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Familienunternehmen Lobmeyr: So geht Tradition und Innovation

18. Januar 2021

Lesezeit: 8 Minuten

von Klaus Rathje, Gastautor

Lobmeyr

Lobmeyr ist eine Weltmarke mit fast 200-jähriger Tradition. Kronleuchter aus dem Österreicher Familienunternehmen haben immer wieder Designgeschichte geschrieben. Wie man es schafft, diesen Erfolg nahtlos weiterzuführen, erklärt Andreas Rath, der das Unternehmen zusammen mit seinen Cousins in sechster Generation führt. 

Herr Rath, seit 2000 sind Sie einer der Geschäftsführer von Lobmeyr. Was sind Ihre persönlichen Highlights aus der Firmenhistorie?
Das sind Entwürfe von unserem Grossvater wie die Luster für die Metropolitan Opera in New York und seine Becherserie aus den 50er-Jahren, für den er den deutschen Staatspreis für Design bekommen hat. Das sind sicherlich Highlights, aber es ist für uns auch ein Highlight, wenn wir einen Kronleuchter restaurieren – wie etwa im Stadtpalais Liechtenstein in Wien –, der dann wieder in altem Glanz erstrahlt und die Kunden glücklich sind. Für unsere Handwerker ist das auch großartig, denn sie haben eine Arbeit, die sie wirklich ausfüllt, sodass sie zufrieden am Abend nach Hause gehen. 

Sie sind in eine Unternehmerfamilie hineingeboren worden, aber wann war Ihnen klar, dass Sie bereit dazu sind, die Geschäftsführung zu übernehmen?
Das Interesse und die Verbundenheit war immer sehr stark. Schon als Schüler habe ich im Lager und im Verkauf gearbeitet. Später habe ich sogar eine Ausbildung zum Gürtler gemacht, das ist so etwas wie ein Messingschmied. Aber nach meinem Wirtschaftsstudium habe ich erstmal im Controlling in einer Bank gearbeitet und mich erst im Alter von 30 dafür entschieden, dass ich meine Zukunft bei Lobmeyr sehe. 

Also haben Sie die handwerkliche Leidenschaft in die Geschäftsführung eingebracht?
Die Leidenschaft hat jeder von uns drei Cousins, die nun die Eigentümergeneration darstellen. Jeder hat ein gewisses handwerkliches Geschick, aber ich bin der einzige, der tatsächlich eine handwerkliche Ausbildung gemacht hat. Das Wissen um und das Verständnis der Handwerkstechniken ist für unsere Arbeit essentiell, zum Beispiel müssen wir den Glasmachermeistern erklären können, welche Werkzeuge sie am Besten für das Ausziehen des Stiels eines Weinglases aus einem Batzen heissen Glases verwenden.

Glauben Sie, dass es ein Vorteil ist, dass die drei Eigentümer keine Brüder sind, sondern Cousins?
Schwer zu sagen, ob das einen Unterschied machen würde. Aber wenn ich unsere Situation mit der unserer Väter vergleiche, die als drei Brüder das Unternehmen geführt haben, würde ich schon sagen, es ist ein Vorteil, dass wir Cousins sind. Vielleicht ist es für uns leichter, auch mal heikle Themen anzusprechen. Aber natürlich sind wir drei Eigentümer auch nicht immer einer Meinung. Konflikte lassen sich nicht hundertprozentig vermeiden.

Wobei gerade das Emotionale auch ein Vorteil sein kann, denn die emotionale Verbundenheit ist es doch schliesslich, was ein Familienunternehmen auszeichnet. 
Da haben Sie völlig recht. Anfangs habe ich noch überlegt, ob es nicht gescheiter wäre, unser Familienunternehmen in die Hände eines professionellen Managers und Zahlenjongleurs zu legen. Aber ich weiss inzwischen, dass diese Emotion und das Interesse an der Sache ein ganz wichtiger Faktor ist.

Zumal die Produkte von Lobmeyr nicht austauschbar sind. Teilweise stellen Sie ja richtige Kunstwerke her. 
Ja, es ist auch so, dass innerhalb unserer Familie viel Wissen weitergegeben wird. Bis in die 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts waren wir ein reiner Verleger, das heisst, wir hatten keine eigenen Produktionsstätten. Wir haben Entwürfe entwickelt, diese kamen manchmal aus der Familie selbst, sehr oft auch damals schon von externen Architekten und Künstlern, die man heute Designer nennen würde. Erst in der Zwischenkriegszeit haben wir Werkstätten übernommen beziehungsweise aufgebaut, die bis heute fortbestehen. Dort schleifen und gravieren wir Glas. Und dadurch, dass wir keine eigene Glashütte besitzen, müssen wir mit unseren Ansprüchen von Glashütte zu Glashütte gehen. Wir müssen wissen, wie Glas gemacht wird, anders bekommen wir es nicht hin, dass unsere Entwürfe so umgesetzt werden, wie wir es brauchen.  

Können Sie sich noch wie ein Kind freuen, wenn Sie sehen, wie aus einem Entwurf dann ein echter Kronleuchter entstanden ist?
Natürlich! Das ist immer ein spannender Moment, wenn etwas Neues Wirklichkeit wird. Vor allem meine Cousins begleiten viele Prototypen-Prozesse. Wir sind als Inhaber von Anfang an involviert und überarbeiten die Entwürfe mit den Designern meist mehrmals. Wir versuchen immer mit der Zeit zu gehen, und auf der anderen Seite interessieren wir uns nach wie vor sehr für die alten Sachen. Aber das Wissen um alte Produktionstechniken, das wir uns bewahrt haben, kann man auch sehr gut in neue Entwürfe einfliessen lassen. 

