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Die Natur ist der stille Garant der Weltwirtschaft. Immer mehr Investorinnen und Investoren beginnen, die damit verbundenen finanziellen Risiken und Abhängigkeiten in ihre Anlageentscheide einzubeziehen
Die Natur war schon immer die Basis der Weltwirtschaft: Nutzpflanzen werden bestäubt, Wasser fliesst, Dünen schützen Küsten vor Unwettern, gesundes Land ernährt Milliarden von Menschen. Lange Zeit betrachteten Investorinnen und Investoren diese Begebenheit eher als Hintergrundkulisse denn als direkten geschäftlichen Faktor. Doch angesichts abnehmender Biodiversität und zunehmenden Klimawandels erkennen immer mehr Anlegerinnen und Anleger, dass die Verschlechterung der Ökosysteme nicht nur ein unmittelbares Umweltproblem darstellt - sondern auch eine langfristige wirtschaftliche und finanzielle Bedrohung.
Auf Unternehmensgewinne, Branchenperformance und letztlich auf Portfoliorenditen kann sich die Natur direkt auswirken: durch sinkende landwirtschaftliche Erträge, Wasserknappheit, gestörte Lieferketten und geschwächtem natürlichem Schutz vor Extremwetterereignissen. Das wirft eine grosse Frage auf, die derzeit in den Finanzzentren der Welt diskutiert wird: Wie können Anlegerinnen und Anleger Naturrisiken und -chancen - wie beispielsweise die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen und den Verlust von Naturräumen - beim Investieren berücksichtigen?
"Beim Anlegen in die Natur geht es weniger um einen einzelnen Biodiversitäts-Fonds als vielmehr darum, naturbezogene Risiken und Chancen in das Engagement und die Stewardship-Massnahmen im gesamten bestehenden Portfolio zu integrieren", so Abigail Lendvai, Senior Stewardship Analyst bei LGT Wealth Management in London. "In der Praxis bedeutet das, den Unternehmen spezifischere Fragen zu stellen, als es beim Thema CO2 jemals erforderlich war. Denn was wichtig ist, sieht je nach Sektor und Region völlig anders aus."
In der Finanzwelt entwickelt sich die Natur von einem reinen Nachhaltigkeitsthema hin zu einem zentralen Faktor der langfristigen Resilienz.
Elias Quaderer, LGT Sustainability Manager, ergänzt: "Es gibt keine einheitliche Lösung für den Naturverlust, und Anlegerinnen und Anleger sind noch dabei, die notwendigen Instrumente und Erfahrungen aufzubauen, um darauf zu reagieren. Wichtig ist jetzt, die Natur in die Anlage-Entscheidungen einzubeziehen, aus den verfügbaren Daten zu lernen und auf diesen Fortschritten im Laufe der Zeit aufzubauen."
CO2-Emissionen lassen sich anhand einer einzigen gemeinsamen Einheit messen, aggregieren und vergleichen: Tonnen CO2. Die Natur bietet keine solche Einfachheit. Lebensmittel- und Agrarunternehmen sind beispielsweise von der Nutzung des Landes, der Verfügbarkeit von Wasser und der Gesundheit der Böden abhängig; Hersteller und Infrastrukturbetreiber sehen sich ganz anderen Herausforderungen gegenüber. Das Fehlen einer universellen Naturkennzahl bedeutet, dass das Engagement auf das jeweilige Unternehmen im Portfolio zugeschnitten werden muss.
Trotz dieser Komplexität sagt Lendvai, dass die Fortschritte mittlerweile die Erwartungen übertreffen: Das Bewusstsein habe sich schnell entwickelt, auch wenn sich Praxis und Daten noch in einem frühen Stadium befänden, sagt sie.
Auch Quaderer merkt an, dass sich die Natur in der Finanzwelt wandelt - von einem aufkommenden Nachhaltigkeitsthema zu einem zentralen Faktor der langfristigen Resilienz. Der Bereich befinde sich zwar noch in einem frühen Stadium, sagt er, doch bessere Daten und einheitlichere Rahmenbedingungen böten den Investorinnen und Investoren eine solidere Handlungsgrundlage. "Wir beobachten auch zunehmendes Interesse seitens anderer Finanzinstitute sowie seitens Regulierungsbehörden".
Ein Grossteil dieser Dynamik lässt sich auf die Entstehung formeller Offenlegungs-Rahmen zurückführen, allen voran die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD), die 2021 von einer Vielzahl von Finanzinstituten, Unternehmen und Marktdienstleistern gegründet wurde. Sie bietet Unternehmen eine einheitliche Struktur für die Berichterstattung über ihre naturbezogenen Risiken und Abhängigkeiten und liefert Anlegerinnen und Anlegern damit eine Vergleichsgrundlage.
Kohlenstoff hat eine einheitliche Messgrösse. Die Natur hat keine.
