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Ein besseres Bildungssystem für Liberia

12. April 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Eloise von der Schulenburg, LGT

Bildung Liberia

Wie eine öffentlich-private Partnerschaft das Bildungssystem Liberias revolutioniert – trotz Armut, Pandemie und Bürgerkrieg.

Hätte eine Reisende im August 2016 einen Fuss nach Malema in Liberia gesetzt, hätte sie die örtliche Schule nicht erkannt. Das Schulhaus stand baufällig und trostlos da, vom Pausenhof waren keine spielenden Kinder zu hören, in den Klassenzimmern fehlten Unterrichtsmaterialien, und nur zwei Erwachsene arbeiteten in der Schule. Weniger als 50 Kinder waren offiziell eingeschrieben – eigentlich hätten es viermal so viele sein müssen. Von den wenigen Eingeschriebenen hatten die meisten den Schulbesuch aufgegeben, da selten jemand da war, um sie zu unterrichten. War doch ein Lehrer anwesend, hatten die Kinder Angst, geschlagen zu werden, wenn sie die falsche Antwort gaben. Die Malema-Gemeinde hatte jegliches Vertrauen in die Schule verloren.

LEAP Liberia
2016 besuchten weniger als 40% der Kinder in Liberia die Schule. © LEAP

In Malema steht eine von tausenden öffentlichen Schulen, die während der jüngsten Geschichte Liberias durch Konflikte und Krankheiten völlig verwüstet wurden. Der 14 Jahre andauernde Bürgerkrieg, der bis 2016 andauerte, erschütterte das Bildungssystem des Landes und zerstörte 80% der gesamten Schulinfrastruktur.

Die Ebola-Epidemie, die das Land von 2014 bis 2015 erfasste und mehr als 200'000 Menschenleben forderte, verschlimmerte die Bildungsaussichten des Landes noch zusätzlich. Im Jahr 2016 besuchten weniger als 40% der Kinder die Grundschule und mehr als 80% aller Schüler waren zu alt für ihre Klasse. Nur eines von fünf Mädchen in der fünften Klasse konnte einen ganzen Satz lesen. Der jahrelange Bürgerkrieg und die Ebola-Epidemie hatten die Infrastruktur dezimiert, die Wirtschaft in Schutt und Asche gelegt und Liberias Bildungssystem zerstört. 

Um die Qualität der Grund- und Vorschulbildung in den staatlichen Schulen zu verbessern, beschloss das Bildungsministerium 2016, das liberianische Bildungssystem umzugestalten – im Rahmen des "Liberia Education Advancement Program" (LEAP), eine öffentlich-private Partnerschaft (PPP). Das Bildungsministerium wählte mehrere erfolgreiche nicht-staatliche Schulbetreiber aus, die 93 staatliche Schulen betreiben sollten. Im Rahmen dieser Vereinbarung bieten staatliche Lehrer in Zusammenarbeit mit Schulbetreibern – sowohl gemeinnützigen als auch gewinnorientierten – kostenlosen Unterricht an.

Eine neue öffentlich-private Partnerschaft für Liberias Kinder

Das PPP-Modell ermöglicht es den Betreibern, bewährte, effektive Bildungsstrategien in öffentlichen Schulen umzusetzen. Einige der Strategien sind simpel, etwa wie die Renovation von Einrichtungen durch die Regierung, die Sicherstellung, dass die Lehrer zum Unterricht erscheinen oder die Durchführung regelmässiger Lernfortschrittskontrollen. Die strukturierten und innovativen Systeme der nicht-staatlichen Betreiber haben es dem Bildungsministerium ermöglicht, ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis zu analysieren, um ein effektives und erschwingliches öffentliches Bildungssystem zu etablieren.

Liberia Bildung
Die liberianische Regierung hat sich verpflichtet, den Betrag pro Kind und Jahr auf 100 US Dollar zu erhöhen. © LEAP

Die Geldgeber des Programms, darunter LGT Venture Philanthropy (VP), stellten von Anfang an sicher, dass die Partnerschaft unter der Bedingung zustande kam, dass die Regierung mehr inländische Mittel für die öffentliche Grundschulbildung in Liberia zur Verfügung stellt. Ziel war es, die Ausgaben um 50 US Dollar pro Schüler und Jahr zu erhöhen. Derzeit gibt die Regierung 50 US Dollar pro Kind und Jahr aus und hat sich verpflichtet, diesen Betrag im Laufe der Zeit auf 100 US Dollar zu erhöhen.  

