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Anlagestrategien

Wer finanziert den KI-Investitionsboom?

Der Wettlauf um die Entwicklung der nächsten Generation der künstlichen Intelligenz (KI) entwickelt sich mehr und mehr zu einem Wettlauf um Kapital. Angesichts der zunehmenden Investitionen stellt sich die Frage, wer diese finanzieren wird - und zu welchem Preis.

  • von Jeremy Sterngold, Stellvertretender Chief Investment Officer, LGT Wealth Management UK
  • Datum
  • Lesezeit 4 Minuten

Während die langfristigen Aussichten für KI nach wie vor überzeugend sind, könnten das Ausmass und das Tempo der Kapitalbeschaffung zu Phasen von Marktverwerfungen und Bewertungsdruck führen, argumentiert Jeremy Sterngold, Deputy CIO bei LGT Wealth Management in London. © VCG/ Getty Images

Zusammenfassung

  • KI- und Technologieunternehmen nehmen Rekordsummen an Eigen- und Fremdkapital auf, um einen der grössten unternehmerischen Investitionszyklen der jüngeren Geschichte zu finanzieren.
  • Bislang haben die Märkte diese Finanzierungswelle gut aufgenommen, doch inzwischen verlangen Investorinnen und Investoren eine höhere Entschädigung.
  • Mit den weiter steigenden KI-Investitionen werden Unternehmen noch mehr Kapital aufnehmen müssen - mit möglichen Auswirkungen auf die Finanzmärkte insgesamt.
Jeremy Sterngold, Stellvertretender Chief Investment Officer, LGT Wealth Management UK
Sterngold zeigt auf, warum Anlegerinnen und Anleger bei der Portfoliozusammenstellung heute mehr denn je selektiv und diszipliniert vorgehen sollten.

Die weltweit grössten Technologieunternehmen geben Hunderte von Milliarden Dollar für die Infrastruktur aus, die für den Einsatz von KI erforderlich ist. Selbst ihre beträchtlichen Cashflows vermögen jedoch immer seltener, diese Ambitionen zu finanzieren. So sehen sich Unternehmen gezwungen, sich an den Aktien- und Anleihemärkten zu refinanzieren, um die Lücke zu schliessen.

Für Anlegerinnen und Anleger können die Auswirkungen weit über den Technologiesektor hinausreichen: Das enorme Volumen der Kapitalbeschaffung hat das Potenzial, Liquidität, Bewertungen und die Entwicklung der Finanzmärkte insgesamt zu beeinflussen.

Welche Unternehmen nehmen Kapital auf?

Während der letzten Monate haben einige der grössten KI- und Technologieunternehmen neues Kapital an den Aktienmärkten aufgenommen oder entsprechende Schritte eingeleitet. SpaceX nahm bei seinem Börsengang USD 75 Milliarden auf - der grösste Börsengang der Geschichte. Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, und OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, haben jeweils vertrauliche Unterlagen bei der "Securities and Exchange Commission" eingereicht - ein möglicher erster Schritt in Richtung Börsengang. Die Dynamik bei der Kapitalbeschaffung hat sich fortgesetzt: Der südkoreanische Speicherchip-Hersteller SK Hynix nahm durch zusätzliche Aktien an der Nasdaq fast USD 27 Milliarden auf, während Samsung Berichten zufolge ebenfalls eine ADR-Emission in den USA prüft.

Die Aktienmärkte sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Die Unternehmen wenden sich auch den Anleihemärkten zu, um die Kosten für KI-Investitionen auf mehrere Kapitalquellen zu verteilen.

Erlöse für den KI-Ausbau

Diese Unternehmen wenden sich aus einem nachvollziehbaren Grund den Kapitalmärkten zu: Sie benötigen erhebliche Kapitalbeträge, um die für KI erforderliche physische Infrastruktur aufzubauen. Dazu gehören Rechenzentren, Tausende von Hochleistungs-KI-Chips, zusätzliche Strom- und Kühlkapazitäten sowie modernisierte Glasfaser- und Netzwerkinfrastruktur. Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta haben alle angekündigt, in diesem Jahr gemeinsam Hunderte Milliarden an Investitionsausgaben zu tätigen, wobei der grösste Teil in die KI-Infrastruktur fliessen soll.

Obwohl diese Unternehmen weiterhin einen beträchtlichen freien Cashflow erwirtschaften, reichen die Cashflows allein angesichts des Tempos der KI-Investitionen mittlerweile nicht mehr aus, um die gesamten Kosten zu decken. Immer mehr Führungsteams müssen daher entscheiden, wie diese Finanzierungslücke am besten geschlossen wird - ob durch Fremdkapital, Eigenkapital oder eine Kombination aus beidem.

