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John Elkington über die Zukunft nachhaltiger Unternehmen

10. Juni 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Haig Simonian, Gastautor

John Elkington

John Elkington, Unternehmer und Erfinder der Triple Bottom Line, setzt sich seit über dreissig Jahren für nachhaltige Unternehmen ein. Heute sieht er der Zukunft vorsichtig optimistisch entgegen – trotz Klimawandel. Warum, verrät er im Gespräch.

Es ist ein zutiefst besorgter, aber vorsichtig optimistischer John Elkington, der im Vorfeld der diesjährigen COP26-Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow über die Zukunft unseres Planeten sinniert. 

Als Pionier der Nachhaltigkeit prägte Elkington Mitte der 1990er Jahre das Konzept der "Triple Bottom Line" –  Unternehmen sollten über den unmittelbaren Profit hinausdenken und auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigen. Fast von Kindesbeinen an hat der heute 71-jährige Autor, Berater und altgediente Aktivist unermüdlich daran gearbeitet, Unternehmen und Konsumenten für die Auswirkungen ihres Handelns auf den Planeten zu sensibilisieren.

Extinction Rebellion
Klimawandel als Chance: "Unsere Spezies leistet manchmal die beste Arbeit, wenn sie in die Ecke gedrängt wird." © KEYSTONE/EPA/WILL OLIVER

"Ich bin ein geborener Optimist. Aber ich denke, wir sind jetzt an einem kritischen Punkt – es besteht eine echte Chance, dass wir alles vermasseln. Aber ich bin optimistisch, dass unsere Spezies manchmal ihre beste Arbeit leistet, wenn sie in die Ecke gedrängt wird", sagt er im Interview mit MAG/NET.  

"In diesem Sinne sind die Bedingungen jetzt richtig für eine neue industrielle Revolution", sagt er. "Schauen Sie sich nur die riesigen Summen an, die die Europäische Union und noch mehr die Biden-Regierung in den USA jetzt für grüne, dekarbonisierte und sozial integrative "New Deals" bereitstellen. Ich bin ungemein zuversichtlich, dass die Regierungen herausfinden können, wie sie diese beispiellosen Mittel auf die richtige Weise ausgeben können."

Elkington, der im Laufe der Jahre eng mit Nichtregierungsorganisationen wie dem World Wildlife Fund (WWF) und Greenpeace zusammengearbeitet hat, zieht einen gewissen Trost aus dem wachsenden Bewusstsein für Konzepte wie Corporate Social Responsibility und ESG Kriterien (Environment, Social und Governance). Er freut sich darüber, dass das, was einst als Thema am Rande abgetan wurde, heute fast zum Mainstream geworden ist. "Es gab eine Zeit, in der uns die "Top-Leute" grosser Firmen nicht einmal durch die Eingangstür hereinlassen wollten", erinnert er sich. "Gott sei Dank sind viele von ihnen jetzt weg – und die nächste Generation von Führungskräften denkt, ja, ist anders."

Familienunternehmen denken langfristig

"Aber ich bin schon lange genug dabei, um zu wissen, welche Trends mit der Zeit verschwinden. Im Fall von ESG gibt es eine Menge Fonds, die auf den Zug aufspringen. Trotzdem ist das ein wichtiges Sprungbrett. Die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit an den Geldmärkten – und der stärkere Aktivismus, den einige grosse institutionelle Investoren in Bezug auf die globale Erwärmung und die Menschenrechte an den Tag legen – muss gefördert werden." 

Familienunternehmen Nachhaltigkeit
"Familienbesitz führt dazu, dass sich die Menschen mehr um die Zukunft kümmern."

Elkington ist überzeugt, dass Familienunternehmen eine besondere Rolle spielen. Abgesehen von ihrer – oft unterschätzten – Bedeutung in der Weltwirtschaft, können sie auch auf nationaler Ebene entscheidend sein. In Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Beispiel sind unternehmerische Familienbetriebe das Rückgrat der Wirtschaft. 

Dass viele solcher Unternehmen langfristig denken, sei nicht umsonst ein Klischee, sagt er. "Das ist oft die Realität. Familienbesitz führt dazu, dass sich die Menschen mehr um die Zukunft kümmern. Familieneigentümer sind stolz auf ihren Namen und ihren Ruf, also steht eine grössere emotionale Investition auf dem Spiel."  

