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Was Sie über Netto Null wissen sollen

2. März 2022

Lesezeit: 10 Minuten

von Mathias Plüss, Journalist

Climeworks

Alle sprechen über Netto Null – doch wer weiss, was es genau bedeutet? Was ist der Unterschied zu klimaneutral? Und welche Methode zur CO2-Reduktion hat die Nase vorn?

Zahlreiche Firmen haben sich «Netto Null» zum Ziel gesetzt. Was ist damit gemeint?

«Netto Null» bezeichnet ein Gleichgewicht: Der Atmosphäre werden nur so viele Treibhausgase zugeführt, wie ihr gleichzeitig auch wieder entzogen werden können. Mit dem Abkommen von Paris hat sich die Menschheit nicht nur zu einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad verpflichtet, sondern auch zu netto null Emissionen ab 2050. Von diesem Zeitpunkt an trügen die Menschen also nicht weiter zum Klimawandel bei – die Temperatur würde sich stabilisieren. Für Unternehmen bedeutet ein Netto-Null-Ziel, ein Gleichgewicht zwischen Ausstoss und Beseitigen von Treibhausgasen für die gesamte Firmentätigkeit anzustreben.

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In diesem Clip zeigt das Schweizer Pionierunternehmen Climeworks, wie es CO2 aus der Atmosphäre entfernt.

Dann bedeutet «Netto Null» also dasselbe wie «klimaneutral»?

Jein. «Klimaneutral» ist ein schwammiger Begriff, mit dem viel Schindluderei getrieben wird. Im heutigen Wirtschaftssystem lässt sich praktisch nichts herstellen, ohne dass dafür direkt oder indirekt fossile Energie verbraucht wird. Im Gegensatz zu «klimaneutral» bezieht sich «netto null» richtigerweise nie auf ein Einzelprodukt, sondern immer nur auf eine Firma oder Körperschaft als Ganzes.

Weil eine einheitliche Definition von «klimaneutral» fehlt, tut man gut daran, auf das Kleingedruckte zu schauen. So manches Unternehmen, das Klimaneutralität anstrebt oder schon erreicht haben will, meint damit bloss die direkten Emissionen. Häufig sind aber die indirekten Emissionen viel grösser, die beispielsweise in der vorgelagerten Lieferkette oder durch den Konsum der erzeugten Produkte entstehen. Ein Dienstleistungsunternehmen wie eine Bank etwa kann die direkten Emissionen relativ leicht reduzieren, indem sie im eigenen Fuhrpark und beim Energiekonsum auf fossile Technologien verzichtet. Viel schwieriger und gleichzeitig viel wichtiger ist es aber, das Klima auch bei den Investitionen zu schonen. Bei «Netto Null» sind diese indirekten Emissionen zu Recht immer mitgemeint. Mit anderen Worten, eine Bank ist erst dann im Einklang mit «Netto Null», wenn es auch ihr Portfolio ist.

Ein weiterer gewichtiger Unterschied zwischen «klimaneutral» und «Netto Null» besteht in der Frage, welche Massnahmen zur Kompensation der verbleibenden Emissionen erlaubt sind.

Climeworks Island
In Island wird die Zukunft des Planeten mitgeschrieben: Die Climeworks-Anlagen helfen bei der Erreichung der Netto-Null-Ziele. © Keystone/Arni Saeberg/Climeworks

Welche Kompensationsmassnahmen gibt es?

Vermutlich ist es einigen Firmen auch in absehbarer Zukunft nicht möglich, ihre Emissionen komplett auf null herunterzufahren. Um den Rest auszugleichen, gibt es zwei Arten von Kompensationen: Das Vermeiden («offsetting») und das Entfernen («removal») von Treibhausgasen anderswo auf der Welt. In beiden Fällen zahlt die Firma Geld dafür, dass jemand anders die Reduktion vollbringt. Für das globale Klima spielt es keine Rolle, wo genau eine Einsparung geschieht.

Hingegen kommt es sehr darauf an, welche Art von Kompensation man wählt. Das Vermeiden ist die einfachere, aber leider nicht mehr ganz ausreichende Form. Das bezahlte Geld dient dabei etwa dazu, Windräder zu bauen, die ihrerseits mithelfen, Kohlestrom zu ersetzen. So werden künftige Emissionen vermieden. Das ist zwar fürs Klima nützlich, ändert aber nichts daran, dass die kompensierende Firma netto Treibhausgase ausgestossen hat. Und das ist ein Problem, denn jede Tonne CO2 in der Atmosphäre heizt das Klima an. Das Netto-Null-Ziel lässt sich so nicht erreichen. Firmen, die sich als «klimaneutral» bezeichnen, wählen aber häufig just solche Vermeidungsmassnahmen. Für «netto null» hingegen ist nur die zweite Art von Kompensationsmassnahmen erlaubt. Denn einzig das Entfernen garantiert, dass die Klimabilanz wirklich ausgeglichen ist und das globale CO2-Budget nicht belastet wird.

Wie lässt sich CO2 aus der Atmosphäre entfernen?

