Anlagestrategien

Indiens rasanter Aufstieg in der wirtschaftlichen Rangordnung Asiens

Wer an Indien denkt, hat hĂ€ufig Bilder von alten Tempeln und ĂŒberfĂŒllten Strassen vor Augen. Doch man sollte sich nicht tĂ€uschen lassen: Indien, das mittlerweile bevölkerungsreichste Land der Welt, verĂ€ndert sich rapide. 

Datum
Autor
Stefan Hofer, Rajesh Cheruvu
Lesezeit
5 Minuten
Menschen auf einer belebten Strasse in Delhi, Indien
Die Schaffung einer umfangreichen neuen Infrastruktur und die Ausweitung der Warenexporte Indiens sprechen fĂŒr ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum des Landes. © istock/urbancow

Dank einer Kombination aus wegweisenden Reformen und hohen Infrastrukturinvestitionen ist das Land in der Lage, sein Wirtschaftswachstum deutlich zu steigern. In den letzten 20 Jahren lag das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in China deutlich ĂŒber jenem Indiens. In der Zukunft könnte Indien zu einem ernstzunehmenden Akteur in der Weltrangliste der Fertigungsexporteure aufsteigen und das Einkommensniveau seiner BĂŒrger und BĂŒrgerinnen in die Höhe schnellen lassen. Diese neue Dynamik ist sowohl Beobachtenden als auch Investorinnen und Investoren bereits aufgefallen und hat dazu gefĂŒhrt, dass mehr internationale Investitionen in Indiens KapitalmĂ€rkte geflossen sind.

Stefan Hofer, Chief Investment Strategist LGT Asia-Pacific (APAC)
Die chinesische Wirtschaft konzentrierte sich auf ein grosses ArbeitskrĂ€ftereservoir, umfangreiche Sachinvestitionen und die Produktion von GĂŒtern fĂŒr die ExportmĂ€rkte, sagt Stefan Hofer, Chief Investment Strategist der LGT in Asien.

Es gibt verschiedene miteinander konkurrierende Theorien, wie es in Volkswirtschaften am besten gelingen kann, eine nachhaltige Entwicklung und bessere gesellschaftliche und ökonomische Ergebnisse zu erzielen. Das Modell Chinas hat sich in den vergangenen 30 Jahren auf ein grosses ArbeitskrĂ€ftereservoir, tiefgreifende, umfangreiche Sachinvestitionen und auf die Herstellung von Waren fĂŒr die ExportmĂ€rkte konzentriert. IWF-Daten zeigen, dass nach dem 2001 erfolgten Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation der Marktanteil des Landes an den US-Importen von 8,5 Prozent auf einen Höchststand von 22 Prozent im Jahr 2018 gestiegen ist.

Im selben Zeitraum stagnierte der Marktanteil Mexikos, eines anderen wichtigen Produktionszentrums, effektiv bei rund elf Prozent. Betrachten wir die aktuelle Situation, sehen wir allerdings, dass Mexiko mittlerweile China als grössten Lieferanten der USA abgelöst hat. Was zeigt das? Es zeigt zumindest, dass die Konkurrenz im Welthandel enorm ist. Sind die richtigen Bedingungen und ein geeigneter politischer Handlungsrahmen gegeben, können LĂ€nder ihre GeschĂ€ftsmodelle weiterentwickeln und bessere Lebensstandards fĂŒr ihre BĂŒrgerinnen und BĂŒrger erreichen. Dabei spielt das produzierende Gewerbe oft eine SchlĂŒsselrolle.

Indien geht seinen eigenen Weg

Zwei ZĂŒge und Personenverkehr im Victoria Terminus, einem Bahnhof in Mumbai
Die Liberalisierungsreformen der 90er Jahre brachten Bewegung in die indische Wirtschaft. WĂ€hrend ĂŒber die politischen Rahmenbedingungen heftig gestritten wurde, war das Ziel höherer BIP-Wachstumsraten unumstritten. © Getty Images/Tuul & Bruno Morandi

Seit der UnabhĂ€ngigkeit im Jahr 1947 hat Indien unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungsphasen durchlaufen. Richtig in Bewegung kamen die Dinge in den 1990er Jahren mit der Umsetzung der ersten grossen Liberalisierungsreformen. WĂ€hrend es ĂŒber das gesamte Parteienspektrum hinweg immer wieder hitzige Debatten ĂŒber den besten politischen Rahmen gegeben hat, war das Ziel, höhere BIP-Wachstumsraten zu erreichen, unumstritten. Zur besseren Einordnung: Das jĂ€hrliche Bevölkerungswachstum auf unserem Globus ist laut den Vereinten Nationen so hoch, dass zur ErfĂŒllung der Nachfrage jedes Jahr zusĂ€tzlich sechs Millionen Stellen geschaffen werden mĂŒssten. Im Gegensatz zum auf das produzierende Gewerbe fokussierten China hat sich Indien zu einem Zugpferd im Dienstleistungssektor entwickelt. Dies gilt besonders fĂŒr den Bereich Business Process Outsourcing.