Das PPP-Modell hat es den öffentlichen Schulen ermöglicht, innovativ zu werden und die Lernergebnisse ihrer Schüler zu optimieren. James Bradley, Geschäftsführer von Rising Academies Liberia, einem der erfolgreichsten Betreiber von LEAP, erklärt das neue System zur Messung des Lernerfolgs der Schüler, das der Anbieter in den letzten zwei Jahren entwickelt und verfeinert hat: Innerhalb von zwei Wochen führt ein Rising Academies Team von 13 Mitarbeitern an jeder ihrer 95 Schulen einen Lerncheck durch. Die Resultate dieser detaillierten Tests sind sehr aufschlussreich: "Sie sagen uns sehr viel darüber, wie eine Schule arbeitet, wie die Schüler bei bestimmten Zielen abschneiden, welche Art von Training die Lehrer brauchen und vieles mehr. Es gibt so viele Faktoren, die die Lernergebnisse beeinflussen, und wir wollen jeden einzelnen von ihnen identifizieren und analysieren." 

Bradley betont, wie wichtig es ist, diese Checks regelmässig durchzuführen, um die Lernergebnisse an jeder einzelnen Schule kontinuierlich zu optimieren. "Es reicht nicht, wenn wir erst am Ende des Jahres grosse Lernlücken bei den Schülern feststellen. Wir wollen einen Weg finden, Informationen schnell und regelmässig zu erheben, um den Unterricht laufend verbessern zu können." Das Bildungsministerium analysiert, welche LEAP-Innovationen die grösste Wirkung und das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis haben, und wählt aus, welcher Mechanismus nicht nur in allen LEAP-Schulen, sondern landesweit in allen öffentlichen Grundschulen eingeführt werden soll. Einige der LEAP-Innovationen, die nun in Liberias öffentlichem Grundschulsystem verankert sind, umfassen eine stärkere Betonung der Geschlechtergleichheit innerhalb der Schulen, Ganztagsunterricht und die Garantie, dass alle Lehrer auf der Gehaltsliste der Regierung stehen.   

LEAP: Ständig testen und verbessern

LEAP ist in den letzten vier Jahren erheblich gewachsen. Heute gibt es 323 LEAP-Schulen in Liberia, verglichen mit 93 zu Beginn des Programms. 65'713 Schüler wurden im Schuljahr 2019-2020 in LEAP-Schulen eingeschrieben; ein erheblicher Anstieg gegenüber den 27'000 im Jahr 2016. 

LEAP
In den besten liberianischen Schulen machen die Schüler doppelt so schnell Fortschritte wie Kinder in vergleichbaren staatlichen Schulen. © LEAP

Im Jahr 2019 führte LEAP eine randomisierte Kontrollstudie (RCT) durch, um die Leistung der einzelnen Betreiber zu testen. Bei den gut abschneidenden Betreibern machten die Schüler doppelt so schnell Fortschritte wie Kinder in vergleichbaren staatlichen Schulen. Kinder, die in LEAP-Schulen eingeschrieben waren, lernten 60% mehr als ihre Altersgenossen in rein staatlichen Einrichtungen. Die Anwesenheit der Schüler war in den LEAP-Schulen weitaus höher als in vergleichbaren öffentlichen Schulen, und die LEAP-Schüler verbrachten jeden Schultag fast eine Stunde mehr mit dem Unterricht als ihre Altersgenossen in anderen Einrichtungen. Die Ergebnisse zeigten auch, dass die Lehrer 73% der Unterrichtszeit den akademischen Fächern widmeten, was mehr ist als die 60% in Vergleichsländern.  