"Ich bin schockiert"

"Ich schätze zwar, dass viel getan wurde, aber wir müssen der harten Realität ins Auge schauen: Wir haben nicht annähernd genug erreicht", so Elkington. "Künftige Generationen werden uns nicht so leicht verzeihen, dass wir ihr Erbe in Flammen aufgehen lassen. Das erinnert an den Zweiten Weltkrieg. Niemand kann jetzt behaupten, nicht zu wissen, was passiert – die Frage ist jetzt, was wir dagegen tun."   

Klimawandel
"Ich fürchte, wir steuern auf eine sehr, sehr schwierige Zeit zu." © KEYSTONE/NATURE PICTURE LIBRARY/OLE JORGEN LIODDEN

Fühlt er sich bestätigt, dass so viele der heutigen Politiker und Vorstandsvorsitzenden sich über Umwelt- und andere Nachhaltigkeitsthemen Gedanken machen?  "Ich fühle mich nicht wirklich bestätigt, denn in der Zeit, in der ich mich mit all diesen Themen beschäftigt habe, haben sich die Dinge dramatisch verschlechtert. Ich fürchte, wir steuern auf eine sehr, sehr schwierige Zeit zu, und zu sagen, wir haben es ja gesagt, hilft niemandem." 

Eine ebenso grosse Bedrohung wie die globale Erwärmung und die damit verbundenen Herausforderungen seien die rückgehende Artenvielfalt, sowohl an Land als auch in den Ozeanen. "Seit 1970 haben wir etwa zwei Drittel der Wildtiere verloren. Wie könnte ich mich bestätigt fühlen? Die Wahrheit ist: Ich bin schockiert. Die Frage ist nun, wie wir die kritischen Systeme, von denen unsere Zukunft abhängt, regenerieren können."  

Von Grünen Konsumenten zu Grünen Schwänen

Trotz seiner kämpferischen Worte hat Elkington mit der Feder gekämpft, nicht mit dem Schwert. Als Autor oder Mitautor von 20 Büchern zu Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Governance-Themen – darunter der eine Million Mal verkaufte "Green Consumer Guide" von 1980 sowie unzählige Artikel – hat er, wann immer möglich, Diplomatie bevorzugt und den Wandel von innen heraus gefördert. 

Seine vielen, heute noch existierenden Start-ups, angefangen mit Environmental Data Services im Jahr 1978, über SustainAbility im Jahr 1983 und dann Volans Ventures ab 2008, haben viele der bekanntesten Marken der Welt beraten. "Ich hatte das grosse Glück, mit der Umweltbewegung aufzuwachsen und die moderne Nachhaltigkeitsbewegung mitzugründen", sagt er. "Ich hatte auch das Glück, dass ich mich weit vor den meisten Mitstreitern entschieden habe, die Wirtschaft miteinzubeziehen."   

John Elkington
Elkingtons Bestseller von 1989 untersucht den Einfluss von umweltbewussten Konsumenten auf Lebensmittelhersteller. © John Elkington

"Manche werden annehmen, dass ich milder geworden bin. Dem ist nicht so. Wenn überhaupt, dann bin ich sogar noch beunruhigter geworden. Aber ich habe die Wirtschaft immer als Schlüssel zur Lösung unserer grössten Herausforderungen gesehen. Mein Ansatz war es, als positives trojanisches Pferd zu agieren, das in Unternehmen eingeladen wird, um sie zu beraten, und dann die Saat für echte Veränderungen zu legen." 

Eine Entwicklung, die ihn ganz klar ermutigt, ist das grosse Engagement so vieler junger Menschen auf der ganzen Welt, die Alarm schlagen. "Die jüngere Generation ist jetzt der Schlüssel zum Erfolg", sagt er. "Wir können diesen Schlamassel nicht einfach in ihrem Schoss abladen, das hier ist eine generationsübergreifende Herausforderung, bei der wir uns alle engagieren müssen. Aber die Hauptlast wird jetzt auf die Jugend fallen. Wir müssen alles tun, was wir können, um sie vorzubereiten und zu unterstützen."

