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Gegen Energiearmut: Solarlicht für Subsahara-Afrika

19. Mai 2021

Lesezeit: 8 Minuten

von Eloise von der Schulenbrug, LGT Venture Philanthropy

M KOPA

Um Licht zu Hause zu haben, geben 110 Millionen Haushalte in Afrika einen Viertel ihres Tageslohns für ineffizientes und ungesundes Kerosin und Batterien aus. Das Sozialunternehmen M-KOPA hilft diesen Menschen – und macht dabei auch noch Gewinn. Wie ist das überhaupt möglich?

Ländliche, einkommensschwache Verbraucher mit unsteten Einkommensströmen stellen 63 Prozent – fast zwei Drittel – der Bevölkerung in Subsahara-Afrika. Sie können sich kaum Grundnahrungsmittel leisten, geben aber bis zu 70 Prozent ihres Einkommens für ineffiziente, minderwertige Produkte aus – wie Kerosin als Lichtquelle. 

Etwa 110 Millionen Haushalte in Afrika sind von Kerosin abhängig, trotz der schlechten Lichtqualität und der Gesundheitsrisiken, die von den Rauchgasen entstehen. Diese Bevölkerung gibt in der Regel 50 Cent pro Tag für Kerosin und Batterien für kleine Geräte aus, was 25 Prozent des Tageslohns von zwei bis drei US-Dollar entspricht. 

Wie kann man 110 Millionen Haushalten helfen, sich Strom leisten zu können – Strom, der auch bei einem Lohn von zwei Dollar pro Tag erschwinglich ist?

Die überraschende Antwort: Mit Solarenergie.  

Solarenergie für die ärmsten Gemeinden

"Wir sind in einer einzigartigen Position", sagt Jesse Moore, CEO von M-KOPA. "Wir sind in der Lage, einkommensschwachen Menschen ohne konventionelle Kredithistorie nicht nur ihre Kreditwürdigkeit nachzuweisen, sondern ihnen auch den Zugang zu lebensverbessernden Geräten zu ermöglichen – und zwar auf erschwingliche und nachhaltige Weise." M-KOPA ist ein Asset-Finanzierungsunternehmen, das 2011 von Mr. Moore, Nick Hughes und Chad Larson gegründet wurde. Es will möglichst vielen Menschen in Schwellenländern den Zugang zu sauberer Energie und finanzieller Inklusion verschaffen.

M KOPA
Die Grundausstattung eines M-KOPA-Solar-Systems: zwei Glühbirnen, eine Taschenlampe und ein Radio.

Das Unternehmen verkauft "Solar Household Systems" und andere Produkte wie Fernseher und Smartphones in Kenia, Uganda und Nigeria. Die Haushalte in den entlegensten Winkeln dieser Länder erreicht M-KOPA durch ein innovatives "Pay As You Go"-Modell. Der Zahlungsmechanismus erlaubt es einkommensschwachen Verbrauchern, einen Teil des ganzen Preises für ein Solarsystem im Voraus zu bezahlen und dann tägliche Kleinstbeträge mit ihrem Mobiltelefon zu zahlen, um den Restbetrag zu begleichen. Nach einem Jahr Ratenzahlung für die Anlage – die ärmsten Kunden von M-KOPA haben die Möglichkeit, sich länger Zeit zu lassen und den Restbetrag in ihrem eigenen Tempo abzuzahlen – besitzen die Kunden nicht nur die Anlage, sondern haben auch eine wichtige und oft lebensverändernde Kredithistorie aufgebaut.

Die nachhaltige Energiequelle ist durchaus erschwinglich: Die Kunden von M-KOPA zahlen weniger als die durchschnittlichen zwei bis drei Dollar pro Tag für ein Solarsystem. Ausserdem liefert das "Solar Household System" eine höhere Lichtqualität, was Kerosin und Batterien überflüssig macht und die Gesundheit der Konsumenten verbessert, da die schädlichen Rauchgase wegfallen. Nach einem Jahr mit Kleinstbeträgen von etwa 45 Cent pro Tag über eine Handy-App gehört ihnen ihre hochwertige Solaranlage vollständig. Das bedeutet für jeden Verbraucher eine Ersparnis von bis zu 650 US-Dollar im Laufe von fünf Jahren – oder eine Gesamtersparnis von etwa 428 Millionen US-Dollar für den derzeitigen Kundenstamm von über einer Million Verbrauchern. 

