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Guidance für Start-up-Gründerinnen

11. Oktober 2022

Lesezeit: 5 Minuten

von Tilmann Schaal

Expertinnen in Sachen Gründerinnen: Marlis Jahnke und Heidrun Twesten

Marlis Jahnke und Heidrun Twesten haben Das Gründerinnen-Handbuch veröffentlicht. Warum ist dieses Buch für Frauen gerade jetzt so wichtig?

Mit der eigenen Geschäftsidee ein Unternehmen gründen, als eigene Chefin erfolgreich werden und in beruflichen Belangen selbst entscheiden zu können. Das sind Hoffnungen, die Frauen mit der Gründung eines eigenen Unternehmens verbinden. Doch gilt es dabei viele Themen zu bedenken - ob privater oder beruflicher Natur. Unterstützung bietet dafür «Das Gründerinnen-Handbuch». Für MAG/NET hat Tilmann Schaal mit den beiden Autorinnen gesprochen. 

Eingangs eures Buches nennt ihr deprimierende Zahlen. Nicht nur, dass es viel zu wenige Gründerinnen in Deutschland gibt. Nach euren Quellen geht zudem nur ein minimaler Teil der insgesamt vergebenen Summe an Risikokapital an Frauen. Hand aufs Herz; wieviel Wut hattet ihr im Bauch, als ihr den Entschluss gefasst habt, dieses Buch zu schreiben?

Es war für uns mehr Ansporn als Wut. Was du einen minimalen Teil nennst, heisst konkret in Zahlen, dass weltweit ebenso wie in Deutschland nur rund 20 Prozent aller Start-up-Gründungen von Frauen sind. Schockierend finden wir aber vor allem, dass rein weibliche Teams nur ein bis drei Prozent des weltweiten Risikokapitals erhalten und weitere ca. neun Prozent an gemischte Teams gehen, sodass ca. 90 Prozent noch heute (!) an ausschliesslich mit Männern besetzte Teams fliessen. Wir wollen mit dem Gründerinnen-Handbuch und unserem Podcast EQUALIZER dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht zu beheben. 

Euer Buch hat alle Eigenschaften eines Handbuchs: gut strukturiert, praxisorientiert, einfach verständlich. Was man nicht unbedingt erwarten würde: Ihr lasst auch viele Gründerinnen und Vertreterinnen wie auch Vertreter von VCs zu Wort kommen. Was steckt hinter der Idee?

Erstmal vielen Dank fürs Kompliment! Unser Ziel war es, ein Handbuch mit hohem Nutzwert zu schreiben. Dazu wollten wir gern die «Crowd Intelligence» der Startup-Szene einbeziehen. Wir haben sowohl mit Gründerinnen, mit starken Frauen aus der Venture Capital Szene als auch mit weiteren Akteuren des Start-up-Ökosystems gesprochen. Um die Interviews in voller Länge breit nutzbar zu machen, haben wir sie aufgenommen und begleitend zum Buch unseren Podcast EQUALIZER gelauncht.

Jeder und jede kann ein Unternehmen gründen!

Euer Buch nennt unzählige Quellen für vertiefende Informationen, ebenso Anlaufstellen für Gründerinnen. Da sind Start-up-Podcasts dabei, Wirtschaftsförderungsgesellschaften von Industrie- und Handelskammern oder auch Netzwerke von Female Founders. Ich lese daraus, dass das Gründen für Frauen kein Einzelkampf sein muss.

Gründen ist nie ein Einzelkampf – und das Start-up-Ökosystem ist herzerwärmend unterstützend! Ein Tipp dazu, den wirklich jeder und jede teilt ist, möglichst vielen von der eigenen Idee zu erzählen – dann kommt von allen Seiten wertvoller Input und Türen öffnen sich. Start-ups zu gründen, ist «Ökosystem-Arbeit» und Netzwerken unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg. Für uns ist es immer wieder schön zu sehen, wie gut das mittlerweile auch bei den Frauen funktioniert!

Ziel des Buches war, Leserinnen und Leser mit relevanten Informationen und Adressen zu versorgen, die ihnen im ersten Start-up-Jahr helfen – mit Infos zu Venture Capital Firmen mit weiblichen Partnern über Awards, bis hin zu Acceleratoren und Netzwerken.

Gründerin Marlis Jahnke
«Gründen ist nie ein Einzelkampf – starke Netzwerke helfen immens weiter.» Marlis Jahnke.

Über ein Thema lässt sich vortrefflich streiten: Lässt sich Unternehmertum lernen - oder ist das nicht auch eine Frage des Charakters? 

