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Deshalb wird Biodiversität immer wichtiger

19. Mai 2022

Lesezeit: 4 Minuten

von Simon Usborne, Gastautor

Biodiversität

Was ist Biodiversität? Wie lässt sie sich messen? Und interessieren sich Anleger überhaupt für sie? Ein Überblick

Voller Bewunderung beschrieb der Biologe J. Arthur Harris 1916 den Reichtum und die Vielfalt der Pflanzenwelt, die er in den wilden Gebieten um Tucson in Arizona beobachtet hatte. In seiner wissenschaftlichen Abhandlung mit dem Titel «The Variable Desert» (Die wandelbare Wüste) staunte er, es gebe dort "eine Flora, die reich an Gattungen und Arten und von unterschiedlichster geografischer Herkunft und Verwandtschaft ist".  Diese Auflistung sei jedoch "völlig unzureichend, um die tatsächliche biologische Vielfalt zu beschreiben".

James Arthur Harris
In Anbetracht der Artenvielfalt der Wüste Arizonas erahnte James Arthur Harris die Wichtigkeit einer gesunden, und damit vielfältigen, Umwelt.

Erst 1988 fügte ein anderer Wissenschaftler diese Beschreibung zu einem Portmanteau, also einem Schachtelwort, zusammen: Biodiversität. Harris gehörte jedoch zu den ersten Wissenschaftlern, die erkannten, dass die Vielfalt und Wandelbarkeit der Natur, sei es in einer amerikanischen Wüste oder einem grossen Ozean, ein Indikator für die Gesundheit des Planeten ist – und damit für das Wohlergehen der menschlichen Spezies.

Heutzutage ist das Wort «Biodiversität» in Diskussionen über den Klimawandel so allgegenwärtig, dass es an Bedeutung zu verlieren droht. Die Artenvielfalt wird jedoch immer wichtiger – auch, weil sie eng mit der Resistenz gegen Pandemien zusammenhängt: Jüngste Studien beobachteten, dass sich Viren in Gebieten mit grösserer biologischer Vielfalt langsamer ausbreiteten.

Ausserdem stammen viele unserer Medikamente aus natürlichen Quellen. Bis heute erforscht man jedoch erst einen kleinen Teil der weltweit wildlebenden Arten für die Kreation neuer Behandlungen. Kurzum: Eine geringere Artenvielfalt ist in mehrfacher Hinsicht schlecht für uns. Das Weltwirtschaftsforum schätzt, dass mehr als die Hälfte des weltweiten BIP mässig oder stark von der Natur und ihren Ökosystemleistungen abhängig ist.

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Biodiversität rückt immer mehr in den Fokus der Politik und der Finanzwelt, während sie gleichzeitig immer mehr abnimmt. © Gettyimages/Abstract Aerial Art

Seit dem Industriezeitalter schrumpfen und sterben ganze Populationen immer schneller aus. Die Bemühungen, dem Rückgang der biologischen Vielfalt Einhalt zu gebieten waren Gegenstand mehrerer UN-Konventionen und -Abkommen. Die Finanzwelt sieht sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, inwieweit sie zu diesem Rückgang beiträgt – oder ob sie ihn direkt bekämpft.  

 «Seit letztem Jahr beobachten wir, dass das Thema auch für die Finanzindustrie immer wichtiger wird», sagt Ursula Finsterwald, Head Group Sustainability Management bei der LGT.

Ursula Finsterwald
"Wir müssen Standards entwickeln, um den Verlust von Biodiversität zu messen", sagt Ursula Finsterwald, Head LGT Group Sustainability.

Einer der Gründe dafür, dass sich die Finanzinstitute erst in letzter Zeit mit dem Thema Biodiversität auseinandersetzen, ist die bisherige Fokussierung auf Klimawandel und die Erreichung von Netto-Null Emissionen. "Andere Themen gingen ein wenig unter, weil alle nur über den Klimawandel und die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius sprachen", fügt Finsterwald hinzu.