M KOPA
Abends zieht Faith Papei Saltaban im Licht der solarbetriebenen Lampe Perlen auf und stellt Massai-Schmuck her, ein wichtiges zusätzliches Einkommen der Familie.

Nach einem Jahr wird Kunden, die zuverlässig die täglichen Mikrozahlungen geleistet haben und somit über eine solide Kredithistorie verfügen, ein Upgrade-Paket mit Kreditverlängerungen angeboten, das den Kauf eines zusätzlichen Geräts, wie etwa eines Kühlschranks oder Fernsehers, ermöglicht. Kunden mit einer schwächeren Kredithistorie können ebenfalls ein Upgrade erhalten, müssen aber eine kleine Anzahlung leisten. Seit kurzem verkauft M-KOPA neben den Solaranlagen auch Smartphones, um das grosse Hindernis für wirtschaftliche Entwicklung, die der fehlende Internetzugang darstellt, abzubauen – dies für rund 30 US-Dollar im Voraus und etwa 50 Cent pro Tag für ein Jahr. 

Energiearmut in Schwellenländern

Oliver Karius, Partner bei LGT Venture Philanthropy und ein früher Investor und ehemaliges Vorstandsmitglied von M-KOPA, erklärt seinen Gedankengang zu Beginn seines Engagements bei dem Unternehmen: "Vor zehn Jahren haben wir nach Lösungen für das Problem der Energiearmut in Schwellenländern gesucht. Wir fragten uns: Liegt das Problem in der mangelnden Verfügbarkeit der richtigen Art von Energie, oder liegt es daran, dass die richtige Art von Energie vorhanden ist, aber die Menschen einfach keinen Zugang dazu haben? M-KOPA lieferte eine Antwort und eine Lösung auf beide Fragen." 

Karius fügt hinzu, dass die innovative und skalierbare Natur ihres Modells das Unternehmen so überzeugend machte: "Was uns an M-KOPA gefiel, war eine Kombination von Faktoren. Die Verknüpfung der Zahlungen mit dem eigentlichen Asset und die Möglichkeit, dass der Kunde letztendlich Eigentümer des Assets wird, ist für die Leute sehr attraktiv. Die Upgrade-Funktion des Produkts schafft zusätzlichen Wert, indem sie Peripheriegeräte wie eine Lampe, ein Radio oder einen Fernseher zum Kunden bringt. Man bekommt also nicht nur Licht, sondern auch all diese anderen Dienste. Und ihr Geschäftsmodell wurde mit einem Mobiltelefon verknüpft, was eine weitaus höhere Effizienz ermöglicht und auch Kundenservices bietet."

Wie funktioniert das Mikrofinanzierungsmodell von M-KOPA?

Das mobile Mikrofinanzmodell von M-KOPA basiert auf dem mobilen Geldtransferdienst, der von dem kenianischen Unternehmen M-PESA, das Nick Hughes ebenfalls mitbegründet hat, ins Leben gerufen wurde. Heute wird etwa ein Drittel der wirtschaftlichen Aktivitäten in Kenia über Mobiltelefone abgewickelt. 

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Emilie Auma Otieno mit ihrem Sohn Lourance vor ihrer Hütte im Slum Kawangare.

