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Nachhaltigkeit im Blut: Botschafterin der Ozeane

18. Dezember 2020

Lesezeit: 15 Minuten

von Michael Neubauer, Gastautor

Celine Cousteau

Wie schon ihr Grossvater und ihr Vater kämpft Céline Cousteau für Nachhaltigkeit und die Umwelt, bedrohte Völker und saubere Ozeane.

Vorsichtig steigt Céline Cousteau die steile Holztreppe in den ersten Stock des Turms hinauf. In dem kleinen runden Zimmer mit seiner Steinwand entschuldigt sie sich für den Staub auf den Möbeln. Ein Holzdelfin ist auf dem schmalen Schreibtisch gestrandet. Daneben liegt ein Stapel mit Drehbüchern ihres Vaters Jean-Michel. Cousteau stösst die metallenen Fensterläden auf und blickt in die Ferne auf das Mittelmeer. «Hier kann ich wunderbar konzentriert arbeiten», sagt sie. 

Dann zieht sie unter dem Schreibtisch einen alten Atemregler hervor, den ihr berühmter Grossvater, der Meeresforscher und Kapitän Jacques-Yves Cousteau, einst beim Tauchen benutzt hat. Sie legt die Antiquität beiseite und zeigt auf zwei schwarze Festplatten. Darauf sind die Filmaufnahmen von drei Expeditionen in die Region Vale do Javari im brasilianischen Bundesstaat Amazonas gespeichert. 

Obwohl Céline ausgedehnte Reisen gewöhnt ist, bleibt sie in diesem Jahr der Pandemie – wie alle andere auch – zu Hause. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, über unsere Beziehung zum Planeten nachzudenken", sagt sie; insbesondere darüber, wie verbunden wir mit der Natur sind. "Was anderen Menschen am anderen Ende der Welt passiert, passiert plötzlich auch uns. Wir denken immer noch oft, dass wir von der Natur getrennt existieren, aber die Pandemie erinnert uns daran, dass wir Teil von ihr sind." 

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Immer nahe dem Meer: Das Familienheim in Sanary-sur-Mer. © Christian Breitler

Nun heisst es: durchatmen in Sanary-sur-Mer. Früher verbrachte Céline sechs Monate im Jahr – ihre Winter und Sommer – in einer idyllischen Kleinstadt mit 16,000 Einwohnern, die am französischen Mittelmeer zwischen Marseille und Toulon liegt. Die andere Hälfte des Jahres verbrachte sie nördlich von New York im Hudson Valley. Im Jahr 2019 beschloss Cousteau jedoch, die USA zu verlassen und in ihre erste Heimat und zu ihren Wurzeln zurückzukehren; zurück nach Frankreich. Dort lebt sie seit Beginn der Pandemie. 

Im Wohnzimmer sinkt sie in das braune Sofa vor der breiten Fensterfront. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, die vor allem ihre Grossmutter zeigen. «Das hier ist mein Lieblingsfoto von meinen Grosseltern», sagt sie. Es zeigt Jacques-Yves Cousteau in Marineuniform mit Ehefrau Simone im Badeanzug, beide rauchen Zigarette. Neben ihnen stehen die Söhne Jean-Michel und Philippe-Pierre, der 1979 bei einem Unfall ums Leben kam, sowie ein Cousin der beiden. «Hier im Wohnzimmer gaben sie oft Feste, denn nach Kriegsende war die Freude gross», erzählt Céline. Das Haus hat sich seither kaum verändert. Hinter einer Afrika-Landkarte verbirgt sich noch heute die Wandeinlassung, in die ihr Grossvater immer den Projektor stellte, wenn er Gästen seine Dokumentarfilme zeigte, die ihn so berühmt machten. 

Im Dienst des Meeres

Célines Grossmutter benannte das Haus einst nach einem afrikanischen Baum. Es beherbergt nun schon die dritte Generation der Cousteaus. Ein Name, in dem heute immer noch Ozeanabenteuer, Meeresrauschen und Umweltengagement mitschwingen. Célines Grossvater, Jacques-Yves Cousteau (1910–1997), der Meeresforscher und TV-Star, hatte sich hier in Sanary mit dem Haus einen Traum erfüllt. Sein Erkennungszeichen war die rote Wollmütze, die er in den sechziger und siebziger Jahren in der legendären Fernsehserie «Geheimnisse des Meeres» trug –natürlich auf seiner «Calypso», einem ausgemusterten britischen Minenräumschiff, das er zur Forschungsstation aufgerüstet hatte. 

