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Finanzmärkte

Bei Anleihen eine defensive Strategie verfolgen

In den Kursen der Anleihenmärkte sind Zinssenkungen und eine sanfte Landung der Wirtschaft bereits eingepreist. Kann vor diesem Hintergrund bei der Anlage in festverzinsliche Wertpapiere eine Barbell-Strategie helfen, vorsichtig zu bleiben? 

Datum
Autor
Maggie Elliott, Gastautorin
Lesezeit
5 Minuten
Eine Person in Sportkleidung hebt eine Hantel mit schweren Gewichten √ľber die Schulter
Wie beim Krafttraining, so bei der Anlage in festverzinsliche Wertpapiere: Ein Barbell (zu deutsch: Hantel)-Ansatz kann Chancen eröffnen und gleichzeitig Risiken reduzieren, sagen die Strateginnen und Strategen der LGT. © Unsplash/John Arano

Bis Oktober 2023 mussten sich Anleiheninvestorinnen und -investoren damit abfinden, dass ihre festverzinslichen Wertpapiere bereits im dritten Jahr in Folge nur niedrige Ertr√§ge abwarfen. Sie hofften auf positive Nachrichten im Jahr 2024. Doch als die US-Daten auf einen unerwartet schnellen R√ľckgang der Inflation hindeuteten, schlug die Marktstimmung um. Innerhalb von zwei Monaten st√ľrzte die als Barometer geltende Rendite der zehnj√§hrigen US-Anleihe von einem H√∂chststand bei knapp f√ľnf Prozent auf 3.8 Prozent ab. Dies wurde als Zeichen gewertet, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen ab dem Jahr 2024 viel fr√ľher und schneller senken w√ľrde als bisher erwartet.

Nahaufnahme eines grauhaarigen Mannes mit Brille, Krawatte und Anzug, der gestikulierend in ein Mikrofon spricht.
Die Marktstimmung hellte sich auf, als sich das Szenario einer sanften Landung durch die Fed und ihren Chef Jerome Powell durchsetzte. © Graeme Jennings/UPI/laif

Noch vor Jahresende war klar, dass der Anleihenmarkt bereits 150 Basispunkte an Zinssenkungen am kurzen Ende einpreiste. Dies entspricht einem R√ľckgang von 5.33 Prozent auf 3.83 Prozent im Jahr 2024. Simon Weiss, Head of Fixed Income Strategy bei der LGT: "Was wir in 12 Monaten erwartet haben, ist in nur zwei Monaten eingetreten!"¬†

Diese Trendwende von einer pessimistischen Marktpsychologie hin zu einem optimistischeren Ausblick beruhte auf der Einsch√§tzung, dass eine harte Landung der Wirtschaft - also eine Rezession - viel unwahrscheinlicher sei als eine weiche Landung. Die H√§ndlerinnen und H√§ndler hatten gedacht, die Fed w√ľrde die Zinsen nur bei einer starken Rezession senken. Ihre Stimmung hellte sich auf, als das Szenario einer sanften Landung sie √ľberzeugte und in Kombination mit der r√ľckl√§ufigen Inflation Zinssenkungen m√∂glich erscheinen liess.¬†

Barbell-Ansatz: Anleihen am kurzen und am langen Ende

"Auch wir haben f√ľr dieses Jahr Zinssenkungen erwartet und rechnen weiter damit", so Weiss. "Wir denken aber, dass 75 bis 100 Basispunkte wahrscheinlicher sind." ¬†Es kommt nur sehr selten vor, dass die Fed ihre Leitzinsen bei jeder Monatssitzung um 25 Basispunkte senkt. Genau dies suggerieren aber die derzeit in den Kursen eingepreisten Zinssenkungen um 150 Basispunkte. Laut Weiss stellen aber beide Szenarien eine Herausforderung f√ľr die Anleiheninvestorinnen und -investoren dar.¬†

Ein Barbell-Ansatz kann gewisse Chancen er√∂ffnen und gleichzeitig Risiken reduzieren. Diese Strategie beinhaltet Investitionen in l√§ngerfristige Staatsanleihe und in Unternehmensanleihen mit k√ľrzerer Laufzeit. Die l√§nger laufenden Staatsanleihen sollten von einer Konjunkturabk√ľhlung und von Zinssenkungen profitieren. Und weil die LGT von einer Erh√∂hung der Kreditaufschl√§ge (Credit Spreads) in diesem Jahr ausgeht, k√∂nnen sorgf√§ltig ausgew√§hlte, kurzfristige Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating zum derzeitigen Bewertungsniveau Potenzial bieten.

