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Unternehmerische Innovation gegen die Plastikflut

5. November 2021

Lesezeit: 6 Minuten

von Simon Usborne, Gastautor

Unternehmen gegen die Plastikflut: Surfbrett ohne Plastik

Wenn es um die Vermeidung von Plastik geht, setzen engagierte Unternehmer auf unterschiedlichste Strategien. Drei innovative Beispiele:

Im Streben nach einer nachhaltigen Zukunft lastet der grösste Druck auf Staats- und Regierungschefs, wie auch auf den führenden Konzernen. Klimawandelkonferenzen, Parlamente und hohe Vorstandsetagen sind die Orte, an denen ein systemischer Wandel entstehen kann und muss.

Abseits der grossen Bühnen von Politik und Wirtschaft sorgen Unternehmer für Veränderungen, indem sie das tun, was Unternehmer am besten können: innovativ und disruptiv sein - und das mit hoher Geschwindigkeit.

Das ist auch in ihrer Reaktion auf eine unserer grössten Umweltbedrohungen zu sehen: Plastik. Die Konsumgesellschaft ist nach wie vor süchtig nach diesem Material. Doch belastet es unseren Planeten durch den Ölverbrauch bei der Herstellung, die Verschmutzung der Meere und die Kohlenstoffbelastung durch den Transport weiterhin stark.

Unternehmerische Lösungen für ein globales Problem

Martin Donald Murray, CEO und Gründer von Waterdrop.
"Es sind die Unternehmer, die Lösungen finden," Martin Donald Murray, CEO und Gründer von Waterdrop.

"Es sind die Unternehmer, die Lösungen finden, und damit automatisch Nachfrage schaffen", sagt Martin Donald Murray, CEO und Gründer von Waterdrop. Das österreichische Unternehmen bietet eine Serie von wiederverwendbaren Flaschen und Bechern wie auch Würfel zur Herstellung von aromatischen, natürlichen Drinks aus Leitungswasser. Damit sind sie eine Alternative zu Getränken in Einwegplastikflaschen.

"Die Verbraucher sind viel gesundheits- und umweltbewusster, als man denkt", fügt er hinzu. "Der Grund, warum es die alten Verhaltensmuster noch gibt, ist der Mangel an Alternativen".

Murray, der zu gleichen Teilen Schotte und Österreicher ist, sah das Potenzial für ein Produkt, das die Nachfrage nach etwas mehr als einfachem Leitungswasser befriedigt und gleichzeitig Einweg-Plastikflaschen vermeidet. In diesem Markt wird mit dem Verkauf von Mineralwasser und anderen Getränken 600 Milliarden Dollar umgesetzt. Meist werden die Produkte in ölhungriger Verpackung angeboten.

Einstieg in einen Wachstumsmarkt – ohne das Plastik

Flaschen können zwar wiederverwertet werden, aber die Recyclingquoten schwanken – nur wenige Flaschen werden aus recyceltem Kunststoff hergestellt. Selbst in einem idealen Kreislaufsystem hat der Transport der schweren Flüssigkeiten massive Auswirkungen auf den Kohlenstoffausstoss. Im Falle von Getränken scheint dies fast vollständig vermeidbar zu sein, da heute in vielen Ländern sauberes Wasser direkt aus dem heimischen Wasserhahn kommt.

Martin Murrays Waterdrop vermeidet Einweg-Plastikflaschen.
Aromatische Drinks aus Leitungswasser, statt aus der Einweg-Plastikflasche.

Waterdrop wurde 2017 gegründet und hat seinen Jahresumsatz von 700’000 Euro auf 80 Millionen Euro gesteigert. Das Unternehmen nutzt den wachsenden Markt für anspruchsvolle Getränke. Die Microdrink-Würfel von Waterdrop, die sich in Wasser auflösen, bestehen aus natürlichen Frucht- und Pflanzenextrakten und sind in Geschmacksrichtungen wie Ginseng, Goji-Beere und Guarana erhältlich.

Mehr als 70 Prozent der Verkäufe von Waterdrop in 13 Märkten, einschliesslich den USA, erfolgen direkt online. Das Unternehmen beliefert aber auch 10.000 Einzelhandelsgeschäfte und 20 eigene Läden. Murray sagt, dass die Herstellung und der Versand der leichtgewichtigen Geschmackswürfel nur einen Bruchteil der Kosten verursachen, die beim Transport von Wasser rund um die Welt entstehen.

