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Welcher Oldtimer passt zu mir?

24. Oktober 2022

Lesezeit: 6 Minuten

von Jürgen Lewandowski, Gastautor

Concorso d'Eleganza

Wer sich auf das Abenteuer Oldtimer einlässt, sollte wissen, was er mit seinem Wagen machen möchte. Als Investments taugen Oldtimer wenig.

Es gibt nichts, was nicht gesammelt wird – es gibt Menschen, die ein Vermögen dafür ausgegeben haben, eine signierte Erstausgabe von James Joyce zu erwerben. Oder eine Patek Philippe Ref. 1518 ersteigerten oder nach Jahren einen Teppich von Eileen Gray fanden. Und in den vergangenen vierzig Jahren habe ich miterleben können, wie aus altem Blech Kunstobjekte wurden, die bei Concours-Veranstaltungen brillierten, auf Rennstrecken gewannen oder in diskreten Sammlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit in klimatisierten und wie Fort Knox gesicherten Hallen ein einsames Leben fristen.

Concorso d'Eleganza
Schönheitswettbewerb der Alten: Der Concorso d'Eleganza bei der Villa d'Este. © Aleksander Perkovic/laif

Man darf diesen einleitenden Sätzen entnehmen, dass es DEN Autosammler oder DIE Autosammlerin nicht gibt – jeder lebt seine Leidenschaft anders: Die einen sind eher extrovertiert und freuen sich, ihre Pretiosen vor Publikum zu zeigen – die anderen geniessen ihre mobilen Schätze lieber alleine oder im Freundeskreis bei Ausfahrten.

Dann gibt es die Männer – seltener auch Frauen –, die sich lieber auf Rennstrecken oder bei Rallies austoben. Und ja, es gibt auch Sammler, die handwerklich begabt sind und ihre Schätzchen gerne selbst restaurieren – aber diese Zeitgenossen sind in der Minderzahl, denn das Zeitfenster der Modelle, an denen man selbst schrauben kann, ist begrenzt: Für die wirklich alten Gefährte gibt es keine Teile mehr – man muss sie selber bauen – und die neueren Modelle sind derart mit Technologie vollgestopft, dass ein Informatik-Studium hilfreich und wünschenswert ist.

Autosammeln bedeutet Erinnerungen sammeln

Automobile zu sammeln hat immer etwas mit Erinnerungen zu tun – Erinnerungen an die ersten Begegnungen mit Mythen.

Bugatti Type 57C Aravis
Wird gewaschen und poliert seit 1939: Der Bugatti Type 57C Aravis. © KEYSTONE/Laurent Gillieron

Im Radio My Generation von den Who zu hören, Jimi Hendrix, The Doors – die Stones, die Beatles – you name it. Goldfinger mit Sean Connery und seinem Aston Martin DB 5 – meinen ersten Ferrari sah ich im Sommer 1965 in Meersburg, einen silbernen 275 GTB. Die erste Fahrt mit mehr als 200 km/h in dem 914/6 eines Freundes – der erste eigene Wagen. Der erste eigene Sportwagen. Man sieht Fahrzeuge, man hört sie und ja, man kann sie auch riechen – setzen Sie sich einmal in einen gepflegten Bentley S 3 Continental von 1963, dann merken Sie, wie gut ein Auto riechen kann.

Natürlich gibt es auch Sammler, die sich die Garage nur wegen des Investments vollstellen – aber das ist ein anderes Thema, denn man kann auch mit vermeintlichen Schätzchen Geld verlieren. Die meisten Sammler erfüllen sich einen Jugendtraum – irgendwann kommt da der Moment, in dem man das süsse Gefühl hat, sich etwas gönnen zu sollen, sich die Wünsche der Jugend endlich erfüllen zu können.

So finden Sie Ihren Oldtimer

Dann wird es kompliziert: Entweder man wacht mit der Gewissheit auf, dass – je nach finanzieller Ausstattung – nun das Käfer-Cabriolet, der Elfer oder der Lamborghini Countach, den man als Bub als Poster über dem Bett hängen hatte – fällig ist. Oder man beschliesst – wenn man mehr modernen Autos zugeneigt ist – dass nun der 911 Carrera GT 3 RS auf der To-do-Liste steht, mit dem man sich auf der Rennstrecke austoben möchte.

Mercedes 300 SL Coupe.
Zu schön für die Garage: Ein roter Mercedes 300 SL Coupe. © KEYSTONE/LAIF/THEODOR BARTH

Vielleicht sollte man sich zuerst auch einmal in der Szene umsehen, zu Veranstaltungen gehen, Vibrations inhalieren – und wenn die Liebe für etwas Exotisches entbrannt ist (ein Maserati Ghibli von 1969? Ein Porsche 356 Carrera 2? Ein Jaguar E-Type von 1965? Eine Corvette Sting Ray von 1963?), dann empfiehlt sich die Mitgliedschaft in einem Club, der die Stärken und – viel wichtiger – die Schwächen der Modelle kennt und einem sehr viel Geld und Nerven sparen kann.