Händler und Händlerinnen im Handelssaal einer Börse, umgeben von Bildschirmen mit Börsenkursen
Anlegerinnen und Anleger werden weiterhin f√ľr die Risiken entsch√§digt, die sie mit Investment-Grade-Unternehmensanleihen am kurzen Ende der Kurve eingehen, selbst wenn es zu einem st√§rkeren Abschwung kommt, so Simon Weiss. ¬© John Angelillo/UPI/laif

Mehrere Faktoren sprechen f√ľr einen vorsichtigen Ansatz. Im Moment liegt eine inverse Zinsstrukturkurve vor. Das heisst, dass die Anlegerinnen und Anleger f√ľr k√ľrzerfristige Instrumente h√∂here Zinsen bekommen als f√ľr langfristige. Normalerweise erhalten Investorinnen und Investoren eine Pr√§mie, wenn sie Gelder √ľber l√§ngere Zeitr√§ume verleihen. Eine solche inverse Zinsstrukturkurve ist ungew√∂hnlich, wobei Weiss hier 2024 mit einer Wende - oder unter Anleihengesichtspunkten betrachtet mit einer Normalisierung - rechnet.¬†

R√ľckkehr zu den √ľblichen Korrelationen

Eine Normalisierung der Zinsstrukturkurve w√ľrde dazu f√ľhren, dass traditionellere K√§uferinnen und K√§ufer - etwa Banken und Finanzinstitute - wieder auf den Markt f√ľr l√§ngerfristige Anleihen zur√ľckkehren. Denn in diesem Fall erhielten sie wieder eine normalere Pr√§mie f√ľr ihr Investment.¬†

Dies w√§re auch ein Beitrag zur Wiederherstellung eines traditionelleren Verh√§ltnisses zwischen Aktien und festverzinslichen Wertpapieren, bei dem die Anleihenkurse in Zeiten steigender Aktienkurse fallen. In den letzten Jahren sind beide Anlageklassen im Gleichklang gestiegen und gefallen, wodurch den Anlegerinnen und Anlegern die √ľblichen Quellen der Portfoliodiversifizierung genommen wurden. "In einem Umfeld mit hohen und weiter steigenden Renditen sowie hoher Inflation k√∂nnen Anleihen nicht als Absicherungsinstrumente dienen, weil es sich nicht auszahlt, Instrumente mit l√§ngerer Laufzeit zu halten", so Weiss. "Wenn die Inflation deutlich sinkt, sollte sich die negative Korrelation zwischen Aktien und Anleihen wieder einstellen."

Angesichts der offenen Frage, wie weit und wie schnell die Zinsen fallen werden, sollten die Anlegerinnen und Anleger vorsichtig und flexibel bleiben.

Simon Weiss, Head Fixed Income Strategy LGT Private Banking

Eine Normalisierung der Zinsstrukturkurve w√ľrde auch dazu f√ľhren, dass die Anlegerinnen und Anleger ihren Fokus von den Zins- und Durationsrisiken wieder auf das Kreditrisiko richten. Deshalb empfiehlt Weiss den Investorinnen und Investoren, im Rahmen ihrer Barbell-Strategie die Papiere am kurzen Ende sehr sorgf√§ltig auszuw√§hlen. Das heisst, dass der Fokus auf st√§rkere Unternehmen gelegt werden sollte. "Dieses Jahr werden die Kreditaufschl√§ge voraussichtlich steigen, wenn auch wahrscheinlich nicht so stark wie in einer Rezession."