Grundsätzlich denken wir: jeder und jede kann jederzeit ein Unternehmen gründen – aus verschiedenen Lebenssituationen heraus und natürlich auch mit unterschiedlichsten Voraussetzungen. Das Wesentliche ist der «Entrepreneurial Spirit», also der Wunsch und die Fähigkeit, etwas zu gestalten und von Beginn an aufzubauen – und natürlich das damit verbundene Risiko eingehen zu wollen.

Eigenschaften wie „Verkaufen wollen“, Ausdauer, Resilienz, Antrieb und nicht zuletzt Aufgeschlossenheit, Lern- und Kommunikationsfähigkeit helfen. Nicht jede Gründerin und nicht jeder Gründer braucht gleichzeitig all diese Eigenschaften, sie sollten aber im Team vorhanden sein. Alle unsere Interviewpartner haben denselben Tipp gegeben: Einfach machen!

Abseits von dieser «abstrakten» Diskussion sollten wir aber auch nicht vergessen, dass es viele Themen gibt, die es Frauen erschweren, den Schritt in Richtung Unternehmerin zu gehen; welche sind das eurer Erfahrung nach?

Wir denken, dass Gründerinnen mehr Steine in den Weg gelegt werden – die erschwerte Kapitalbeschaffung haben wir ja oben schon erwähnt. Eine Ursache ist dabei, dass nach wie vor die Netzwerke der Frauen in Bezug auf Zugang zu Kapital und zu Kooperationsmöglichkeiten mit etablierten Unternehmen deutlich schlechter sind als die der Männer.

Frauen haben öfter als Männer das Gefühl, nicht fähig genug zu sein und Angst, das könnte anderen auffallen – diese innere Barriere namens «Impostor Syndrom» führt dazu, dass sie unter anderem von Investoren unterschätzt werden.

Darüber hinaus fehlt es unserer Meinung nach an weiblichen Vorbildern, bzw. ihrer Sichtbarkeit: Es gibt weniger mediale Berichterstattung über Gründerinnen. Dieser Aufmerksamkeits-Malus findet sich in allen relevanten Gründungsmedien, wie z. B. Wirtschaftswoche, Gründerszene, Deutsche Startups etc. 

Entrepreneurs aus Tradition

Das Fürstenhaus Liechtenstein als Eigentümerin der LGT ist seit Jahrhunderten erfolgreich unternehmerisch tätig. Unternehmerisches Denken und Handeln ist fest in der DNA der LGT verankert. 

Wir verfolgen begeistert, wie viel Frauen-Netzwerke im Startup-Ökosystem in den letzten Jahren bewegt haben.

Ihr beschreibt in eurem Buch, wie wichtig gute Netzwerke für Start-ups sind. Welche Bedeutung haben diese eurer Meinung nach?

Ein Startup zu gründen ist so komplex, dass Gründerinnen und Gründer unmöglich alles selbst wissen und umsetzen können – gut, wenn sie dann verschiedenste Expertinnen und Experten, erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer, Alumni etc. im Hintergrund haben. Je bunter und relevanter das Netzwerk, desto besser. Vor allem in Bezug auf Fundraising sowie Recruiting ist dessen Qualität ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Wir verfolgen begeistert, wie viel Frauen-Netzwerke im Startup-Ökosystem in den letzten paar Jahren bewegt haben. Neben den Female Founders in Österreich vor allem auch Encourage Ventures sowie Evangelistas in Deutschland, um nur ein paar zu nennen. Hier treiben die relevanten Akteurinnen die gemeinsame Sache voran und unterstützen sich gegenseitig - das Miteinander hat sich spürbar verändert und verbessert. Dabei funktionieren Netzwerke immer nach dem Motto «give and take» und erweitern den persönlichen Radius.

Gründerin Heidrun Twesten
«Das Wesentliche ist der 'Entrepreneurial Spirit', also das 'einfach machen'-Mindset.»
Heidrun Twesten.

Das gleiche gilt natürlich ebenso für «diverse» Netzwerke, die für Gründerinnen ebenso wichtig sind – gerade in diesem noch sehr männerdominierten Umfeld sollten sie auch hier aktiv sein. 

Damit aus einem Start-up ein nachhaltig überlebensfähiges Unternehmen erwachsen kann, braucht es Kapitalgeber. Wie wir eingangs eures Buches erfahren, sind Männer diesbezüglich viel erfolgreicher. Welche Faktoren habt ihr ausgemacht, damit Frauen besser an Kapital zur Entwicklung ihres Start-ups kommen können. 

Wir denken, dass Frauen das bestehende System besser zu ihrem Vorteil nutzen sollten. Natürlich nicht, ohne parallel weiter daran zu arbeiten, dass es sich ändert!

