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Macht Kapitalismus unglücklich?

7. Dezember 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Marc Lustenberger, Gastautor

Kapitalismus Glück

Unsere Wirtschaft wächst, glücklicher macht uns das nicht. Liegt das am Kapitalismus? Ein Gespräch mit Ökonom Mathias Binswanger. 

Die Wirtschaft wächst stetig, unser Wohlstand nimmt zu. Und doch scheint das unserer Welt nicht gut zu tun. Was läuft falsch?
Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das wir als kapitalistisch bezeichnen, ohne dies wertend zu meinen. Es ist im 19. Jahrhundert entstanden, ist grundsätzlich auf Wachstum ausgerichtet und funktioniert auch nur mit dieser Bedingung zufriedenstellend. Es hat viele Menschen aus der Armut geführt und zu materiellem Wohlstand gebracht. Aber in den vergangenen Jahrzehnten erkennen wir vor allem in hochentwickelten Ländern, dass diese Entwicklung mit Kollateralschäden verbunden ist und die Menschen im Durchschnitt nicht mehr glücklicher macht. Insbesondere die Umwelt leidet darunter. Somit müssen wir uns auch ökonomisch die Frage nach dem Sinn dieses Tuns stellen.

Griechenland Rezession Europa
Griechenland: Mehrjährige Rezessionen brennen Land und Leute aus. © Ros Drinkwater / Alamy

In Ihrem aktuellen Buch erläutern Sie, dass unser Wirtschaftssystem zum Wachstum gezwungen sei. Können Sie das kurz erklären?
Wir leben in einer Geldwirtschaft. Das heisst: Unternehmen müssen Gewinn erzielen, um langfristig überleben zu können. Schreibt ein Unternehmen hingegen mehrere Jahre hintereinander Verluste, muss es seine Türen schliessen und scheidet aus der Wirtschaft aus. Ein solcher Konkurs kann auch andere Unternehmen in Nöte bringen, weil sie dadurch Kunden verlieren – entweder direkt oder weil die entlassenen Mitarbeiter ihren Konsum einschränken müssen. Dieses Prinzip gilt auch auf makroökonomischer Ebene. Wenn das Wachstum fehlt, kommt das ganze Wirtschaftssystem aus dem Takt. Es gibt keine Stabilität, solange es nicht stetig wenigstens ein bisschen aufwärts geht. Wir haben am Beispiel Griechenland gesehen, welch enorme Belastung eine mehrjährige Rezession für Land und Leute bedeutet.

Smartphone Konsum
Bei Smartphones wird die "psychologische Schrottreife" beschleunigt. © Alamy

Was genau sind die wichtigsten Treiber des Wachstums?
Es ist ein Zusammenspiel von ganz verschiedenen Faktoren, die den Kapitalismus ausmachen. Die Unternehmen müssen insgesamt mehr Geld einnehmen als sie ausgegeben. Das funktioniert, weil der Wirtschaft über Bankkredite Jahr für Jahr Geld zufliesst, um weitere Investitionen zu finanzieren. Die Unternehmen müssen sich aber gleichzeitig im Wettbewerb behaupten. Dieser zwingt sie, permanent besser zu werden und neue Produkte zu produzieren. Auf der anderen Seite haben wir die Konsumenten, die stetig neue Wünsche befriedigen wollen. Allerdings sind die Bedürfnisse heute weitgehend gesättigt. Dennoch müssen neue Produkte und Märkte entwickelt werden und dazu müssen neue Bedürfnisse geweckt werden. Zum Beispiel versucht man die sogenannte «psychologische Schrottreife» zu beschleunigen wie etwa bei Smartphones. Es kommt jedes Jahr ein neues Modell auf den Markt, welches möglichst viele neue Funktionen hat, welche das Vorgängermodell nicht hatte. Dadurch wird das Vorgängermodell schon nach einem Jahr entwertet und im «Idealfall» kaufen die Konsumenten jedes Jahr ein neues Modell.  

Ist es überhaupt möglich, ewig weiter zu wachsen? Fehlen uns nicht irgendwann die Rohstoffe oder sogar die Ideen dazu?
Diese Frage hat sich in der Geschichte immer wieder gestellt. Wir können das Wachstum des BIP sicher bis zu einem gewissen Grad vom Ressourcenverbrauch und den C02-Emmissionen entkoppeln. In Ländern wie der Schweiz ist das einfacher, weil wir viele energieintensive Produkte aus dem Ausland importieren. Irgendwann werden wir aber an Grenzen stossen, weil Rohstoffe und andere Faktoren limitierend wirken. Bis heute haben wir diese Grenzen aber noch nicht erreicht.

Tomas Malthus Karl Marx
Nicht nur Tomas Robert Malthus und Karl Marx sagten das Ende des Kapitalismus voraus. © Alamy

Es gab immer wieder Ökonomen, die ein baldiges Ende des Wachstums verkündeten. Liegen sie alle falsch?
Unser kapitalistisches System hat eine unheimliche Fähigkeit, die Grenzen in die Zukunft zu verschieben. Darum sind alle Untergangs-Propheten immer falsch gelegen. Der britische Ökonom Tomas Robert Malthus behauptete etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dass die Nahrungsmittelproduktion schon bald nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum mithalten könnte. Er sollte sich ebenso täuschen wie einige Jahrzehnte später Karl Marx. Letzterer stellte in seinen Büchern die These auf, dass die Arbeiter durch das Kapital ausgebeutet würden und daher zwangsläufig dagegen revoltieren werden. Er hat nicht vorhergesehen, dass die Arbeiterschaft von dieser Entwicklung profitieren und sie mittragen wird. 

