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Market View & Insights
Die thailändische Landschaftsarchitektin Kotchakorn Voraakhom erklärt, warum wir Städte dringend wieder mit der Natur verbinden müssen, wenn wir die Folgen des Klimawandels überleben wollen.
Kotchakorn Voraakhom: Der steigende Meeresspiegel bedeutet eine Zukunft, die weitaus komplexer ist als blosse Veränderungen an der Küstenlinie. Wir sehen uns mit Salzwassereinbruch, dem Verlust von Lebensräumen und destabilisierten Ökosystemen konfrontiert. Um dem zu begegnen, müssen wir unsere Perspektive ändern. Anstatt das Wasser mit starren, einseitigen Lösungen wie Deichen und Dämmen zu bekämpfen, müssen wir von der Natur selbst lernen.
Mit ihrem Büro Landprocess und der gemeinnützigen Organisation Porous City Network hat sich die thailändische Landschaftsarchitektin Kotchakorn Voraakhom einer globalen Mission verschrieben, die weit über ihre Heimatstadt Bangkok hinausreicht. Sie verbindet architektonische Mittel mit dem komplexen Geflecht natürlicher Systeme, um die Klimaresilienz zu verbessern. Voraakhom wurde mit dem UN Global Climate Action Award ausgezeichnet und zählt zu den "BBC100 Women" sowie zu den "Bloomberg Green 30".
Sie lehrt uns, dass Resilienz aus Dynamik, Anpassungsfähigkeit und Integration besteht. Ein Mangrovenwald hält nicht nur das Wasser zurück: Er leitet Wellenenergie ab, bildet Land, indem er Sedimente bindet, er pflegt riesige Nahrungsnetze und speichert Kohlenstoff. Ein Feuchtgebiet wirkt wie ein Schwamm, der Hochwasser aufnimmt und gleichzeitig Verunreinigungen herausfiltert. Ein gesundes Dünensystem bewegt sich und entwickelt sich mit den Stürmen weiter.
Die wichtigste Lektion ist, mit diesen natürlichen Systemen zu arbeiten und nicht gegen sie. Wir müssen uns von einer Denkweise des reinen "Schutzes" hin zu einer regenerativen Anpassung bewegen. Das Ziel ist nicht, unsere Städte auf Kosten der Natur abzuschirmen, sondern sie wieder in die lebendige Landschaft zu integrieren.
Die Überschwemmungen von 2011 waren ein entscheidender Wendepunkt und haben uns drastisch vor Augen geführt, dass man sich anpassen muss, um zu überleben - nicht nur für mich, sondern für Millionen von Menschen. In einem Land wie Thailand mit einer tief verwurzelten Wasserkultur, in dem saisonale Überschwemmungen einst willkommen waren und sogar genutzt wurden, waren Überschwemmungen nun eine katastrophale Kraft. Dies hat eine grundlegende Frage aufgeworfen: Warum sind wir so verletzlich geworden für genau das Element, mit dem wir einst in Harmonie lebten?
Wir wissen, dass es jedes Jahr Überschwemmungen geben wird und dass extreme Ereignisse alle zehn Jahre auftreten. Dennoch sind unsere Städte darauf ausgelegt, Wasser schnell abzuleiten, statt mit ihm zu zu leben.
Die Flutkatastrophe definierte meine Aufgabe als Landschaftsarchitektin. Sie brachte mich dazu, nicht mehr nur zu fragen, wie man Dinge reparieren kann, sondern zu verstehen, warum wir uns in dieser Krise befinden. Ja, wir mussten wieder aufbauen, aber nicht aus Angst davor, erneut nass zu werden. Mir wurde meine Mission klar: neu zu entdecken, wie wir unsere Städte so gestalten können, dass wir intelligent und widerstandsfähig mit dem Wasser leben können.
Thailänderin zu sein, war ein grosses Geschenk. Meine Ausbildung an Harvard und meine Erfahrungen in den USA insgesamt haben das nicht verdrängt; vielmehr wirkten sie wie ein Spiegel. Sie haben mir das Wesen meiner thailändischen Identität vor Augen geführt und mir gezeigt, wie ich deren einzigartige Weisheit in einem internationalen Kontext anwenden kann.