In Ihre Generation fällt ja auch die Öffnung für sehr moderne Designer. Hat das Diskussionen ausgelöst in der Familie?
Ein schwerer Schritt war es schon. Aber wir haben als neue Inhabergeneration erstmal einen Markenkernprozess durchlaufen und sind uns darüber klar geworden, was die Essenz von Lobmeyr ist, nämlich das Design und das Handwerk. Unsere Kunden schätzen die Authentizität von Lobmeyr und dieses Spannungsfeld zwischen den neuen Produkten, die am Puls der Zeit sind, und den traditionellen Produkten, wie etwa unser allererstes Service, das wir für die kaiserliche Hoftafel 1835 gemacht haben. Und wenn sie das nebeneinander sehen, dann merken sie, was für einen grossen Bogen wir in fast 200 Jahren gespannt haben. Übrigens haben wir vor einigen Jahren entschieden, dass wir überhaupt kein Geld mehr in Werbung investieren, sondern nur noch in neue Produkte. Das stärkt die Marke sogar und macht viel mehr Spass. 

Konnten Sie denn in Ihrer Zeit als Geschäftsführer auch speziell junge Kunden gewinnen?
Ja, Gott sei Dank. In unserem Geschäft in Wien sehen wir immer mehr junge Menschen und Lobmeyr-Produkte sind sehr erfolgreich auf Hochzeitslisten. Hinzu kommen 300 Händler weltweit. Unsere stärksten Märkte ausserhalb Europas sind die USA und Japan. In Japan gibt es immer noch ein hohes Verständnis für handwerkliche Kultur. In China haben wir auch Kunden, wir haben uns aber dazu entschieden, den chinesischen Markt nicht extra anzugehen, weil wir in unseren traditionellen Märkten immer noch Potenzial sehen. Hinzu kommt, dass wir mit unserer handwerklichen Produktion naturgemäss schnell an unsere Grenzen stossen. Wir können also nur ganz langsam wachsen. 

Gab es Konflikte beim Generationsübergang? Sie verkörpern ja bereits die sechste Generation. 
Wir haben die Konflikte nicht in der Übergabe der Firma gehabt, sondern wir haben auf gewisse Weise ein konflikthaftes Verhältnis, das zwischen unseren Eltern geherrscht hat, geerbt. Es war in der Familie oft nicht möglich, Konflikte anzusprechen, so wurden diese immer virulenter. Wir mussten schauen, dass wir einen neuen Weg des Miteinanders finden. Die Übergabe selbst war gut vorbereitet. Es war schon geregelt, dass pro Inhaber immer nur einer oder eine nachfolgen und dann auch in die Geschäftsführung eintreten darf. Alle drei Cousins waren vom Unternehmen begeistert, so sind wir jetzt drei gleichberechtigte Gesellschafter und Geschäftsführer. 

Lobmeyr
Der Kronleuchter im Stadtpalais Liechtenstein wurde von Lobmeyr rennoviert.

Sehen Sie die Stärke von Familienunternehmen auch darin, dass hier Entscheidungen oft schneller und fundierter getroffen werden?
Ja, zumindest in unserer Grösse. Wir haben etwa 50 Mitarbeiter und sehr flache Hierarchien. Die Wege sind kurz, die Entscheidungen gehen schnell, auch weil alle Inhaber dieselben Werte verinnerlicht haben. Wenn sich eine bestimmte Frage stellt, dann wissen alle drei, was geantwortet werden muss. 

Teilen Ihre Kinder auch die Begeisterung für die Lobmeyr-Produkte?
Noch nicht so ganz. Ich habe eine Tochter, die ist 15 Jahre alt. Sie begeistert sich mehr fürs Klavier spielen. Aber ein gewisses Interesse ist schon da, im Sommer hat sie schon bei uns mitgearbeitet. Ich habe ihr angeboten, dass sie uns bei unserer neuen Website helfen kann. 

Sie sind 55 Jahre alt. Denken Sie schon an den Ruhestand?
Nein, unser Unternehmen hat so eine unglaubliche Geschichte und Strahlkraft. Wir haben den ersten elektrischen Kronleuchter gebaut, auch den ersten mit Neonröhren. Wir haben Entwürfe gemacht, die in Museen ausgestellt werden. Das ist alles sehr motivierend und inspirierend, um weiterzumachen. 

Alle Bilder: © Lobmeyr

Zwei Familienunternehmen

Das Wiener Familienunternehmen steht kurz vor seinem 200. Jubiläum: Im Jahr 1823 als Handelshaus für Glaswaren gegründet, ist es heute die Traditionsmarke für Kronleuchter und edle Trinkservice. Der Ruhm setzte noch im 19. Jahrhundert ein, denn Lobmeyr belieferte die k.u.k.-Regenten, sodass sich in der Wiener Hofburg oder auf Schloss Schönbrunn heute noch Lobmeyr-Luster finden. Aber der Sprung in die Moderne lief auch furios, wie etwa mit dem spektakulären Kronleuchter für die Metropolitan Opera in New York. Lobmeyr hat auch die prunkvollen Kronleuchter im Stadtpalais Liechtenstein aufwändig restauriert. Heute zählt Lobmeyr rund 60 Beschäftigte und wird in sechster Generation von Andreas, Leonid und Johannes Rath geführt. 

Die LGT steht kurz vor ihrem 100. Jubiläum. Seit ihrer Gründung hat sie sich von einer kleinen Regionalbank zu einer internationalen Private Banking und Asset Management Gruppe mit über 3700 Mitarbeitenden an mehr als 20 Standorten weltweit entwickelt. Noch heute ist sie ein unabhängiges Familienunternehmen.  

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