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Der Feind vor den Toren - Die Schuldenkrise und Italien

15. Juli 2011
Das mögliche Überschwappen der Euro-Schuldenkrise auf Italien hat den Beginn der Unternehmensberichtssaison überschattet. Enttäuschende Statistiken aus den USA und China trugen ebenfalls zur Wiederbelebung der Risikoaversion bei. Der Druck auf die Politik, zu einer besseren Lösungsstrategie für das Schuldenproblem der Euro-Peripherie zu kommen, steigt.

Aktienmärkte brechen Erholung ab, einige Märkte riskieren neue zyklische Tiefsstände
Die meisten grossen Aktienindizes haben es nicht geschafft zu neuen zyklischen Hochs auszubrechen und sind in die jüngsten Konsolidierungsbandbreiten zurückgefallen. In den USA verfehlte der S&P 500 das April-Hoch (Schlusskurs) von 1.363 Punkten um nur 0,8 Prozent. Auch der DAX verpasste das April-Hoch um genau den gleichen Abstand. In Asien brachen Indizes wie der Hongkonger Hang Seng oder Hang Seng China Enterprises, welcher chinesische Festlandaktien repräsentiert, sogar noch deutlich bevor sie in die Nähe der jüngsten Höchststände kamen ein. Hier wurde bereits 7 bis 8 Prozent vor den jeweiligen zyklischen Hochs zum Rückzug geblasen. Hingegen konnte Japans Nikkei 225 zwar ein neues Zwischenhoch erklimmen – aber hier muss man das durch die März-Katastrophe erreichte tiefere Ausgangsniveau berücksichtigen. Die globalen Aktienmärkte haben damit die seit Mai anhaltende Konsolidierungsphase nicht hinter sich lassen können. Einige asiatische Märkte riskieren sogar, auf neue zyklische Tiefs abzugleiten. Insgesamt haben die Aktienmärkte die während der letzten Monate abgetasteten Trendmuster aber nicht verlassen. Es ist daher nicht wahrscheinlich, dass die aktuellen Turbulenzen das Ende der zugrunde liegenden Hausse eingeleitet haben.

Enttäuschende Daten aus den USA und China. Ausverkauf bei Italiens Staatsanleihen
Den Auslöser für den jüngsten Rückfall lieferte der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag. Den zweiten Monat in Folge hinkte die Anzahl der neu geschaffenen Jobs den Markterwartungen hinterher. Am Wochenende wurde zudem bekannt, dass die Inflation in China weiter stärker als erwartet zunimmt. Richtig verschärft wurde die Situation am Montag, als italienische Staatsanleihen gemeinsam mit Obligationen anderer Euro-Peripherieländer „ausverkauft“ wurden, während im Gegensatz dazu Staatspapiere der als sicher geltenden Länder wie etwa Deutschland oder USA stark nachgefragt wurden. Diese deutliche Divergenz zwischen den Anleihen Italiens und anderer Länder der Gruppe der Sieben stellt eine Warnung dar, dass die Schuldenkrise an der Euro-Peripherie nun auch die Schwelle der drittgrössten Volkswirtschaft des Euroraums erreicht hat.


Euro-Schuldenkrise klopft an Italiens und Belgiens Türen
Die Turbulenzen im Anleihenmarkt wurden von Berichten begleitet, dass Europas politische Akteure noch recht weit davon entfernt sind, sich auf eine bessere Lösungsstrategie zu einigen. So hiess es, dass Pläne wiederbelebt werden, welche schon einmal von der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission unterstützt aber von Deutschland abgelehnt wurden. Die Debatten über den richtigen Ansatz werden sicher weiter heftig geführt werden. Das Problem dabei ist nur, dass die Schuldenkrise inzwischen möglicherweise dabei ist, auf grosse europäische Volkswirtschaften überzuschwappen. So bewegten sich am Montag auch belgische Anleihenrenditen in die gleiche Richtung wie jene von Italien und der kleineren Peripherieländer. Sollte das Vertrauen in Italiens Schuldenmarkt weiter deutlich sinken, könnte auch Belgien betroffen sein. Angesichts der sich verschlechternden Situation wäre es hilfreich, wenn sich Europas Politik auf einen glaubwürdigen Plan zur Bewältigung der Krise verständigen könnte.


Mit Italien im Visier der Märkte steigt der Druck auf Europa
Einen positiven Effekt könnten die jüngsten Turbulenzen allerdings durchaus haben. Die mögliche Infektion Italiens und vielleicht sogar Belgiens erhöht den Druck auf die Entscheidungsträger, mit dem Zeitschinden aufzuhören und das Unvermeidliche in Angriff zu nehmen. Die Währungsunion könnte sich dem Moment nähern, an dem entschieden wird, eine geordnete Umschuldung ihrer schwächsten Mitglieder vorzunehmen und eine Art zentraler Finanzinstitution zu schaffen. Letzteres würde am ehesten eine Institution sein, welche gemeinsame Anleihen emittiert. Das alternative Szenario der Teilung des Euroraums erscheint höchst unwahrscheinlich, zumal nicht einmal klar ist, wo genau die Grenze zwischen Peripherie und Kern gezogen werden sollte. Der Ausstieg einer sehr kleinen Volkswirtschaft wie Griechenland mag da schon realistischer sein, aber auch das würde Spaniens oder Italiens Probleme nicht lösen. Wie die Dinge jetzt stehen, scheint die deutsche Zurückhaltung in allen innenpolitisch äusserst kontroversen Fragen das grösste Hindernis einer schnellen Lösung zu sein. Mit der Zeit dürfte aber auch Deutschland den erwähnten Kurs als unvermeidlich akzeptieren, im Austausch für die maximal mögliche Einschwörung auf strengere gemeinsame Regeln und die Fortsetzung fiskalpolitischer Sanierungsmassnahmen im Euroraum.