Das hat mir das Selbstvertrauen gegeben, furchtlos ich selbst zu sein. In der asiatischen Kultur gibt es eine tiefe Wertschätzung für Harmonie, Feinsinn und Indirektheit. Diese Werte prägen, wie wir denken und designen. Meine westliche Ausbildung gab mir die Werkzeuge an die Hand, diese Werte mit der Präzision und Kraft zu verbinden, die nötig sind, um globale Herausforderungen zu meistern. Sie stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind eine perfekte Mischung.
Diese Projekte folgen einer "einheitlichen Philosophie", haben jedoch niemals eine einheitliche Form. Jeder Entwurf entsteht aus den einzigartigen sozialen und ökologischen Anforderungen des jeweiligen Standorts und nicht bloss aus dessen Funktion als Park, Dachfläche oder verschönerter Raum. Doch alle stellen dieselbe Frage: Wie kann Stadtentwicklung Teil der Klimalösung werden?
Gemeinsam zeigen sie, dass wir unseren Städten helfen können, Hochwasser intelligent zu bewältigen, ungenutzten Raum in produktive Ressourcen zu verwandeln und miteinander verbundene Krisen wie städtische Hitze, Ernährungssicherheit und erneuerbare Energien anzugehen. Und dies, während wir gleichzeitig lebenswichtige öffentliche Räume schaffen und mehrere Probleme auf einmal lösen können.
Letztendlich ist jedes Projekt ein Bekenntnis dazu, dass Bangkok besser werden kann und dass unsere Städte Motoren der Anpassung sein können. Die Botschaft ist klar: Wenn wir unsere Städte nicht so umgestalten, dass sie im Einklang mit der Natur funktionieren, werden wir nicht überleben. Wir müssen uns anpassen oder untergehen.
Von der Natur inspirierte Architektur - oder naturbasierte Lösungen (NBS) - nutzt bereits vorhandene lebende Systeme, um integrierte und widerstandsfähige Umgebungen zu schaffen.
Erstens bedeutet das, schon bei der Planung vielfältige Vorteile zu bedenken. Eine technisch konstruierte Lösung mit nur einem Zweck, wie beispielsweise eine Küstenbefestigung aus Beton, wird durch ein multifunktionales, lebendiges System ersetzt.
Zweitens setzt sie auf Dynamik und Fluss. Die Natur ist ständig in Bewegung. Wahre Resilienz entsteht nicht durch statische Kontrolle, sondern durch die Förderung natürlicher Prozesse. Das bedeutet, Räume zu gestalten, die der Bewegung von Wasser, Sedimenten und Arten Rechnung tragen und es diesen Systemen ermöglichen, sich im Laufe der Zeit anzupassen und weiterzuentwickeln.
Schliesslich basiert sie auf dem Bauen mit und für die Biodiversität. Indem wir das komplexe Netz des Lebens regenerieren, schaffen wir Umgebungen, die robuster, anpassungsfähiger und von Natur aus wertvoller sind. Unsere Entwürfe sollten ökologische Verbindungen aktiv wiederherstellen und so Vorteile sowohl für menschliche Gemeinschaften als auch für die natürlichen Systeme gewährleisten, die uns erhalten.
Im Allgemeinen stösst ein Konzept auf mehr Akzeptanz, wenn es sowohl Probleme löst als auch vielfältige Nebeneffekte bietet. Die tiefgreifendere Frage lautet jedoch: Wie können Menschen - und insbesondere Führungskräfte - erkennen, dass "Business as usual" nicht mehr tragfähig ist? Meine Projekte dienen als Ausgangspunkt. Echter Wandel beginnt nicht damit, ein neues Konzept zu akzeptieren, sondern die alte Denkweise in Frage zu stellen.
