Finanzmärkte

Weltweite Blitzrezession oder jahrelange Wachstumsverlangsamung?

Höhere Leitzinsen, ein Ausdruck der restriktiven Geldpolitik, dürften die Wirtschaft und die Finanzmärkte jahrelang prägen. Sie werden das Wachstum bremsen und die Beschäftigung beeinträchtigen. Zuversichtlich stimmt jedoch, dass Unternehmen weiterhin zu Krediten kommen, obwohl die Refinanzierung teurer geworden ist. 

Datum
Autor
Dr. Wolfgang von Hessling, Chief Economist EMEA
Lesezeit
3 Minuten
Jay Powell, Präsident der US-Notenbank, sagt vor dem US-Senat aus
Jay Powell, Präsident der US-Notenbank, sagt vor dem US-Senat aus © Keystone/AP Photo/Andrew Harnik

Obwohl die Inflation noch längst nicht im Griff ist, dürfte ein Grossteil der Leitzinserhöhungen hinter uns liegen. Nachdem die grossen Notenbanken restriktiver geworden sind, müssen sich Anlegerinnen und Anleger an die neuen Gegebenheiten anpassen.

Man kann von einer tektonischen Plattenverschiebung an den Märkten sprechen: Anleihen und Barmittel sind plötzlich attraktiv, während hohe Verschuldung und kurzfristiger Refinanzierungsbedarf, was vor wenigen Quartalen noch niemanden kümmerte, ein ernsthaftes Problem werden.

Märkte schwanken zwischen Hoffen und Bangen


 

Vorläufig schwanken die Märkte angesichts der neuen Chancen und Gefahren in diesem veränderten Wirtschaftsumfeld zwischen Hoffen und Bangen. Dabei geht zuweilen vergessen, dass die restriktive Geldpolitik sich langfristig auf das Wachstum und die Inflation auswirken und so die Weltwirtschaft und die weltweiten Finanzmärkte jahrelang prägen dürfte.

Händler an der New Yorker Börse kurz vor der letzten Zinserhöhung der US-Notenbank
Händler an der New Yorker Börse kurz vor der letzten Zinserhöhung der US-Notenbank © Keystone/AP Photo/Seth Wenig

Restriktive Geldpolitik und ihre Folgen für das Wachstum

Notenbanken müssen zuweilen die Zügel anziehen, um die Preisstabilität zu sichern. Konkret erhöhen sie die Refinanzierungssätze für die Geschäftsbanken, was wiederum das wirtschaftliche Verhalten der Finanzinstitute, der öffentlichen Hand, der Unternehmen sowie der Konsumentinnen und Konsumenten beeinflusst. 

  • Höhere Kapitalkosten erschweren die profitable Umsetzung von Projekten und Investitionen, sodass die Nachfrage nach Unternehmenskrediten zurückgeht. 
  • Zugleich stellen steigende Zinsen die finanzielle Tragbarkeit von Fremdfinanzierungen infrage, sodass die Banken angesichts steigender Risiken bei der Kreditvergabe wählerischer werden. 
  • Selektivere Banken wirken wie eine kalte Dusche für das Wirtschaftswachstum, da die Investitionstätigkeit entsprechend nachlässt. 
  • Höhere Zinsaufwendungen belasten die Haushalte öffentlicher Institutionen und Regierungen. Diese fahren ihre Ausgaben und Investitionen zurück, um ein Anwachsen der Verschuldung und der Kosten für den Schuldendienst zu vermeiden.
Gemüseauswahl in einem Lebensmittelgeschäft in New York
Gemüseauswahl in einem Lebensmittelgeschäft in New York © Keystone/Newscom/Richard B. Levine
  • Der Anstieg der Kapitalkosten belastet auch Konsumentinnen und Konsumenten in Form von höheren Zinsen für Kreditkarten, steigenden Leasingraten für Fahrzeuge, höheren Hypothekarzinsen oder gar rückläufigen Einkommen, da ein langsameres Wirtschaftswachstum zu Arbeitslosigkeit führen kann. 
  • Unter der hohen Teuerung leiden alle. Sie führt dazu, dass die Regierungen, Unternehmen und Konsumenten ihre bisherigen Investitions- und Konsumpläne kürzen müssen.
  • Und schliesslich führen Wertverluste bei Anlagen – beispielsweise aufgrund von gestiegenen Anleihenrenditen – dazu, dass die Ausgabenfreude bzw. Ausgabenfähigkeit zurückgeht.

