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Unternehmertum

Die Revolution am B├╝rotisch

Ist New Work nur ein Hype oder ist das Konzept zukunftsweisend f├╝r Unternehmen? Was hinter dem Begriff steckt.

Datum
Autor
Sabina Sturzenegger, Gastautorin
Lesezeit
5 Minuten
Zwei junge Frauen "fahren" auf einem B├╝rostuhl durch ein B├╝ro und strahlen grosse Freude aus.
New Work liefere "Nachrichten aus einer besseren Welt", mit Vertrauens- und flexibler Arbeitszeit sowie mehr Produktivit├Ąt. ┬ę Shutterstock/Svitlana Hulko

"Wir schreiben das Jahr 2030: Das Grossraumb├╝ro und ├ťberstunden gibt es nicht mehr, daf├╝r genauso viele Chefinnen wie Chefs. " So beginnt ein Text in der "Zeit" zum Thema New Work. Es seien "Nachrichten aus einer besseren Welt", verspricht die Autorin, die von Vertrauens- und flexibler Arbeitszeit sowie mehr Produktivit├Ąt tr├Ąumt. Davon, wie sie mithilfe einer VR-Brille Teamkollegen in einem virtuellen Raum trifft und ihren Arbeitsalltag fernab eines B├╝ros dank ihrer Smartwatch strukturiert. Dazwischen kocht sie, holt ihre Tochter aus der Kita ab und macht kurze Workouts, um ihren R├╝cken zu entlasten.

Frau tr├Ągt eine VR-Brille
Mithilfe einer VR-Brille Teamkollegen in einem virtuellen Raum treffen ÔÇô eine Utopie? ┬ę Shutterstock/Oleksandr Khmelevskyi

Eine Utopie? Und wenn nicht: Was ist das ├╝berhaupt, New Work?

Zuerst einmal: Nein, New Work ist keine Utopie. Der Begriff steht f├╝r eine moderne, an den Mitarbeitenden orientierte und selbstbestimmte Art zu arbeiten. Die zentrale Frage dabei sei, so der New Work-Experte Michael Trautmann, wie "wir die Arbeitsbedingungen f├╝r alle verbessern" k├Ânnen.

Ein Fl├╝chtling erfindet New Work

M├Ąnnlich mittleren Alters mit rotem Schal sitzt mit ├╝bergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl vor einer gr├╝nen Wand.
Der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann entwarf bereits Mitte der 1970er-Jahre Ideen f├╝r eine neue Arbeitswelt. ┬ę Andreas Teichmann/laif

Der Begriff New Work stammt von Frithjof Bergmann. Bereits Mitte der 1970er-Jahre entwickelte der Sozialphilosoph seine These der "Arbeit der Zukunft" und entwarf Ideen f├╝r eine neue Arbeitswelt, die durch pers├Ânliche Erf├╝llung und Selbstbestimmung gepr├Ągt ist. Bergmann war als 18-J├Ąhriger vor den Nazis aus ├ľsterreich in die USA gefl├╝chtet. Dort finanzierte er sich sein Studium mit Boxk├Ąmpfen, als Hafen-, Land- und Waldarbeiter. Und ihm fiel auf, dass Arbeit seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert im Erledigen oder dem Abarbeiten von Aufgaben bestand, der Mensch bloss als Mittel zur Zweckerf├╝llung diente.

In Bergmanns Vorstellung sollte der Mensch sich mit Arbeit selbst verwirklichen k├Ânnen und daneben auch Zeit haben f├╝r pers├Ânliche Projekte sowie f├╝r Gemeinn├╝tziges. Nur aus sinnstiftender Arbeit k├Ânnten neue Berufe und sinnvolle Produkte entstehen, welche die Menschen haben wollen, glaubte er. In den 1980er-Jahren gr├╝ndete Bergmann in der US-Autostadt Flint in Michigan das Center for New Work. Weil damals bei Firmen wie General Motors in Folge der Automatisierung Massenentlassungen drohten, nahm GM einen Vorschlag von Bergmann an: Die Besch├Ąftigten sollten ihre Arbeitspl├Ątze behalten, allerdings nur noch sechs Monate im Jahr im Unternehmen arbeiten, den Rest sollten sie f├╝r sich und ihre Umgebung t├Ątig sein.

Jack Ma und die 12-Stunden-Woche

Obwohl sich Bergmanns Theorie nicht ohne Probleme in die Praxis umsetzen liess und die Wirtschaft in den 1980er- und fr├╝hen 90er-Jahren nicht bloss im amerikanischen Rust Belt in eine Krise st├╝rzte, verschwand das New Work-Konzept nicht. Mit der Digitalisierung und der zunehmenden Bedeutung von k├╝nstlicher Intelligenz bekam es wieder Aufwind. So glaubt Milliard├Ąr Jack Ma, Gr├╝nder des Tech-Giganten Alibaba, dass die Menschen k├╝nftig mithilfe von k├╝nstlicher Intelligenz nur noch 12 Stunden pro Woche arbeiten werden.

