unbeschuhten Fusses – schweben.

Augmented Reality und Kunst

Sie können die Kunstwerke der Fürstlichen Familie auch zu Hause erleben: Die ETH Zürich und die LGT haben zusammen eine App entwickelt, mit der Sie die Fürstlichen Sammlungen in neuem Glanz erleben können. Entdecken Sie spannende Hintergrundinformationen und erwecken Sie die Gemälde mit modernster Augmented Reality Technik zum Leben.

Die MAG/NET App finden Sie in Ihrem App und Google Store. Laden Sie sie auf Ihr Handy und entdecken Sie auch Vigée-Lebruns Porträt der Karoline von Liechtenstein neu.

In Begleitung ihrer Tochter Julie und deren Gouvernante bestieg Elisabeth Vigée-Lebrun im Oktober 1789 in Paris eine Postkutsche mit Ziel Italien. Obgleich sie ihr Gesicht wohl verhüllt hielt, wurde sie unterwegs erkannt, wie sie nicht ohne Stolz in ihren Memoiren vermerkte: sie hatte ihr Selbstbildnis im Pariser Salon zur Schau gestellt, und Ähnlichkeit war nun einmal das wichtigste Merkmal eines gelungenen Porträts.

Elisabeth Vigée-Lebrun (1755–1842) reiste nicht zum Vergnügen. Als Malerin der Königin Marie-Antoinette und des französischen Hochadels hatte sie allen Grund, um ihr Leben zu fürchten. Andererseits konnte sie als Mitglied der Akademie, als schöne und charmante Dame der Pariser Gesellschaft, in Rom auf Entgegenkommen hoffen und mit Aufträgen rechnen. Und die brauchte sie, denn was als Flucht begonnen hatte, entwickelte sich zum über zehnjährigen Exil an verschiedenen europäischen Höfen. 

Fügen Sie einen Alt-Text hinzu
Vigée-Lebrun porträtierte Königin Marie-Antoinette, danach musste sie vor der Revolution fliehen. © Schloss Versailles

In dieser Zeit feierte sie als Porträtistin die grössten Triumphe ihres langen Lebens. Die Malerin war nicht nur eine bezaubernde Erscheinung, Elisabeth Vigée-Lebrun war auch klug, geschickt und fleissig. Als Hofmalerin von Marie-Antoinette hatte sie die aus dem Hause Habsburg stammende Königin seit 1778 in nicht weniger als dreissig Bildnissen verewigt. Während die Unglückliche 1793 in Paris ihr Leben unter der Guillotine aushauchte, malte in der Kaiserstadt Wien die gefeierte Porträtistin Vigée-Lebrun zwei Damen in Lebensgrösse. 

Diese Grossformate, die sich die Künstlerin eigentlich für Herrscherdarstellungen vorbehielt, zeigen Prinzessin Maria Josepha Hermengilde von Liechtenstein, verheiratete Fürstin Esterházy, und Karoline von Liechtenstein – die Schwester und die Ehefrau des Auftraggebers Alois I., seit 1781 Regierer des Hauses Liechtenstein. 

Fügen Sie einen Alt-Text hinzu
Über den Wolken: Die Fürstin als Götterbotin. © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

Der Fürst war den Wissenschaften zugetan und förderte die Künste. Er ordnete die Fürstlichen Sammlungen neu und erwarb mehr als dreihundert Kunstwerke. Selbstredend beschäftigte er auch Künstler seiner Zeit. So kann es nicht verwundern, dass er die viel gepriesene Pariser Malerin heranzog, als sie nach mehrjährigem Aufenthalt in Rom und Neapel auf ihrer Weiterreise über Dresden nach Russland in Wien Station machte. 

Im dritten Band der Geschichte des Fürstlichen Hauses Liechtenstein von 1882 liest man: «Im Jahre 1783 hatte Fürst Aloys bei der Gräfin Sternberg deren Nichte, die Gräfin Karoline von Manderscheid, kennen gelernt, welche ihm so sehr gefiel, daß er ohne Verzug seiner Mutter den Entschluß kund gab, dieselbe zu heirathen. Die Hochzeit fand am 3. November des genannten Jahres statt.»

Während in dieser und anderen Chroniken die Verdienste des Fürsten um die Künste – Musik, Theater, Bibliotheken, Architektur, Gartenanlagen – in höchsten Tönen geschildert werden, erfährt man über die Gemahlin nichts anderes, als dass sie jung und schön gewesen sei. Ersteres zumindest bei der Heirat, sie war ja erst fünfzehn Jahre alt, und letzteres noch, als sie von Elisabeth Vigée-Lebrun zehn Jahre später gemalt wurde. 

Fügen Sie einen Alt-Text hinzu
Vigé-Lebruns Selbstporträt mit ihrer Tochter. © Musée du Louvre

Die Malerin notierte in den «Souvenirs» über Karoline: «Ihr hübsches Gesicht hatte einen sanften und himmlischen Ausdruck, so kam ich auf die Idee, sie als Iris darzustellen.» Porträts in mythologischer Verkleidung waren nicht üblich in der Bildersammlung des Fürsten. Ganz offensichtlich hatte er der berühmten französischen Malerin Elisabeth Vigée-Lebrun den Freiraum gelassen, seine Gattin nach ihrem Geschmack darzustellen. 

Verlorene Pantoffeln

Das von leichtem Gegenwind geblähte goldgelbe Tuch und das hell schimmernde Inkarnat des Gesichts, der erhobenen Arme und nicht zuletzt der unbeschuhten Füsse der schwerelos Schwebenden lassen das ganze Bild heiter und optimistisch erscheinen. Den Bildhintergrund bildet eine Landschaft mit leicht umwölkten Bergkegeln, in der ein Vulkanausbruch die schwarzen Rauchwolken verursacht. Ewig jung schwebt Karoline von Liechtenstein über den dunkelsten Wolken vergangener wie gegenwärtiger Katastrophen – eine anmutige Botschafterin flüchtigen Glücks, immer wieder möglicher Hoffnung.

Dass sie Karoline lebensnah getroffen hatte, erläutert Madame Vigée-Lebrun mit einer kleinen Anekdote in ihren Erinnerungen: «Die älteren Herrschaften waren empört, dass man die Fürstin ohne Schuhe zeigte, und der Fürst erzählte mir, er habe ein paar hübsche Pantöffelchen unter das Bild stellen lassen und den Grosseltern gesagt, die seien ihr gerade von den Füssen gerutscht.» 

Mehr vom LGT Online Magazin?

Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse und erhalten per Newsletter regelmäßig das Aktuellste vom LGT Online Magazin.
Newsletter abonnieren