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Der Klimawandel und extreme Wetterereignisse setzen die globale Nahrungsmittelproduktion unter Druck - und gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung. Steigende Temperaturen und ausgelaugte Böden schmälern zudem die Ernteerträge. Die gute Nachricht: Unternehmen im Agrarsektor entwickeln innovative Lösungen, um diesen Herausforderungen zu begegnen.
"Food, glorious food", singen die Waisenkinder zu Beginn des Musicals "Oliver!". Neben Wasser sind Nahrungsmittel für den Menschen lebensnotwendig - und ihre Produktion muss mit der Nachfrage Schritt halten, unabhängig davon, wie stark die Weltbevölkerung wächst.
Steigende globale Temperaturen, häufigere Extremwetterereignisse, die Verknappung der Wasserressourcen und ausgelaugte Böden: Die Folgen des Klimawandels setzen die globale Nahrungsmittelproduktion und damit die künftige Ernährungssicherheit zunehmend unter Druck. Gleichzeitig sorgen eine wachsende Weltbevölkerung und steigender Wohlstand dafür, dass deutlich mehr - und teilweise auch ressourcenintensivere - Nahrungsmittel produziert werden.
Rund 95 % der Nahrungsmittelproduktion hängen direkt vom Boden ab. Doch laut einem Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehen jedes Jahr etwa 3.6 Millionen Hektar Ackerland verloren - eine Fläche, die annähernd der Landfläche der Schweiz entspricht.
Cedric Baur ist bei der LGT als Aktienspezialist mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit unter anderem für die Themen Klimawandel, erneuerbare Energien, Energieinfrastruktur, Wasser und Kreislaufwirtschaft verantwortlich. Sein Fokus liegt dabei auf Unternehmen aus den Sektoren Energie, Industrie und Grundstoffe.
Abholzung, Überdüngung und intensive Landwirtschaft verschärfen die Situation zusätzlich: Böden verlieren an Fruchtbarkeit und werden langfristig geschädigt - von sinkender Produktivität bis hin zur vollständigen Unfruchtbarkeit. Im selben Bericht schätzt die UN, dass bereits die Wiederherstellung von nur 10 % der vom Menschen verursachten Landdegradation auf bestehenden Ackerflächen ausreichen würde, um zusätzlich 154 Millionen Menschen zu ernähren. Angesichts des erwarteten Bevölkerungswachstums in den kommenden Jahrzehnten dürfte jedoch selbst dies nicht ausreichen.
Hinzu kommt, dass die Nahrungsmittelproduktion bereits heute rund ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen verursacht - und damit selbst den Klimawandel antreibt. Selbst wenn die Emissionen aus der Energieerzeugung auf null sinken würden, dürften allein jene aus der Nahrungsmittelproduktion dazu führen, dass die im Pariser Klimaabkommen von 2015 vereinbarte Zielmarke von +1.5 °C überschritten wird.
Wie also lassen sich Emissionen aktiv senken und gleichzeitig eine nachhaltige Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung sicherstellen? Eine ausgewogene, ressourcenschonende Ernährung, weniger Lebensmittelverschwendung und verbesserte landwirtschaftliche Praktiken könnten wirkungsvolle Ansätze sein. Denn was wir essen und wie unsere Nahrungsmittel produziert werden, ist entscheidend, um den Klimawandel zu verlangsamen, Wasserressourcen zu schonen, fruchtbare Böden zu erhalten, Landverlust zu verringern und sensible Ökosysteme zu schützen.
Gleichzeitig führt kein Weg daran vorbei, sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Böden müssen nachhaltig wieder aufgebaut und Wasser effizienter eingesetzt werden. Zugleich gilt es, Saatgut, Pflanzen und Düngemethoden an die veränderten Bedingungen anzupassen. Das alles braucht Zeit.
Fest steht: Die Nahrungsmittelproduktion wird steigen. Der zunehmende Verlust von Ackerland macht genau das jedoch schwieriger. Denn Boden ist für die Nahrungsmittelproduktion, die Wasserfiltration und den Nährstoffkreislauf unverzichtbar - zugleich aber eine nicht erneuerbare Ressource. Ist er einmal zerstört, kann es bis zu 1000 Jahre dauern, bis sich zwei bis drei Zentimeter fruchtbarer Oberboden neu bilden.
Die Zukunft der Landwirtschaft entscheidet sich auch unter der Oberfläche.
Gesunde Böden mit hoher mikrobieller Aktivität können äusseren Belastungen länger standhalten. Eine stärkere Ausrichtung auf die ökologische Landwirtschaft würde dazu beitragen, den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide und leicht löslicher Mineraldünger zu reduzieren. Allerdings könnte sich der Zielkonflikt zwischen ökologischen Vorgaben und neuen Züchtungsverfahren künftig verschärfen, wenn hitze- und trockenheitstolerante Sorten an Bedeutung gewinnen.
