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Market View & Insights
Geopolitik und das Verhalten der Märkte lassen sich nicht länger klar voneinander abgrenzen. In den kommenden Jahrzehnten wird die Ausgestaltung strategischer Einflusszonen alles prägen - von Lieferketten bis hin zu Kapitalströmen.
Die Annahme der Zeit nach dem Kalten Krieg, Wirtschaft und Sicherheit liessen sich klar voneinander trennen, hat sich als trügerisch erwiesen. Es ist schlicht nicht mehr möglich, dass sich Märkte weiter integrieren, während die Politik in den Hintergrund tritt. Der Weltwirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom April 2026 mit dem Titel "Global Economy in the Shadow of War" korrigiert das globale Wachstum auf 3.1 % nach unten, wobei die Abwärtsrisiken überwiegen. Der "Systemic Risk Survey" der Bank of England für das erste Halbjahr 2026 nennt geopolitische Risiken als grösste Gefahr für die Finanzstabilität des Vereinigten Königreichs - genannt von 95 % der Befragten und damit so häufig wie nie zuvor in der Geschichte der Umfrage.
Man muss sich nur vor Augen führen, wie eng politische Entwicklungen inzwischen mit zentralen wirtschaftlichen Kräften verflochten sind. Der Orbit, Energie, Daten, kritische Mineralien, Halbleiter und Biotechnologie sind längst keine Randthemen mehr, die ausschliesslich Fachpersonen überlassen werden. Sie bilden vielmehr die zentralen Achsen, entlang derer sich die geoökonomische Rivalität der kommenden Jahrzehnte entfalten wird.
Über die letzten drei Jahrzehnte hinweg war an den westlichen Kapitalmärkten die Vorstellung vorherrschend, dass sich der Staat zunehmend aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen würde. Diese Ära ist vorbei. Ein Blick auf den neuen Wettlauf ins All genügt. Wieder konkurrieren Staaten - und nicht nur Unternehmen - um die Vorherrschaft in der entstehenden Weltraumökonomie. Auch bei kritischen Mineralien setzen westliche Regierungen auf strategische Reserven, garantierte Mindestpreise und direkte Kapitalbeteiligungen - Instrumente, die eher an die Industriepolitik des Kalten Krieges erinnern als an den Marktliberalismus des 21. Jahrhunderts.
Dr. Mika Kastenholz ist Global Head Investment Solutions bei LGT Private Banking. Mit einem akademischen Hintergrund in Wissenschaft und Technologie verfügt er über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Kapitalmärkte, Handel und Anlageprodukte, einschliesslich anlageklassenübergreifender Derivate. Er ist ausserdem Autor eines Buches über den Handel mit Derivaten und Mitbegründer eines Fintech-Unternehmens, das sich auf Private Banking und Wealthtech-Lösungen spezialisiert hat.
Künstliche Intelligenz (KI) verbindet beide Entwicklungen miteinander. Exportkontrollen für Gallium und Germanium reichen inzwischen bis in die Lieferketten von Halbleitern und KI-Hardware hinein. Im Weltraum sorgt die Überschneidung der dominierenden Unternehmen SpaceX und xAI dafür, dass hochentwickelte KI in dieselbe strategische Infrastruktur eingebettet wird wie die für den Betrieb unverzichtbare Kommunikationsinfrastruktur im Orbit.
Diese Veränderungen sind struktureller und nicht zyklischer Natur. Der Staat und staatliches Handeln sind als zentrale Akteure an die Märkte zurückgekehrt - als Kunden, Finanziers, Regulatoren und zunehmend auch als Anteilseigner. Wo politische Unterstützung langfristig bestehen bleibt, entstehen strukturelle Vorteile, die klassische Bewertungsmodelle nur unzureichend erfassen.
Die Volkswirtschaften der USA und Chinas bleiben trotz zunehmender politischer Spannungen in Handel, Finanzen und Technologie eng miteinander verflochten. Von einer vollständigen Entkopplung kann keine Rede sein, wohl aber von einer selektiven Blockbildung entlang strategischer Interessen.
Orbitale Infrastruktur, die Verarbeitung seltener Erden, moderne Halbleiter, KI-Rechenkapazitäten und Biotechnologie werden gezielt voneinander getrennt. Konsumgüter und die konventionelle Industrieproduktion sind davon bislang weitgehend ausgenommen. Die Landkarte des Welthandels erhält damit eine neue Ebene - eine strategische Überlagerung, die bestimmt, welche Ströme gefördert, toleriert oder eingeschränkt werden.
