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So verbessern Sie Ihre interkulturelle Kompetenz

26. Juli 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Dr. Christa Uehlinger, Gastautorin

Kultur Business

Kulturelle Missverständnisse schaden dem Zusammenhalt, dem Wohlbefinden und dem Business. So können Sie die eigene interkulturelle Kompetenz fördern und Ihren Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen reflektieren und verbessern.

Interkulturelle Kompetenz ist in aller Munde. Menschen sollten im heutigen globalen Umfeld fähig sein, auf den kulturellen Anderen einzugehen, problemlos zu kooperieren und die Vielfalt zu nutzen – so der Wunsch. Auch Sie arbeiten wahrscheinlich mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen zusammen und haben schon einige Erfahrungen gemacht.

Darf ich Sie auf ein Experiment einladen?

Interkulturelle Kompetenz

Führen Sie sich eine interkulturelle Geschäftssituation vor Augen, die für Sie herausfordernd war. Machen Sie sich zu folgenden Fragen Notizen:

  • Wie ist diese Situation abgelaufen?
  • Wie sind Sie vorgegangen?
  • Was hat Sie irritiert?
  • Wie fühlten Sie sich dabei?
  • Wie haben Sie reagiert?

Eine meiner ersten Situationen, in denen mir kulturelle Unterschiede im Nachhinein bewusst wurden, war die folgende: Ich arbeitete nach dem Studium in London. Eines Tages beschloss ich, meine Lieblingspfefferminz zu kaufen. So betrat ich einen Kiosk. Es war ein langer, düsterer Raum. Weit hinten stand ein Mann hinter der Auslage und begrüsste mich mit: «Hello, love? What can I do for you, love?» Ich war irritiert. Weshalb nannte mich dieser fremde Mann, den ich noch nie gesehen hatte, love? Das fand ich komisch und ein wenig unheimlich. Ich wurde vorsichtig, kaufte meine Pfefferminz und verliess so schnell wie möglich den Kiosk.

Interkulturelle Kommunikation: Achtung, Clash

Solche Momente von kulturellen «Clash» geschehen jeden Tag und überall – auch in Geschäftssituationen. Doch werden sie zu wenig beachtet oder erst gar nicht erkannt, obwohl sie ein Potenzial zum Erfolg in sich bergen. Bei genauerem Hinschauen geschehen sie, weil die involvierten Personen sich verhalten, wie sie es sich in ihrer eigenen Lebenswelt gewohnt sind – so, wie sie sozialisiert sind. Beide begegnen sich grundsätzlich in bester Absicht und wohlüberlegt, doch trotzdem entstehen Missverständnisse. Es kommt zu sogenannten «gut gemeinten Zusammenstössen» (well-meaning clashes), welche Konsequenzen haben: Von blockierter Zusammenarbeit bis hin zu finanziellen Folgen. In solchen Situationen werden wir mit Andersartigkeit konfrontiert und nehmen sie eher als Herausforderung oder Problem, denn als Chance war.

Christa Uehlinger
Christa Uehlinger ist überzeugt: Interkulturell zu arbeiten, bedeutet, produktiver und innovativer zu werden. Wenn man einige Hürden überwindet. © Christa Uehlinger

So hatte ein multikulturelles Team bestehend aus Mitgliedern aus USA und der Schweiz den Auftrag, eine Marktanalyse zu machen. Plötzlich blockierte die Zusammenarbeit, weil sie sich gegenseitig als «ineffizient» wahrnahmen. Die Amerikaner sagten, ihre Schweizer Kollegen würden zu detailliert und zu langfristig planen. Das sei ineffizient, weil man ja nie wisse, was komme. Die Schweizer fanden, ihre amerikanischen Teammitglieder würden sich an nichts halten und alles immer wieder abändern. Das sei «ineffizient». Hätten sie nicht innegehalten und hingeschaut, um was es kulturell geht, hätten sie weiter agiert, wie üblich. Damit hätten sie die Chance nicht erkannt, produktiver und innovativer zu werden sowie den Auftrag erfolgreich abzuschliessen.

Wer in der kulturübergreifenden Zusammenarbeit bewusster und proaktiv vorgehen und die sich bietenden Chancen nutzen möchte, braucht interkulturelle Kompetenz. Sie ist die Basis für das effektive und angemessene Handeln, wenn sich kulturell unterschiedliche Menschen zielführend begegnen und zusammenarbeiten wollen.  

Was bedeutet interkulturelle Kompetenz?

Interkulturelle Kompetenz ist eine Sozialkompetenz, die befähigt, mit Menschen aus anderen Kulturen wertschätzend, achtsam und reflektiert interagieren und kommunizieren zu können. Interkulturelle Kompetenz erfordert ein Zusammenspiel von Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen. Wissen bezieht sich auf Kenntnisse und Bewusstsein zur eigenen Kultur, aber auch Grundlagen in interkultureller Kommunikation. Fähigkeiten sind verhaltensorientiert. Als wesentlich gelten aktives Zuhören, Beobachten, Selbstreflexion, Empathie und Kommunikationsfähigkeiten. Schliesslich werden Einstellungen als essenziell für den Erwerb und die Entwicklung interkultureller Kompetenz betrachtet. Dazu gehören Respekt, Offenheit, Neugier, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Ambiguität.