Der technologische Sprung von M-PESA durch den mobilen Zahlungsverkehr hat nicht nur das Geschäftsmodell von M-KOPA effizienter gemacht, sondern dem Unternehmen auch eine stärkere finanzielle Eingliederung seines Kundenstamms ermöglicht. Moore erklärt: "Unsere Arbeit ist sehr datengetrieben, und eine der stärksten Möglichkeiten, wie wir die Daten nutzen konnten, bezieht sich auf die Kreditwürdigkeit unserer Kunden. Viele unserer Kunden haben kein Kreditrating, weil sie kein Bankkonto haben. Wenn ein Kunde zuverlässig seine täglichen Zahlungen an uns geleistet hat, übermitteln wir seine Kreditwürdigkeitswerte an das Kenya Credit Reference Bureau (CRB)." Durch die Zusammenarbeit mit dem CRB hat M-KOPA mehr als einer halben Million Kunden geholfen, eine Kredithistorie aufzubauen und ihre Kreditwürdigkeit zu beweisen, so dass sie grössere Kredite von traditionellen Finanzinstituten erhalten können. 

Wie erfolgreich ist M-KOPA?

Seit seiner Gründung im Jahr 2011 hat M-KOPA ein starkes Wachstum erlebt. Im Jahr 2011 hatte das Unternehmen einen Vertrag über den Verkauf von 500 Solarmodulen abgeschlossen; bis 2021 hatte es mehr als eine Million Solareinheiten und über 300'000 Smartphones verkauft und damit Millionen von Menschen in Kenia, Uganda und Nigeria mit sofort verfügbarer, erschwinglicher und sauberer Energie versorgt und dabei den Kohlenstoffausstoss reduziert. Bis 2019 hat das Unternehmen durch die Reduzierung des Kerosinverbrauchs die Emission von zwei Millionen Tonnen CO2 und Russ verhindert und damit die Gesundheit seiner Kunden verbessert – und damit einen Beitrag zur Verlangsamung der globalen Erwärmung geleistet.  

M KOPA
Mike Saltaban hat das Radio angemacht, das zur Grundausstattung des M-KOPA Solar-Systems gehört.

Das Unternehmen beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter und hat über 5000 provisionsbasierte "Direct Sales Representatives" (DSRs) eingestellt, die für die Umsetzung des Geschäftsmodells von M-KOPA entscheidend sind. Moore betont: "Die Vertreter, die unsere Produkte in einkommensschwachen und ländlichen Teilen Ostafrikas und nun auch Nigerias verkaufen, sind der Schlüssel zu unserem Erfolg vor Ort. Indem sie unsere Solarsysteme an ihre Freunde und Familien verkaufen, validieren sie unser Produkt und erweitern unser Business. Im Gegenzug erhalten sie von uns ein gutes Einkommen."

Wie hat die Pandemie die Arbeit von M-KOPA verändert?

Die Covid-19-Pandemie hat den Bedarf an Produkten von M-KOPA weiter beschleunigt. Moore weist darauf hin, dass "die Covid-Pandemie die Bedeutung unserer Produkte unterstreicht, da die Leute mehr Zeit zu Hause verbringen. In Ostafrika verliessen viele Menschen die Städte und zogen aufs Land. Infolgedessen sahen wir einen grossen Nachfrageschub nach Solarstromsystemen sowie nach Smartphones für Konnektivität, Bildung und Gesundheitsinformationen." 

Moore betont auch, dass sich das Unternehmen um seine Mitarbeiter gekümmert hat: "Vom ersten Tag der Pandemie an hatten die Gesundheit, die Sicherheit und der Schutz unserer Mitarbeiter für uns oberste Priorität. Die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter sammelten Geld, das dann vom Unternehmen verdoppelt wurde, um einen Covid-Hilfsfonds in Höhe von 300'000 US-Dollar für unsere 5000 kommissionsbasierten DSRs einzurichten. Wir haben keine Arbeitsplätze gestrichen, wir haben keine Gehälter gekürzt, und tatsächlich haben wir unsere Beschäftigung um etwa 15 Prozent erhöht und 177 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen." 

Wie arbeitet M-KOPA mit Venture-Philanthropen zusammen?

Seit 2012 ist LGT VP ein führender Aktionär und eine wichtige Stimme im Vorstand von M-KOPA. Moore verdeutlicht die Bedeutung von Geldgebern wie LGT VP für die Durchführung ihrer Arbeit: "Eine der grössten Herausforderungen für uns war es, hohe Wirkung und hohe finanzielle Renditen in Einklang zu bringen. Die Zusammenarbeit mit LGT VP und anderen Investoren hat es uns ermöglicht, eine langfristige Vision zu verfolgen und herauszufinden, wie wir unsere sozialen und ökologischen Ziele mit unseren kommerziellen Zielen in Einklang bringen können." 

