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Finanzmärkte

Auf der Suche nach der Konjunktur-Kristallkugel

Wenn man der Geschichte und der herk√∂mmlichen Wirtschaftstheorie Glauben schenkt, m√ľsste die US-Wirtschaft schon seit einiger Zeit in einer Rezession stecken. Tats√§chlich trotzt sie aber allen Voraussagen - auch wenn von einer Entwarnung noch nicht die Rede sein kann.

Datum
Autor
Stefan Hofer, Chief Investment Strategist APAC
Lesezeit
4 Minuten
Sollte sich die Inflation in den USA nicht wieder auf das angestrebte Niveau von zwei Prozent einpendeln, d√ľrften Zinssenkungen im Jahr 2024 schwer zu rechtfertigen sein, sagt Stefan Hofer von LGT Private Banking. ¬© unsplash/Leif Christoph Gottwald

Verzweifelt √ľber die √ľblichen Einerseits-Andererseits-Konjunkturprognosen soll Harry Truman, Pr√§sident der USA von 1945 bis 1953, einmal gesagt haben: "Give me a one-handed economist!", auf Deutsch etwa: "Gebt mir einen √Ėkonomen mit nur einer Seite!" Dieses Zitat illustriert die Tatsache, dass Konjunkturprognosen h√§ufig in Wahrscheinlichkeiten, relativen Konzepten und Ausgangsszenarien formuliert werden, anstatt als direkte, absolute Schlussfolgerungen.¬†


Zur Verteidigung der √Ėkonomen sei gesagt, dass sie nicht wie Hellseher mit einer mystischen Konjunktur-Kristallkugel arbeiten, mit der sich die Zukunft pr√§zise vorhersagen l√§sst. Stattdessen st√ľtzen sie sich auf komplizierte mathematische Modelle, die keine hundertprozentig akkuraten Aussagen liefern k√∂nnen. Genau dies - das Fehlen absolut pr√§ziser Aussagen - f√ľhrt zu den eingangs zitierten Einerseits-Andererseits-Konjunkturprognosen, die Pr√§sident Truman derart irritierten.

Wenn in der Vergangenheit bereits Bedingungen geherrscht haben, die mit den heutigen vergleichbar sind, k√∂nnen die Entwicklungen in der Vergangenheit eine n√ľtzliche Leitlinie f√ľr Prognosen darstellen. Aber auch sie k√∂nnen keineswegs mit einer Kristallkugel gleichsetzt werden. Ganz konkret hat sich in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass (insbesondere rasch aufeinanderfolgende) Zinserh√∂hungen der Notenbanken tendenziell zu einer r√ľckl√§ufigen Inflation f√ľhren, dass aber ein erhebliches Risiko eines Konjunkturr√ľckgangs besteht. ¬†

Zinserhöhungen in rascher Folge

Ein älterer Herr mit Brille, Krawatte und Anzug vor einem Mikrofon mit US-Flagge im Hintergrund.
Unter ihrem Vorsitzenden Jerome Powell hat die Fed die Zinssätze so schnell wie nie zuvor in der Geschichte der USA erhöht - 500 Basispunkte in 13 Monaten. © Keystone/AP Photo/Susan Walsh

Mit anderen Worten: Notenbanken treffen schwierige Entscheidungen - eine ausgepr√§gte Teuerung wirkt wie eine Steuer auf die gesamte Volkswirtschaft und die zugeh√∂rige Bev√∂lkerung, wobei Haushalte mit geringen Einkommen und Haushalte mit Ersparnissen besonders zu leiden haben. Um die von einer Teuerung verursachten Sch√§den einzugrenzen, kann eine Notenbank allenfalls daf√ľr sorgen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) einige aufeinanderfolgende Quartale lang negativ ausf√§llt.


Solche Rezessionen gehen normalerweise Hand in Hand mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und es kann viele Quartale dauern, bis das vorherige Beschäftigungsniveau wieder erreicht ist. Hinter solchen Massnahmen steht die Überlegung, dass die kurzfristigere gesellschaftliche Belastung durch Arbeitsplatzverluste längerfristig durch die mit einer stabilen, niedrigen Inflationsrate verbundenen Gewinne mehr als ausgeglichen wird. 


Von der Theorie zur aktuellen Praxis: Die US Notenbank (Fed) sah sich wegen der massiven Teuerung in Folge der Covid-19-Pandemie dazu gezwungen, ihre Leitzinsen zwischen Anfang 2022 und Juli 2023 um 500 Basispunkte zu erhöhen. Die konventionelle Wirtschaftstheorie ging damals davon aus, dass eine Rezession Ende 2023 oder Anfang 2024 so gut wie sicher sei. Tatsächlich war dieser Zinserhöhungszyklus der schnellste in der Geschichte der USA, so dass die Annahme, eine Rezession sei vermeidbar, unter sonst gleichen Bedingungen, eine eher abweichende Sichtweise gewesen wäre.

