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Wie Start-ups trotz Pandemie an Kapital kommen

21. April 2021

Lesezeit: 5 Minuten

von Ellen Sheng, Gastautorin

Wie Start-ups trotz Pandemie an Kapital kommen

Risikoscheue Investoren und unbeantwortete Anrufe: die Situation von Start-up-Gründern in der Corona-Krise.

Genau in dem Moment, als Covid-19 die USA erreichte, wollte Audra Gold, Mitgründerin und Geschäftsführerin von Vurbl Media, die erste Finanzierungsrunde für ihr Unternehmen starten. Auf einen Schlag kam das Wirtschaftsleben zum Stillstand und die Beschaffung von neuem Kapital wurde praktisch unmöglich.

Audra Gold (Vurble Media)
Audra Gold: "Alle fragten sich, ob sie den Lockdown überleben würden."

"Unser Hauptinvestor war weg und ich auf mich selbst gestellt... Alle fragten sich, ob sie den Lockdown überleben würden. Und nur sehr wenige Leute hatten Zeit für andere", erinnert sich die Unternehmerin. Glücklicherweise hatte ein erster Investor schon Geld überwiesen, bevor an ihrem Unternehmenssitz in Kalifornien der Lockdown ausgerufen wurde. Aber von den zuvor begeisterten Angel- und Venture-Investoren war plötzlich nichts mehr zu hören.

"Angel Investoren, die ich schon seit Jahren kenne, antworteten plötzlich weder auf E-Mails noch nahmen sie das Telefon ab. Ich hatte noch Cash-Reserven für drei Monate und niemand war zu einem Meeting bereit", sagt sie.

Kapital für ein Start-up zu beschaffen ist schwierig genug. Während einer Pandemie kann dies aber zur Herkulesaufgabe werden. Zwar lagen die Investitionsaktivitäten in den USA gemäss dem Finanzdatenanbieter PitchBook im Jahr 2020 nur leicht unter den Zahlen für 2019, jedoch konzentrierten sich diese Aktivitäten zu einem grossen Teil auf die zweite Jahreshälfte.

Insbesondere im zweiten Quartal kamen die Investitionen praktisch zum Erliegen. Dies zwang Unternehmen, darunter auch Start-ups, ihre Ausgaben zu kürzen oder andere Wege zu finden, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Einige Branchen hatten zu kämpfen

Je nach Branche hatte die Pandemie verschiedene Auswirkungen. Während es für Hotels, Gaststätten oder auch die Reisebranche düster ausschaute, waren Gründer in Branchen wie dem Gesundheitswesen oder Anbieter von Home-Office-Lösungen kaum betroffen oder verzeichneten sogar eine steigende Nachfrage.

Wenn sich Investoren zurückhalten, sollten Gründer speziell auf die Liquidität achten. Zu dieser Erkenntnis kam auch Craig Fuller, Geschäftsführer und Gründer des Lieferketten- und Logistikdaten-Spezialisten Freightwaves. Er erinnert sich immer noch an den recht kühlen Empfang der Fundraising-Roadshow seines Unternehmens im Januar 2020.  

Craig Fuller (Freightwaves)
Craig Fuller: "Das waren dunkle Stunden für mich als Gründer."

"Investoren fühlten sich unwohl, wenn ein Unternehmen laufend viel Geld verbrennt. Wer in einer solchen Situation an Kapital kommen will, sollte deshalb zunächst die Kosten senken und aufzeigen, wie er innerhalb von sechs Monaten profitabel werden will", sagt der Unternehmer. Hatte bis dahin das Motto "Wachstum um jeden Preis" geherrscht, wechselten Investoren in der Krise plötzlich ihre  Einstellung: "Sie müssen ein Unternehmen haben, das fundamental gesund ist und über klare Gewinnperspektiven verfügt", war nun das Mantra, so Fuller.

Um den Mittelabfluss zu bremsen, blieb Freightwaves nichts anderes übrig, als aggressiv Kosten zu senken und Mitarbeiter zu entlassen. "Das waren dunkle Stunden für mich als Gründer," sagt er. Aber die Opfer zahlten sich aus: Ursprünglich hatte das Unternehmen einen Börsengang für 2023 oder 2024 geplant. Aufgrund der Ausgabenkürzungen, des gestiegenen Interesses an der Logistikbranche und dem günstigen Börsenumfeld hofft Fuller, sein Unternehmen bereits Ende dieses Jahres oder Anfang 2022 an die Börse bringen zu können. 

Entrepreneurs aus Tradition

Das Fürstenhaus Liechtenstein als Eigentümerin der LGT ist seit Jahrhunderten erfolgreich unternehmerisch tätig. Unternehmerisches Denken und Handeln ist fest in der DNA der LGT verankert. 