Wie wichtig das Netzwerk ist, haben wir ja bereits dargestellt: VCs lassen sich in der Regel nicht «kalt» akquirieren – mit ihnen in Kontakt zu kommen, funktioniert über «warme Intros», d. h. über eine Empfehlung von jemandem, der beide kennt.

Gründerinnen haben keinen Einfluss darauf, wer ihnen auf Venture Capital-Geber-Seite gegenübersitzt – in den meisten Fällen sind es Männer: Der Frauenanteil in Top-Positionen von VCs wird weltweit auf erschreckende fünf bis zehn Prozent beziffert. Deshalb nennen wir im Buch VC-Fonds mit weiblichen Entscheidern – die naturgemäss die Gründungsthemen von Frauen (z. B. FemTech) unmittelbarer verstehen und deren Potenzial besser bewerten können als ihre männlichen Peers. 

Allen Frauen sollte eine Studie der Boston Consulting Group Mut machen, wonach ein finanzielles Engagement in Frauen-geführte Startups aussichtsreicher ist. Insofern meine letzte Frage: Welche Stärken habt ihr bei jungen Unternehmerinnen ausgemacht?

Diese Studie von Boston Consulting hat den wunderbaren Namen «Why Women-Owned Startups Are a Better Bet» und zeigt, dass die Fünf-Jahres-Performance der von bzw. mit Frauen gegründeten Startups die der reinen Männerteams um zehn Prozent (kumulierter Umsatz) übersteigt. Auch im Hinblick auf den Return on Investment schnitten sie deutlich besser ab: Für jeden VC-finanzierten Dollar generierten die von und mit Frauen gegründeten Startups mit 78 US-Cent mehr als doppelt so viel wie rein männliche Teams mit 31 US-Cent.

Der Frauenanteil in Top-Positionen von VCs wird weltweit auf fünf bis zehn Prozent beziffert.

Zuversichtlich macht uns, dass sich durchaus etwas tut für die Frauen und es viele tolle Initiativen gibt, um Gründerinnen zu stärken und mehr Frauen zum Gründen zu motivieren – von rein weiblichen Acceleratoren wie den Grace Accelerators über Investorinnen-Netzwerke wie encourage ventures bis hin zu Initiativen wie Level 20, um mehr Frauen in die VC-Szene zu bringen.

Und mindestens genauso wichtig: Es ist ein wachsendes Bewusstsein (unter Frauen und Männern!) entstanden, dass die geschilderten Missstände verbessert werden müssen. Initiativen wie Startup Diversity des Bundesverbands Deutsche Startups e. V. und Bitkom machen uns Mut, dass ihre Initiative für ein selbstverpflichtendes Reporting zu female Investments von VC-Fonds, die Förderung von Frauen im Management von Scale-ups, öffentliche Investoren und öffentliche Förderinstrumente als Hebel für mehr Investitionen in weiblich geführte Startups zu nutzen sowie staatliche Akteure und öffentliche Bildungsinstitutionen in die Pflicht zu nehmen.

Wir freuen uns sehr, dass im Moment mehr Role Models «sichtbar» sind und es ein tolles Momentum für Startup-Gründerinnen gibt! So kommen wir einem diversen Ökosystem, das möglichst viele Perspektiven einbezieht, immer näher. Für unser gemeinsames Ziel, die Welt ein Stück besser zu machen, ist das von immenser Bedeutung und zwar nicht nur in Bezug auf Gender, sondern auch hinsichtlich regionaler, kultureller wie sozialer Herkunft, Alter, Ausbildung etc. – nur zusammen werden wir die grossen Themen unserer Zeit lösen!

Zu den Autorinnen

Marlis Jahnke hat nach einer Karriere in der Musikindustrie mit Investoren-Unterstützung eine Agentur für Online-Kommunikation aufgebaut. 2014 gründete sie HashtagLove, Deutschlands erste Influencer Marketing Plattform. Nach mehr als 13.000 registrierten Influencern und 300 Kampagnen verkaufte sie HashtagLove 2020. Heute ist sie Speakerin und Fachbuch-Autorin und engagiert sich als Mentorin und zertifizierte Beirätin bei Startups und Unternehmen.

Heidrun Twesten hat bereits in der ersten deutschen Startup-Welle Ende der 90er zahlreiche IPOs begleitet und als Vorstandsmitglied einer der heute führenden deutschen Investor-Relations-Agenturen mit aufgebaut. Sie berät Unternehmen von Startup bis Blue Chip als Executive Advisor zu Kapitalmarktthemen sowie in Transformationsprozessen. Als Business Angel und Mentorin begleitet sie nationale und internationale Startups sowie Acceleratoren.

Beide sind Host des Gründerinnen-Podcast "Equalizer"

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