Es gibt zwei verschiedene Ansätze, einen natürlichen und einen technischen. Die bekannteste und beliebteste natürliche Methode ist das Aufforsten. Wälder sind grosse CO2-Speicher. Ein wachsender Wald nimmt netto Kohlendioxid auf und entzieht es so der Atmosphäre. Zahlreiche Initiativen kümmern sich rund um die Welt um Aufforstungs-Projekte und bieten Zertifikate an für Firmen, die ihre Emissionen so kompensieren wollen. 

Eine weitere natürliche Methode ist das Ausbringen von Pflanzenkohle in Böden und Äckern. Beim Verkohlen wird nur wenig CO2 freigesetzt, der Kohlenstoff verbleibt grösstenteils in der Pfalzenkohle. Gerät er in die Erde, bleibt er dort lange gespeichert und macht den Boden erst noch fruchtbarer. Es gibt auch den Ansatz, die Humusschicht zu vergrössern, was ebenfalls CO2 bindet – man spricht dabei von «regenerativer Landwirtschaft».

Carbon Air Capture
Technische Methoden entfernen das CO2 maschinell aus der Luft und speichern es dauerhaft. © Climeworks

Bei den technischen Methoden wird das CO2 maschinell aus der Luft entfernt und anschliessend dauerhaft gespeichert. Dies geschieht durch freistehende Anlagen  aus der Umgebungsluft.

Es ist auch eine Abscheidung direkt am Kamin bei Industriebetrieben möglich, jedoch sind solche Abscheidungen keine Negativemissionen, sondern Emissionsreduktionen.

Welche Methode hat die Nase vorn?

Im Moment geschieht die CO2-Entfernung aus der Atmosphäre fast ausschliesslich durch Aufforsten. Die Methode ist einfach und günstig. Aber sie hat einen Haken, denn ihr Potenzial ist beschränkt: Es gibt nicht beliebig viel geeignetes Land für neue Wälder. Ein Nachteil ist auch, dass die Aufnahme des Kohlendioxids durch die Bäume Jahrzehnte dauert, während der zu kompensierende Ausstoss heute geschieht – da wird das Netto-Null-Prinzip zumindest geritzt. Der LGT Nachhaltigkeitsexperte Peter Segmüller nennt ein weiteres Problem: Allzu oft entstünden Industriewälder und Monokulturen. «Gute Projekte nehmen Rücksicht auf die lokale Bevölkerung und auf die Biodiversität – das muss Hand in Hand gehen», sagt er. Wie nützlich weitere natürliche Methoden wie die Pflanzenkohle künftig sein werden, lässt sich derzeit noch nicht abschliessend einschätzen.

Peter Segmüller
Climeworks habe die sicherste Technologie, sagt LGT Nachhaltigkeitsexperte Peter Segmüller.

Wie gut funktioniert die technische CO2-Entfernung?

Es gibt erst wenige Anlagen, und die meisten haben experimentellen Charakter. Das vielleicht interessanteste Projekt ist jenes der Schweizer Firma Climeworks, die in Island eine Pilotanlage gebaut hat, um CO2 direkt der Umgebungsluft zu entziehen. Die LGT hat mit Climeworks einen zehnjährigen Vertrag abgeschlossen, um ihre Emissionen zu kompensieren. Dieses Projekt ist das erste im künftigen Portfolio von technischen und natürlichen Lösungen zur Entfernung von CO2, mit der die LGT das firmeninterne Ziel «Netto Null bis 2030» erreichen will.

«Aus unserer Sicht hat Climeworks die sicherste Technologie», sagt Peter Segmüller. «Das CO2 wird dabei im Gestein mineralisiert und kann nicht mehr entweichen. Speichert man es hingegen in Gasform, besteht immer die Gefahr von Lecks.»

Im Gegensatz zu den natürlichen Methoden sind die Mengen bei den technischen Lösungen prinzipiell nicht limitiert. «Das Potenzial ist sehr gross», sagt Segmüller. «Aus technischer Sicht spricht nichts gegen eine starke Skalierung, zumal nun viel Geld von Firmen und Staaten in die Entwicklung fliesst.» Ein Nachteil könnte allerdings sein, dass allein das Wissen um eine technische Lösung dazu führt, dass die Bemühungen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen nachlassen.

Wieso sollen Firmen überhaupt noch Emissionsminderung betreiben, wenn sich doch eine technische Lösung abzeichnet?

Man muss sich einfach die Grössenverhältnisse vor Augen führen. Mit der Pilotanlage in Island kann Climeworks der Atmosphäre jährlich etwa 4000 Tonnen CO2 entziehen. Das ist ein winziger Bruchteil der heutigen globalen Emissionen. Kommt hinzu, dass das Verfahren derzeit noch enorm teuer ist. Selbst wenn nun eine galoppierende Skalierung einsetzt, wird es noch viele Jahre dauern, bis die entfernten Mengen wirklich einschenken. Das Klimaproblem ist aber vor allem ein Zeitproblem – die Emissionen müssen jetzt möglichst rasch sinken, wenn wir den Klimawandel in Schranken halten wollen. Es bleibt dabei: Die Firmen müssen ihren Ausstoss senken, so stark es nur geht. Das CO2-Entfernen sollte reserviert bleiben zur Kompensation für jene Emissionen, die sich so rasch nicht reduzieren lassen, etwa in der Landwirtschaft, im Flugverkehr und bei der Zementherstellung.

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