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Ahead of the curve: Jerome Powell lässt sich kein V für ein U vormachen

17. Juni 2020

Ein Kommentar von Jürgen Lukasser, Chief Investment Officer der LGT Bank Österreich über die Aufholjagd auf den Aktienmärkten in den letzten Wochen, trotz der schwachen makroökonomischer Rahmenbedingungen. 

Ahead of the curve: Europa in der moralischen Falle

Der breite S&P 500 Index bewegt sich bereits in die Nähe des Vorkrisen-Niveaus, der NASDAQ 100-Index konnte bereits einen neuen Allzeit-Rekord markieren. Wie das zusammenpasst? Entscheidend sind die Erwartungen, die von den Aktienmärkten antizipiert werden. Analysten sprechen gerne von einem V-förmigen oder einem U-förmigen Szenario. Das V-förmige Szenario basiert auf einem raschen und scharfen konjunkturellen Einbruch, gefolgt von einer dynamischen Erholung. Das U-förmige Szenario geht zwar ebenfalls von einer konjunkturellen Auferstehung aus, jedoch mit einem zaghafteren Beginn und einem langsameren Verlauf. Obwohl der Arbeitsmarkt unter normalen Umständen als nachlaufender Indikator – die Arbeitsmarktdaten verbessern sich erst nach einem konjunkturellen Aufschwung - bezeichnet wird, stellt er aktuell doch den Dreh- und Angelpunkt dar. Im April 2020 gingen als Folge des "social distancing" rund 20 Millionen Arbeitsplätze verloren. Eine epochale Zahl, entspricht doch die Größenordnung der Summe aller verlorenen Arbeitsplätze in allen Rezessionen in den USA zurückgehend bis ins Jahr 1945. Ohne entscheidende Verbesserung an dieser Front ist ein konjunkturelles Comeback kaum vorstellbar, die Form und Dauer der Erholung der Wirtschaft wird vermutlich in diesem Sektor entschieden. Die Veröffentlichung der Anzahl der neugeschaffenen Stellen im privaten Sektor für den Monat Mai brachte prompt eine satte Überraschung: anstelle eines weiteren Kahlschlags von 6,7 Millionen Jobs wurden fast 3,1 Millionen neu geschaffen. Das Job-Wunder erfolgte in erster Linie im hart getroffenen Dienstleistungssektor. Die Aktienmärkte zündeten ein Feuerwerk, der amtierende US-Präsident jubilierte und sprach sogar vom stärksten wirtschaftlichen Comeback der Geschichte. Mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen dürfte hier auch ein wenig Zweckoptimismus mitschwingen. Der Fed-Chef Jerome Powell hingegen nimmt das Lebenszeichen des Arbeitsmarktes erfreut zu Kenntnis, gleichzeitig wird Realismus eingemahnt: es wird Jahre dauern bis der US-Arbeitsmarkt zur Stärke des vergangenen Jahres zurückkehren können wird. Entsprechend wurden die Leitzinsen unverändert in der Nähe der Null-Linie belassen und zumindest bis 2022 keine Zinserhöhungen in Aussicht gestellt. Zusätzlich wird die Notenbank weiterhin festverzinsliche Instrumente im Gegenwert von zumindest USD 120 Milliarden aufkaufen. Jerome Powell behält den Fuß also am Gaspedal, die Notenbank ist jedenfalls entschlossen alle Maßnahmen zur Unterstützung der Konjunktur zu setzen.

Was bedeutet das nun für die Kapitalmärkte? Die Nullzinspolitik wird auf Jahre verlängert. Anleihen bleiben damit unattraktiv. Eigentlich gute Neuigkeiten für Aktien. Leider sind die Bewertungen auf dem aktuellen Niveau herausfordernd, da bereits viel einer V-förmigen Erholung eingepreist ist. Sollte die Fed rechthaben, so ist mit Korrekturen und Volatilität zu rechnen. Wichtig ist es daher auf gute Qualität im Portfolio zu achten. Wer die Erholung verpasst hat, kann Rückschläge auf dem Weg zur Erholung als interessante Einstiegszeitpunkte nutzen.

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