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LGT Investorama: Spannung zwischen Dissonanz und Konsonanz

24. November 2017

Protektionismus-Tendenzen bis hin zu einem Handelskrieg, Exit-Bewegung nach den Wahlen in Europa, geo-politische Krisen: Was haben doch viele Ökonomen vor Jahresfrist alles befürchtet und ersorgt! Trotzdem: Für die Weltwirtschaft und die internationalen Finanzmärkte begann der Auftakt ins Jahr 2017, auffallend anders als zwölf Monate zuvor, gänzlich ohne Paukenschlag. Vielmehr setzte sich das globale Konjunktur- und Bör-senkonzert schön in derselben Tonart fort, wie es im Vorjahr ausgeklungen war.

Fast pausenlos weitergespielt wurde – seit dem Wahlsieg Trumps sogar noch stärker akzentuiert – die bekannte Melodie vom Aufschwung in den USA. Etwas verhaltener, da von anstehenden Wahlen mit gefährlichem Spaltungspotential gedämpft, aber immer noch recht harmonisch klangen die Dur-Töne in Europas Grundtenor. Im asiatischen Part des interkontinentalen Trios schliesslich war, trotz einiger kritischer Zwischenrufe, das Crescendo-Wachstumsmotiv Chinas und, vielleicht etwas mehr piano, auch Japans meist dominant herauszuhören.

Alles in allem so viel erfreuliche Musik in den Ohren der Investoren, dass manche Misstöne fast untergegangen sind. Überraschend glimpflich hat sich der Klamauk um verschiedene politische Störfaktoren für Wirtschaft und Märkte sang- und klanglos verzogen: In geradezu phänomenaler Weise hallt seit dem EU-freundlichen Wahlausgang in Frankreich die Europäische Hymne „Ode an die Freude“ auf dem alten Kontinent nach. Kein Hintergrunddröhnen ist mehr zu vernehmen, weder von einer EU-Führungskrise noch von der Schulden- und Bankenkrise. Selbst an den alle paar Takte wiederkehrenden Lärm um Protektionismus-Tendenzen der US-Administration oder einen Handelskrieg scheint man sich ebenso gewöhnt zu haben wie an den häufigen Krach um die Konflikte in Nordkorea oder im Nahen Osten… Was vermag die Welt der Anleger überhaupt noch aus der Ruhe und von ihrem Leitmotiv „Don’t worry, be happy“ abzubringen?

Machen wir uns nichts vor: Bei diesem Werk handelt es sich im Grunde genommen um eine Variation jenes Klassikers, dutzendfach virtuos inszeniert schon von den früheren US-Notenbankchefs Alan Greenspan und Ben Bernanke. Noch viel präziser gehorchen die geldpolitischen Kompositionen der heutigen Amtsinhaberin Janet Yellen genauso wie von EZB-Präsident Draghi und BoJ-Chef Kuroda jener überschwänglichen Harmonielehre, wonach der Markt sofort mit magischen Worten plus extrem viel akkommodierender Liquidität einzulullen ist, wann immer irgendeine Erschütterung seinen ausgewogenen Rhythmus zu stören droht. Zu dieser lockeren Note passt auch, dass seit mehr als einem Jahrzehnt mindestens ein rätselhaft fremd und anhaltend falsch tönender Akkord bis heute unüberhörbar geblieben ist: jenes „Conundrum“-Thema der viel zu tiefen Langfristzinsen. Sie sind bis heute das Echo der extremen Geldpolitik, wie es unablässig und rund um den Globus an den Bondmärkten gespielt wird.

Doch was geschieht, wenn die weltberühmten Dirigenten dereinst kurz nacheinander von der geldpolitischen Bühne abtreten? Sind – in Unkenntnis von dogmatischer Herkunft und praktischem Erfahrungsschatz (eines Teils) ihrer Nachfolger – nicht Dissonanzen vorprogrammiert?

Trotz all des frenetischen Applauses, den die aktuell amtierenden Zentralbank-Gouverneure für ihr Hohes Lied der monetären Flexibilität in der Finanzwelt geerntet haben, darf ihr Stellenwert nicht mythisch überhöht werden. Denn die Aufführungen der Realwirtschaft – und erst recht die Marktmusik als zweite Stimme zur Fundamentalmelodie! – waren und werden nie präzis orchestrierbare Stücke, sondern weisen häufig Züge spontaner Improvisation auf. Ökonomische Live-Konzerte lassen sich eben selbst vom genialsten Notenbankdirigenten nicht künstlich im Leitzins-Studio entwerfen. Freilich waren namentlich Yellen und Draghi – und dies wird Spielern wie Interpreten auf dem Börsenparkett in naher Zukunft wohl am meisten fehlen – mit ihrer sagenhaften Zeichensprache („Forward Guidance“) Meister im Einstimmen der Märkte auf die nächsten geldpolitischen Takte.

Die Musik an den Kapitalmärkten sollte also auch ohne Yellen, Draghi und Kuroda nicht ganz verstummen, ihre Dynamik und Klangfarbe könnten aber für eine kurze Kadenz etwas chaotisch werden. Vor allem in der ersten Übungsphase sind ein paar falsche Töne zu erwarten: bis sich das Finanz- und Wirtschafts-Ensemble und die neuen Dirigenten der Fed, EZB und BoJ wieder eingespielt haben; bis klar ist, ob und wer von ihnen womöglich zum traditionellen Stil von „sound money and credit“ zurückkehrt oder gar den monetären Takt strikt nach vorgegebenen Noten, etwa einem Inflationsziel, wird schlagen müssen. Das Repertoire der Märkte ist jedoch nicht unbegrenzt – oft werden Wiederholungen oder moderne Remakes von bekannten Themen gespielt. So ist im Asset Management zurzeit ein besonders feines Sensorium gefragt, um in der nahen Zukunftsmusik auch kontemporäre Variationen vor dem Gros des Investorenpublikums als solche zu erkennen. Mit Vorteil machen wir uns dabei gefasst auf ein paar kräftige Paukenschläge!

Dr. Alex Durrer
Chief Economist

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