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Nachhaltig ist ein Gebäude vor allem dann, wenn es lange bestehen bleibt. Architektinnen und Architekten denken kommerzielle Bauten neu - rund um Langlebigkeit und Wiederverwendung - und schaffen Räume, die über Jahrzehnte ihren Wert behalten.
Es scheint, als würde man beim Bau von Bürogebäuden weltweit darum wetteifern, neue Nachhaltigkeitsrekorde aufzustellen. Das 2014 fertiggestellte "The Edge" in Amsterdam wurde vom britischen Building Research Establishment (BRE) mit der höchsten bis dahin vergebenen Bewertung ausgezeichnet - für sein aussergewöhnliches Arbeitsumfeld mit viel Tageslicht, die hervorragende Klima- und Energieeffizienz sowie ein System zur Nutzung von Regenwasser. Diesen Spitzenplatz übernahm 2017 die neue Europazentrale des Finanznachrichtendienstes Bloomberg in London. Massgeblich dafür waren Innovationen wie ein Deckensystem mit blütenblattförmigen Paneelen, das Lüftung, Kühlung, Beleuchtung und Raumakustik in einem einzigen Bauteil vereint.
Am anderen Ende der Welt setzt der Shanghai Tower in der Tragwerksplanung neue Massstäbe. Mit einer Höhe von 632 Metern ist er das dritthöchste Gebäude der Welt. Seine Doppelfassade aus Glas ist so in sich gedreht, dass die Windlasten deutlich reduziert werden. So kommt der Turm mit 25 % weniger Stahl aus als konventionelle Bauformen. Diese und weitere nachhaltige Merkmale brachten dem Turm eine Platin-Zertifizierung nach LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) - dem weltweit führenden Standard zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Gebäuden - sowie die Höchstwertung von drei Sternen nach GBEL (dem chinesischen Green Building Evaluation Label).
Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen, und die Botschaft ist eindeutig: Architekturbüros, Bauherrschaften und gewerbliche Mieterinnen und Mieter entwerfen oder fordern zunehmend Gebäude, die sowohl bei ihrer Errichtung als auch im Betrieb weniger Ressourcen verbrauchen. Die Beweggründe reichen von einer tiefen Überzeugung für Nachhaltigkeit bis hin zum Wunsch, mit einem "grünen" Gebäude ein Marketing-Signal zu senden, das höhere Verkaufspreise oder Mieten verspricht. Wie dieses ehrgeizige Ziel gemessen und erreicht wird, folgt nach wie vor keinen einheitlichen Massstäben. Denn jedes Zertifizierungssystem hat seine Eigenheiten - und mitunter auch Schlupflöcher.
Die Architektin Prisca Weems, die früher im hochwassergeplagten New Orleans lebte und arbeitete und heute als Beraterin in Europa und Dubai tätig ist, fasst das übergeordnete Ziel so zusammen: "Ein nachhaltiges Gebäude ist nicht einfach ein Gebäude, das weniger Energie verbraucht. Es schafft vielmehr einen langfristigen Wert und verringert gleichzeitig seine Auswirkungen auf natürliche Systeme, über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Es soll möglichst wenig Schaden verursachen." Dazu gehören Aspekte wie der Standort des Gebäudes, seine Bauweise, sein Wasser- und Energieverbrauch, die gesundheitlichen Bedingungen der Bewohnerinnen und Bewohner, die Anpassungsfähigkeit im Laufe der Zeit sowie der Umgang mit den verwendeten Materialien am Ende seiner Lebensdauer.
Die Definition von Nachhaltigkeit im Bauwesen hat sich verändert, seit die Bewertungssysteme BREEAM und LEED in den 1990er Jahren eingeführt wurden. "Bis vor Kurzem konzentrierte sich der Architektenberuf auf sehr ehrgeizige und manchmal schwer erreichbare Ziele im Zusammenhang mit Dekarbonisierung und Netto-null-Emissionen.
