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So könnte die Welt morgen aussehen

9. September 2014

Mithilfe der Szenario-Technik lassen sich Portfolios entwickeln, die sich bei verschiedenen Marktentwicklungen bewähren. Ein Einblick in zwei intensive Workshop-Tage.

Walter Pfaff und Philipp Becker diskutieren die Einflussfaktoren der Szenario-Analyse auf die zukünftige Entwicklung von Portfolios.
Walter Pfaff und Philipp Becker diskutieren die Einflussfaktoren der Szenario-Analyse auf die zukünftige Entwicklung von Portfolios.

Zum Schloss Freudenfels im thurgauischen Eschenz (Schweiz) führt ein schmaler geteerter Feldweg, vorbei an einem Blätterwald, hügeligen Wiesen und einem kleinen Weinberg. Beim Parkplatz angekommen, sieht man hinunter auf den nahen Bodensee. Das 1359 erstmals erwähnte Schloss dient heute als Seminarzentrum der LGT Group. Es ist klein, mit rot gestreiften Fensterläden und einem barocken Zwiebeltürmchen. Zur Anlage gehören auch ein Stall und eine Scheune, die beide umgebaut wurden, ein ehemaliges «Weiberhaus» mit Schlafräumen und ein kleiner Rosengarten mit Buchsbäumen. Die Luft an diesem frühen Julimorgen ist angenehm warm, aber noch nicht wirklich heiss. Gelegentliches Gebimmel der Kuhglocken unterstreicht die Idylle. Nur eine Fahrstunde von Zürich entfernt, wähnt man sich in einer Oase der Vergangenheit – der ideale Ort, um Szenarien für die Zukunft zu entwickeln.

Wie das genau aussieht, kann man später im grossen Schlosssaal miterleben. Rund 25 Personen, Teilnehmende eines Szenario-Workshops, stehen in Kleingruppen zusammen und diskutieren. Soeben haben der CEO einer Researchboutique aus Hongkong und ein Analyst von IFC, der Investmenttochter der Weltbank, die Chancen und Risiken für Schwellenländer beleuchtet. In den nächsten zwei Tagen sollen die Workshop-Teilnehmenden unterschiedliche, aber plausible Szenarien für diese Länder erarbeiten: Nimmt deren Abhängigkeit vom Westen ab? Wie könnte sich die politische Emanzipation auf die Wirtschaft auswirken? Was passiert, wenn sich der Renminbi abschwächen würde? Szenario-Analyse nennt sich diese Technik, bei der man in Möglichkeiten denkt und verschiedene Bilder der Zukunft entwirft.

«Der Wirtschaftshistoriker hat eine andere Sicht als der Soziologe, der Energieexperte eine andere als der Städteplaner.»

Philipp Becker

Multidisziplinäre Arbeitsgruppen

Gut die Hälfte der anwesenden Experten sind von der LGT: Volkswirtschaftler, Länderanalysten oder Asset Manager. Die andere Hälfte sind externe Fachleute unterschiedlichster Disziplinen, die ihr spezialisiertes Wissen in die Diskussionen einbringen. Hierzu gehören beispielsweise der langjährige Fernost-Korrespondent einer führenden Schweizer Tageszeitung oder der frühere Leiter des Think Tanks eines grossen Automobilkonzerns. «Wichtig ist, dass die Arbeitsgruppen möglichst multidisziplinär zusammengesetzt sind: Der Wirtschaftshistoriker hat eine andere Sicht als der Soziologe, der Energieexperte eine andere als der Städteplaner», sagt Philipp Becker, einer der Moderatoren dieses zweitägigen Workshops. Der junge Deutsche hat in St. Gallen Betriebswirtschaft studiert und seine Dissertation über die Szenario-Technik in der Anlagestrategie geschrieben. Zusammen mit seinem Vorgesetzten Walter Pfaff, Gesamtverantwortlicher für die Asset Allocation, hat er den Bereich Szenario-Analyse bei der LGT aufgebaut.