Der Fokus auf Netto-Null-Emissionen ist wichtig. Die Verringerung der Kohlenstoffemissionen wird sich nicht nur auf die Abschwächung der Klimakrise auswirken, sondern – was für eine Branche, die mit Zahlen arbeitet, von entscheidender Bedeutung ist – die Emissionen sind auch leichter zu messen als beispielsweise faire Behandlung von Mitarbeitenden oder Biodiversität. Daher lassen sich quantitative Ziele einfacher festlegen – selbst, wenn sie nicht leicht zu erreichen sind. "Bei der biologischen Vielfalt ist es schwieriger, Daten zu erheben", erklärt Finsterwald. "Das Thema ist viel komplexer und wir müssen Standards entwickeln, um den Verlust von Biodiversität zu messen." 

Biodiversität
Immer mehr Anleger wollen wissen, welche Risiken für die biologische Vielfalt eine Investition in ein bestimmtes Unternehmen mit sich bringt.

Die Nachfrage nach solchen Massnahmen wächst, da Anleger Netto-Null-Ziele zunehmend als nicht verhandelbar ansehen, und nicht nur als "nice to have". Sie wollen nun wissen, welche Risiken für die biologische Vielfalt eine Investition in ein bestimmtes Unternehmen mit sich bringt. Diese Risiken reichen von offensichtlichen Bedrohungen für die biologische Vielfalt wie Umweltverschmutzung und Abholzung bis hin zu subtileren Nebeneffekten. "Die Anleger wissen, dass sich derartige Risiken in ihrem Portfolio negativ auf künftige Erträge auswirken könnten", sagt Finsterwald.

Erst im vergangenen Monat hat das Referat für Klimafinanzierung des UN-Umweltprogramms neben einem Verzeichnis der Indikatoren für positive Auswirkungen auch den sogenannten «Land Use Finance Impact Hub» ins Leben gerufen. Es soll finanziellen Akteuren, einschliesslich Impact Funds und Vermögensverwaltern, dabei helfen, zu erkennen und zu messen, welche ökologischen und sozialen Auswirkungen Investitionen in die Landnutzung haben. Die von der «International Union for the Conservation of Nature» entwickelte STAR-Metrik (Species Threat Abatement and Recovery) misst den Beitrag, den Investitionen zur Verringerung des Aussterbens von Arten leisten.

Von Netto-Null-Emissionen zu Biodiversität

Während sich das verzweifelte Streben nach Kohlenstoffzielen manchmal wie die Abschwächung einer drohenden Katastrophe anfühlt, wird das Thema Biodiversität positiver dargestellt. "Nature positive is the new net zero", lautete eine Schlagzeile in der Australian Financial Review Anfang des Monats. "Nature positive" ist ein Begriff, der für Investitionen verwendet wird, welche die Natur, einschliesslich der biologischen Vielfalt, und ihren Beitrag zur Gesellschaft fördern.

Arizona Biodiversität
Auch die Wiege des Begriffs "Biodiversität", die Wüste von Arizona, leidet unter der schwindenden Artenvielfalt.

Die führenden Vertreter dieser aufkeimenden Bewegung wissen: Es muss noch viel getan werden, damit das Risiko für die biologische Vielfalt genauso messbar wird wie die für Kohlenstoffemissionen. Wie kann man schliesslich den Wert eines Weisskopfseeadlers in Alaska mit dem Wert einer Möwe in Australien in kalten, harten Zahlen vergleichen? Aber wie bei so vielem in diesem Bereich mangelt es auch hier nicht an Momentum.

In der Zwischenzeit wurden die einst so artenreichen Wüsten von Arizona, die J. Arthur Harris beobachtete, von Dürren und Rekordtemperaturen heimgesucht. Zu den Bedrohungen zählen Bergbau, Verstädterung, Wasserumleitung und Staudämme sowie Tierhaltung. Kakteen, Schildkröten und Salamander gehören zu den Arten, die in Arizonas Wüsten heute stark bedroht sind. Hartnäckigere invasive Arten sind auf dem Vormarsch und bedrohen die Ökosysteme und – genau – die Artenvielfalt. Doch nicht nur Arizona, sondern auch Mitteleuropa beobachtet einen horrenden Verlust der Biodiversität. Der Wandel kann nicht schnell genug kommen.  

Titelbild: © Gettyimages/the_burtons

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