Internationale Standards legten den Schwerpunkt vorwiegend auf den Energieverbrauch und die im Betrieb entstehenden CO2-Emissionen von Projekten", sagt Stefano Tronci, Leiter Nachhaltigkeit für den asiatisch-pazifischen Raum beim globalen Architekturbüro SOM in Hongkong. "Die heutige Debatte über nachhaltige Architektur umfasst darüber hinaus quantifizierbare Daten, die einen ganzheitlichen Ansatz für die Nachhaltigkeit von Gebäuden ermöglichen. Dazu gehören die CO2-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus des Projekts mit ihrer Klimawirkung sowie Strategien für Wiederverwendung, Recycling und Anpassung."
Er erklärt, dass nachhaltiges Denken bereits dann einsetzen müsse, wenn ein Gewerbegebäude noch nicht mehr als eine vage Skizze auf einem Blatt Papier ist. "Wenn ein Entwurf konsequent aus diesen Prinzipien heraus entwickelt wird, entstehen am Ende Gebäude, die sich deutlich von den überall anzutreffenden Vorhangfassaden aus Glas und Metall unterscheiden." Modernes nachhaltiges Bauen, fügt er hinzu, "entspringt dem Verständnis für einen Ort, sein Klima und seine Menschen."
Dieser Ansatz kann viele Erkenntnisse liefern - angefangen bei einer Gesamtkonzeption, welche die lokalen Wetterbedingungen berücksichtigt und die der Sonne ausgesetzte Oberfläche minimiert, um die Aufheizung zu verringern. Dazu gehören auch kühlende Grünflächen, die Verwendung ressourcenschonender Materialien wie Holz aus lokaler Herkunft oder CO2-armem Zement sowie der Einsatz vorgefertigter Module, wodurch sich Bauabfälle reduzieren lassen.
Das neue Bürogebäude der LGT im Vaduzer Ortsteil Altenbach besticht nicht nur durch sein Erscheinungsbild, sondern auch durch sein innovatives Konzept, das Nachhaltigkeit mit Ästhetik verbindet. Der Entwurf des Zürcher Büros Fischer Architekten ist auf eine Nutzungsdauer von mindestens 90 Jahren bei möglichst geringem ökologischem Fussabdruck ausgelegt. Dafür erhielt das Gebäude sowohl die LEED-Platin als auch die Schweizer SNBS-Gold-Zertifizierung.
Die tragende Konstruktion und die Fassade des Gebäudes bestehen aus Eschenholz, das aus der Region stammt und in einem regionalen Sägewerk zugeschnitten wurde. Mit einem speziellen Verfahren wurden die Hölzer zu grossen, hochbelastbaren Trägern verbunden, die ähnliche Eigenschaften wie Beton oder Stahl aufweisen. Diese Bauweise ermöglicht offene, lichtdurchflutete Räume für rund 200 Mitarbeitende, die sich frei zwischen den flexiblen Arbeitsplätzen im gesamten Gebäude bewegen können. Weitere heimische Hölzer, vor allem Eiche und Tanne, ergänzen das natürliche Gestaltungskonzept.
Das neue Gebäude der LGT, das nach rund dreijähriger Bauzeit Anfang 2026 eingeweiht wurde, soll auch als Rohstofflager für die Zukunft dienen. Am Ende seiner Nutzungsdauer lässt sich ein Grossteil der Konstruktion problemlos demontieren, so dass die Holz-, Glas- und Lehmkomponenten wiederverwendet oder recycelt werden können.
Ein zentrales Konzept, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist der baubezogene Ausstoss ("embodied carbon") - also die gesamten Treibhausgasemissionen, die mit der Herstellung und dem Transport von Baumaterialien über deren gesamten Lebenszyklus hinweg verbunden sind, von der Gewinnung der Rohstoffe bis zur Entsorgung. "Gebäude sind für rund 37 % der weltweiten energiebezogenen CO2-Emissionen verantwortlich, wenn sowohl die betrieblichen als auch die gebundenen Emissionen berücksichtigt werden", betont Weems. "Gut konzipierte nachhaltige Gebäude können den Energieverbrauch im Betrieb um 30 bis 70 % oder mehr senken, den Wasserverbrauch deutlich reduzieren, die Innenraumluftqualität verbessern und die langfristigen Betriebskosten verringern."