Selten war die geopolitische Bedeutung von Rohstoffen grösser als heute. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich China zur führenden Macht bei Seltenen Erden und zahlreichen kritischen Mineralien entwickelt. Diese unscheinbaren Schlüsselbausteine sind für zahlreiche heute unverzichtbare Bereiche moderner Volkswirtschaften essenziell - darunter Elektrifizierung, Windenergie, KI-Rechenzentren, Weltraumprojekte und künftig auch humanoide Roboter, um nur einige zu nennen.
Die USA befinden sich gegenüber der integrierten und hochoptimierten chinesischen Wertschöpfungskette für Mineralien in einer defensiven Position - von der Rohstofferschliessung über Aufbereitung und Raffination bis zur Herstellung von Hochleistungsmagneten. Die USA reagieren mit dem Ausbau strategischer Reserven, neuen Allianzen und einer offensiven Industriepolitik - von Subventionen und Abnahmeverträgen bis zu garantierten Mindestpreisen -, während Recycling verstärkt genutzt wird, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen.
Dabei geht es weniger um eine vollständige Entkopplung von China. Vielmehr geht es darum, wirtschaftliche und strategische Abhängigkeiten zu verringern und ihre Nutzung als politisches Druckmittel zu erschweren. Ein Erfolg ist dabei keineswegs garantiert. Der gesicherte Zugang zu kritischen Rohstoffen wird neben Daten, Chips und Energie zu einem entscheidenden Faktor für das globale Kräfteverhältnis zwischen den Rivalen China und den USA.
Diese selektive Blockbildung eröffnet neue Investitionschancen. Unternehmen, die auf der bevorzugten Seite strategischer Grenzen positioniert sind, erhalten Zugang zu Subventionen, gesicherter Nachfrage und oft auch zu geschützten Marktpositionen. Unternehmen auf der anderen Seite sehen sich dagegen mit Exportkontrollen und erzwungenen Umstrukturierungen konfrontiert.
Die sichtbarsten Beispiele dafür sind einerseits die Profiteure des Chip-Gesetzes und andererseits Unternehmen, deren Absatzmärkte durch US-Exportkontrollen für Halbleiter eingeschränkt wurden. Geografische Diversifikation, einst ein vergleichsweise einfaches Tool zur Risikominderung sowohl für Anlegerinnen und Anleger als auch für Unternehmen, erfordert heute eine zusätzliche Ebene strategischer Analyse, die in klassischen Anlageframeworks häufig fehlt.
Innerhalb dieser neuen Geometrie der Macht ist künstliche Intelligenz ein dominanter Beschleuniger geworden. Sie steht im Zentrum des strategischen Wettbewerbs - sie treibt US-Exportkontrollen für fortschrittliche Halbleiter an, verstärkt die Nachfrage nach kritischen Mineralien und verschärft die Engpässe in der Energieinfrastruktur, die die Strommärkte weltweit verändern. Für langfristig ausgerichtete Portfolios bedeutet dies, dass ein KI-Engagement kein rein thematischer oder strategischer Trade mehr ist, der präzises Timing voraussetzt. Vielmehr ist KI zu einem strukturellen Bestandteil der gesamten Asset-Allokation geworden. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob in KI investiert werden sollte, sondern wie das Engagement entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu gewichten ist. Jede Ebene - von Rechenleistung und Halbleitern über Rechenzentren und Energieversorgung bis hin zu Hyperscale-Plattformen, Foundation Models und Anwendungen - weist eigene Wettbewerbsdynamiken auf und reagiert unterschiedlich stark auf jene zirkulären Finanzierungsdynamiken, die der IWF als systemischen Verstärkungsmechanismus identifiziert hat.
Kein gewöhnlicher Technologie-Trend, KI zieht einen globalen Infrastrukturumbau nach sich.
