Finanzmärkte

Die aktuelle Top-Priorität: Wirtschafts- und Versorgungssicherheit

Unternehmen investieren massiv in die Sicherung der internationalen Lieferketten, während in Regierungskreisen die Neigung zu Handelsprotektionismus zunimmt. Wer anlegt, ist daher mit neuen wirtschaftlichen Risiken konfrontiert - hat aber auch grosse Chancen.

Datum
Autor
Maggie Elliott, Gastautorin
Lesezeit
4 Minuten
Viele verschiedenfarbige Container in einem Containerhafen, aus der Vogelperspektive sieht es wie ein Mosaik aus.
Eine zu grosse Abhängigkeit von ausländischen Ressourcen und Produktionskapazitäten ist riskant, sagt Reto Egli, Head of Fund Research EMEA bei der LGT. Unternehmen und Regierungen investieren grosse Summen, um die Wirtschafts- und Versorgungssicherheit in unsicheren Zeiten zu gewährleisten. © Shutterstock/Avigator Fortuner

Neues Jahr, neue Hoffnungen, sagt das Sprichwort. Die Huthi-Angriffe auf Tanker im Roten Meer strafen es allerdings L√ľgen - und sorgen f√ľr Best√ľrzung bei Anlegerinnen und Anlegern. Dieser neue Engpass im G√ľtertransport treibt die Vertriebskosten und den √Ėlpreis in besorgniserregender Weise in die H√∂he. Er ist der j√ľngste Beleg daf√ľr, dass sich Unternehmen aufgrund der Geopolitik einer neuen Sicherheitslage stellen m√ľssen.

"Die zunehmenden geopolitischen Spannungen und die Pandemie haben gezeigt, wie riskant eine √ľberm√§ssige Abh√§ngigkeit von ausl√§ndischen Ressourcen und Produktionskapazit√§ten ist", sagt Reto Egli, Head of Fund Research EMEA bei der LGT. Nach Jahrzehnten der raschen Globalisierung sowie der Ausweitung des internationalen Handels und der Investitionen sind Unternehmen und L√§nder nun dabei, diesen Trend umzukehren.

Wirtschaftliche Sicherheit an erster Stelle

Ein Mann mit einem Besucherausweis schaut sich in einer Ausstellung technische Geräte an
Viele produzierende Unternehmen in den USA sind auf den Import von Komponenten aus China angewiesen, wie z.B. Halbleiter - ein Beispiel f√ľr die Verwundbarkeit von Versorgungssystemen. ¬© Keytone/EPA/Ritchie B. Tongo

Wirtschaftliche Sicherheit hat heute oberste Priorit√§t - noch vor globalem Wachstum. Die Unternehmen erarbeiten M√∂glichkeiten zum Umgang mit diesen Herausforderungen, wovon bestimmte Branchen erheblich profitieren d√ľrften. Bereits heute fliessen beispielsweise betr√§chtliche Investitionen in die Cybersicherheit und die Verteidigungsindustrie. In Zukunft werden die Bereiche R√ľckverlagerung und Rohstoffversorgung an Bedeutung gewinnen.¬†

Mit den einschneidenden Ereignissen der 2020er-Jahre ist die Wirtschaftssicherheit ins Rampenlicht ger√ľckt - obwohl dies bereits ein bekanntes Thema war. Europa h√§ngt seit Jahrzehnten am √Ėlhahn anderer Staaten und zahlreiche produzierende Unternehmen in den USA verlassen sich auf den Import von Komponenten aus China, um nur zwei Beispiele f√ľr die Verwundbarkeit der Versorgungssysteme zu nennen.

Wachsender Protektionismus

Inzwischen zeigen sich weitere Risiken. Der Protektionismus hat in den letzten zehn Jahren langsam zugenommen, aber seit 2020 sind die weltweiten Handelsbeschr√§nkungen sprunghaft angestiegen. Diese Sanktionen sind zeit- und kostenaufw√§ndig und haben andere Schwachstellen in den Lieferketten aufgedeckt, darunter die √ľberm√§ssige Abh√§ngigkeit von einer einzigen Bezugsquelle f√ľr wichtige Komponenten und Ressourcen.¬†

Selbst in den Industriel√§ndern geht man inzwischen davon aus, dass wirtschaftliche Sicherheit zu wichtig ist, als dass man ihre St√§rkung allein den Unternehmen √ľberlassen sollte. Auch die Regierungen werden aktiv und investieren rekordhohe Summen, um die Resilienz strategisch wichtiger Branchen wie der Produktion, der Verteidigung, der IT und der Energieerzeugung und -versorgung zu st√§rken. "Ressourcensicherheit steht derzeit ganz oben auf den politischen Agenden", sagt Egli. "Die j√ľngsten geopolitischen Spannungen haben das Bewusstsein f√ľr die Gefahr gesch√§rft, dass wichtige Ressourcen wie Energie und wichtige Rohstoffe pl√∂tzlich nicht mehr zur Verf√ľgung stehen, wie bisher angenommen."