Denn eines ist klar: Je besser man das süsse Objekt der Begierde kennt, umso weniger kann man beim Kauf über das Ohr gehauen werden. Und nicht jeder Verkäufer – egal ob Privatmann oder Händler – wird einem Interessenten die Schwächen seines Wagens in epischer Breite erläutern, wenn er sie überhaupt kennt.

Es empfiehlt sich auch, im Internet zu recherchieren, welche Literatur es zu dem Traumwagen gibt, damit man in die Geheimnisse der verschiedenen Baujahre, der diversen Sonderserien und angebotenen Motorisierungsvarianten eintauchen kann. Auch hier helfen die Clubs mit ihren (zumeist) ausgezeichneten Internet-Auftritten weiter, ein Verständnis dafür zu gewinnen, ob beispielsweise der stärkste Motor wirklich die beste Wahl ist – was nicht immer der Fall ist, denn mehr Leistung bewirkt in den Händen sorgloser Besitzer auch einen deutlich erhöhten Verschleiss der Bauteile, was zu höheren Restaurierungs- und Unterhaltskosten führen kann. Oft werden auch die Modelle des ersten Baujahrs höher gehandelt, dabei sorgen drei, vier Baujahre zumeist dafür, dass die Hersteller die Konstruktionsmängel, falsch dimensionierte Bauteile und andere erkannte Schwächen in der Serie eliminiert haben.

Oldtimer
Sie sehen beinahe so gut aus wie sie riechen. © Shutterstock/Standret

Gut ist, dass mittlerweile nahezu alle Hersteller die Werbewirksamkeit und das positiv auf das Markenbild wirkende Bild gepflegter Historie verinnerlicht haben – und die Szene mit Original-Ersatzteilen versorgen. Dass diese Teile nicht günstig sind, ist klar.

Kompliziert wird es, wenn man sein Herz an Sonder-Karosserien von Edel-Marken verloren hat – die Restaurierung eines Kompressor-Mercedes mit einer Erdmann & Rossi-Karosserie, eines Ferrari 375 MM mit einem Kunstwerk der Carrozzeria Ghia oder eines Rolls-Royce Phantom VI mit einem James Young-Body kann auch solvente Besitzer zum Nachdenken über den Sinn ihres Investments animieren. Da ist alles handgefertigt – da liegen keine Ersatz-Bleche im Regal. Und was noch schlimmer ist: Da gibt es nicht mehr viele Spezialisten, die sich an solche Aufgaben wagen und ihr Handwerk perfekt beherrschen – und sich ihr Wissen natürlich bezahlen lassen.

Checkliste für das Abenteuer Oldtimer

Rolls Royce Phantom II
Ein Rolls Royce Phantom II von 1929 am "Concours d'élégance" 2010 in Basel. © KEYSTONE/Georgios Kefalas

Mit diesem Wissen versteht man auch, warum wir so viele der Fahrzeuge, die vor einigen Jahrzehnten noch in grossen Stückzahlen auf den Strassen zu sehen waren, verloren haben: Dem erfahrenen Karosseriebauer und seinem Kollegen von der Motorrevision ist es egal, ob er an einem Jaguar XK 120 oder einem Opel Kadett arbeitet – der Stundenlohn ist der gleiche. Nur lässt sich der Jaguar später zu einem Preis verkaufen, der die Restaurierung (hoffentlich) deckt, während der Opel Kadett-Besitzer sein Investment nie mehr wiedersehen wird. Versuchen Sie einmal für einen Concours einen Borgward Hansa oder einen Ford 12 M Kombi von 1952 zu finden – wenn überhaupt gibt es vielleicht noch drei oder vier Exemplare. Dafür gibt es Zehntausende von Jaguar E-Type-Modellen.

Wer sich auf das Abenteuer Oldtimer einlässt, sollte also wissen, was er mit seinem Wagen machen möchte:

  • zeigen, entspannen, Rennen fahren, schrauben?
  • Wie modern darf er sein?
  • Ist ABS und eine Klimaanlage gewünscht?
  • Wo ist der nächste Spezialist für diese Marke beheimatet?
  • Und die wichtigste Frage: Ist das Konto auch belastbar genug, um die Unwägbarkeiten und die stets zur Unzeit auftauchenden Überraschungen zu finanzieren – ohne das Jahresbudget und den familiären Frieden zu gefährden?

Titelbild: © KEYSTONE/CuboImages

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