In den vergangenen Jahrzehnten sind die Löhne und damit der Wohlstand stark angestiegen. Macht das die Gesellschaft glücklicher?  
In hochentwickelten Ländern gibt es schon lange keinen Zusammenhang mehr zwischen dem durchschnittlichen Glücksempfinden der Menschen und dem durchschnittlichen Einkommen. Dank dem Wirtschaftswachstum bleibt aber die Arbeitslosigkeit tief. Und somit gibt es doch einen indirekten Zusammenhang zwischen Wachstum und Glück, denn Arbeitslosigkeit ist der statistische signifikanteste Unglücksfaktor im Leben der Menschen. 

Aber für den einzelnen Menschen ist ein höherer Lohn doch positiv.
Mehr Einkommen macht nicht automatisch glücklicher. Menschen haben die Tendenz, sich mit ihrer Umgebung zu vergleichen. Sie wollen reicher, erfolgreicher und mächtiger sein als ihre Nachbarn, Verwandte und frühere Klassenkollegen. Deshalb kaufen sie sich Statussymbole wie teure Autos, Yachten oder Luxusuhren. Weil dies aber alle versuchen, ist es am Schluss ein Nullsummenspiel und führt zur sogenannten Statustretmühle. So sehr man sich auch bemüht: nicht alle können immer mehr haben als alle andern.

Klima Konsum Flug
"Durch Eingriffe ins Preissystem kann der umweltschädliche Konsum verringert werden." © Alamy

Gibt es Möglichkeiten, wie wir Wachstum nachhaltiger gestalten könnten? 
Das gibt es und das findet auch statt. Durch Eingriffe ins Preissystem kann der umweltschädliche Konsum verringert werden. Das lässt sich relativ einfach umsetzen und die Wirtschaft somit ökologischer und nachhaltiger gestalten. Ein Beispiel dafür ist die CO2-Abgabe auf Flugbillette, die einen Beitrag zu einer grüneren Wirtschaft leistet. Allerdings entsteht auch hier ein Dilemma, weil ein ganzer Wirtschafszweig darunter leidet. Wegen den höheren Preisen geht die Nachfrage nach Flügen zurück. Im schlimmsten Fall muss der Staat einspringen, um die Branche zu stützen.  

Sie schreiben, es gäbe keine Harmonie zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit. Aber wir sehen doch, wie laufend neue Unternehmen entstehen, die nachhaltigere Produkte auf den Markt bringen. 
Ich warne vor zu viel Harmonieeuphorie. Oft sind dies nicht mehr als gute Marketinggeschichten. Denn letztendlich führen all diese grünen Produkte wie Elektroautos am Schluss zu mehr Konsum, zu mehr Fahrten und somit zu mehr Ressourcenverbrauch. Dieser sogenannte Rebound-Effekt kommt dadurch zustande, dass Effizienzerhöhungen bestimmte, an Energieverbrauch gekoppelte Dienstleistungen wie Autofahren oder Raumwärme verbilligen, was dann eine Zunahme der Nachfrage bewirkt. Am Schluss geht es auch bei diesen neuen Technologien für die beteiligten Unternehmen darum, Wachstum zu erzielen und Gewinn zu machen.  

Mathias Binswanger
"Es braucht nicht immer den maximalen Profit", so Mathias Binswanger. © FHNW/Binswanger

Wenn mehr Wachstum zu viel ist und weniger zu wenig: Was ist dann der Ausweg?
Ein erster sinnvoller Schritt ist es, ein moderateres Wachstum anzustreben. Es braucht nicht immer den maximalen Profit. Dies nimmt Druck aus dem System und minimiert die Risiken der einzelnen Marktakteure. Dazu müssten wir von den unrealistischen Renditeerwartungen wegkommen, die gerade in den Finanzmärkten immer noch vorherrschen. Unternehmen, die an der Börse kotiert sind, stehen diesbezüglich unter enormem Druck. Ein CEO, der seine Wachstumsziele nicht erreicht, wird sofort ersetzt. Ein Unternehmen mit einem tiefen Kurs wird zum Übernahmekandidaten. Es würde sich daher lohnen, über Reformen der Aktiengesellschaften nachzudenken. Eine andere Möglichkeit wäre es, vermehrt auf Genossenschaften zu setzen. Dieses Unternehmensmodell hat in der Schweiz und in Deutschland eine lange Tradition und hat sich trotz vereinzelter Fehlentwicklungen als sehr beständig erwiesen.

Mattias Binswanger Wachstumszwang

Über Mathias Binswanger

Mathias Binswanger ist Ökonom und Querdenker. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makro- und Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen.

Seine Artikel und Thesen stossen europaweit auf Interesse. Mit seinem Buch «Die Tretmühlen des Glücks» (2006) machte er sich einen Namen als Erforscher des Zusammenhangs zwischen Einkommen und Wohlbefinden.

Sein neustes Buch heisst «Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben.» Darin beschäftigt er sich mit der Frage, ob eine nachhaltige Wirtschaft mit weniger Konsum überhaupt möglich ist. 

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