Abonnieren Sie unseren Insights Newsletter

Unsere Insights liefern informative, inspirierende, ueberraschende und unterhaltsame Einsichten hinter die Kulissen von Finanz und Wirtschaft, aber auch von Gesellschaft oder Kunst. Mit dem monatlichen Newsletter bleiben Sie stets informiert.

 

Finanzmärkte

Hat die "Entdollarisierung" echtes Potenzial?

Die Vorherrschaft der USA als Weltmacht d√ľrfte heutzutage von vielen in Frage gestellt werden - und damit auch die Rolle des US-Dollars als f√ľhrende Reservew√§hrung der Welt. Skeptische Stimmen haben schon in der Vergangenheit das Ende der Dominanz des US-Dollars eingel√§utet - und wurden eines Besseren belehrt.

Datum
Autor
Wendy Cooper, Gastautorin
Lesezeit
4 Minuten
Einige USD-Noten in Nahaufnahme
Der US-Dollar bleibt in schwierigen Zeiten stark. Das macht den Dollar aber nicht immun gegen die Folgen politischer Umwälzungen, sagt Sebastian Petric, LGT Private Banking. © istock/Gordan1

Kriege toben. In den USA steht eine √§usserst kontroverse Pr√§sidentschaftswahl an. Die Feinde beobachten sich argw√∂hnisch und bei den Verb√ľndeten macht sich Nervosit√§t breit. Daher wird die Frage immer lauter, ob der US-Dollar als Hauptreservew√§hrung ausgedient hat. Noch nicht ganz, sagen Expertinnen und Experten.

Ein Mann in Anzug und Krawatte blickt freundlich lächelnd in die Kamera.
Sebastian Petric, Senior Investment Strategist/Fixed Income and FX bei LGT

"Geopolitische Spannungen k√∂nnen die wirtschaftliche Wahrnehmung beeinflussen und die Dominanz des US-Dollars mit der Zeit untergraben", sagt Sebastian Petric, Head of FX Strategy bei der LGT. Dennoch gibt er zu bedenken: "Auch wenn es den Anschein haben mag, dass die wirtschaftliche Dominanz des Westens im Schwinden begriffen ist, entspricht dies nicht ganz der Realit√§t", f√ľgt er an. "Die Tiefe und Komplexit√§t der US-Finanzm√§rkte sowie die Rolle des US-Dollars im Welthandel untermauern weiterhin seine St√§rke."

Kurzum: Der US-Dollar d√ľrfte seine dominante Stellung zumindest vorerst behalten. Doch wie ist es √ľberhaupt zu dieser Entwicklung gekommen? Wie konnte er sich √ľber 70 Jahre an der Spitze des Weltfinanzsystems halten?

Die Fr√ľchte eines "exorbitanten Privilegs" ernten

Ein Mann im Anzug spricht in einem historischen Gebäude. Die Bildqualität macht klar, dass es nicht digital ist.
Der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing bezeichnete den Status des US-Dollars als Reservewährung als "exorbitantes Privileg". © Keystone/Rue des Archives/Str

Die Rolle des US-Dollars als wichtigste Reservewährung der Welt ist Ausdruck des Aufstiegs der USA zur grössten und stärksten Volkswirtschaft der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Bretton-Woods-Abkommen von 1944 schuf ein kollektives internationales Wechselkurssystem, das den US-Dollar an Gold und die meisten anderen Währungen an den US-Dollar koppelte. 

Der Status als Reservewährung spiegelt die weltweite Nachfrage nach einer Währung wider, und die US-Wirtschaft hat sich durch ihre schiere Grösse, den freien Kapitalverkehr und ein robustes Bankensystem eindeutig das internationale Vertrauen verdient, das notwendig ist, um diesen Status zu behalten. Inzwischen hat Washington erheblich von dem profitiert, was der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing einmal als "exorbitantes Privileg" bezeichnet hat.

Der US-Dollar ist nicht immun gegen politische Umwälzungen.

Sebastian Petric, LGT Senior FX Strategist

Die US-Regierung (um nur ein Beispiel zu nennen) kann den Status des US-Dollars nutzen (und nutzt ihn auch), um Wirtschaftssanktionen gegen Regime und Einzelpersonen zu verh√§ngen, die sie f√ľr unerw√ľnscht h√§lt, und so ihren geopolitischen Einfluss st√§rken.