Interkulturelle Kompetenz ist nichts Angeborenes

Viele setzen internationale Erfahrung mit interkultureller Kompetenz gleich. Das ist weit gefehlt. Weder interkulturelle Erfahrung noch Sprachkenntnisse allein reichen aus, um interkulturell kompetenter zu werden. Es gibt keine Garantie, dass vermehrte interkulturelle Kontakte tatsächlich auch zu mehr Verständnis für andere Kulturen führen.

Interkulturell
Haben Sie internationale Erfahrungen gesammelt? Das bedeutet nicht, dass Sie auch interkulturell kompetent sind.

Denn in einer interkulturellen Situation wird jeder Mensch in seiner Komfortzone herausgefordert, was unangenehm sein kann und auch emotionale Reaktionen auslöst. Das, was in der eigenen Lebenswelt Gültigkeit hat, gilt nicht mehr. Man ist mit Ungewissheit und Unsicherheit konfrontiert. Sich interkulturelle Kompetenz anzueignen erfordert, sich auf das Unbekannte einzulassen, das eigene Vorgehen zu reflektieren und sich an den kulturellen Anderen anzugleichen. Das ist weder einfach noch selbstverständlich. Jeder Mensch reagiert in solchen Situationen anders.

Im geschilderten Kioskbeispiel verstand ich dazumal nicht, weshalb ich als «love» angesprochen wurde. Denn in meiner Welt musste man dafür jemanden gut kennen. Ich war in meiner Komfortzone herausgefordert, reagierte und verliess den Laden. In diesem Moment liess ich mich nicht auf das Unbekannte ein. Erst später lernte ich, dass eine solche Begrüssung normal war.

Interkulturelle Kompetenz ist ein lebenslanger Lernprozess

Das Institute for the future hält in seinem Bericht fest: «Managing culture and diversity will become a core competency over the next decade.» Wer diese Chance nutzen will, ist gut beraten, die eigene interkulturelle Kompetenz zu stärken. Dies geschieht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein lebenslanger Lernprozess, der bei sich beginnt.

Interkulturell
"Jeder interkulturelle Entwicklungsprozess ist einzigartig."

Es gibt keinen definitiven Punkt, an dem man interkulturell kompetent ist. Wer ja zur interkulturellen Kompetenz sagt, sagt ja, sich auf einen persönlichen Entwicklungsprozess einzulassen, der auch Selbstreflexion erfordert, um aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Auf dieser Entdeckungsreise beginnt man nachzuvollziehen, wie sich das eigene Denken, Verhalten und Handeln in interkulturellen Interaktionen auswirkt und lernt, mit anderen Weltanschauungen konstruktiv umzugehen. Wichtig dabei sind auch die emotionalen Reaktionen. Sie erlauben wertvolle Erkenntnisse zur eigenen Kultur und dem eigenen Umgang mit Fremden.

Jeder interkulturelle Entwicklungsprozess ist einzigartig. Je nach persönlichen Erfahrungen und Kontext ist er gezeichnet durch Rück- und Fortschritte sowie Stagnation. DEN Weg, interkulturelle Kompetenz zu entwickeln, gibt es nicht. Daher kann sie auch nicht über ein eintägiges Seminar oder ein einstündiges Webinar erlangt werden, sondern erfordert ein prozessorientiertes Vorgehen. Alles andere hat wenig Sinn und ist oftmals Geld zum Fenster herausgeworfen.

Wie steht es um Ihre interkulturelle Kompetenz?

Schauen Sie sich nun Ihre Antworten nochmals an. Was war kulturell an dieser Situation? Wie haben Sie reagiert? Was erkennen Sie? Würden Sie spontan sagen, Sie hätten interkulturell kompetent gehandelt?

Falls Sie an Ihrer interkulturellen Kompetenz arbeiten möchten, empfiehlt sich Folgendes:

  • Machen Sie ein interkulturelles Assessment und stellen Sie fest, wie es um Ihre eigene interkulturelle Kompetenz steht.
  • Eignen Sie sich die Grundlagen interkultureller Kommunikation an, damit Sie bewusster in kulturübergreifenden Situationen agieren können.
  • Werden Sie sich der eigenen kulturellen Prägung und wie sie sich im Businessalltag zeigt bewusster. Denn was man weiss, mit dem kann man umgehen.
  • Stärken Sie die für die interkulturelle Kompetenz notwendigen Skills.
  • Halten Sie ab und zu inne und reflektieren Sie über Ihre interkulturellen Erfahrungen im Geschäftsalltag. Mit jeder Erkenntnis sind Sie ein Schritt weiter.

Miteinander verschieden sein – Interkulturelle Kompetenz als Schlüssel zur global vernetzten Welt

Was geschieht genau, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen? Wie reagiert der/die Einzelne auf etwas, das anders und somit fremd ist? Dr. Christa Uehlingers Buch "Miteinander verschieden sein" beleuchtet folgende Aspekte:

  • Was ist Kultur? Wie wirkt sie sich auf die Zusammenarbeit aus?
  • Was ist interkulturelle Kompetenz und welche Modelle gibt es?
  • Welche Hilfsmittel gibt es, um im Alltag interkulturell kompetenter zu handeln?
  • Welche Handlungsoptionen hat man in interkulturellen Situationen?
  • Was muss bei multikulturellen Teams besonders beachtet werden?

Wenn man lernt, mit der Ungewissheit umzugehen und sich auf die Menschen und die Situation einzulassen, wird die Begegnung der Kulturen bereichernd für alle.

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