Einfluss von höheren Zinsen auf die Finanzmärkte

In den vergangenen 15 Monaten haben wir einen der aggressivsten geldpolitischen Straffungszyklen der letzten 40 Jahre erlebt – kaum eine Notenbank verzichtete auf Leitzinserhöhungen (oder liess zumindest Renditeanstiege zu). Während sich die Bedingungen für Kreditvergaben gegenüber den extrem niedrigen Niveaus seit Ende 2021 in den USA und seit Anfang 2022 in der Eurozone drastisch verschärft haben, hält sich der negative Effekt in Grenzen. Die Unternehmen haben derzeit nicht zwingend mehr Mühe, zu Krediten zu kommen, obwohl Refinanzierungen deutlich teurer geworden sind und diese Entwicklung anhalten dürfte.

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank © Keystone/DPA/Arne Dedert

Auf Veränderung der Geldpolitik reagiert das Wirtschaftswachstum immer mit beträchtlicher Verzögerung – dies hat sich in den letzten Quartalen exemplarisch gezeigt. Die jüngsten Wachstumsraten waren zwar gering, aber positiv, und die rekordverdächtige Straffung der Geldpolitik hat die Wirtschaftstätigkeit bis jetzt noch nicht übermässig beeinträchtigt. Der kaum zu vermeidende wachstumsdämpfende Effekt dürfte aber verzögert eintreten.

Ein Polizist in einer Filiale der Silicon Valley Bank nach dem Zusammenbruch der Bank
Ein Polizist in einer Filiale der Silicon Valley Bank nach dem Zusammenbruch der Bank © Keystone/EPA/C.J. Gunther

Die Zinssätze und Finanzierungskosten – gewichtet nach dem Bruttoinlandprodukt (BIP) der wichtigsten Volkswirtschaften – sind heftig gestiegen. Ähnlich scharf war der Anstieg der Finanzierungskosten nur während der Ölkrisen der 1970er-Jahre. Insgesamt ist der Kreditvergabeprozess jedoch von Verwerfungen verschont geblieben. Dies gibt uns Hoffnung, dass das globale Finanzsystem dem "Leitzins-Tsunami" widerstehen kann, obwohl einige kleinere Banken, die das Durationsmanagement ihrer Bilanzen nicht im Griff hatten, untergegangen sind. Doch man darf sich keiner Illusion hingeben: Die explodierenden Finanzierungskosten werden sich auf die Konsum- und Investitionspläne von Unternehmen und Privatpersonen und somit auch auf das Wirtschaftswachstum auswirken.

Herausforderungen für Unternehmen: Kreditvergaberegeln und Kapitalkosten

Wolfgang von Hessling, Chefökonom LGT Private Banking Europe
Wolfgang von Hessling, Chefökonom LGT Private Banking Europe

Die Hürden für Kreditnehmer sind zwar höher, aber nicht unüberwindbar geworden. Eine Analyse der tatsächlichen Kosten von Bankfinanzierungen zeigt jedoch, dass die Kapitalkosten explodiert sind, die Profitabilitätsschwelle für die Unternehmen und Projekte entsprechend höher liegt und fremdfinanzierte Konsumausgaben ins Wanken geraten.

Unser Fazit lautet, dass die jüngsten dramatischen Leitzinserhöhungen sich im Zeitverlauf wohl eher als allmähliche Belastungen der Wirtschaftstätigkeit denn als heftige Blitzrezession entpuppen dürften. Für den Rest des laufenden Jahres gehen wir von US-Wachstumsraten im Nullbereich aus.

 

 

 

 

 

Auch interessant

Hyperinflation in Deutschland, Bank Berlin
Finanzwissen

Zurück zu den "schlechten alten Zeiten" mit hoher Inflation?

In den USA und in Europa hat die Teuerung in letzter Zeit angezogen und Befürchtungen ausgelöst, dass wir am Anfang einer Periode anhaltend hoher Inflation stehen. Die aggressiven Zinserhöhungen der Notenbanken haben zwar dafür gesorgt, dass die Teuerung im Vergleich zu letztem Jahr gesunken...
Inflations-resistente Anlagen
Anlagestrategien

Vier Aktienstrategien gegen Inflationsverluste

Das letzte Jahr hat gezeigt, wie stark Inflation unsere Kaufkraft und unsere Ersparnisse beeinträchtigt. Zum Glück kann man aber mit wenigen einfachen Aktienstrategien inflationsbedingte Verwerfungen leichter überstehen und möglicherweise sogar von den höheren Preisen profitieren. Wie lange...
Infrastruktur - Rückgrat für eine nachhaltige Gesellschaft
Finanzmärkte

Infrastruktur - Rückgrat für eine nachhaltige Gesellschaft

Home Office, Remote Work, diese Begriffe sind seit Ausbruch der Corona-Pandemie allgegenwärtig. Begonnen als unfreiwilliges Experiment, ist das Arbeiten von zuhause aus rund um den Globus fester Bestandteil der modernen Arbeitswelt geworden. Der plötzliche Übergang zu flexiblen...
Kontakt aufnehmen