Und was ist mit Greta Thunberg? "Wir haben äusserst viel Glück, jemanden zu haben, der so engagiert ist – und die Leute begeistert", sagt er. Elkington, der als Schuljunge 1961 Geld für den entstehenden WWF sammelte, spricht nicht nur bewundernd von Gretas Engagement, ihrer Besorgnis und ihrem trockenen Humor, sondern er lobt auch ihr Bewusstsein, dass Politik eine dunkle Seite haben kann. 

"Ich habe an Schulstreiks für das Klima teilgenommen. Was für eine wunderbare Energie! Und einer der wichtigsten Proteste der Extinction Rebellion war gerade in der Nähe unserer Londoner Büros. Ich habe mit einigen Teilnehmern gesprochen, und man konnte ihre Wut und Frustration spüren. Wenn wir nicht vorsichtig sind, könnte das in echte Gewalt umschlagen, denke ich. Greta war ausserordentlich effektiv darin, einiges dieser Energie abzulenken, aber es wäre verrückt zu erwarten, dass dieser Topf ewig köcheln wird."  

Grüner Schwan
Ein Grüner Schwan erzeugt exponentiellen Fortschritt in Form von wirtschaftlichem, sozialem und ökologischem Wohlstand. © volans.com

Besteht dennoch die Gefahr einer "Greta-Müdigkeit" – dass wir irgendwann genug haben von engagierten und wortgewandten Jugendlichen, die ihre Eltern für ihre Umweltsünden anprangern?  "Das ist sicherlich ein Risiko. Alle Lobbygruppen und Pläne für Veränderungen haben eine bestimmte Haltbarkeitsdauer. Es gibt nur eine bestimmte Zeitspanne, während der man die Aufmerksamkeit der Leute halten kann. Die Menschen können nur eine Zeit lang besorgt und empört sein." 

Was Elkington aber beruhigt, ist, dass so viele Erwachsene inzwischen auch die Risiken des Klimawandels verstehen. Oft liegt das daran, dass immer mehr von ihnen direkte Erfahrungen mit Wetterkapriolen, Naturkatastrophen oder anderen ökologischen Anomalien gemacht haben. "Sie können sehen, dass es jetzt passiert, überall um uns herum. Die "Exponential Twenties" werden eine Zeit der Besorgnis, aber auch der Taten." 

Auf der anderen Seite sieht Elkington wachsende Beweise für das, was er als "grüne Schwäne" bezeichnet. Diese sind inspiriert von der Theorie des "Black Swan", dem Bestseller von Nassim Nicholas Taleb aus dem Jahr 2007, in dem der Autor die extremen negativen Auswirkungen von seltenen und unvorhersehbaren Ereignissen aufzeigt.

Elkingtons Grüne Schwäne hingegen sind ähnlich seltene und unvorhersehbare Ereignisse, die aber das Potenzial haben, uns in die Richtung zu führen, in die wir jetzt gehen müssen. Ein Grüner Schwan, erklärt er, liefert exponentiellen Fortschritt in Form von wirtschaftlichem, sozialem und ökologischem Wohlstand. Der Aufstieg des Elektroautoherstellers Tesla ist ein solches Beispiel, meint er; ein Durchbruch basierend auf einem Konzept, das von den etablierten und viel grösseren Unternehmen lange verworfen wurde.  

Climate justice
Immer mehr Unternehmer wollen Teil einer regenerativen Wirtschaft werden.

"Wir haben jetzt unsere beste und letzte Chance, diese immensen Herausforderungen in einige der grössten Marktchancen von morgen zu verwandeln", sagt er. "Jede Art von Unternehmen wird davon betroffen sein, einige werden sich entscheiden, auf der Welle des Wandels zu reiten – und andere werden auf dem Weg dorthin ausgelöscht. Familienunternehmen haben im Bereich des Grünen Schwans ein enormes Potenzial, da sie längerfristig denken, planen und investieren können. Und meiner Erfahrung nach ist es das, was die nächste Generation von Eigentümern will. Das ist ihre Zukunft – und immer mehr von ihnen wollen Teil der regenerativen Wirtschaft werden."  

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