Experte Michael Trautmann ist ├╝berzeugt, dass die Zukunft der Arbeit weniger Arbeit bedeutet.
Experte Michael Trautmann ist ├╝berzeugt, dass die Zukunft der Arbeit weniger Arbeit bedeutet. ┬ę Christian O. Bruch/laif

Auch der Experte Michael Trautmann ist ├╝berzeugt, dass die Zukunft der Arbeit weniger Arbeit bedeutet. Allerdings bedeute New Work auch noch viel mehr, sagt der Mann, der Werbeagenturen f├╝hrte, Marketingchef bei Audi war. Trautmann pl├Ądiert daf├╝r, dass Menschen und Unternehmen einen purpose brauchen, ├Ąhnlich wie ihn Frithjof Bergmann definierte: Die Arbeit in Unternehmen muss f├╝r Arbeitnehmende, f├╝r das Unternehmen und - nicht zuletzt - f├╝r die Kundinnen und Kunden einen Sinn haben. Diesen zu ermitteln und weiterzugeben, ist die Aufgabe von F├╝hrungskr├Ąften.

Einzelne Personen bekommen in einem Unternehmen mehr Verantwortung, herk├Âmmliche Hierarchien werden durch selbst organisierende Teams, Lean Management oder agiles Arbeiten ersetzt. Dies wiederum hat zur Folge, dass die Arbeitsbedingungen und das Arbeitsumfeld besser werden m├╝ssen: Deep Work, ablenkungsfreies, konzentriertes Arbeiten, sinnvolle Zusammenarbeit und Remote Work werden unabdingbar ÔÇô ebenso wie lebenslanges Lernen.

Junger Mann in Anzug und Sneakers sitzt mit dem Laptop auf dem Schoss auf einem Skateboard.
Arbeitsbedingungen und das Arbeitsumfeld m├╝ssen besser werden: Deep Work, ablenkungsfreies, konzentriertes Arbeiten, sinnvolle Zusammenarbeit und Remote Work werden unabdingbar. ┬ę GettyImages/Westend61

Doch wie sieht der Reality-Check aus? Funktioniert New Work? Braucht es die neue Arbeitswelt ├╝berhaupt?

Ein Trend, keine Utopie

Vieles deutet darauf hin, dass New Work gekommen ist, um zu bleiben. Das Arbeitskonzept sei zwar noch ein "eher unpr├Ązises Gedankenmodell", heisst es in einem Bericht des Schweizer Forschungsb├╝ro Ecoplan von 2023 zum Potenzial von New Work. Die Expertinnen und Experten sind sich aber auch einig, dass es sich um einen Trend handelt, nicht um eine Fantasterei. Die Corona-Pandemie hat das Ihrige dazu beigetragen und einigen Aspekten der neuen Arbeitswelt zu einem breiten und raschen Durchbruch verholfen - insbesondere Remote Work.

Junge Frau sitzt im Camper mit Blick auf eine einsame Hochebene, den Laptop auf dem Schoss und beobachtet den Sonnenuntergang.
Die Corona-Pandemie hat der neuen Arbeitswelt zu einem breiten und raschen Durchbruch verholfen ÔÇô insbesondere Remote Work. ┬ę stock/Mystockimages

So verwundert es nicht, dass in vielen Firmen in Liechtenstein, in der Schweiz, in Deutschland und ├ľsterreich zeitlich und ├Ârtlich flexibel gestaltbare Arbeit, aber auch projektbasierte und agile Organisationsformen sowie die sinnstiftende Komponente der Arbeit bereits Realit├Ąt sind. Oft sind es Kombinationen aus "alten" und "neuen" Arbeitsformen. So gibt es auch bei LGT Teams und Unternehmenseinheiten, die agil arbeiten, wie HR-Chefin Liechtenstein & Schweiz Elvira Knecht erkl├Ąrt.

Gl├╝cklich mit "richtigen" Chefinnen und Chefs?

Frau st├╝tzt Kopf in die H├Ąnde, sie wirkt ersch├Âpft und verzweifelt, w├Ąhrend vor ihr ihr Laptop auf eine weitere Nutzung wartet.
Das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz spielt zudem eine wichtigere Rolle. ┬ę istock/Bevan Goldswain

Gleichzeitig wird New Work nach wie vor auch kritisch betrachtet. Bestehende soziale Ungleichheiten k├Ânnten verst├Ąrkt werden, warnt der Ecoplan-Bericht. Das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz spiele zudem eine wichtigere Rolle als je zuvor: Einerseits bringe die neuartige Arbeitsweise "erhebliche gesundheitliche Risiken" mit sich, weil durch neue Technologien und Arbeitsformen neue psychische Krankheiten entstehen. Andererseits haben Unternehmen noch nie so gut auf die Gesundheit ihrer Arbeitnehmenden geachtet wie heute.

F├╝r viele unter den Arbeitnehmenden wird "Brave New Work", wie das Konzept in Anlehnung an den dystopischen Zukunftsroman von Aldous Huxley von 1932 auch genannt wird, ein (zu) grosses Versprechen bleiben.

Buchdeckel des Buches Brave new world. Es zeigt die Weltkugel als Startpunkt einer Spirale.
Das Konzept wird auch "Brave New Work" genannt, in Anlehnung an den dystopischen Zukunftsroman von Aldous Huxley von 1932.

Sie sehnen sich danach, wie es in einer NZZ-Kolumne heisst, wieder "echte Chefs" zu haben, die ihnen Grenzen aufzeigen und einen konkreten Auftrag erteilen. Und sie hoffen, dadurch weniger ungl├╝cklich zu sein. Dabei wird es wahrscheinlich immer so sein, dass Arbeit beides kann: erf├╝llen und gl├╝cklich oder krank und todungl├╝cklich machen ÔÇô egal ob mit oder ohne Chefin und Chef, im Homeoffice, am Strand oder im B├╝ro.

 

 

 

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