"Wir sind der Überzeugung, dass es keinen Sinn macht, Getränke so zu verkaufen, wie wir es 70 Jahrelang getan haben – indem wir gezuckerte Flüssigkeit in Plastikflaschen abfüllen, diese um die Welt transportieren und dann die Flasche wegwerfen", zeigt er sich überzeugt.

Während Waterdrop eines von Hunderten Unternehmen ist, die Wege finden, um Plastik zu vermeiden, sind andere Unternehmer auf der Suche nach nachhaltigen Materialien, die Plastik in seiner erstaunlich vielfältigen Funktionalität ersetzen können.

Entrepreneurs aus Tradition

Das Fürstenhaus Liechtenstein als Eigentümerin der LGT ist seit Jahrhunderten erfolgreich unternehmerisch tätig. Unternehmerisches Denken und Handeln ist fest in der DNA der LGT verankert. 

Ein innovativer Fokus auf Kunststoffalternativen

Plastikersatz Rattan: Das Startup Karuun liefert auch an die Automobilindustrie.
Plastikersatz Rattan: Das Startup Karuun liefert auch an die Automobilindustrie.

Karuun wurde in Deutschland entwickelt und wird in verschiedenen Industriezweigen immer häufiger eingesetzt, z. B. im Automobilbau. Neben Metall und Glas werden dort gewöhnlich auch grosse Mengen Kunststoff verwendet.

Inspiriert wurden die Gründer des Startups auf einer Reise durch Indonesien, wo aus der Rattanpflanze als starkem, flexiblem Material seit langem Gegenstände geflochten werden. Karuun verwendet jedoch eine neue Technologie, um aus der starken Schlingpflanze widerstandsfähige Blöcke oder Furniere herzustellen. Diese können für Möbel, die Innenausstattung von Autos und Gebäuden wie auch für die Herstellung von Surfbrettern verwendet werden.

Bei scheinbar nachhaltigen Alternativmaterialien und -lebensmitteln zeigen sich oft unbeabsichtigte, negative Folgen für die Ökosysteme, so Karuun. Der Anbau, die Ernte und die Neubepflanzung von Rattan unterstütze aber die artenreichen Lebensräume des Dschungels. Denn nur dort kann die Pflanze gedeihen. Versuche, die Pflanze landwirtschaftlich anzubauen, seien gescheitert.

Eine Zukunft für traditionelles Handwerk und Unternehmen

Felix Wurster, CEO von Karuun.
"Um Rattan zu bekommen, braucht man gesunde Regenwälder", sagt Felix Wurster, CEO von Karuun.

"Um Rattan zu bekommen, braucht man gesunde Regenwälder", sagt Felix Wurster, CEO von Karuun, über die Pflanze, die Bäume als Klettergerüste verwendet. Der indonesische Produktionspartner des Startups beschäftigt Rattanbauern, deren Existenzgrundlage ins Wanken geriet, als das Material nach seiner Blütezeit in den 1970er und 1980er Jahren aus der Mode kam. "Wir geben ihnen ihre Arbeit zurück", fügt Wurster hinzu.

Doch Waterdrop und Karuun stellen nicht den Umweltgedanken an sich ins Zentrum der Kommunikation, sondern positionieren ihre Produkte als attraktive Alternativen statt allein als ethisch motiviertem Kompromiss. "Die Leute wollen sich nicht vorschreiben lassen, was sie tun oder kaufen sollen", erklärt Murray. "Sie wollen eine coole Alternative, die modisch und gesund ist - und dann auch noch nachhaltig".

Mit dem Fokus auf die Attraktivität kann das überwunden werden, was der Nutzung ökologischer Alternativen oft im Weg steht: der höhere Preis. Karuun verkauft sein Material eher an Produzenten als an Endkunden. Die Diskussionen um die Kosten würden in den Unternehmen heute aber anders geführt, so ihre Feststellung.

Alles (k)eine Frage der Finanzierung

Innovativer Plastikersatz - auch für Spielzeug.
Karuun: Der Preis ist nicht mehr das einzige Thema.

"Vor ein paar Jahren war die Diskussion um den Preis von Karuun immer das bestimmende Thema. Die Käufer sagten, es sei zu teuer", sagt Wurster. "Jetzt sind sie bereit, in etwas zu investieren, das robuster und zugleich besser für die Umwelt ist."

