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Mai 2026 - das Wichtigste in Kürze

Mit dem Konflikt im Nahen Osten und der zeitweisen Schliessung der Strasse von Hormus sehen sich die Märkte einem dominierenden Makroschock gegenüber, doch sie reagieren bislang erstaunlich gelassen. Das Momentum bleibt intakt, und tiefere Kurse werden vor dem Hintergrund einer sich rasch ändernden Nachrichtenlage weiterhin zum "Buy‑the‑Dip" genutzt. Eine Reflation infolge gestiegener Öl‑ und Gaspreise bleibt damit das wahrscheinlichste Grundszenario. Doch auch das Risikoszenario einer Stagflation gewinnt spürbar an Kontur: Die positive Korrelation zwischen Aktien und Staatsanleihen – historisch ein Merkmal stagflationärer Tendenzen - ist zurück.

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  • Autor Patrick Huber, Investment Solutions Europe, LGT Private Banking
  • Lesezeit 7 Minuten

Öltanker
© Shutterstock

Die Auswirkungen sind regional sehr unterschiedlich: Die USA profitieren von ihrer Energieposition und einer robusteren Gewinnentwicklung, während die Eurozone als energieimportabhängige, industrienahe Volkswirtschaft deutlich stärker unter Druck steht. Zugleich lässt der geldpolitische Rückenwind nach - die US‑Notenbank (Fed) dürfte langsamer lockern als erhofft, die EZB vorerst sogar nachschärfen.

Entsprechend haben wir unsere Schwerpunkte angepasst: Aktien bleiben auf "Strategischem Gewicht", US-Aktien werden gegenüber der Eurozone bevorzugt, Anleihen insgesamt "Untergewichtet" und Schwellenländeranleihen in Hartwährung selektiv aufgestuft. Parallel dazu gewinnen alternative Anlagen erneut an Bedeutung. Gold unterstreicht nach der jüngsten Korrektur seine Rolle als strategischer Absicherungsbaustein in einer Welt mit geopolitischen Spannungen und hohen Staatsschulden; insgesamt sind alternative Anlagen nun "Übergewichtet", finanziert aus zuvor aufgebauter Liquidität. Beim Euro sehen wir in den kommenden Quartalen Rückenwind durch eine schrumpfende Zinsdifferenz zum US-Dollar, auch wenn der Weg dorthin von Episoden erhöhter Volatilität geprägt sein dürfte. 

Makroökonomisches Umfeld

Der Iran-Krieg hat einen Ölpreisanstieg von rund 65% gegenüber Jahresende 2025 ausgelöst und die Inflation messbar beschleunigt - auf 3.3% in den USA und 2.6% im Euroraum. Die Folgekosten greifen nun auf die Wachstumsdimension über: Die Verbraucherstimmung und die Investitionsbereitschaft kühlen sich spürbar ab. Stagflationärer Druck, geldpolitischer Gegenwind und eine aussergewöhnlich breite Szenariendivergenz mahnen zu einem überschaubaren Risikoexposure.

Anlagestrategie

Auch wenn Risikoanlagen zuletzt an Dynamik gewonnen haben, bleibt unser Optimismus verhalten, und wir bewerten die Marktrisiken weiterhin als symmetrisch. Wir bekräftigen daher unsere ausgewogene Risikobereitschaft, behalten unsere taktische Aktienpositionierung auf dem "Strategischen Gewicht" bei und halten an der taktischen "Untergewichtung" bei Investment- Grade-Unternehmensanleihen fest, sodass festverzinsliche Wertpapiere weiterhin "Untergewichtet" sind. Bei Aktien stufen wir US-Aktien auf "Übergewichtet" und Aktien aus der Eurozone auf "Untergewichtet" um. Darüber hinaus erhöhen wir unsere taktische Goldposition auf "Übergewichtet", da die Positionierung nun geringer erscheint und sich die Preisdynamik wieder verstärkt. Damit erreicht unsere Gesamtposition bei alternativen Anlagen den Status "Übergewichtet", finanziert aus der im Februar aufgebauten Überschussliquidität, die nun wieder auf dem "Strategischen Gewicht" liegt.