Wichtig ist dabei: Diese neue Geometrie ist nicht nur restriktiv. Sie ist auch expansiv, und die Rolle der Kapitalmärkte innerhalb dieses Systems ist ebenso entscheidend. Strategische Engpässe entstehen nicht im luftleeren Raum; sie werden von Unternehmen finanziert, deren Ertragskraft weiterhin aussergewöhnlich hoch ist. In der laufenden US-Berichtssaison haben 84 % der Unternehmen im S&P 500 die Gewinnerwartungen je Aktie übertroffen und 80 % die Umsatzerwartungen, während das kombinierte Gewinnwachstum bei 27.7 % liegt. Der Ausbau der KI fügt eine zweite Dynamik hinzu: Investitionsschätzungen von rund USD 765 Milliarden im Jahr 2026 machen Rechenkapazität, Halbleiter, Rechenzentren und Energieversorgung zu einem zusammenhängenden Investitionssystem.
Genau deshalb sollte ein KI-Engagement nicht ausschliesslich als Technologie-Trade verstanden werden. Daraus entwickelt sich ein kapitalintensiver Infrastrukturzyklus, geprägt von Unternehmens-Cashflows, staatlicher Industriepolitik und strategischer Knappheit. Derzeit zeigt sich das attraktivste Engagement vor allem bei den grundlegenden Infrastrukturkomponenten des KI-Ökosystems - also bei Silizium, Netzwerken, Kühlung und der physischen Infrastruktur, auf der das gesamte Ökosystem aufbaut. Die Cashflows in diesen Bereichen sind stabil, in US-Dollar denominiert und weitgehend unabhängig davon, welches KI-Modell oder welche Plattform sich letztlich durchsetzt. Sobald sich wirtschaftlicher Wert stärker in höheren Ebenen der Wertschöpfungskette manifestiert, können Allokationen entsprechend angepasst werden. Entscheidend ist ein breit abgestütztes Engagement entlang der gesamten Wertschöpfungskette - mit Fokus auf jene Bereiche, in denen wirtschaftlicher Wert derzeit am deutlichsten erkennbar ist.
Für langfristige Anlegerinnen und Anleger ergeben sich daraus zentrale Grundsätze. Erstens muss Diversifikation heute auch strategische Diversifikation umfassen - also ein Gleichgewicht zwischen den geopolitischen Blöcken, die die Kapitalströme neu ordnen, sowie entlang jener Wertschöpfungsketten, die derzeit umgebaut werden.
Zweitens lässt sich thematisches Investieren kaum noch von staatlicher Politik trennen; wer Chancen erkennen will, muss die Prioritäten der Regierungen verstehen.
Drittens ist Überzeugung wichtiger denn je. In einem Umfeld strategischer und langfristiger Staatseingriffe entstehen die grössten Chancen für jene Anlegerinnen und Anleger, die sich früh positionieren und trotz der unvermeidlichen Volatilität, die strategischer Wettbewerb mit sich bringt, investiert bleiben.
Die neue Geometrie der Macht entsteht in Echtzeit. Wenn der Ereignishorizont die Schwelle markiert, die wir gerade überschreiten, dann zeigt diese neue Geometrie die Welt auf der anderen Seite - verzerrt, umkämpft und geprägt von Gravitationskräften, die keine Anlegerin und kein Anleger ignorieren kann.
Vor siebzig Jahren war das Rennen ins All ein im Orbit ausgetragener Stellvertreterkrieg - ein Kräftemessen der Ideologien und technologischen Leistungsfähigkeit. Heute ist diese Rivalität zurückgekehrt, allerdings in veränderter Form. Sowohl die USA als auch China haben bemannte Mondlandungen im Visier: Das Artemis-Programm der NASA zielt auf 2028, China strebt eine Landung vor 2030 an. Der mögliche Erfolg wird jedoch entscheidend von privaten Unternehmen abhängen. Die wiederverwendbaren Raketen von SpaceX haben den Weg in den Orbit drastisch verbilligt und damit den Aufstieg einer neuen Weltraumwirtschaft ermöglicht. Die Starlink-Konstellation von SpaceX umfasst bereits mehr als 10 000 Satelliten, zudem hat das Unternehmen seinen Börsengang angekündigt. Die neue Weltraumwirtschaft verspricht nicht nur Lösungen für irdische Herausforderungen, sondern eröffnet zugleich neue Möglichkeiten wie Rechenzentren im All. Während das erste Weltraumrennen mit Flaggen und Fussabdrücken endete, geht es diesmal um permanente Mondbasen und Chancen für private Unternehmen.