Vor diesem Hintergrund werden die Anlegerinnen und Anleger auch weiterhin f√ľr die Risiken entsch√§digt, die sie mit Investment-Grade-Unternehmensanleihen am kurzen Kurvenende eingehen, selbst wenn es zu einem st√§rkeren Abschwung kommt", so Weiss.¬†

Eine Statue eines Bullen, an der eine Person vorbeigeht.
Sollten Zinssenkungen erst im zweiten Quartal statt im ersten Quartal erfolgen, h√§tte der Markt aufgrund von √úbertreibungen √ľberreagiert und die Renditen k√∂nnten sich wieder anpassen. ¬© Sam Hodgson/The New York Times/laif

Die Risiken einer Barbell-Strategie zum jetzigen Zeitpunkt sind unerwartete Kreditausf√§lle und das Durations- bzw. Zins√§nderungsrisiko. Im weiteren Jahresverlauf empfiehlt Weiss, beide Enden des Barbells auf m√∂gliche Ver√§nderungen hin zu √ľberpr√ľfen. "Ein Grund, das l√§ngere Ende im Auge zu behalten, ist, dass wir bei den Kreditrisiken jenseits der kurzfristigen Investment-Grade-Anleihen nur sehr wenig Aufw√§rtspotenzial sehen", erkl√§rt Weiss. Bei jedem Konjunkturabschwung, und sei er noch so mild, werden die Ratingherabstufungen und Zahlungsausf√§lle zunehmen, und zwar umso schneller, je weiter unten man sich im Kreditspektrum befindet. "Wir haben derzeit historisch niedrige Ausfallraten, aber das kann sich √§ndern", so Weiss.

Starke, schnelle Zinssenkungen

Sollte das Konjunkturszenario, das aktuell in den Anleihenkursen eingepreist ist, nicht eintreten, k√∂nnte dies gr√∂ssere Anlagechancen er√∂ffnen. Wenn die Fed die Zinsen stark und schnell senkt, besteht das Risiko, dass die Inflation nicht weiter sinkt, sondern sogar wieder steigt. Dies k√∂nnte der Fall sein, wenn die Arbeitsm√§rkte angespannt bleiben und die Lohninflation wieder anzieht. In diesem Fall k√∂nnte die Fed gezwungen sein, zur√ľckzurudern und die Zinsen wieder anzuheben.¬†

Ein Mann in Anzug und Krawatte lächelt freundlich in die Kamera
Simon Weiss, LGT Fixed Income Commodity & Currency Strategy

Ein weiteres Risiko k√∂nnte auch ganz einfach darin bestehen, dass es mehr Zeit in Anspruch nimmt, bis sich die aktuellen Erwartungen mit dem tats√§chlichen Marktszenario decken. "Statt Zinssenkungen im ersten Quartal k√∂nnten sie im zweiten Quartal erfolgen", sagt Weiss, "was wir auch erwarten w√ľrden. In diesem Fall h√§tte sich der Markt aufgrund von √úbertreibungen √ľbernommen, und die Renditen k√∂nnten sich wieder anpassen. Dies w√ľrde die Anleihem√§rkte √ľberraschen und k√∂nnte zu einem Anstieg der Renditen f√ľhren, was wir wiederum als Einstiegschance f√ľr Anlegerinnen und Anleger erachten."¬†

Weiss ruft abschliessend nochmals zur Vorsicht auf. Die Inflation sei zwar erheblich gesunken, liege aber noch immer deutlich √ľber den Zielvorgaben der Zentralbanken. Und er weist darauf hin, dass sich die erheblichen, zur Eind√§mmung der Inflation vorgenommenen Zinserh√∂hungen noch l√§ngere Zeit auswirken werden. "Wir rechnen nach wie vor f√ľr 2024 mit Zinssenkungen. Es fragt sich aber, wie weit und wie schnell die Zinsen sinken. Deshalb sollten die Anlegerinnen und Anleger vorsichtig und flexibel bleiben."

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