Blick von oben auf eine Grossbaustelle
On- und Reshoring: Unternehmen holen wichtige Komponenten zur√ľck ins Heimatland, wie hier bei einem Neubau f√ľr die Halbleiterfertigung von Infineon in Dresden, oder verteilen die Produktion auf mehrere M√§rkte. ¬© Keystone/DPA/Robert Michael

Unternehmen, denen es gelingt, ihre Lieferketten zu diversifizieren, d√ľrften von staatlichen Initiativen profitieren. Um ihre Anf√§lligkeit f√ľr externe Schocks zu verringern und ihre wirtschaftliche Sicherheit zu erh√∂hen, f√ľhren Unternehmen auch interne Umstrukturierungsprojekte durch. Onshoring und Reshoring sind in diesem Zusammenhang von grundlegender Bedeutung. W√§hrend die Unternehmen in der Vergangenheit einfach nach dem billigsten Ort f√ľr die Herstellung der ben√∂tigten Komponenten suchten und die Produktion oft in ein Entwicklungsland verlagerten, holen sie heute einige wichtige Komponenten zur√ľck in ihr Heimatland oder verteilen die Produktion auf mehrere M√§rkte.

Welche Branchen profitieren von der Repatriierung?

Der (Wieder-)Aufbau von Produktionskapazitäten an neuen Standorten erfordert erhebliche Investitionen. Hersteller von Industrieanlagen und Automatisierungssystemen werden von diesem Trend profitieren. Viele Unternehmen in diesen Branchen waren in der Vergangenheit eher zyklisch und profitierten nur in Phasen des Aufschwungs, wenn die Investitionsausgaben der Unternehmen hoch waren. "Wir glauben, dass sich der aktuelle Konjunkturzyklus auf ausgewählte zyklische Aktien anders auswirken wird als in der Vergangenheit", sagt Egli. "Das liegt daran, dass starke strukturelle Treiber wie der anhaltende Trend zum Reshoring die Zyklizität der Erträge in bestimmten Marktsegmenten deutlich reduzieren könnten."

Die Suche nach L√∂sungen f√ľr die Energieversorgung f√ľgt sich gut in die Dekarbonisierungsagenda ein.

Reto Egli, Head of Fund Research EMEA

Die Halbleiterindustrie ist ein Beispiel f√ľr diese Entwicklung. Leistungsstarke Halbleiter kommen in zahlreichen Alltagsprodukten zum Einsatz, etwa in Smartphones, Laptops oder Fahrzeugen. Dieser zentrale Bestandteil wird aber haupts√§chlich in einem einzigen Land produziert: in Taiwan. W√§hrend der Pandemie sorgten globale Transportprobleme f√ľr eine Halbleiterknappheit. Die Folge waren erhebliche Produktionsverz√∂gerungen in zahlreichen Branchen. Nun hoffen die Unternehmen und die Regierungen, dass sich dieses signifikante Sicherheitsrisiko f√ľr ihre Wirtschaften durch den Aufbau von einheimischen Produktionskapazit√§ten, d. h. die Repatriierung eines wesentlichen Bestandteils zahlreicher Lieferketten, mindern l√§sst. Die Spannungen zwischen China und Taiwan tun ein √úbriges, um diese Entwicklung zu beschleunigen.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung

Ein Mann mit Brille, Jackett und Krawatte lächelt freundlich in die Kamera
Reto Egli, Head of Fund Research EMEA

Auch die Energieversorgung gibt Anlass zur Sorge, insbesondere in Europa, wo die langjährige Abhängigkeit zahlreicher Länder von russischem Erdöl 2022 plötzlich infrage gestellt wurde. Auf dem gesamten Kontinent suchen Unternehmen und Regierungen seither nach Möglichkeiten zur Diversifikation ihrer Energieversorgung. 

Diese Bem√ľhungen f√ľgen sich gut in die bereits weit fortgeschrittene Dekarbonisierungsagenda ein. Dar√ľber hinaus erfordert ein effektiver √úbergang zu einer Netto-Null-Energieversorgung diversifizierte und stabile Lieferketten, um den Zugang zu den erforderlichen Ressourcen (wie seltene Mineralien f√ľr Batterien) zu gew√§hrleisten.

Viele Chancen - aber auch Risiken

Unternehmen und Regierungen investieren erhebliche Summen, um die Wirtschafts- und Versorgungssicherheit in unsicheren Zeiten zu gew√§hrleisten. Die Vermeidung internationaler Risiken wird dazu beitragen, globale Lieferketten zu stabilisieren, die wirtschaftliche Sicherheit zu erh√∂hen und denjenigen Unternehmen und Branchen Auftrieb zu geben, die in der Lage sind, wirksame L√∂sungen zu finden. In einem Jahr, in dem in mehr als 70 L√§ndern der Welt Wahlen stattfinden, ist es jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass nicht alle Risiken gemindert werden k√∂nnen, insbesondere dann nicht, wenn Ver√§nderungen in der politischen F√ľhrung neue Unsicherheiten mit sich bringen.

Marktinformationen unserer Research-Experten

So sehen wir die Märkte

Die LGT Experten analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Research-Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.

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