Aktienstrategie

Nachdem der globale Aktienmarkt - gemessen am MSCI AC World Index - aufgrund des Konflikts im Nahen Osten um fast 10% korrigiert hatte, erholte er sich nach der Ankündigung eines Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran rasch wieder auf das Vorkrisenniveau. Anlegerinnen und Anleger scheinen nun davon überzeugt zu sein, dass das Schlimmste hinter uns liegt; ob dies tatsächlich der Fall ist, bleibt abzuwarten. Zwar stützte die Positionierung die Erholung - viele Anleger und Anlegerinnen hatten ihr Aktienengagement reduziert, Aktien leer verkauft oder sich über Futures abgesichert -, doch sind es vor allem die hohen Gewinnerwartungen, die den Aufschwung antreiben. Der Konflikt könnte jedoch die Konjunktur und damit die Unternehmensgewinne stärker belasten, als der Markt derzeit erwartet. Daher behalten wir eine ausgewogenere Risikobereitschaft bei und konzentrieren uns auf defensivere, weniger zyklische Regionen und Sektoren. Wir stufen die USA und den Technologiesektor auf "Attraktiv" hoch, während wir die Eurozone auf "Unattraktiv" und den Industriesektor auf "Neutral" herabstufen.

Anleihenstrategie

Der Irankonflikt hat ein stagflationäres Umfeld geschaffen, das die Märkte vor schwierige Abwägungen stellt. Am kurzen Ende der Zinskurve sehen wir das Risiko einer Übertreibung: Der implizite Realzins ist bereits ausgesprochen restriktiv, während die langfristigen Inflationserwartungen verankert bleiben. Bei Schwellenländeranleihen in Hartwährung hingegen erachten wir das gestiegene Gesamtrenditeniveau als attraktives Einstiegsniveau bei intakten Fundamentaldaten und stufen das Segment von "Neutral" auf "Attraktiv" hoch.

Währungsstrategie

Unser Ausblick für den EUR/USD-Kurs ist für den Euro in den kommenden Monaten positiv, da wir nun für 2026 eine Zinssenkung der Fed sowie eine Zinserhöhung der EZB erwarten, was eine Verringerung der Zinsdifferenz zugunsten des Euro gegenüber dem US-Dollar impliziert. Da der Vorteil des US-Leitzinses schwindet, dürften Kapitalströme und relative Renditeüberlegungen den Euro zunehmend stützen. Unsere Fundamentaldatenmodelle beziffern den mittelfristigen "Fair Value" auf 1.16–1.17, wobei der Kassakurs jedoch wahrscheinlich über unsere Ziele von 1.20 auf Sechsmonatssicht und 1.22 auf Zwölfmonatssicht hinausschiessen wird. 

Edelmetalle

Wir sind gegenüber Gold wieder konstruktiv eingestellt, da wir den jüngsten Ausverkauf im März eher als eine durch Liquidität und Momentum bedingte Marktbereinigung denn als strukturellen Bruch des Anlagearguments betrachten. Wir haben daher unsere Einschätzung für Gold gegenüber dem US-Dollar wieder auf "Attraktiv" angehoben, wobei unsere Kursziele für die nächsten sechs Monate mit USD 5300 bzw. USD 5500 auf zwölf Monate unverändert bleiben. Das makroökonomische Umfeld mit allmählich sinkenden US-Leitzinsen und einem schwächeren Dollar, kombiniert mit der anhaltenden Diversifizierung der Zentralbanken und geringeren spekulativen Positionen, untermauert ein günstiges Risiko-Ertrags-Profil für Gold, auch wenn die kurzfristige Preisentwicklung weiterhin empfindlich auf einen durch Energieschocks getriebenen Schuldenabbau reagiert.