Aktuell ist das Interesse an NBS vor allem eine Reaktion auf Extremereignisse, also eine hektische Suche nach Lösungen, nachdem eine Katastrophe eingetreten ist. Doch die Natur folgt einem anderen Zeitplan. Wir können keine blühende Zukunft mit kurzfristigen Lösungen für langfristige Herausforderungen aufbauen.
Bei naturbasierten Lösungen geht es nicht darum, unsere bestehenden Städte und die graue Infrastruktur für Wasser und Verkehr zu ersetzen; es geht darum, unsere Beziehung zu ihnen zu verändern. Das alte Paradigma starrer, zweckgebundener Technik reicht für die dynamischen, miteinander verflochtenen Krisen, denen wir gegenüberstehen, nicht aus.
Die Frage ist nicht, ob wir die Natur nutzen sollten, sondern wie wir unsere städtischen Umgebungen umgestalten können, indem wir lebende Systeme in den Mittelpunkt des Stadtmanagements stellen. Das bedeutet, unsere graue Infrastruktur so umzugestalten, dass sie mit grünen und blauen Systemen zusammenwirkt und durchlässig, anpassungsfähig und multifunktional ist. Aus dieser Symbiose entsteht wahre Resilienz. Die Natur ist keine nachträgliche Überlegung oder dekoratives Beiwerk mehr, sondern der Schlüssel zum langfristigen Überleben und Vitalität.
Die Kapitalrendite ist immer entscheidend, doch bei naturbasierten Lösungen müssen wir ihre Definition radikal erweitern. Herkömmliche ROI-Kennzahlen messen direkte finanzielle Kosten an einem einzigen Nutzen: dem Gewinn. Naturbasierte Lösungen bieten jedoch Erträge, die vielschichtig und miteinander verflochten sind. Die wahre Investition liegt in unserem langfristigen Überleben und unserem kollektiven Wohlergehen.
Wir müssen uns von der Frage "Was kostet dieses Projekt?" wegbewegen hin zu „Was kostet Untätigkeit?“ und „Was ist der Wert einer regenerativen, widerstandsfähigen Zukunft?“ Naturbasierte Lösungen sind die einzige Form der Entwicklung, die gleichzeitig finanzielle, ökologische und soziale Vorteile bringt. Es ist die ultimative Wertinvestition.
Auf jeden Fall. Während Unternehmen bei der strategischen Planung ihrer Geschäftstätigkeit hervorragende Arbeit leisten, nehmen sie gegenüber Klimarisiken oft eine defensive, standortspezifische Haltung ein und konzentrieren sich nur auf den Schutz ihrer eigenen Anlagen und Lieferketten. Ich wünschte, mehr von ihnen würden Investitionen in öffentliche, stadtweite naturbasierte Lösungen als direkte Erweiterung ihrer eigenen Risikominderung und langfristigen Geschäftsstrategie betrachten.
Ein Unternehmen, das beispielsweise eine Fabrik in einem hochwassergefährdeten Gebiet baut, könnte in eine höhere Umfassungsmauer investieren. Eine klassische, isolierte Anpassungsmassnahme. Ein visionäreres Unternehmen würde gemeinsam mit dem öffentlichen Sektor in die Renaturierung von Feuchtgebieten flussaufwärts oder in einen stadtweiten Grünkorridor investieren. Dies würde seine Fabrik schützen, das regionale Ökosystem stabilisieren, die Kommune und die Belegschaft sichern, auf die es angewiesen ist, und seine lokalen Investitionen zukunftssicher machen. Damit würde sich seine Strategie von defensiver Anpassung zu proaktivem Systemaufbau verschieben.
Das 2016 gegründete "Porous City Network" (PCN) hat es sich zum Ziel gesetzt, die nächste Generation von Designern und lokale Gemeinschaften zu befähigen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die "auf ökologischer Intelligenz und kultureller Weisheit beruhen" und auf Prototypen basieren, die von Voraakhoms Büro entwickelt wurden. Das PCN ist derzeit in Thailand, Malaysia, Laos und den USA tätig und arbeitet mit der niederländischen Regierung zusammen.