Fundraising für junge Startups dauert länger

Dan Brahmy (Cyabra)
Dan Brahmy: "Wir hatten Glück, dass wir Geld auf der Bank hatten."

Auch Cyabra-Gründer Dan Brahmy betont, wie wichtig ausreichende Barreserven sind, um magere Zeiten zu überstehen. Cyabra nutzt KI und Datenanalyse, um Fehl- und Desinformation im Internet zu identifizieren. Die Nachfrage nach dieser Dienstleistung war im Januar und Februar 2020 stark gestiegen. "Eine andere Geschichte war aber die Finanzierung", so Brahmy.

"Von Februar bis Juli schien die Welt der Investoren – vor allem im Bereich Venture Capital und Family Offices – fast schon eingefroren. Die Verhandlungen dauerten dreimal so lang wie sonst", sagt er. Die Investoren liessen sich Zeit, weil sie unsicher waren, sagte er. Die Fonds ermittelten die möglichen Auswirkungen für die Teilhaber. Die Zeit, die es üblicherweise braucht, um Gelder zu beschaffen, verdoppelte sich von drei bis sechs Monaten auf sechs bis zwölf, so seine Einschätzung.

"Ich kenne eine Reihe von Gründern persönlich, die als CEOs und CTOs eines jungen Startups ihre Unternehmen schliessen mussten. Ihr Polster war nicht gross genug, um durch diesen Sturm zu kommen; fast so, als bräuchte es genug Fett um zu überleben. Wir hatten Glück, dass wir Geld auf der Bank hatten und die Nachfrage der Kunden da war", sagte er.

Vor- und Nachteile von virtuellem Networking

Persönliche Treffen fielen während der Pandemie vergangenes Jahr weitgehend aus. Die Lücke füllten Zoom und andere Online-Tools. Aber Investoren und Gründer beschrieben deren Nutzung als zweischneidiges Schwert, das Treffen einerseits zugänglicher machte, andererseits erschwerte.   

Der Kontakt zwischen einem Investor und einem Startup-Gründer kann sich zu einer engen, langfristigen Beziehung entwickeln. Die Phase des Kennenlernens dauert in der Regel recht lang. Deshalb war der Schritt ins Virtuelle für Early-Stage-Investoren eine grössere Herausforderung.

Kapitalbeschaffung von Startups in der Pandemie.
Insbesondere im zweiten Quartal kamen die Investitionen praktisch zum Erliegen.

Andererseits ermöglichte Zoom mehr Meetings. Da niemand unterwegs war, waren Investoren für Gespräche zu potenziellen Investments besser erreichbar.

"Zoom ermöglicht viel mehr Zeit für Überprüfungen und schnelle Rückfragen. In der Vergangenheit konnten diese Prüfungen in der Regel erst nach einem persönlichen Kick-off beginnen. Mit virtuellen Meetings kann der gesamte Verhandlungsverlauf beschleunigt werden", sagte Matt Thompson, Senior Vice President bei Skyview Ventures.

Mit virtuellen Meetings kann der gesamte Verhandlungsverlauf beschleunigt werden.

Matt Thompson, Skyview Ventures

Tech Coast Angels, ein Club von Angel-Investoren, bei dem auch Thompson Mitglied ist, hat 2020 mehr Deals abgeschlossen als 2019. Die Zeit wird zeigen, wie effektiv die Due Diligence über Zoom ist und ob sich diese Deals gut oder schlecht entwickeln.

"Ob dieses Zoom-Experiment beim Investieren funktioniert hat, wird sich tatsächlich erst in einigen Jahren zeigen," sagt Thompson und fragt sich: "Werden die Renditen von Investitionen des 'Jahrgangs 2020' höher oder niedriger sein?"

Takeaways

  • In einer Krise, während eines wirtschaftlichen Abschwungs oder in unsicheren Zeiten kann die Investitionsbereitschaft zum Stillstand kommen. Auch Verhandlungen können viel länger dauern. Um diese mageren Zeiten zu überstehen, müssen Start-ups den Liquiditätsabfluss reduzieren und ihre Rücklagen erhöhen.
  • Die Pandemie hat sich auf jede Branche unterschiedlich ausgewirkt, aber selbst gefragte Branchen standen unter Druck, Barmittel zu horten, da das Fundraising viel länger als üblich dauerte.
  • Online-Tools zum Netzwerken wie Zoom sind ein zweifelhafter Segen. Zwar können Investoren mehr Meetings wahrnehmen, es ist aber schwieriger, sich virtuell kennen zu lernen. Das macht es für junge Start-ups oder Erstgründer besonders schwierig.

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