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Nachhaltigkeit und Zentralbanken: Raus aus dem Abseits

November 23, 2017

Während sich Pensionskassen, Versicherungen, Staatsfonds, Vermögensverwalter und weitere Akteure immer mehr mit den sozialen und ökologischen Dimensionen ihrer Entscheide auseinandersetzen, standen Zentralbanken in der Debatte über nachhaltige Finanzmärkte bisher oft abseits. Das sollte sich ändern.

Alexander Barkawi, Gründer und Direktor des Council on Economic Policies, fordert, dass auch Zentralbanken ihren Beitrag leisten müssen, um Finanzmärkte stärker in Richtung Nachhaltigkeit auszurichten.

Zentralbanken haben insbesondere seit der Finanzkrise ihre Aktivitäten massiv ausgeweitet. Das schlägt sich nicht zuletzt im direkten Kauf von Anleihen und Aktien und damit verbunden einem starken Anstieg ihrer Bilanzen nieder. Die konsolidierte Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank (EZB) und der nationalen Zentralbanken in der Eurozone stand Ende 2006 bei 1.2 Billionen Euro. Ende September 2017 lag dieser Betrag bereits bei 4.3 Billionen Euro. Die Bilanz der Schweizerischen Nationalbank betrug Ende 2006 112 Milliarden Schweizer Franken und hat sich zwischenzeitlich auf knapp unter 800 Milliarden Schweizer Franken mehr als versiebenfacht. Auch das Federal Reserve, die Bank of England (BoE) und die Bank of Japan haben ihre Bilanzen in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Insgesamt werden die Bilanzsummen der führenden Zentralbanken weltweit mittlerweile auf über 20 Billionen US-Dollar geschätzt. Tendenz steigend.

Jenseits von Preisstabilität

Angesichts dieser Grössenordnung verblüfft es, wie selten das Thema Nachhaltigkeit im Kontext von Zentralbanken bisher auf der Agenda stand. Dabei wird oft auf ihr primäres Ziel der Preisstabilität verwiesen und die Meinung vertreten, dass dieses Zentralbanken einschränke, weitere Ziele in ihren Entscheiden zu berücksichtigen. Mario Draghi hat diese Auffassung für die EZB in seinem letzten vierteljährlichen Dialog mit dem europäischen Parlament im September entkräftet und darauf hingewiesen, dass das Mandat der EZB durchaus weitere sekundäre Ziele vorsieht, zu denen auch eine intakte Umwelt zählt.

Vor diesem Hintergrund ist ein wichtiger erster Schritt eine vertiefte Analyse inwiefern Zentralbanken heute mit ihren Aktivitäten Zielen der Nachhaltigkeit entgegenwirken. In diesem Kontext bietet eine Studie des Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment Hinweise, dass sowohl die BoE als auch die EZB in den vergangenen Jahren mit ihren Käufen von Unternehmensanleihen ein deutliches Übergewicht in besonders CO2-intensiven Branchen aufgebaut hat. Die Tatsache, dass die EZB im Rahmen ihres Asset-Backed-Securities Purchase-Programm seit November 2014 Verbriefungen von Automobilkrediten gekauft hat, ist ein weiteres Beispiel für die Unterstützung einzelner Sektoren, die überprüft werden sollte.

Darüber hinaus gilt es zu evaluieren, inwiefern Zentralbanken proaktiv Kriterien der Nachhaltigkeit in ihre Entscheidungsfindung integrieren sollten. Weltweit beziehen immer mehr institutionelle Investoren soziale und ökologische Aspekte in ihre Anlageentscheide mit ein. Zentralbanken bilden diesbezüglich sowohl in ihren Käufen von Anleihen und Aktien als auch in der Definition der akzeptierbaren Sicherheiten im Rahmen von Refinanzierungsgeschäften bisher das Schlusslicht.

Anzeichen für ein Umdenken

Erste Anzeichen für ein Umdenken häufen sich: Mark Carney, der Governor der BoE, hat bereits im September 2015 auf die Risiken des Klimawandels hingewiesen – nicht zuletzt in Hinblick auf das Ziel der Finanzstabilität. Kurz darauf hat das European Systemic Risk Board eine Studie zu den Finanzmarktrisiken des Klimawandels veröffentlicht. Diesen Oktober hat die Zentralbank der Niederlande zu einer verstärkten Integration von Klimafragen in Finanzmärkten aufgerufen und angekündigt, dass sie Klimarisiken im Rahmen ihrer Tätigkeit als Aufsichtsbehörde in Zukunft stärker berücksichtigen wird.

Das sind wichtige Schritte, denen weitere folgen sollten – insbesondere ein vertieftes Verständnis darüber, wo Zentralbanken heute durch ihre Entscheide Nachhaltigkeitszielen entgegenwirken, sowie entsprechende Anpassungen in ihrer Anlagepolitik und den Vorgaben für notenbankfähige Sicherheiten. Finanzakteure leisten einen zunehmenden Beitrag, um soziale und ökologische Kriterien zu einem integralen Bestandteil der Kapitalallokation zu machen und Finanzmärkte stärker in Richtung Nachhaltigkeit auszurichten. Zentralbanken dürfen dabei nicht abseitsstehen.

 
Hier finden Sie weitere Informationen Nachhaltigkeit bei LGT 

 

Alexander Barkawi ist Gründer und Direktor des Council on Economic Policies (CEP) – ein internationaler wirtschaftspolitischer Think Tank für Nachhaltigkeit mit Fokus auf Fiskal-, Geld- und Handelspolitik. Zuvor war er als Geschäftsführer von SAM Indexes verantwortlich für die Entwicklung der Dow Jones Sustainability Indexes zu einem weltweiten Referenzpunkt für Sustainability Investing. Neben seiner Tätigkeit bei CEP engagiert er sich als Präsident der oikos Stiftung für die Integration von Nachhaltigkeitsthemen in die Wirtschaftswissenschaften.

 
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Artikeln zum Thema
„Nachhaltiges Investieren“, die LGT auf ihrer Nachhaltigkeitsseite im Internet veröffentlicht. Folgen Sie LGT auf Linkedin und Sie sind aktuell informiert, sobald ein neuer Nachhaltigkeits-Beitrag erscheint.

Das sind wichtige Schritte, denen weitere folgen sollten – insbesondere ein vertieftes Verständnis darüber, wo Zentralbanken heute durch ihre Entscheide Nachhaltigkeitszielen entgegenwirken, sowie entsprechende Anpassungen in ihrer Anlagepolitik und den Vorgaben für notenbankfähige Sicherheiten.