Dabei hat Wurster auch festgestellt, dass er früher eher mit den Design- oder Beschaffungsabteilungen z. B. von Automobilherstellern gesprochen hat; heute regelmässig mit dem CEO oder dem Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeit. Diese Funktion gab es vor ein paar Jahren noch gar nicht. "Wir sehen eine grosse Veränderung", sagt er über die Prioritäten der Unternehmen in dieser neuen Zeit.

No Plastic Japan: Grassroots-Bewegung und systematischer Wandel

Totoya Inc. Japans ersten Zero-Waste-Supermarkt
Totoya Inc. Japans ersten Zero-Waste-Supermarkt

Mona Neuhauss versucht, die Einstellung der Verbraucher in einem der Länder zu ändern, in denen es am schwierigsten ist, sich von Plastik zu trennen: Japan. Convenience-Produkte sind dort besonders beliebt und haben das Land zum weltweit grössten Verbraucher von Einwegplastik gemacht. Neuhauss hat teils japanische Wurzeln und zog 2016 aus dem Vereinigten Königreich nach Tokio. 2018 gründete die Kommunikations- und Nachhaltigkeitsberaterin No Plastic Japan.

Kommunikations- und Nachhaltigkeitsberaterin Mona Neuhauss (No Plastic Japan).
Kommunikations- und Nachhaltigkeitsberaterin Mona Neuhauss (No Plastic Japan).

Beunruhigt über die weit verbreitete Verwendung von unnötigen Verpackungen und anderem Einwegplastik in Japan, wollte sie zunächst eine Alternative zu Trinkhalmen anbieten, die besonders schädlich sind, wenn sie in unseren Ozeanen landen. Auf ihrer Website verkauft sie nun abwaschbare Strohhalme aus Holz und Stahl sowie ein kleines Sortiment an Hygieneartikeln. Die Website ist gleichzeitig eine Plattform, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Neuhauss berät auch Totoya Inc, Japans ersten Zero-Waste-Supermarkt. Sie warnt jedoch vor dem Versuch, den Verbrauchern die Last aufzubürden, den Wandel von unten nach oben voranzutreiben. "Es gibt keinen Grund, diese Schuldgefühle und diesen Druck auf Einzelpersonen auszuüben, die in einem fehlerhaften System leben", erklärt sie. "Während es bei No Plastic Japan darum geht, den ersten Schritt zu tun, möchte ich auch vermitteln, wie wichtig systemischer Wandel ist."

Eine Chance für Startups als Innovationsführer?

Wurster sagt, dass Unternehmen wie Karuun gut zwischen den Verbrauchern, Regierungen und Unternehmen, die die bisherigen Systeme aufrechterhalten, positioniert sind. "Große Unternehmen haben viel Geld auf die alte Art und Weise verdient, und es ist schwer für sie, dynamisch und agil zu sein", sagt der CEO des Startups. "Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, wie das geht."

Für Murray gelingt das, wenn sich die Finanzierung von Startups und Unternehmern mit guten Ideen für Kunststoffalternativen und anderen grünen Geschäftsmodellen verbessert. Ihm gelang es, dass Family Offices, vermögende Privatpersonen und Angel Investors in sein Unternehmen investieren – und weiss aber auch, welche Schwierigkeiten sich bei der Gründung eines Startups ergeben können.

"Wir müssen schon in den Anfängen innovativer sein und benötigen in der Frühphase mehr Geld, denn es gibt so viele grossartige Ingenieure und Techniker, deren geniale Ideen nie in Unternehmen umgesetzt werden", sagt er, um das Gespräch mit einem Apell zu schliessen: "Die Finanzierung der Frühphase von Startups muss institutionalisiert werden. Ich wüsste genau, wo ich Geld investieren würde, wenn ich ein grosser Fonds wäre."

Nachhaltigkeit ist Teil der LGT

Die LGT hat sich dem Thema Nachhaltigkeit bereits früh verschrieben. Langfristiges und nachhaltiges Denken und Handeln gehören seit jeher zu den wichtigsten Kernelementen des Unternehmens. Bereits seit vielen Jahren arbeitet die LGT deshalb daran, ihr nachhaltiges Engagement sowohl im Betrieb als auch im Kerngeschäft, dem Private Banking und Asset Management, noch zu verstärken. Der LGT ist wichtig, dass ihre Geschäftstätigkeit einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft liefert. Wie sie das konkret erreicht, erfahren Sie hier.

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