Der ehemalige Korvettenkapitän und Miterfinder des 1945 patentierten Atemreglers CG 45 «Aqua Lung» brachte einem Millionenpublikum mit mehr als 100 Filmen und Dutzenden Büchern die Unterwasserwelt nahe. Und er kämpfte gegen die Verschmutzung und Ausbeutung der Meere. Célines Vater Jean-Michel setzt dessen Werk fort als Meeresforscher, Umweltschützer, Filmproduzent und Gründer der Ocean Futures Society, welche die Menschen sensibilisieren will für die Bedeutung der Meere. Er lebt im kalifornischen Santa Barbara. Auch Célines Bruder Fabien dreht Filme und engagiert sich von New York aus für den Schutz der Meere. Und Célines Mutter Anne-Marie war als Fotografin oft mit auf Forschungsreisen. 

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Céline Cousteau in ihrem Element. © Capkin van Alphen

Ein Familienunternehmen im Dienst der Ozeane also. Doch Célines Lebenslauf lässt vermuten, sie hätte sich zunächst von diesem Erbe ihrer Familie emanzipieren wollen. 1972 in Kalifornien geboren, aufgewachsen in Frankreich und den USA, studierte sie zunächst Psychologie, machte einen Master in internationalem und interkulturellem Management, lernte das Goldschmiedehandwerk, ging für ein Praktikum nach Costa Rica, wo sie anschliessend noch als Reiseleiterin arbeitete. «Meine Eltern liessen mich machen, wozu ich Lust hatte», sagt sie. 

Doch als sie Jahre später bei ihrem Vater mitarbeitete, etwa für die TV-Dokumentar-Serie «Ocean Adventures» (2006–2009), kehrte ihre Leidenschaft für die Ozeane zurück. Cousteau gründet 2012 CauseCentric Productions, womit sie die Stimmen der Einheimischen des Amazonas in die Welt hinaustragen will. Sie setzt sich für bedrohte Völker, den Schutz des Amazonas und der Regenwälder ein. «Ich will die Menschen inspirieren, damit sie sich verbunden fühlen mit dem, was auf dem Planeten passiert.» CauseCentric unterstützt mit Filmen und Fotos auch kleinere Umweltorganisationen und deren Anliegen. 

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"Ich will die Menschen inspirieren." © Capkin van Alphen

Bei der Klimakonferenz in Paris vor ein paar Jahren sitzen auf einem der vielen Podien Mitglieder von indigenen Stämmen aus den USA und Kanada und kritisieren die Zerstörung ihres Lebensumfeldes, die Verschmutzung von Flüssen und den Gletscherschwund. Politiker diskutieren über den Smog in Peking und die Umweltpolitik Chinas. Dann kündigt der Moderator Céline Cousteau für das Schlusswort an.

Cousteau schreitet auf die Bühne. Auf der Leinwand hinter ihr sind Fotos zu sehen, die sie kommentiert: wie sie beim Tauchen fotografiert, von Pinguinen in der Antarktis, von Walen. Sie schwärmt davon, in der Nähe dieser Tiere zu tauchen. Man fühle sich ganz klein, «aber auch sehr lebendig und voller Respekt». Walgesänge seien die schönsten Einschlaflieder, die man sich vorstellen könne. 

Cousteaus Auftritte mit ihren Kurzfilmen und Fotos führen die Zuschauer an weit entfernte Orte. Auch hier in Paris betrachten sie gebannt die Naturaufnahmen. Eine Filmsequenz zeigt einen jungen Buckelwal, dessen Schwanzflosse sich in einem 250 Kilogramm schweren Fischfangnetz eines vermutlich illegalen Kutters verfangen hat und schwer verletzt ist. Für eine Serie von zwölf Dokumentarfilmen für das chilenische Fernsehen tauchte Cousteau mit einem Team gerade vor dem Archipel Juan Fernández, als sie auf dem Funkgerät den Hilferuf eines Fischers hörten. Er hatte den Wal in Not ganz in der Nähe entdeckt. Das Team beschloss zu helfen. Ein Taucher durchtrennte mit einem Messer Faden für Faden, Céline filmte. Nach zwei Stunden war der Wal befreit. Wären die Taucher nicht gewesen, das Tier wäre wohl verendet. 