Der Weg zu einem nachhaltigen Bürogebäude des 21. Jahrhunderts führt jedoch nicht zwangsläufig über Hightech-Lösungen wie den Einsatz unzähliger Sensoren, automatisch abdunkelnde Fenster oder nachführbare Solarmodule.
Viele der spannendsten Neubauten greifen traditionelle Ansätze auf und entwickeln sie auf intelligente Weise weiter. Ein Beispiel dafür ist das 2013 fertiggestellte Bullitt Center in Seattle. Es gilt nach wie vor als Referenzgebäude für die "Living Building Challenge", die weithin als strengster Standard für nachhaltiges Bauen angesehen wird. Denn sie verlangt nicht nur, dass ein Gebäude bereits in der Planung alle Anforderungen erfüllt, sondern auch den Nachweis seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit über einen Zeitraum von zwölf Monaten. Das Bullitt Center sticht hervor, da es die erste (klebeverleimte) Holzkonstruktion im Herzen der Stadt seit den 1920er Jahren ist und auf eine Nutzungsdauer von 250 Jahren ausgelegt ist.
Es verfügt zudem über eine eigene Zisterne sowie Kompost-Toiletten und benötigte daher ursprünglich keinen Anschluss an das städtische Abwassersystem. Die Toiletten wurden allerdings 2020 durch Vakuum-Toiletten mit Anschluss an das Abwassersystem ersetzt. Auch der neue australische Hauptsitz des Softwareunternehmens Atlassian in Sydney nutzt Holz in Kombination mit Beton. Die während der Bauphase des beeindruckenden 39-stöckigen Gebäudes verursachten CO2-Emissionen lagen 50 % niedriger als bei herkömmlichen Bauweisen.
Auch das Upcycling bestehender Gebäudeelemente wird immer häufiger angewendet. Ein Beispiel dafür ist ein ikonisches Bürogebäude in Mailand, das vom berühmten Architekten Gio Ponti entworfen wurde. Bei der Sanierung des Gebäudes am Corso Italia 23 sicherte Troncis Büro SOM die roten Granitfliesen aus dem Gebäude, liess sie zerkleinern und als Material für die Lamellen an der modernen Fassade verarbeiten. Insgesamt konnten durch das Projekt 150 Kubikmeter Abfall von der Deponie ferngehalten werden. Wenn Teile eines Gebäudes nicht fest verbaut sind, gibt es noch mehr Spielraum für Kreativität. Das Berliner Büro Kleihues + Kleihues konnte beispielsweise Natursteinelemente aus der Fassade eines zuvor abgerissenen Kaufhauses am Alexanderplatz bergen und an einem neuen Hochhaus wieder anbringen.
Dass Architektur und Bauwesen eine grössere Rolle in der Kreislaufwirtschaft spielen, verweist auf einen grundlegenden Aspekt: Langlebigkeit trägt wesentlich dazu bei, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. "Themen wie Werthaltigkeit und Langlebigkeit sollten stärker berücksichtigt werden, denn je länger ein Gebäude existiert, desto geringer fallen Faktoren wie die gebundene Energie oder auch die Baukosten ins Gewicht", sagt Jan Kleihues. "Ein Blick in die Geschichte zeigt: Schöne Gebäude werden erhalten, weniger attraktive werden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. In diesem Sinne ist die Schönheit in der Architektur ein entscheidender Schlüssel zur Nachhaltigkeit!"
Das gilt umso mehr für die grosse Mehrheit der Gewerbegebäude, die nicht in den Schlagzeilen stehen. SOM-Nachhaltigkeitsexperte Tronci sagt: "Die eigentliche Herausforderung besteht darin, den bestehenden Gebäudebestand unserer Städte anzupassen. Es heisst oft, dass 80 % der Stadt des Jahres 2050 bereits heute vorhanden sind. Was werden wir damit tun? Es geht also nicht um den glänzenden neuen Prestigeturm, sondern um alles andere." Mit anderen Worten: Wie die Menschheit in der Breite nachhaltige Lösungen entwickeln kann, um Zehntausende bestehender Gebäude anzupassen und ihre Lebensdauer weit über die wenigen Jahrzehnte hinaus zu verlängern, für die sie gebaut wurden.