Die hohe weltweite Nachfrage nach US-Dollars ermöglicht es sowohl der US-Regierung als auch US-Unternehmen, Kredite zu niedrigeren Kosten aufzunehmen. Dieses Privileg birgt zwar die Gefahr einer hohen Verschuldung, aber der Wert der Schulden ändert sich nicht mit den Wechselkursschwankungen und ist daher relativ leicht zu bedienen. Wie Petric anmerkt, "ist die Seigniorage [der Gewinn, den eine Regierung durch die Ausgabe von Devisen erzielt] vielleicht der wichtigste Vorteil der Vorherrschaft des Dollars."

Die gef√ľhlte "Entdollarisierung" ist keine Realit√§t

Hafenschiff beim Manövrieren im Containerhafen, Vogelperspektive
√úber 60 Prozent des Welthandels werden nach wie vor in US-Dollar abgewickelt: Die gef√ľhlte "Entdollarisierung" ist keine Realit√§t. ¬© unsplash

Sebastian Petric ist der Ansicht, dass es sich "bei der Entdollarisierung in erster Linie um eine Wahrnehmung handelt und nicht die Realit√§t". Dennoch kommt es seit den 1970er-Jahren, als die √Ėlkrise die Bindung des US-Dollars an den Goldpreis ein Ende bereitete, immer wieder zu Endzeitprognosen f√ľr die Vorherrschaft der US-W√§hrung. So erlebte der Dollar Index (eine Messgr√∂sse f√ľr die St√§rke des US-Dollars gegen√ľber einem aus sechs anderen W√§hrungen bestehenden W√§hrungskorb) im Jahr 2020 nach einem Drei-Jahres-Hoch einen der dramatischsten Einbr√ľche seiner Geschichte.

Dieser Einbruch l√§sst sich jedoch gr√∂sstenteils auf das massive COVID-19-Hilfsprogramm der USA und die expansive Geldpolitik der US-Notenbank Fed zur√ľckf√ľhren, die sich inzwischen beide als tempor√§r erwiesen haben. Trotz des Zusammenbruchs des Bretton-Woods-Systems, des fluktuierenden Wechselkurses und des Aufstiegs anderer globaler Wirtschaftsm√§chte legen die IWF-Daten zur Zusammensetzung der Fremdw√§hrungsreserven den Schluss nahe, dass der Anteil des US-Dollars an den weltweiten Reserven im Grossen und Ganzen unver√§ndert ist ‚Äď bis anhin ist er noch nie unter 50 Prozent gefallen. Ferner werden √ľber 60 Prozent des Welthandels nach wie vor in US-Dollar abgewickelt.

Viel Konkurrenz, doch keine tragfähige Alternative

F√ľnf M√§nner stehen vor einem Plakat mit der Aufschrift "BRICS Summit".
Selbst relativ grosse Schwellenl√§nder wie einige der BRICS+ verf√ľgen in der Regel nicht √ľber gut entwickelte und offene Finanzm√§rkte (im Bild die Staatschefs Brasiliens, Chinas, S√ľdafrika und Indiens sowie der Aussenminister von Russland). ¬© Keystone/pool/Alet Pretorius

Keine andere W√§hrung bietet eine echte Alternative, obwohl die potenzielle Konkurrenz gross ist. Der Euro zum Beispiel scheint zahlreiche Anforderungen an eine globale Reservew√§hrung zu erf√ľllen: Er ist die gemeinsame W√§hrung eines Wirtschaftsraums, der fast so gross wie die US-Volkswirtschaft ist und historisch eine relativ solide makro√∂konomische Politik verfolgt hat. Zudem ist er frei konvertierbar und geh√∂rt neben dem US-Dollar zu den Ankerw√§hrungen.

Doch obwohl die gesamte ausstehende Staatsverschuldung im Euroraum mit der der USA zu vergleichen ist und viele Beobachterinnen und Beobachterinnen und Beobachter davon ausgehen, dass die gemeinsame Währung im Laufe der Zeit bei der Zuteilung durch die Zentralbanken an Bedeutung gewinnen wird, bleibt die Währungsunion unvollständig. 