Die Zahlen verdeutlichen, wie schnell sich der Finanzierungszyklus beschleunigt hat. Allein im Jahr 2026 haben SpaceX, Alphabet und SK Hynix insgesamt fast USD 200 Milliarden an den Aktienmärkten aufgenommen. Der Anstieg beschränkte sich nicht nur auf die Aktienmärkte: Im vergangenen Jahr wurden von KI-fokussierten Grossunternehmen Anleihen im Wert von mehr als USD 120 Milliarden begeben mehr als das Vierfache des Durchschnitts der vorangegangenen fünf Jahre. Die weltweite Emission von KI-bezogenen Anleihen hat deutlich zugenommen und belief sich in diesem Jahr bislang auf weit über USD 200 Milliarden.

Die entscheidende Frage ist, ob die Kapitalbeschaffungen von KI-Firmen eine attraktive Gelegenheit darstellen, zu günstigen Bewertungen in die nächste Phase des KI-getriebenen Wachstums zu investieren, argumentiert Sterngold. © istock/Gerville

Wie reagieren die Märkte?

Amazon veranschaulicht, wie sich das Interesse der Anlegerinnen und Anleger möglicherweise entwickelt. Das Unternehmen stiess auf grosses Interesse, als es im März Anleihen im Wert von USD 37 Milliarden auflegen wollte; die Nachfrage erreichte in der Spitze rund USD 126 Milliarden. Als Amazon jedoch im Juli die Märkte mit dem Vorhaben überraschte, weitere Anleihen im Wert von USD 25 Milliarden aufzulegen, war das Interesse deutlich verhaltener.

Amazon ist kein Einzelfall. Die Anleihen von SpaceX verloren fast unmittelbar nach der Emission an Wert, wobei die 30-jährigen Anleihen um rund 9 % gegenüber ihrem Emissionsniveau fielen, als der Aktienkurs des Unternehmens seine Gewinne nach dem Börsengang wieder abgab. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass Kreditinvestoren beginnen, für die Finanzierung zunehmend kapitalintensiver KI-Unternehmen eine höhere Entschädigung zu verlangen.

Bislang haben die Märkte diese Emissionswelle weitgehend absorbiert. Da die KI-Investitionsausgaben jedoch weiter steigen, werden die Märkte zunehmend prüfen, ob die den Anleiheinvestorinnen und -investoren angebotenen Renditen ausreichen, um diese ständig wachsenden Investitionsprogramme zu rechtfertigen. Dies könnte Aktieninvestorinnen und -investoren wiederum dazu veranlassen, zu prüfen, ob sie letztendlich einen grösseren Teil der Finanzierungslast tragen müssen.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Märkte insgesamt aus?

Da das Emissionsvolumen bei Aktien und Unternehmensanleihen in den kommenden Quartalen voraussichtlich auf hohem Niveau bleiben wird, werden Anlegerinnen und Anleger zunehmend gefordert sein, frisches Kapital zur Finanzierung dieser Programme bereitzustellen. Dies birgt die Gefahr einer angespannten Liquiditätslage - das heisst, mehr Unternehmen konkurrieren um das Kapital der Anlegerinnen und Anleger -, insbesondere wenn mehrere grosse Emittenten gleichzeitig in den Markt kommen oder sich die allgemeine Marktstimmung verschlechtert.

Sollte dies geschehen, dürften sich die Auswirkungen kaum auf den Technologiesektor beschränken. Andere Unternehmen und Anlageklassen werden um denselben Kapitalpool konkurrieren, was sich potenziell auf die Bewertungen und Liquiditätsbedingungen an den Märkten auswirken könnte.

Was bedeutet dies für Anlegerinnen und Anleger?

Die entscheidende Frage ist, ob diese Kapitalbeschaffungen eine attraktive Gelegenheit darstellen, zu günstigen Bewertungen in die nächste Phase des KI-getriebenen Wachstums zu investieren - oder ob sie den Beginn eines langwierigen Zyklus der Kapitalbeschaffung markieren, der die Kurse belasten könnte, während die Märkte eine beispiellose Welle neuer Angebote absorbieren.

Für Anlegerinnen und Anleger unterstreicht dies, wie wichtig es ist, bei der Portfoliozusammenstellung selektiv und diszipliniert vorzugehen. Während die langfristigen Aussichten für KI nach wie vor überzeugend sind, könnten das Ausmass und das Tempo der Kapitalbeschaffung zu Phasen von Marktverwerfungen und Bewertungsdruck führen, die sowohl Risiken als auch Chancen mit sich bringen. Die Aufrechterhaltung diversifizierter Portfolios bei gleichzeitiger Wahrung der Flexibilität, Kapital einzusetzen, sobald sich Chancen ergeben, wird zunehmend an Bedeutung gewinnen, während sich die Märkte an diese Phase des KI-Investitionszyklus anpassen.

Marktinformationen unserer Expertinnen und Experten

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