«Mithilfe der Szenario-Technik können wir aber eine langfristig robuste Anlagestrategie entwickeln, die sich bei sehr unterschiedlichen Marktentwicklungen bewährt.»

Walter Pfaff

Nach dem freien Gedankenaustausch verteilen sich die Arbeitsgruppen auf die verschiedenen Räume des Schlosses. Deren schwere Holzbohlen bilden einen stabilen Boden für die flirrenden Gedanken – jetzt geht es explizit darum, anders zu denken, «out of the box» wie es heute heisst. Eine der Arbeitsgruppen diskutiert das Schattenbankensystem in China, ein sogenannter Input-Faktor in der Szenario-Technik. Könnte das System zusammenbrechen? Was wären die Folgen für Wirtschaft und Finanzmärkte, aber auch für die Gesellschaft? Was genau würde sich beim Zusammenbruch abspielen? Die Gruppe denkt verschiedene Möglichkeiten durch, erarbeitet Projektionen. Und versucht, die Gedanken auf dem Flipchart zu systematisieren. Sogar beim Abendessen in der ehemaligen Scheune bleibt das Thema Schwellenländer präsent, zunächst fachlich – manchmal werden aber auch Anekdoten und Reiseerfahrungen ausgetauscht.

Rudern gehört auch dazu

Der nächste Morgen beginnt früh, mit dem obligatorischen Rudern auf dem Bodensee. Die Teilnehmenden sollen geistig frisch und aufnahmefähig sein. Denn der nächste Programmpunkt – der sich über den ganzen Tag erstreckt – hat es in sich: Sämtliche Faktoren und Projektionen vom Vortag müssen zu plausiblen Szenarien verdichtet werden. Thesen werden hinterfragt, durchleuchtet und teilweise wieder verworfen. Im Plenum präsentieren die Arbeitsgruppen am späten Nachmittag ihre Ergebnisse. Die Teilnehmenden, sowohl externe wie interne Spezialisten, sind sichtlich beeindruckt vom gemeinsam erarbeiteten Wissen.

Der zweitägige Workshop ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt im Prozess der Szenario-Analyse bei der LGT. Die entwickelten Szenarien für die Schwellenländer werden in den kommenden Wochen vom Szenario-Kernteam der LGT nochmals intensiv durchleuchtet und in die bereits bestehenden Gesamtszenarien der LGT integriert. Für diese werden dann in weiteren Workshops die Rendite- und Risikoerwartungen von einzelnen Anlageklassen ermittelt und für jedes Szenario ein optimiertes Portfolio gebildet. Walter Pfaff, der erfahrene Anlagestratege, ist davon überzeugt, dass sich dieser riesige Aufwand lohnt: «In Zeiten grosser und schneller Veränderungen ist es fast unmöglich, die Zukunft korrekt zu antizipieren. Mithilfe der Szenario-Technik können wir aber eine langfristig robuste Anlagestrategie entwickeln, die sich bei sehr unterschiedlichen Marktentwicklungen bewährt.»

 

Infobox: Antwort auf die Ungewissheit der Zukunft

Szenarien beschreiben mögliche Bilder der Zukunft und zeigen Entwicklungspfade auf. Die Szenario-Technik wurde in den 1970er-Jahren als Planungsinstrument in Unternehmen eingeführt und findet mittlerweile breite Anwendung in ökonomischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Die LGT wendet die Szenario-Analyse an, um mögliche Entwicklungen der nächsten fünf bis zehn Jahre an den globalen Finanzmärkten zu beschreiben. Unter Einbindung von internen und externen Spezialisten werden dabei grundlegende wirtschaftliche politische und gesellschaftliche Entwicklungen erforscht und deren Auswirkungen auf die Finanzmärkte und spezifischen Anlageklassen ermittelt. Die Erkenntnisse fliessen in die Formulierung der langfristigen Anlagestrategie ein und werden anschliessend in den Portfolios umgesetzt, unter anderem auch beim Anlagevermögen der Fürstlichen Familie.

Der Beitrag ist im Porträt der LGT erschienen.

Weitere Informationen: LGT – Wir über uns