Das Bewusstsein für die Vorteile der regenerativen Landwirtschaft wächst. Der Begriff bezeichnet eine von Landwirtinnen und Landwirten getragene Bewegung, die mit der Natur und ihren natürlichen Prozessen arbeiten will. Ziel ist es, Bodengesundheit, Biodiversität und Wasserqualität zu verbessern, die Nahrungsmittelproduktion aufrechtzuerhalten und zugleich die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels zu erhöhen.
Auch in der Landwirtschaft ist Wasser unverzichtbar. Zwar hat der Zugang zu sauberem Wasser in den vergangenen Jahren weltweit zugenommen, doch Bevölkerungswachstum und Klimawandel stellen die künftige Versorgung vor grosse Herausforderungen. Die UN geht davon aus, dass ein Mensch täglich 50 bis 100 Liter Wasser benötigt, um seine Grundbedürfnisse zu decken. Für die Produktion des täglichen Nahrungsmittelbedarfs einer Person sind laut FAO hingegen etwa 2000 bis 5000 Liter erforderlich.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Bewässerung: Auf bewässerten Flächen liegen die Erträge 30 % bis 100 % höher als auf rein regenbewässerten Flächen. Intensive Landwirtschaft führt jedoch häufig zu einer erheblichen Übernutzung der Wasserressourcen und belastet den Boden zusätzlich mit Düngemitteln und Pestiziden. Präzisionsbewässerung kann den Wasserverbrauch insgesamt senken, die Pflanzengesundheit verbessern und langfristig die Ernteerträge steigern.
Am häufigsten kommen zwei Methoden der Präzisionsbewässerung zum Einsatz:
Um die Ernteerträge zu steigern und die künftige Nahrungsmittelversorgung zu sichern, müssen Pflanzen widerstandsfähiger gegenüber Bedingungen wie extremer Hitze oder starken Niederschlägen werden. Laut FAO sind trockenheits-, hitze- und salztolerante Sorten entscheidend, um die Ertragslücke zu verringern.
Pflanzenzüchtung ist ein langfristiges Unterfangen: Von der ersten Kreuzung bis zur Marktzulassung einer neuen Sorte vergehen im Durchschnitt bis zu zehn Jahre. Das band in der Vergangenheit Investitionsmittel und schuf zugleich Eintrittsbarrieren. 2026 hat die EU den rechtlichen Rahmen für neue Züchtungsverfahren gelockert, bei denen auch Gentechnik zum Einsatz kommen kann. Dadurch werden gezielte Eingriffe möglich und Entwicklungszeiten lassen sich verkürzen. Gerade für hitze- und trockenheitstolerante Sorten dürfte dies von besonderer Bedeutung sein.
Auch beim Düngen zeichnet sich ein Wandel ab. Düngemittel sind für das Ernährungssystem unverzichtbar - entscheidend ist jedoch, wie viel davon tatsächlich bei der Pflanze ankommt. Ziel ist es, weniger Dünger einzusetzen, dafür gezielter. Sensoren und Satellitendaten können helfen, den Nährstoffbedarf einzelner Teilflächen zu bestimmen. Über digitale Plattformen lassen sich diese Informationen direkt mit der Applikationstechnik von Landmaschinen verknüpfen. Gleichzeitig dürften biologisch abbaubare Düngemittel an Bedeutung gewinnen, um die Biodiversität zu erhalten und das Grundwasser nicht zusätzlich zu belasten.
Unternehmen, die Saatgut, Pflanzenschutzmittel, Bewässerungssysteme, Agrartechnologie und Wasserinfrastruktur anbieten, können mit ihren Lösungen einen Beitrag zur Anpassung der Landwirtschaft an veränderte Bedingungen leisten. Ebenso wichtig sind reine Agrarunternehmen, die in Saatgut mit spezifischen Eigenschaften wie Insekten- oder Herbizidtoleranz, in gentechnische Veränderungen oder auch in Biokraftstoffe investieren.
Auch Hersteller von Bewässerungssystemen und Technologien für die Präzisionslandwirtschaft sowie Unternehmen aus den Bereichen Wassermanagement und Infrastruktur dürften die über Jahrzehnte angelegte Transformation der Landwirtschaft massgeblich mitgestalten.
Die Herausforderungen für die Nahrungsmittelproduktion sind enorm. Doch ebenso gross sind die Innovationskraft und die Investitionen, die heute in die Entwicklung wirksamer Lösungen fliessen.