Während die RCT die Stärken einer Untergruppe von Betreibern bestätigte, zeigte sie auch Schwächen in den Methoden bestimmter Betreiber auf, wie beispielsweise Kostenineffizienz und Fälle körperlicher Züchtigung. Zu den Ergebnissen des RCT erklärt Bradley: "Zum Zeitpunkt des RCTs haben wir das vorgegebene Ziel von 100 USD pro Schüler nicht erreicht, da es schwierig war, in einem so kleinen Massstab kosteneffizient zu arbeiten. Jetzt, wo wir 95 Schulen haben – im Vergleich zu den 29 zu Beginn – haben wir dieses Ziel erreicht. Wir brauchten einige Skaleneffekte, um unsere Kosten zu senken."

LEAP
2016 konnte nur eines von fünf Mädchen in der fünften Klasse einen ganzen Satz lesen. © LEAP

Ein weiterer Kritikpunkt am Public-Private-Partnership Modell ist, dass es ein Parallelsystem schafft, ein exklusives Netzwerk von öffentlichen Schulen, das von der breiteren Bildungsstruktur losgelöst ist. Obwohl LEAP-Schulen schulgeldfrei sind und die Lehrergehälter von der Regierung bezahlt werden, argumentieren Kritiker des PPP-Modells, dass dies zu einem Zweiklassensystem führen könnte, in dem nichtstaatliche Schulbetreiber die Zukunft der öffentlichen Bildung bedrohen. Bradley verteidigt das Programm gegen diese Kritiker: "Im Jahr 2016 lag das öffentliche Bildungssystem in Liberia in Trümmern. Es musste etwas radikal Neues passieren, um etwas zu verändern. LEAP holte Spezialisten ins Boot und erlaubte ihnen, innovativ zu sein und zu zeigen, was mit mehr Geldern von philanthropischem Kapital möglich ist. Mit der Zeit hat sich dieser Ansatz als effektiv und erfolgreich erwiesen." 

Einer der grössten Kritikpunkte an dem Programm nach der RCT waren fehlende Schutzprotokolle in den LEAP-Schulen. Seitdem wurden die Massnahmen des Programms – beispielsweise die Sensibilisierung und Schulung von Lehrern und Administratoren, Meldemechanismen bei Verdachtsfällen von Missbrauch und Öffentlichkeitsarbeit – nicht nur in LEAP-Einrichtungen, sondern auch in öffentlichen Schulen ausserhalb von LEAP landesweit angewendet. Eine Befragung von Schulleitern aus 234 LEAP-Schulen im Jahr 2020 ergab, dass 82% über eine Kinderschutzpolitik verfügten und 99% ihren Lehrern eine Schutzschulung angeboten hatten. 

Erfolg trotz Covid-19

Die erfolgreiche und agile Reaktion von LEAP auf die Covid-19-Krise hat die Effektivität des Public-Private-Partnership-Modells unterstrichen und gefestigt. Die Betreiber des LEAP-Programms, die wichtigsten Geldgeber sowie die lokale und nationale Regierung mussten eng zusammenarbeiten, um Lösungen für die Hindernisse zu finden, die die Pandemie mit sich brachte, und so gemeinsam effizienter und effektiver werden. 

Bradley betont, wie wichtig die Partnerschaft zwischen Regierung und Betreibern ist: "Die lokalen Bildungsbeamten sind wirklich in der Lage, Dinge in den Schulen zu verändern – wir haben in den letzten vier Jahren eine enge Beziehung zu ihnen aufgebaut." Nur einen Monat nach Schliessung der Schulen wurden die ersten Lektionen im liberianischen Radio ausgestrahlt, als Teil der TeachByRadio-Fernunterrichtslösung des Programms, die sich als so erfolgreich erwies, dass sie sich als ergänzendes Instrument zum normalen öffentlichen Bildungssystem etabliert hat. 

Bradley unterstreicht die Beteiligung von Rising Academies und anderen Betreibern in Zeiten von Covid-19: "Wir konnten nicht nur durch TeachByRadio zur nationalen Antwort auf die Pandemie beitragen, sondern haben auch sehr viel Energie darauf verwendet, in den Gemeinden präsent zu sein, die Schulen zu besuchen, mit Eltern, Schulleitern und Gemeindevorstehern zu sprechen, Home Study Packs zu liefern und Materialien für Hygienemassnahmen bereitzustellen." Während der Pandemie hat LEAP bewiesen, wie wichtig sie als nationaler Partner des Bildungsministeriums sind. 