Die Tatsache, dass keine der W√§hrungen der Schwellenl√§nder einen sichtbaren Anteil an den weltweiten Devisenreserven h√§lt, ist auf √§hnliche Faktoren zur√ľckzuf√ľhren. Nur wenige Schwellenl√§nder haben sich zu internationalen Handelsm√§chten entwickelt. Einige haben in der Vergangenheit eine solide makro√∂konomische Politik betrieben, die zu niedriger Inflation und tragf√§higer Staatsverschuldung gef√ľhrt hat. Aber selbst relativ grosse Schwellenl√§nder, wie einige der BRICS+, verf√ľgen in der Regel nicht √ľber gut entwickelte und offene Finanzm√§rkte.

Eine Frage des Vertrauens - und der strukturellen Vorteile

Im Laufe der Zeit werden sich die Finanzmärkte vieler Schwellenländer mit ziemlicher Sicherheit weiterentwickeln und in die globalen Kapitalmärkte integriert werden, was eine grössere internationale Rolle ihrer Währungen und eine stärkere Diversifizierung der globalen Währungsreserven erwarten lässt. 

Ein Mann lächelt freundlich in die Kamera
Eswar Prasad, Professor an der Cornell University, zeigt in seiner Forschung, dass die Stärken des US-Dollars grösser sind als seine Schwächen.

Zudem stellt das aktuelle geopolitische Klima die Vorherrschaft der USA zweifellos vor Herausforderungen. "Das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft ist ein Eckpfeiler der W√§hrungsstabilit√§t", wie Sebastian Petric anmerkt. "Die anhaltende Dollarst√§rke angesichts dieser Herausforderungen spricht f√ľr die Verwurzelung der US-W√§hrung im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem. Damit ist der US-Dollar jedoch nicht immun gegen die Folgen politischer Umw√§lzungen."

Sebastian Petric beruft sich auf die Arbeiten von Barry Eichengreen, Wirtschaftswissenschaftler an der Berkeley University, und Eswar Prasad, Professor an der Cornell University: Ihre Recherchen untermauern seine Überzeugung, dass die Stärken des US-Dollars nach wie vor grösser als seine Schwächen sind.

Eichengreens Untersuchungen legen nahe, dass systemische Ver√§nderungen in der globalen Wirtschaftslandschaft zwar die Vorherrschaft des Dollars mit der Zeit in Frage stellen k√∂nnten, dass aber die enormen strukturellen Vorteile der USA, zu denen eine seit langem etablierte Finanzinfrastruktur und das Vertrauen in die US-Wirtschaftsf√ľhrung geh√∂ren, eine Widerstandsf√§higkeit gegen√ľber raschen geopolitischen Ver√§nderungen gew√§hrleisten. Prasad hebt seinerseits die Rechtsstaatlichkeit, die Effizienz der Finanzm√§rkte und den innovativen Charakter der US-Wirtschaft hervor, die er als tragende S√§ulen der Wirtschaftskraft der USA einstuft.

"Das Thema 'Entdollarisierung' ist nicht neu", merkt Sebastian Petric abschliessend an, "aber die USA setzen sich immer durch."

Marktinformationen unserer Research-Experten

So sehen wir die Märkte

Die LGT Experten analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Research-Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.

Auch interessant

Euro-Banknoten und -M√ľnzen im Licht einer Grafik
Anlagestrategien

Muss man sich Sorgen um den Euro machen?

Der Euro hat einen schwierigen Sommer hinter sich, aber der Pessimismus in Bezug auf seine k√ľnftige Entwicklung ist vielleicht √ľbertrieben, und es gibt gute Gr√ľnde f√ľr die Hoffnung auf eine Kurserholung.
Vogelperspektive eines Kajaks in einer Schlucht
Finanzwissen

Positive Performance in jedem Marktumfeld?

Ein Absolute-Return-Ansatz zielt darauf ab, in jedem Marktumfeld eine positive Wertentwicklung zu erzielen und so f√ľr Stabilit√§t und Vorhersehbarkeit zu sorgen. Es handelt sich aber um komplexe, riskante Strategien, die den Anlagemanagerinnen und -managern grosses Geschick abverlangen.
Eine Person in Sportkleidung hebt eine Hantel mit schweren Gewichten √ľber die Schulter
Finanzmärkte

Bei Anleihen eine defensive Strategie verfolgen

In den Kursen der Anleihenmärkte sind Zinssenkungen und eine sanfte Landung der Wirtschaft bereits eingepreist. Kann vor diesem Hintergrund bei der Anlage in festverzinsliche Wertpapiere eine Barbell-Strategie helfen, vorsichtig zu bleiben?
Kontakt aufnehmen