Inflation: Wie geht es weiter? 

Viele Menschen in einer Einkaufsstrasse
Die US-Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 3.8 Prozent - ein sehr niedriger Wert f√ľr die USA -, die L√∂hne steigen weiter und die US-Haushalte zeigen sich besonders ausgabefreudig. ¬© John Taggart/Redux/laif

Und dennoch wurden in den USA allein im ersten Quartal 2024 829‚Äô000 neue Arbeitspl√§tze geschaffen. Somit sind seit dem Tiefpunkt im Besch√§ftigungsniveau, der im April 2020 w√§hrend der Pandemie erreicht wurde, 27 Millionen Stellen (wieder) neu geschaffen worden. Die US-Arbeitslosenquote betr√§gt derzeit 3.8 Prozent - f√ľr die USA ein sehr niedriger Wert. Laut dem Atlanta Federal Reserve Board steigen die L√∂hne weiterhin. Im M√§rz 2024 betrug der Lohnanstieg im Jahresvergleich rund f√ľnf Prozent und die US-Haushalte zeigen sich besonders ausgabefreudig.¬†

In den USA erleben wir derzeit mit der Kombination aus sinkender Inflation, angemessenem Wirtschaftswachstum und niedriger Arbeitslosigkeit angesichts des historischen Anstiegs der Zinss√§tze ein unseres Erachtens sehr g√ľnstiges Ergebnis. Die wichtigere Frage, die wir uns stellen m√ľssen, lautet: "Was kommt als N√§chstes?"

Heftige Debatten √ľber die Finanzierung √∂ffentlicher Programme d√ľrften die US-Staatsverschuldung begleiten.

Einige Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer bef√ľrchten, dass sich die Inflation in den USA auf absehbare Zeit nicht wieder auf das angestrebte Niveau von zwei Prozent einpendeln wird. Wenn dem so ist, d√ľrfte es schwierig sein, im Jahr 2024 Zinssenkungen zu rechtfertigen. Schlimmer noch: Es ist nicht auszuschliessen, dass die Teuerung wieder anzieht und eine neue Zinserh√∂hungsrunde einl√§utet. Die Hauptursache f√ľr diese konjunkturelle Hitzewelle k√∂nnte in der US-Finanzpolitik liegen, die seit der Pandemie weiterhin sehr hohe Defizite aufweist und die Ausgaben seit 2020 nicht diszipliniert reduziert.

US-Staatsverschuldung im Kreuzfeuer 

Nahaufnahme eines Mannes in Nadelstreifenanzug und Krawatte, der freundlich in die Kamera lächelt.
Stefan Hofer, Chief Investment Strategist, LGT Bank (Hong Kong)

Dies sind die Gr√ľnde, weshalb das Verh√§ltnis zwischen der Staatsverschuldung der USA und dem BIP im laufenden Jahr die 100-Prozent-Grenze √ľberschreiten d√ľrfte. Sollte sich der gegenw√§rtige Trend fortsetzen, k√∂nnte die Schuldenquote nach Sch√§tzungen des Congressional Budget Office bis 2054 auf 166 Prozent steigen. (Um diese Zahl in den richtigen Kontext zu setzen, sei darauf hingewiesen, dass die Verschuldung w√§hrend des Zweiten Weltkriegs aufgrund der Umstellung auf eine Kriegswirtschaft auf 100 Prozent des BIP anstieg; dies war jedoch die einzige Periode in der Neuzeit, in der eine derart hohe Verschuldung zu verzeichnen war).


Man sollte jedoch nicht vergessen, dass solche Prognosen sehr empfindlich auf Ver√§nderungen einer Reihe von zugrunde liegenden Annahmen reagieren. In den kommenden Jahren ist mit heftigen Debatten dar√ľber zu rechnen, wie z.B. die √∂ffentlichen Gesundheitsprogramme und die Sozialversicherungen finanziert werden sollen. Dies wiederum d√ľrfte direkte Auswirkungen auf die Entwicklung der US-Staatsverschuldung haben. Derzeit aber stehen die Finanzm√§rkte immer noch vor dem R√§tsel, wieso der Konsumentenpreisindex (CPI) in den USA hartn√§ckig auf einem hohen Niveau verharrt und wann - wenn √ľberhaupt - somit Zinssenkungen seitens der Fed anstehen.

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