Der Trend der Entwicklungsindikatoren lÀsst Indien in einem sehr positiven Licht erscheinen.

Inder am Geldautomaten
Indien teilt mit China die intensive Nutzung digitaler Zahlungssysteme, die Indien rasch in eine bargeldlose Gesellschaft fĂŒhrt. © Shutterstock/AS photo family

FĂŒr die Messung der wirtschaftlichen Entwicklung gibt es jedoch eine Vielzahl von Indikatoren, die sich nicht allein auf das Pro-Kopf-Einkommen beziehen. Das Pro-Kopf-Einkommen ist also nur ein Indikator von vielen. Zugang zu guter medizinischer Versorgung, zu ElektrizitĂ€t, dem Internet, sauberem Wasser, grundlegender Bildung usw. sind typische Beispiele fĂŒr andere wichtige Kriterien. Da Chinas Pro-Kopf-Einkommen heute ungefĂ€hr fĂŒnfmal so hoch ist wie das Indiens, fallen die meisten Entwicklungsindikatoren wenig ĂŒberraschend zugunsten Chinas aus. Doch der Trend dieser Indikatoren rĂŒckt Indien in ein sehr positives Licht. Zum Beispiel hatten in Indien im Jahr 2003 nur 65 Prozent der Bevölkerung Zugang zu elektrischem Strom, wĂ€hrend die Quote in China bereits bei etwa 100 Prozent lag. Mittlerweile sind beide Nationen landesweit elektrifiziert.

Was die Handelsinfrastruktur betrifft, verschiffte China im Jahr 2003 ĂŒber sein riesiges Hafennetz 61 Millionen 20-Fuss-Standard-Seecontainer. Indien verliessen damals nur 4 Millionen Container. 2021 war diese Zahl bereits auf 20 Millionen angestiegen, und die Wachstumsrate Indiens hatte jene Chinas ĂŒberholt. Die indische Regierung plant, ihre HafenkapazitĂ€t bis 2025 gegenĂŒber dem Niveau von 2010 zu verdreifachen. Gleichzeitig dĂŒrften auch die Investitionen in die Schienenwege und Fernstrassen stark ansteigen. Wer heute indische Metropolen wie Mumbai und Delhi besucht, dem wird nicht entgehen, wie schnell und effizient die neue Transportinfrastruktur gebaut wird.

Welche VerĂ€nderungen haben diese Entwicklung begĂŒnstigt?

Rajesh Cheruvu, Chief Investment Officer LGT Wealth India Private Ltd.
Es ist sinnvoll zu prĂŒfen, ob das Thema Indien in das eigene Portfolio aufgenommen werden sollte, sagt Rajesh Cheruvu, Chief Investment Officer bei LGT Wealth India.

Grob gesagt haben die indischen Behörden realisiert, dass durch die Verringerung der BĂŒrokratie und den Online-Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen wirtschaftliches Potenzial freigesetzt werden kann. Dies gilt ebenso fĂŒr grosse Infrastrukturprojekte wie fĂŒr Verbesserungen auf individueller Ebene. Beispielsweise sind Smartphones in Indien heutzutage allgegenwĂ€rtig, was die Bereitstellung staatlicher Subventionen und die Zahlung von Sozialhilfe an Bevölkerungsgruppen mit niedrigen Einkommen revolutioniert hat. Ganz allgemein fĂŒhrt die Nutzung digitaler Zahlungssysteme dazu, dass sich Indien rapide in Richtung einer bargeldlosen Gesellschaft entwickelt. Damit sind hier dieselben Trends zu beobachten wie in China.

Zudem werden Infrastrukturprojekte heute deutlich schneller fertiggestellt. FĂŒr neuere Bauprojekte werden mittlerweile Anreizprogramme aufgelegt, in deren Rahmen Infrastrukturentwickler Berichten zufolge Preisgelder gewinnen können, wenn die Fertigstellung rechtzeitig und unter Einhaltung des Kostenplans erfolgt. Dieser Ansatz scheint die verschiedenen Interessen der Stakeholder viel besser in Einklang zu bringen. Und er bildet eine solide Basis, damit die ehrgeizigen InfrastrukturplĂ€ne Indiens eher frĂŒher als spĂ€ter erreicht werden können.

Was bedeutet das alles nun? Unserer Ansicht nach kann man berechtigter Weise optimistisch sein, dass Indien das Potential hat, ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum zu erzielen. HierfĂŒr sprechen insbesondere die Schaffung einer umfangreichen neuen Infrastruktur und der Ausweitung der Warenexporte des Landes. Es ist daher definitiv sinnvoll, zu prĂŒfen, ob das Thema Indien in ihr Portfolio aufgenommen werden sollte. 

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