Venture Philanthropy: Mehr als finanzielle Unterstützung

Seit dem Beginn ihres Engagements im Jahr 2017 ist LGT VP einer der Hauptförderer von LEAP. Die Stiftung hat das Programm mit 5,3 Mio. USD an Spenden ausgestattet. Mit diesen Summen hat LGT VP Betriebskosten, Covid-Massnahmen, unabhängige Folgenabschätzungen und ein professionelles Fondsmanagement finanziert. Als einer der ersten und grössten Geldgeber übernahm LGT VP schon früh im Programm eine Führungsrolle, indem sie die Zusammenarbeit der Stakeholder erleichterte, die Kommunikation zwischen den Betreibern verbesserte und die Fundraising-Bemühungen des Programms vorantrieb. 

Bradley sagt zur Arbeit mit LGT VP: "Sie haben uns nicht nur finanziell unterstützt, sondern waren auch ein wichtiger Freund und Denkpartner, der uns in den richtigen Momenten die schwierigen Fragen stellte." Tom Kagerer, Investment Director bei LGT VP, fügt hinzu, dass der Mehrwert der Stiftung für das Programm in ihrer Verbindung zu einem breiteren Publikum liegt: "Zu Beginn des Programms dominierten die Kritiker die Konversation, und unser Engagement half, die öffentliche Wahrnehmung von LEAP zu verändern. Durch die Unterstützung von LEAP konnten wir einen systemischen Wandel in Liberia bewirken. Mit unserem Engagement wollen wir genügend Grösse, Sichtbarkeit, Kosteneffizienz und Evidenz schaffen, damit grössere bi- und multilaterale Geldgeber wie USAID, die EU und die Weltbank auf das Programm aufmerksam werden und es zu einem nachhaltiger finanzierten Programm machen." 

LGT VP hat kürzlich beschlossen, dem Programm weitere 2 Mio. USD zur Verfügung zu stellen. LEAP nutzte das Geld, um 9% zu expandieren, von 297 auf 323 Schulen. Dieses Wachstum unterstützt den Plan des Bildungsministeriums, 500 von LEAP geführte Bildungseinrichtungen im Land zu etablieren. Letztendlich möchte LGT VP LEAP dabei helfen, von einem philanthropisch finanzierten Programm zu einem "Payment by Result"-Finanzierungsmechanismus mit einer grösseren Organisation wie USAID überzugehen. 

Seit 2016 hat das Engagement von Rising Academies die Schule in Malema verändert. Die Schülerzahlen haben sich mehr als verdoppelt und die körperliche Züchtigung wurde vollständig abgeschafft. Die Wasser- und Sanitäranlagen wurden vollständig modernisiert, und in den Klassenzimmern gibt es genügend Stühle und Lernmaterialien für jeden einzelnen Schüler. Der Schultag geht jetzt bis 15 Uhr, damit die Kinder ausreichend Zeit zum Lernen haben. Acht kompetente Lehrer gehen durch die Flure der Schule und wecken in ihren Schülern die Freude an und den Durst nach Wissen.

Philanthropisches Engagement

LGT Venture Philanthropy (LGT VP) ist eine unabhängige gemeinnützige Stiftung. Ihr Ziel ist es, die Lebensqualität benachteiligter Menschen nachhaltig zu verbessern, und einen Beitrag zu gesunden Ökosystemen sowie zu widerstandsfähigen, florierenden und sozial integrativen Gemeinschaften zu leisten. LGT VP stellt Organisationen mit effektiven, innovativen und skalierbaren Lösungen für soziale und ökologische Herausforderungen philanthropisches Kapital zur Verfügung und trägt so direkt zu den «Sustainable Development Goals» der UN bei. Die Stiftung unterstützt in erster Linie Organisationen mit Sitz in Schwellenländern, die sich auf Sektoren mit positiver Wirkung konzentrieren, darunter Bildung, Gesundheit und Umwelt.

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