Gleichzeitig bilden sich Investorinnen und Investoren über die Auswirkungen ihrer Anlagen auf die Natur weiter, beobachtet Lendvai und nennt als Beispiel die Partnerschaft von LGT Private Banking mit NatureAlpha. Die ebenfalls 2021 gegründete und an die TNFD angelehnte Gruppe mit Sitz in London nutzt Datensätze, KI-gestützte Analysen und georäumliche Informationen, um Anlegerinnen und Anleger dabei zu unterstützen, potenzielle naturbezogene Risiken, Abhängigkeiten und Auswirkungen zu bewerten. Lendvai erklärt: "Diese Partnerschaft gibt uns die Möglichkeit, uns bei diesen komplexen Erhebungen besser zurechtzufinden, während sich die Datenlandschaft insgesamt weiterentwickelt."
Während der Vorteil der Messung von CO2 in ihrer Universalität liegt, besteht die Herausforderung der Messung der Natur darin, dass ihre Auswirkungen stark lokal begrenzt sind. Eine Anlage mit zu wenig Wasser in einem Flussgebiet könnte ein völlig anderes Risikoprofil aufweisen als eine identische Anlage hundert Kilometer entfernt in einem Gebiet mit besserer Versorgung. "Kohlenstoff hat eine einheitliche Messgrösse. Die Natur hat keine und wird auch nie eine haben", sagt Lendvai.
Diese Lokalität führt zu beachtlichen Lücken in den verfügbaren Informationen. Ein erheblicher Teil der derzeit im Umlauf befindlichen Naturdaten basiert auf Modellen oder Schätzungen - er stammt nicht direkt aus Unternehmensberichten. Währenddessen variieren die spezifischen, relevanten Datenpunkte je nach Sektor erheblich. Für einen Investor, der versucht, sich ein einheitliches, vergleichbares Bild von naturbezogenen Risiken in einem diversifizierten Portfolio zu verschaffen, stellt diese Uneinheitlichkeit ein echtes Hindernis dar.
Dennoch verweist Lendvai auf bedeutende Fortschritte - auch jenseits der Offenlegung: Georäumliche Datentools haben begonnen, Lücken zu schliessen, die Unternehmensberichte nicht decken. Dies war ein wesentlicher Grund für die Entscheidung der LGT, eine Partnerschaft mit NatureAlpha einzugehen - statt sich ausschliesslich darauf zu verlassen, was Unternehmen selbst offenlegen wollen oder können.
"Die Risiken werden sehr schnell sehr greifbar", sagt sie. "Wasser ist derzeit wahrscheinlich das deutlichste Beispiel - es ist kein abstrakter Umweltaspekt mehr, sondern eine echte betriebliche Einschränkung."
Als eklatantes Beispiel nennt sie den Boom der Rechenzentren. Mit der durch KI getriebenen steigenden Nachfrage nach Rechenkapazität wächst auch der Wasser- und Energiebedarf für die Kühlung dieser Infrastruktur. Unternehmen müssen bei der Standortwahl zunehmend der Verfügbarkeit von Wasser Priorität einräumen. Die gleichen physischen Grenzen zeigen sich auch anderswo: in der Landwirtschaft und sogar in Teilen der Energiewende, wo sich Land- und Wasserengpässe allmählich bemerkbar machen.
Doch Lendvai sieht neben dem Risiko auch eine Chance: "Unternehmen, die diesem Trend zuvorkommen, zum Beispiel durch den effizienteren Gebrauch von Wasser, werden wahrscheinlich widerstandsfähiger und in manchen Fällen wettbewerbsmässig besser aufgestellt sein, wenn diese Einschränkungen für alle anderen zunehmen."
Die LGT unterzeichnete im Jahr 2022 auf Wunsch unseres Chairmans S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein die "Finance for Biodiversity Pledge" und schloss sich damit einer Koalition von Finanzinstituten an, die sich dafür einsetzen, Aspekte der Biodiversität in die Finanzwelt zu integrieren und Finanzströme von negativen Auswirkungen auf Natur und Biodiversität hin zu positiven Beiträgen umzulenken.
Ausserdem schloss sich die LGT 2023 auch "Nature Action 100" an, einer globalen, von Investorinnen und Investoren geführten Initiative, die sich für ehrgeizigere Unternehmensziele im Hinblick auf den Verlust von Natur und Biodiversität einsetzt.
Im Rahmen dieser Initiative beteiligt sich die LGT an gemeinsamen Engagements mit Nestlé und Novartis. Lendvai sagt, diese Rolle verschaffe dem Unternehmen eine nützliche Perspektive: "Unsere Position innerhalb dieser Engagements verschafft uns einen Zugang und Einblicke, über die viele Investoren nicht verfügen", sagt sie. "Wir stehen in direktem Austausch mit Fachpersonen in diesen Unternehmen, die jahrelang innovative Ansätze zu Themen wie regenerative Landwirtschaft und Wassernutzung entwickelt haben, und wir weben diese Erkenntnisse in unsere Dialoge mit anderen Unternehmen ein. Dies ist nach wie vor ein sich rasch entwickelndes Gebiet, und der enge Kontakt zu diesen Fachleuten ist entscheidend dafür, dass unser eigener Ansatz stets fundiert bleibt."