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Ahead of the curve: Titanisches Erwachen?

25. November 2020

Ein Kommentar von Jürgen Lukasser, Chief Investment Officer der LGT Bank Österreich, über die neu-geschaffene größte Freihandelszone die "Regionale Umfassende Wirtschaftspartnerschaft" (RCEP) in Asien sowie deren enorme Auswirkungen auf die ganze Welt.

Ahead of the curve: Titanisches Erwachen?

Nach acht Jahren zäher Verhandlungen konnte am 15. November 2020 die "Regionale Umfassende Wirtschaftspartnerschaft" (RCEP) von 15 Ländern in Asien und im Pazifikraum unterzeichnet werden.

Die langfristigen Auswirkungen des Abkommens könnten wahrhaft tektonisch sein. Gegenstand des Vertrages ist ein Gebiet mit mehr als 2 Milliarden Menschen und einem BIP von 26 Billionen Dollar, das sich im Falle eines Beitritts Indiens nochmals dramatisch ausweiten könnte. Das RCEP ist damit die größte Freihandelszone der Welt - die Europäische Union wurde spielend überholt - und umfasst fast ein Drittel der Weltbevölkerung und der Wirtschaftsleistung. Konkret sieht dieses Abkommen vereinfachte Ursprungsregeln vor und wird damit den in der Region tätigen Unternehmen das Leben erleichtern. Damit steigt natürlich auch der Druck auf multinationalen Unternehmen ihre Produktion dorthin zu verlagern, um im Wettbewerb weiterhin bestehen zu können. In diesem Zusammenhang wird erstmals ein regionales Handelsabkommen zwischen China, Südkorea und Japan geschlossen, das vor allem deutlichen Einfluss auf die Handelsströme im High Tech-Bereich haben könnte. Chinas wirtschaftlichen Einfluss in der Region wird damit deutlich gestärkt. Wichtig für das Verständnis, ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass der Pakt die Unterstützung für Staatsunternehmen und andere Aspekte des chinesischen Wirtschaftsmodells nicht einschränkt. Insgesamt wurde über die RCEP eine Plattform geschaffen, um Handelsbedingungen im eigenen Interesse der asiatischen Teilnehmerstaaten zu definieren.

Auf der anderen Seite ist dieses Handelsabkommen – trotz langer Vorlaufzeit - nicht auch zwangsläufig auch das tiefgreifenste. Es beseitigt weniger Zölle als üblich, und einige davon sogar erst nach zwei Jahrzehnten. Die Abdeckung bei Dienstleistungen und Agrargütern ist wirklich lückenhaft. Zumindest zu Beginn ist Indien noch kein Mitglied. Doch als die Staats- und Regierungschefs virtuell zusammentraten, um feierlichen Schlussakt zu setzen, begrüßten sie den Pakt als einen Triumph.

Wenn man versucht die Auswirkungen dieses Abkommens einzuschätzen, so kann festgehalten werden, dass RCEP in krassem Gegensatz zur Politik der Trump-Administration steht. Eine der ersten Amtshandlungen des Präsidenten nach seiner Machtübernahme im Januar 2017 war der Erlass eines Ausstiegsbeschlusses aus der Transpazifischen Partnerschaft, einem Freihandelsabkommen, an dem die USA und elf weitere Pazifikstaaten beteiligt waren. Und es versteht sich von selbst, dass die Anziehungskraft Chinas als Handelszentrum in Asien im Vergleich zu den Vereinigten Staaten mit der Einführung der RCEP zweifelsfrei zunehmen wird.

Die wahre strategische Dimension liegt jedoch in der institutionellen Stimme, die das RCEP China verleihen wird. Man muss das Gesamtbild rund um den Start des RCEP betrachten, um zu verstehen, wie dieses jüngste Detail in Chinas strategisches Gesamtkonzept passt. Und das bedeutet einen Rückblick auf die Ereignisse der letzten Dekaden.

Das bemerkenswerte Wirtschaftswachstum Chinas in den letzten Jahrzehnten wurde nicht von einer entsprechenden Zunahme des politischen Einflusses Pekings begleitet. Diese Tatsache ist insbesondere nicht zu unterschätzen, wenn es um die Definition von Standards oder Spielregeln in Bereichen wie Handel, Finanzen und Investitionen geht. Unter diesem Aspekt betrachtet könnte sich RCEP als "Game Changer" erweisen. Die USA waren lange Zeit der Platzhirsch nicht nur als Wirtschaftsmacht, sondern auch in Bezug auf die institutionelle Schlagkraft, sowohl auf regionaler wie auch auf internationaler Ebene. Das Privileg, das diese Rolle verleiht, ist in keinem Fall zu unterschätzen. Der Zugang zu Märkten - für Waren oder für Investitionen und Finanztransaktionen - ist eine Sache; die Schaffung der Regeln, nach denen diese Märkte funktionieren, eine andere. Der letzte Vorteil, den die USA in dieser Hinsicht genießen, ist das "exorbitante Privileg", die wichtigste internationale Reservewährung der Welt zu kontrollieren.

Die USA haben in den letzten Jahrzehnten eine wirksame Kontrolle über die führenden multilateralen Institutionen der Welt ausgeübt (viele dieser Institutionen wurden auf Initiative der USA geründet). Die Bretton-Woods-Zwillinge (der Internationale Währungsfonds und die Weltbank) regionale Entwicklungsbanken, sowie die Welthandelsorganisation, die Weltgesundheitsorganisation etc. wurden mit US-Unterstützung gegründet. China hat es zwar geschafft, sich mehr Stimmrechte oder "Quoten" in einigen dieser politikbestimmenden Institutionen zusichern. Spitzenpositionen konnten bisher aber nicht personell besetzt werden. Der geringe institutionelle Einfluss führte in Peking zu Frustration. Jetzt wittert man im Reich der Mitte ungeahnte strategische Möglichkeiten.

Was bleibt als Fazit? Aktuell stellt sich die Frage, ob die absehbaren Auswirkungen des Abkommens bereits in den Aktienmärkten eingepreist sind. Bedenkt man die beschriebene strategische Dimension, so könnte das schlicht die falsche Frage sein. Wesentlich erscheint mittel-bis langfristig die Möglichkeit die Usancen und Definitionen in einer der interessanten Wirtschaftszonen der Welt festlegen zu können. In den wichtigsten Weltaktien-Indizes spielt China heute nur eine Rolle im Bereich der Schwellenländer. Dieser Umstand könnte sich mittelfristig ändern, wenn auch an den chinesischen Aktienbörsen wichtige Rahmenbedingungen – Stichwort Governance – festgelegt werden.

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