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Das Innovative an M-KOPA Solar ist die Verbindung mehrerer Erfindungen zu einem erschwinglichen Solarsystem.

Der CEO von M-KOPA unterstreicht die Bedeutung der Beziehung zu Karius: "Wenn man eine unternehmerische Reise durchläuft, so wie wir es in den letzten zehn Jahren getan haben, wird es Höhen und Tiefen geben, und es ist entscheidend, dass die Menschen, die in dein Unternehmen investieren und die in deinem Vorstand sitzen, auf deiner Seite sind. Oliver ist jemand, der immer die besten Interessen unseres Unternehmens im Auge hatte, und ich denke, unsere Partnerschaft ist über die Jahre zu einer Freundschaft geworden." 

Karius hebt den Wert hervor, den LGT VP dem Unternehmen in seiner Wachstumsphase hinzufügen konnte: "Auf der Finanzierungsseite haben wir ihnen eine flexible Finanzierung in Form von Eigen- und Fremdkapital zur Verfügung gestellt. Wir halfen ihnen, Wissens- und Fähigkeitslücken durch den Einsatz von sieben LGT Impact Fellows zu schliessen." Die LGT Bank legte auch zwei Schuldverschreibungen auf, um Betriebskapital für das Unternehmen zu beschaffen. In dieser Phase ist M-KOPA in das Portfolio von Lightrock übergegangen, da das Unternehmen für seine Scale-up-Pläne grössere Finanzierungsbeträge benötigte. Shakir Merali, Partner bei der Impact-Investing-Plattform Lightrock, einer Tochtergesellschaft der LGT, ist ebenfalls in den Vorstand von M-KOPA eingetreten. "Von unserer Arbeit mit Oliver und Shakir bis hin zum Interesse, das LGT VP Gründer und LGT CEO Prince Max von Beginn weg an unserem Unternehmen gezeigt hat, haben wir uns von LGT unglaublich unterstützt gefühlt", bekräftigt Moore.

Was sind die Pläne von M-KOPA für die Zukunft?

Bis 2030 will M-KOPA den Ausstoss von 30 Millionen Tonnen CO2 verhindern und 233 Millionen US-Dollar an Krediten für Haushalte in Subsahara-Afrika freisetzen. Jesse Moore ist zuversichtlich, dass das Unternehmen sein gesundes Wachstum und seine Fortschritte fortsetzen wird und plant, in neue Märkte in ganz Afrika zu expandieren. 

"Wir haben fast neun Jahre gebraucht, um eine Million Kunden zu erreichen – doch bis Ende dieses Jahres sind wir auf dem besten Weg, zwei Millionen zu erreichen. In der nächsten Dekade wollen wir zehn Millionen Kunden erreichen und in den nächsten fünf Jahren unsere Märkte von drei auf sechs verdoppeln." Aber er unterbricht seine robusten Prognosen, um zu warnen, dass eine solche Expansion nicht überstürzt werden kann: "Wir haben gelernt, dass ein grossartiges Produkt und Modell nicht bedeutet, dass die Expansion in andere Länder einfach sein wird. Wir werden uns mit der Expansion Zeit lassen, um die Ausführung richtig hinzubekommen." 

Bilder: Siegfried Modola

Lebensqualität verbessern

Soziale und ökologische Probleme können die Ursache für politische Konflikte und enorme wirtschaftliche und moralische Herausforderungen sein. Eine Vielzahl von Menschen hat Schwierigkeiten, Zugang zu grundlegenden Produkten und Dienstleistungen zu erhalten, die ihre Grundbedürfnisse stillen – wie medizischen Versorgnung, Bildung oder Energieversorgung. Die Stiftung LGT Venture Philanthropy will die Lebensqualität benachteiligter Menschen nachhaltig verbessern, indem sie Organisationen wie M-KOPA Solar unterstützt. 

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