«Wir Menschen verletzen, beschädigen, zerstören immer wieder unsere Umwelt, aber wir sind auch befähigt, Mut zu zeigen und Dinge zu verändern», sagt Cousteau und fügt hinzu: «Veränderung beginnt im Herzen.» Die Zuschauer sind gerührt. Cousteau, die fliessend Englisch, Französisch und Spanisch spricht, fühlt sich auf der Bühne wohl. Eine Geschichtenerzählerin sei sie, ein Lautsprecher für andere. «Ich will denen Gehör verschaffen, die Tag für Tag für die Umwelt kämpfen, aber anders als ich keine Bühne für ihr Anliegen bekommen.» 

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"Es geht ums Überleben." Cousteau setzt sich für die Ureinwohner des Amazonas ein. © Capkin van Alphen

Dieser Wagemut verbindet sie nicht nur mit der Natur, sondern auch mit den Rechten der Ureinwohner: Fünf Stämme aus der Region Vale do Javari im Amazonas baten sie, einen Dokumentarfilm über sie zu drehen: über ihre Kultur, ihr Wissen über den Regenwald, ihren Alltag, ihre Bedrohung von aussen. Das Javari-Tal gilt als Region mit der weltweit grössten Anzahl von Menschen, die noch nie Kontakt mit der Aussenwelt hatten. Schon als Kind war Cousteau in den frühen achtziger Jahren mit ihrem Grossvater im Amazonas unterwegs. Nun will Céline der indigenen Bevölkerung helfen, indem sie ihre Lebensweise und ihre Nöte bekannt macht. Denn illegale Holzfäller, Fischer, Gold- und Erdölsucher oder Drogenschmuggler bedrohen ihre Existenz, auch durch eingeschleppte Krankheiten. «Es geht ums Überleben.»

Ihr unabhängig produzierter Dokumentarfilm "Tribes on the Edge" soll im nächsten Jahr vertrieben werden und unterstützt das The Javari Project, das Projekte zur Unterstützung der indigenen Völker dieses Gebietes initiiert. Céline hat Programme ins Leben gerufen, die das Wohlergehen und die Selbstverwaltung der Menschen unterstützen und die Biodiversität des Javari-Tals analysieren. 

Engagement für die Umwelt

Für ihr Umweltengagement zieht sie viele Register. Cousteau war Mitglied des Ozeanrats für das Weltwirtschaftsforum in Davos vor vier Jahren. Auch als Sprecherin und Botschafterin für Unternehmen versucht sie, ihr Anliegen voranzutreiben: Ob sie als Guest Designerin für Swarovski tätig ist – einem Unternehmen, das bei der energieaufwendigen Produktion von geschliffenem Kristallglas beispielsweise an seinem Standort in Tirol auf Wasserkraft setzt –, Auftritte für den (Outdoor-) Schuhhersteller Keen Footwear absolvierte oder über die TreadRight Foundation der Unternehmensgruppe The Travel Corporation für Nachhaltigkeit beim Reisen wirbt: «Wir alle sind Konsumenten und Käufer», sagt sie.

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Céline Cousteau in Canary sur Mer. © Christian Breitler

Es gehe ihr um den Zugang zu den Kunden und Mitarbeitern von Unternehmen. Für die Kosmetikfirma La Prairie war sie sieben Jahre lang als Markenbotschafterin unterwegs, weil sie eine Creme unterstützen wollte. Für diese gewinnt das Unternehmen die nötigen Inhaltsstoffe aus Meerespflanzen, die an Land in einer kontrollierten Meerwasserumgebung gezüchtet werden. So wird das sensible Ökosystem der Ozeane nicht gefährdet. 

Das Meer ist heute friedlich. Cousteau lacht, wenn man sie darauf anspricht, dass das französische Wort für Wasser – eau – Teil ihres Namens ist. Ja, Wasser sei Teil ihrer Biografie. «Aber auch, wer das Wasser nicht im Namen führt: Wir alle sind damit verbunden.»

Inspirierende Persönlichkeiten für mehr Nachhaltigkeit

Dieser Artikel wurde erstmals im Kundenmagazin CREDO veröffentlicht.

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